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Der Medicus

Электронная книга - «Der Medicus». Краткое содержание книги:

Noah Gordon
Der Medicus
Roman

Titel der Originalausgabe »The Physician«
Copyright © 1986 by Noah Gordon

Aus dem Amerikanische übersetzt
Von Willy Thaler
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Dieser Traum wiederholte sich in der heißen Sonne immer wieder.

Dann veränderte er sich. Ein Mann kniete nieder, so daß sein Nacken auf dem Block lag und seine Augen zum Himmel starrten. Rob befürchtete, daß sie ihm den Kopf abschlagen würden, doch sie schnitten ihm die Zunge heraus.

Als Rob das nächste Mal die Augen aufschlug, sah er weder Menschen noch Dämonen, aber auf dem Boden und dem Richtblock befanden sich frische Flecken, die nicht aus seinen Träumen stammten.

Er spürte beim Atmen Schmerzen. Man hatte ihm die schlimmste Tracht Prügel seines Lebens verabreicht, und er wußte nicht, ob man ihm dabei Knochen gebrochen hatte.

Er hing in dem carcan und weinte leise, versuchte still zu sein und hoffte, daß ihn niemand beobachtete.

Schließlich versuchte er, seine Qual zu mildern, indem er seine Nachbarn anredete, die er gerade noch sehen konnte, wenn er den Kopf drehte. Dies war eine Anstrengung, die er bald nur noch aus triftigem Grund unternahm, denn die Haut an seinem Hals scheuerte sich an dem rauhen Holz, das ihn festhielt, schnell wund.

Links von ihm befand sich ein Mann, den man bewußtlos geschlagen hatte und der sich nicht rührte. Der Junge zu seiner Rechten betrachtete ihn neugierig, doch er war entweder taubstumm, unglaublich dumm oder unfähig, Robs gebrochenes Persisch zu verstehen. Nach mehreren Stunden bemerkte ein Wächter, daß der Mann links von Rob tot war. Er wurde weggebracht, und ein anderer kam an seine Stelle. Zu Mittag war Robs Zunge rauh, und sie schien den gesamten Mund auszufüllen. Er hatte weder den Drang zu urinieren noch den, seinen Kot zu entleeren, denn alle Ausscheidungen hatte die Sonne längst aus ihm herausgedörrt. Zeitweise dachte er, er sei wieder in der Wüste, und in lichten Momenten erinnerte er sich sehr lebhaft an Lonzanos Beschreibung, wie ein Mensch verdurstet; an die geschwollene Zunge, die schwarz wurde, und die Vorstellung, daß er sich anderswo befinde.

Dann wandte Rob den Kopf und begegnete dem Blick des neuen Gefangenen. Sie schätzten einander ab, und Rob sah das geschwollene Gesicht und die aufgeplatzten Lippen des anderen. »Gibt es niemanden, den wir um Gnade bitten können?« flüsterte er. Der andere zögerte, vielleicht wunderte er sich über Robs Akzent.

»Es gibt Allah«, meinte er endlich. Wegen seiner geplatzten Lippe war auch er nicht leicht zu verstehen. »Aber hier niemanden?« »Du bist ein Fremdling, Dhimmi?« »Ja.«

Der Mann schüttete seinen Haß über Rob aus. »Du hast mit einem mullah gesprochen, Fremder. Ein heiliger Mann hat dich verurteilt.« Er schien das Interesse an Rob zu verlieren und wandte das Gesicht ab. Der Sonnenuntergang erwies sich als Segen. Der Abend brachte eine Kühle, die Rob beinahe als angenehm empfand.

Sein Körper war taub, und er fühlte keinen Schmerz mehr in den Muskeln; vielleicht lag er schon im Sterben.

In der Nacht sprach der Mann neben ihm wieder. »Es gibt noch den Schah, fremder Jude.« Rob wartete.

»Gestern, der Tag unserer Marter, war Mittwoch, Chaban Shanbah. Heute ist Panj Shanbah. Und jede Woche hält am Morgen des Panj Schanbah Alä-al-Dawla Shahansha Audienz, um vor Jom'a, dem Sabbat, seine Seele möglichst vollkommen zu reinigen. Dabei kann sich jeder seinem Thron in der Halle der Säulen nähern, um sich über Ungerechtigkeiten zu beklagen.«

Rob konnte die aufkeimende Hoffnung nicht unterdrücken. »Jeder?« »Jeder. Sogar ein Gefangener kann verlangen, seinen Fall dem Schah unterbreiten zu dürfen.«

»Nein, du darfst es nicht tun«, rief jemand in die Dunkelheit. Rob konnte nicht sagen, aus welchem carcan die Stimme kam. »Das mußt du dir aus dem Kopf schlagen«, fuhr die unbekannte Stimme fort, »denn der Schah stößt fast nie das Urteil oder die Entscheidung eines mufti um. Und die mullahs warten ungeduldig auf die Rückkehr jener, die mit ihrer schwatzhaften Zunge dem Schah die Zeit stehlen. Dann werden Zungen herausgeschnitten und Bäuche aufgeschlitzt, wie dieser Teufel sicherlich weiß, dieser verfluchte Hurensohn, der dir schlechte Ratschläge erteilt. Du mußt auf Allah vertrauen und nicht auf Alä Shahansha.«

Der Mann zu seiner Rechten lachte verschmitzt, als hätte man ihn bei einem lustigen Streich ertappt. »Es gibt keine Hoffnung«, sagte die Stimme aus der Dunkelheit.

