Der Medicus
- Автор: Гордон Ной
- Год: 1990
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Der Medicus». Краткое содержание книги:
Der Medicus
Roman
Titel der Originalausgabe »The Physician«
Copyright © 1986 by Noah Gordon
Aus dem Amerikanische übersetzt
Von Willy Thaler
»Nein.«
»Wir nehmen nicht jeden erstbesten, der hier auftaucht, als Schüler auf.«
»Es handelt sich aber um keine vorübergehende Laune. Ich bin schrecklich weit gereist, weil ich fest entschlossen bin, die Medizin zu lernen. Ich habe aus diesem Grund sogar Eure Sprache erlernt.« »Nicht sehr gut, würde ich meinen.« Der hadschi rümpfte die Nase. »Wir bilden nicht einfach Ärzte aus. Wir bringen keine Handwerker hervor, wir erziehen gebildete Männer. Unsere Studenten lernen neben der Medizin auch Theologie, Philosophie, Mathematik, Physik, Astrologie und Rechtswissenschaft, und wenn sie die Schule als allseits gebildete Wissenschaftler abschließen, können sie eine Laufbahn als Lehrer, Medicus oder Jurist wählen.« Rob wartete beklommen.
»Ihr werdet sicherlich begreifen. Es ist unmöglich.« Rob begriff. Fast zwei Jahre!
Er hatte sich von Mary Cullen abgewendet. Er hatte in der glühenden Sonne geschwitzt, im eisigen Schnee gezittert, war von Sturm und Regen gepeitscht worden. Er war durch Salzwüsten und gefährliche Wälder gezogen. Wie eine verdammte Ameise hatte er sich über ein Gebirge nach dem anderen gequält.
»Ich gehe erst weg, wenn ich mit Ibn Sina gesprochen habe«, erklärte er entschlossen.
Hadschi Davout Hosein öffnete den Mund, doch er sah einen Ausdruck in Robs Augen, der ihn veranlaßte, den Mund wieder zu schließen. Er wurde blaß und nickte rasch. »Wartet bitte hier!« Damit verließ er den Raum.
Rob blieb allein zurück.
Nach einiger Zeit kamen vier Soldaten. Keiner war so groß wie er, aber sie waren alle sehr kräftig. Sie trugen kurze Schlagstöcke. Einer hatte ein pockennarbiges Gesicht und schlug seinen Stab immer wieder auf die linke Handfläche.
»Wie heißt Ihr, Jude?« fragte der Pockennarbige nicht unhöflich.
»Ich heiße Jesse ben Benjamin.«
»Ein Ausländer, ein Europäer, sagte der Hadschi?«
»Ja, aus England. Ein Land, das sehr weit entfernt ist.«
Der Soldat nickte. »Habt Ihr Euch geweigert, Euch auf Ersuchen des Hadschi zu entfernen?«
»Das stimmt, aber...«
»Es ist jetzt Zeit, Jude, daß Ihr geht. Und zwar mit uns.«
»Ich werde nicht weggehen, ohne mit Ibn Sina gesprochen zu haben.«
Der Wortführer holte mit seinem Stock aus.
Nur nicht auf meine Nase! dachte Rob voller Angst.
Aber schon begann sie zu bluten, denn die vier wußten, wo und wie sie die Stöcke sparsam und wirkungsvoll einsetzen mußten. Ein Schlag traf ihn oberhalb der Schläfe, und er war plötzlich betäubt; Brechreiz quälte ihn. Er versuchte, im Dienstzimmer des hadschi zu erbrechen, aber der Schmerz war zu groß.
Sie verstanden ihr Geschäft sehr gut. Als Rob keine Bedrohung mehr darstellte, hörten sie auf, ihn mit den Stöcken zu traktieren, und verprügelten ihn geschickt mit den Fäusten.
Sie führten ihn aus der Schule, wobei ihn zwei unter den Armen stützten. Draußen hatten sie vier große, braune Pferde angebunden. Langsam ritten sie, während er zwischen zwei Tieren dahinstolperte. Wenn er stürzte, was dreimal der Fall war, stieg einer ab und trat ihn kräftig in die Rippen, bis er wieder auf die Beine kam. Der Weg schien endlos lang zu sein, doch sie verließen nur das Gelände der madrassa und gelangten zu einem kleinen Ziegelgebäude, das schäbig und wenig anziehend aussah und das zu der niedrigsten Stufe der islamischen Gerichtsbarkeit gehörte, wie er noch erfahren sollte. Drinnen stand nur ein Holztisch, hinter dem ein mürrischer Mann mit dichtem Haar und Vollbart saß, der ein schwarzes, offensichtlich geistliches Gewand trug, das dem Kaftan Robs nicht unähnlich war. Er war gerade im Begriff, eine Melone durchzuschneiden.
