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Der Medicus

Электронная книга - «Der Medicus». Краткое содержание книги:

Noah Gordon
Der Medicus
Roman

Titel der Originalausgabe »The Physician«
Copyright © 1986 by Noah Gordon

Aus dem Amerikanische übersetzt
Von Willy Thaler
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Wenn du durchkommst, nennen sie dich einen hakim. Wenn du durchfällst, bleibst du Student und mußt auf eine neuerliche Chance warten.« »Wie lange bist du schon hier?«

Karim blickte finster drein, und Rob wußte, daß er die falsche Frage gestellt hatte.

»Sieben Jahre. Ich bin zweimal zur Prüfung angetreten. Letztes Jahr bin ich in Philosophie durchgefallen. Mein zweiter Versuch hat vor drei Wochen stattgefunden, da waren meine Antworten in Rechtswissenschaft ungenügend. Was kümmern mich die Geschichte der Logik und die Präzedenzfälle des Rechts? Ich bin bereits ein guter Arzt.« Er seufzte bitter. »Außer den Vorlesungen in Medizin mußt du Vorlesungen in Rechtswissenschaft, Theologie und Philosophie besuchen. Du kannst dir deine Dozenten aussuchen. Am besten ist es, möglichst oft die gleichen Dozenten aufzusuchen«, verriet er Rob, »denn manche sind bei der mündlichen Prüfung nachsichtiger, wenn sie jemanden gut kennen. In der maärassa muß jeder die Vormittagsvorlesungen in allen Disziplinen besuchen, und am Nachmittag arbeiten die Medizinstudenten im Krankenhaus. Die Ärzte kommen nachmittags in das Krankenhaus, und die Studenten schließen sich ihnen an, damit sie unter ihrer Aufsicht Patienten untersuchen und Behandlungen vorschlagen können. Die Ärzte stellen ständig Fragen, aus denen man viel lernen kann. Eine großartige Gelegenheit, sich zu bilden oder« - er lächelte sauer -

»einen vollkommenen Narren aus sich zu machen.« Rob musterte das unglückliche Gesicht des gutaussehenden Karim. Sieben Jahre! dachte er entmutigt. Und nichts als Ungewisse Aussichten! Dabei hatte dieser Mann sein Medizinstudium zweifellos unter viel besseren Voraussetzungen begonnen als er mit seiner unvollkommenen Bildung.

Aber alle Befürchtungen und gemischten Gefühle schwanden dahin, als sie die Bibliothek betraten, die das Haus der Weisheit genannt wurde. Rob hätte sich nie vorstellen können, daß es so viele Bücher an einem Ort gab.

Manche Manuskripte waren auf dickes Pergament aus Tierhäuten geschrieben, doch die meisten Bücher waren aus dem gleichen dünnen Material, auf dem sein calaat festgehalten worden war. »In Persien scheint es nur minderwertiges Pergament zu geben«, bemerkte er.

Karim schnaubte. »Das ist überhaupt kein Pergament! Es wird Papier genannt, eine Erfindung der Schlitzaugen im Osten, die sehr kluge Ungläubige sind. Habt ihr in Europa kein Papier?« »Ich habe es dort nie zu Gesicht bekommen.«

»Papier besteht aus alten Stoffetzen, die fein gemahlen, mit Knochenleim vermischt und dann gepreßt werden.

Es ist billig, sogar Studenten können es sich leisten.«

Das Haus der Weisheit beeindruckte Rob wie kein anderes Erlebnis zuvor. Er ging schweigend in dem Raum herum, berührte die Bücher und merkte sich die Autoren, von denen ihm nur wenige Namen geläufig waren.

Hippokrates, Dioscurides, Ardigenes, Rufas von Ephesus, der unsterbliche Galen... Oribasius, Philagrios, Alexander von Tralles, Paul von Ägina...

»Wie viele Bücher stehen hier?«

»Die madrassa besitzt fast hunderttausend Bücher«, erwiderte Karim stolz. Er lächelte über Robs ungläubigen Gesichtsausdruck. »Die meisten davon wurden in Bagdad ins Persische übersetzt. An der Universität in Bagdad befindet sich eine Schule für Übersetzer, an der Bücher in allen Sprachen des Östlichen Kalifats auf Papier übertragen

werden. Bagdads riesige Universität hat sechshunderttausend Bücher in ihrer Bibliothek; sie stehen über sechstausend Studenten und berühmten Lehrern zur Verfügung. Aber eines gibt es, was unsere kleine madrassa besitzt und was ihnen fehlt.«

»Und zwar?« fragte Rob, und der ältere Student führte ihn zu einer Wand im Hause der Weisheit, die den Werken eines einzigen Autors vorbehalten war. »Ihn«, sagte Karim.

An diesem Nachmittag sah Rob dann im maristan jenen Mann, den die Perser als Arzt aller Ärzte bezeichneten.