Die Heiterkeit seines Nachbarn hatte sich in einen Husten- und Niesanfall verwandelt. Als er wieder zu Atem kam, meinte der Mann boshaft: »Ja, wir können unsere Hoffnung aufs Paradies setzen.« Niemand sagte darauf ein Wort.

Vierundzwanzig Stunden, nachdem Rob in den carcan gesperrt worden war, wurde er freigelassen. Er versuchte zu stehen, fiel aber hin und blieb schwerzverkrümmt liegen, während das Blut nur langsam wieder in seine Muskeln drang.

»Geh schon!« schrie ein Wärter und versetzte ihm einen Tritt. Er rappelte sich auf, hinkte aus dem Gefängnis und rannte davon. Er ging zu dem großen Platz mit den Platanen und dem plätschernden Brunnen, aus dem er trank und wieder trank, um seinen großen Durst zu stillen. Dann tauchte er den Kopf ins Wasser, bis ihm die Ohren klangen und er das Gefühl hatte, daß er einen Teil des Gefängnisgestanks weggewaschen hatte.

Die Straßen von Isfahan waren voller Menschen, und die Vorübergehenden sahen ihn an. Er war während seiner Bewußtlosigkeit bestoh-len worden. Er fluchte wild und wußte nicht, ob der Soldat mit den Pockennarben oder ein Gefängniswächter der Dieb gewesen war. Die Bronzemünze, die man ihm gelassen hatte, war ein Hohn oder ein schlimmer Scherz des Diebes. Er gab sie einem Essenverkäufer, der ihm eine kleine Portion fetten pilaw reichte. Das Gericht war gewürzt und enthielt auch ein paar Bohnen. Rob verschlang es zu schnell, vielleicht war aber auch sein Körper durch die Entbehrungen, die Sonne und den carcan überfordert worden. Fast sofort erbrach er seinen Mageninhalt auf die staubige Straße. Sein Hals blutete, wo er von dem Block aufgescheuert war, und hinter seinen Augen pochte es hart. Er trat in den Schatten einer Platane und dachte an das grüne England, an sein Pferd, an den Wagen mit dem Geld unter den Bodenbrettern und an Mistress Buffington, die neben ihm gesessen und ihm Gesellschaft geleistet hatte.

Die Menge wurde jetzt dichter; unzählige Menschen strömten durch die Straße, alle in die gleiche Richtung.

»Wohin gehen all die Leute?« fragte er den Essenverkäufer. »Zur Audienz des Schahs.« Der Mann blickte den zusammengesunkenen Juden mißtrauisch an, bis Rob sich trollte.

Warum nicht? fragte er sich. Blieb ihm eine andere Wahl? Er schloß sich dem Menschenstrom an, der der All-und Fatima-Allee folgte, die vierbahnige Allee der tausend Gärten überquerte und in die großartige Prachtstraße, die Tore des Paradieses hieß, einbog. Menschen aller Altersstufen, hadschis mit weißen Turbanen, Studenten mit grünen Turbanen, mullahs, gesunde und verkrüppelte Bettler in Lumpen, abgetragene Turbane in allen Farben auf dem Kopf, junge Väter mit Säuglingen, Träger mit Sänften, Reiter auf Pferden und Eseln. Rob hinkte hinter einer Gruppe von Juden in schwarzen Kaftanen her. Sie näherten sich einer großen, grünen Wiese, die von zwei Steinpylonen an jedem Ende portalartig flankiert wurde. Als das erste Haus der königlichen Hofhaltung in Sicht kam, hielt Rob es für den Palast selbst, denn es war größer als das Schloß des Königs in London. Aber hier folgte Haus auf Haus in der gleichen Größe; die meisten waren aus Ziegeln und Steinen erbaut, viele besaßen Türme und überdachte Portale, und jedes war mit Terrassen und weitläufigen Gärten ausgestattet. Sie kamen an Weingärten, Ställen, zwei Rennbahnen, Obstgärten und Gartenpavillons von solcher Schönheit vorbei, daß er am liebsten die Menge verlassen hätte und in der duftenden Pracht gelustwandelt wäre. Aber er dachte, daß das zweifellos verboten war. Und dann kam er zu einem so gewaltigen und zugleich so überaus gegliederten Bau, wie er ihn nie für möglich gehalten hätte. Er bestaunte die Tittenkuppeln und die Brustwehre mit Zinnen, auf denen Wachen mit glitzernden Helmen und Schilden unter farbigen, in der Brise flatternden Wimpeln auf und ab patrouillierten. Rob zupfte den Mann vor ihm am Ärmel, einen untersetzten Juden, dessen fransenbesetztes Unterkleid unter dem Kaftan hervorsah. »Was ist das für eine Festung?«

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