Die vier Soldaten führten Rob vor den Tisch und blieben ehrerbietig stehen, während der Richter mit einem schmutzigen Fingernagel die Kerne aus einer Melonenhälfte kratzte und in eine irdene Schüssel fallen ließ. Dann schnitt er die Hälfte in Spalten und aß sie langsam. Als er fertig war, wischte er sich die Hände und dann das Messer an dem Gewand ab, wandte sich in die Richtung von Mekka und dankte Allah für die Speise.
Als er sein Gebet beendet hatte, seufzte er und blickte die Soldaten an.
»Ein verrückter europäischer Jude, der die öffentliche Ruhe gestört hat, Mufti«, meldete der Soldat mit dem pockennarbigen Gesicht. »Auf Veranlassung von Hadschi Davout Husein festgenommen, dem er mit Gewaltanwendung gedroht hat.«
Der mufti nickte und stocherte mit dem Fingernagel ein Stück Melone zwischen seinen Zähnen hervor. Er sah Rob an. »Ihr seid kein Mohammedaner und werdet von einem Mohammedaner angeklagt. Das Wort eines Ungläubigen gilt nichts gegen das Wort eines Gläubigen. Kennt Ihr einen Mohammedaner, der bereit ist, zu Eurer Verteidigung zu sprechen?«
Rob versuchte zu sprechen, brachte aber keinen Ton hervor, obgleich seine Beine vor Anstrengung einknickten.
Die Soldaten zogen ihn wieder in die Höhe.
»Warum benehmt Ihr Euch wie ein Hund! Natürlich, ein Ungläubiger, der unsere Sitten nicht kennt. Daher ist Barmherzigkeit am Platz. Ihr werdet ihn dem kelonter übergeben, damit er nach dessen Gutdünken im carcan bleibt«, befahl der mufti den Soldaten. So wurde Robs persischer Wortschatz um zwei Wörter erweitert, über die er nachdachte, während ihn die Soldaten aus dem Gebäude schleppten und wieder zwischen ihre Reittiere stellten. Er erriet den einen Begriff richtig; obwohl er es noch nicht wußte, war der kelonter, den er für eine Art Gefängnisaufseher hielt, der Profos der Stadt. Als sie zu einem großen, düsteren Gefängnis kamen, nahm Rob an, daß carcan die Bezeichnung für Kerker war. Drinnen übergab ihn der pockennarbige Soldat zwei Wächtern, die ihn an übelriechenden, widerlich feuchten Verliesen vorbeistießen, bis sie schließlich aus dem fensterlosen Dunkel in einen hellen Innenhof traten, in dem zwei lange Reihen von Elenden ächzend oder bewußtlos im Block saßen.
Die Wächter führten ihn eine Reihe entlang, bis sie zu einer leeren Vorrichtung kamen, die der eine aufsperrte.
»Steckt Euren Kopf um den rechten Arm in den carcan«, befahl er. Instinkt und Angst ließen Rob zurückschrecken, aber seine Bewacher legten dies als Widerstand aus. Sie schlugen ihn, bis er zu Boden fiel, dann versetzten sie ihm Fußtritte wie die Soldaten. Rob konnte sich nur zusammenrollen, um seinen Unterleib zu decken, und die Arme über dem Kopf schützend verschränken.
Als sie mit den brutalen Schlägen aufhörten, schoben und stießen sie ihn wie einen Sack Mehl, bis sie seinen Hals und den rechten Arm in die erforderliche Lage gebracht hatten, dann klappten sie den carcan zu und nagelten ihn zusammen. Fast bewußtlos und ohne Hoffnung ließen sie Rob vollkommen hilflos in der prallen Sonne hängen.
Der Calaat
Es waren ganz besondere Blocks, die aus einem Rechteck und zwei Quadraten aus Holz bestanden, die dreieckig angeordnet waren. Das Dreieck umschloß Robs Kopf, so daß sein Körper halb in der Luft hing. Seine rechte Hand, die zum Essen diente, war über das Ende der langen Rechteckseite gelegt und mit einer hölzernen Manschette über dem Handgelenk festgenagelt worden, denn ein Gefangener erhielt keine Nahrung, solange er im carcan steckte. Die linke Hand, die zum Abwischen diente, war nicht gefesselt, denn der kelonter war ein zivilisierter Mensch.
Von Zeit zu Zeit kam Rob zu sich und starrte auf die lange Doppelreihe von Blöcken, die sämtliche mit einem Unglücklichen besetzt waren. In seinem Gesichtsfeld befand sich am anderen Ende des Hofes ein großer hölzerner Richtblock.
Einmal träumte er von Menschen und Dämonen in schwarzen Gewändern. Ein Mann kniete nieder und legte seine rechte Hand auf den Block; einer der Dämonen schwang ein Schwert, das größer und schwerer war als ein englisches Entermesser, und die Hand wurde am Handgelenk abgetrennt, während die übrigen Gestalten beteten.