Auf den ersten Blick war Ihn Sina eine Enttäuschung. Sein roter Ärzteturban war verschossen und nachlässig gewickelt, und seine durra sah schäbig und einfach aus. Er war klein von Statur, und sein Haar lichtete sich, dazu hatte er eine geäderte Knollennase und ein beginnendes Doppelkinn unter dem weißen Bart. Er sah aus wie viele alternde Araber, bis Rob seine durchdringenden braunen Augen bemerkte, die traurig, doch aufmerksam, ernst und seltsam lebendig waren. Rob spürte sofort, daß Ibn Sina Dinge sah, die gewöhnlichen Menschen verborgen blieben. Rob war einer der sieben Studenten, die mit vier Ärzten Ibn Sinas Gefolge bildeten, während er durch das Krankenhaus ging. An diesem Tag blieb der Arzt aller Ärzte nicht weit vom Strohsack eines zusammengeschrumpften Mannes mit mageren Gliedern stehen. »Wer ist der diensttuende Student dieser Abteilung?« »Ich, Herr. Mirdin Askari.«

Das also ist Ariehs Vetter, dachte Rob. Er betrachtete interessiert den dunkelhäutigen jungen Juden, dessen Gesicht aufgrund eines langen Kinns und der kräftigen weißen Zähne einfach und angenehm wirkte wie das eines intelligenten Pferdes.

Ibn Sina deutete auf den Patienten. »Berichte uns von diesem Kranken, Askari!«

»Er heißt Amahl Rahin, ein Kameltreiber, der vor drei Wochen mit heftigen Schmerzen im unteren Rückenbereich ins Krankenhaus kam. Zuerst vermuteten wir, daß er sich in betrunkenem Zustand die Wirbelsäule verletzt hat, aber der Schmerz griff bald auf den rechten Hoden und die rechte Hüfte über.« »Wie sieht sein Urin aus?« fragte Ibn Sina.

»Bis zum dritten Tag war sein Urin klar. Hellgelb. Am Morgen des dritten Tages fand ich im Urin Blut, und am Nachmittag schied er sechs Harnsteine aus: vier winzig wie Sandkörner und zwei von der Größe kleiner Erbsen.

Seither hat er keine Schmerzen mehr, und sein Urin ist wieder klar, aber er will nichts essen.« Ibn Sina runzelte die Stirn. »Was habt ihr ihm angeboten?« Der Student wirkte verwirrt. »Die übliche Kost: verschiedene Arten von pilaw, Hühnereier, Schaffleisch, Zwiebeln, Brot... Er rührt nichts an. Seine Gedärme haben aufgehört zu arbeiten, sein Puls ist schwächer, und er wird immer matter.«

Ibn Sina nickte und sah die ihn Umgebenden der Reihe nach an. »Was fehlt ihm also?«

Ein anderer Student nahm seinen ganzen Mut zusammen. »Ich glaube, Herr, daß seine Eingeweide sich verschlungen haben und den Durchgang der Nahrung durch seinen Körper verhindern. Da er das spürt, nimmt er keine Nahrung zu sich.«

»Danke, Fadil Ibn Parviz«, antwortete Ibn Sina höflich. »Aber bei einer solchen Erkrankung würde der Patient essen, nur würde er die Nahrung wieder erbrechen.«

Er wartete. Als keine weitere Bemerkung fiel, trat er zu dem Mann auf dem Strohsack.

»Amahl«, begann er, »ich bin Hussein, der Arzt, Sohn von Abdullah, dem Sohn von al-Hasan, dem Sohn von Ali, dem Sohn von Sina. Das sind meine Freunde, und sie werden auch deine werden. Woher stammst du?«

»Aus dem Dorf Shaini, Herr«, flüsterte der Mann. »Ah, ein Mann aus Fars! Ich habe glückliche Tage in Fars verbracht. Die Datteln der Oase in Shaini sind groß und süß, nicht wahr?« In Amahls Augen traten Tränen, und er nickte stumm. »Askari, geh und bring unserem Freund Datteln und eine Schale warme Milch!«

Bald darauf wurde das Geforderte gebracht, und die Ärzte und Studenten sahen zu, wie der Mann hungrig die Früchte verschlang. »Langsam, Amahl! Langsam, mein Freund«, warnte ihn Ibn Sina. »Askari, du sorgst dafür, daß die Kost unseres Freundes geändert wird!« »Ja, Herr.« Sie gingen weiter.

»Das müßt ihr euch über die Kranken, die sich in unserer Obhut befinden, merken: Sie kommen zu uns, aber sie werden nicht unseres-gleichen, und sehr oft essen sie nicht das, was wir essen. Löwen mögen kein Heu, auch wenn sie in einem Kuhstall sind. Wüstenbewohner leben hauptsächlich von saurem Quark und ähnlichen Milchprodukten. Die Bewohner des Dar-al-Maraz essen Reis und trockene Speisen. Die Khorasanis wollen nur mit Mehl angedickte Suppe. Die Inder bevorzugen Erbsen, Hülsenfrüchte, Öl und scharfe Gewürze. Die Menschen aus Transoxianien schätzen Wein und Fleisch, besonders Pferdefleisch. Die Leute aus Fars und Arabistan leben hauptsächlich von Datteln. Die Beduinen sind an Fleisch, Kamelmilch und Heuschrecken gewöhnt. Die Menschen aus Gurgan, die Georgier, die Armenier und die Europäer sind gewohnt, zu den Mahlzeiten geistige Getränke zu sich zu nehmen und das Fleisch von Kühen und Schweinen zu essen.« Ibn Sina blickte die um ihn versammelten Männer scharf an. »Wir jagen ihnen Angst ein, junge Herren. Oft können wir sie nicht retten, und manchmal bringt unsere Behandlung sie um; wir dürfen sie aber nicht auch noch verhungern lassen.«

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