Georgs Sorggen um die Vergangenheit
- Автор: Faktor Jan
- Год: 2010
- Язык: немецкий
- Год: Kiepenheuer & Witsch
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Georgs Sorggen um die Vergangenheit». Краткое содержание книги:
Kurze Zeit später stellten sich andere Prager den Panzern in den Weg und wurden überrollt. Besonders viele Menschen kamen zum Rundfunkgebäude und kesselten die Panzer regelrecht ein.
Dabei gelang es einigen, mit Eisenstangen oder Spitzhacken Löcher in die Fässer mit Treibstoffreserven zu schlagen, die die Panzer im Huckepack trugen. Manche der Panzer brannten sofort los, bei anderen mußte man mit Stoffetzen und Streichhölzern nachhelfen. Mit solchen Nahkämpfen hatten die Russen offenbar nicht gerechnet. Wenn man an die Panzer dicht genug herankam, hatte man einigermaßen gute Karten, nicht gesehen und nicht erschossen zu werden. Der Rundfunk sendete allerdings bald schon von woanders, die Redakteure meldeten sich weiterhin mit ihren vollen Namen. In den brennenden Panzern begann irgendwann die Munition zu explodieren.
Nachdem die Kämpfe abgeklungen waren, herrschte in der Stadt eine euphorische Stimmung, der Tagesrhythmus war wie verlangsamt, Streß und Probleme hatten eher die Besatzer. Und ich erlebte Abenteuerferien erster Güte. Als beim Abreißen eines Straßenschildes ein Panzerwagen an mir vorbeifuhr und nicht schoß, fühlte ich mich wie ein Held. Diese ersten Runden haben wir eindeutig gewonnen, die verstummten Besatzer hatten nach mehreren Tagen immer noch keins der Medien in der Hand. Die volkseigenen Druckereien druckten dagegen am laufenden Band Flugblätter und Notausgaben der Zeitungen, der Vertrieb lief reibungslos. Die Russen hielten wenigstens mit Panzern alle Brücken besetzt, auf dem Altstädter Ring stand im Kreis eine ganze Batterie von Flugabwehrkanonen. Da auch die Polizei und die Geheimdienste am Widerstand teilnahmen, hatten die Russen von dieser Seite keine Hilfe zu erwarten. Aus Wut zerschossen sie uns nebenbei die Fassade des Nationalmuseums. Als Antwort hat man die dabei entstandene Fassadengrafik prompt nach dem sowjetischen Verteidigungsminister benannt — EL GRETSCHKO.
Wie hoch wir eigentlich verloren hatten, bekamen wir erst nach und nach zu spüren. Und irgendwann mit voller Härte. Daher waren für mich die folgenden Jahre viel prägender als der kurze Sieg. Der gewohnte sozialistische Raubbau kam bald wieder in Gang, und die Tschechen traten jetzt unter russischer Aufsicht — regulär nur gegeneinander an, das heißt Mann gegen Mann. Und man konnte ganz sicher sein: Das größere Schwein gewann immer.
Wohin der ganze Reichtum des Landes in den letzten zwanzig Jahren immer wieder verschwunden war, war marxistisch-leninistisch schwer zu klären — er war aber nachweislich in ein unendlich tiefes Loch gefallen. Das geraubte deutsche Eigentum war weg, die Schätze der nach 1948 enteigneten tschechischen Privatwirtschaft waren ebenfalls in kurzer Zeit aufgerieben. Und natürlich hatte der Kollektivierungsraub des landwirtschaftlichen Bodens die neue Republik auch nicht reich gemacht, genausowenig wie der Raub aller relevanten Guthaben bei der Währungsreform von 1953 — bei dieser Armutssprechung auch jedes einfachen Sparers. Vor dem Krieg hatte die Tschechoslowakei zu den wirtschaftlich und kulturell führenden Ländern Europas gehört.
Nach dem Einmarsch kam der SPIEGEL noch weiter an, pausierte einige Wochen, trudelte dann und wann wieder ein. Irgendwann wurde meine und Mutters Quelle aber abgewürgt, und unsere glückliche Spiegelzeit ging zu Ende. Dieser Einschnitt war noch schlimmer als der befürchtete von 1962, als der böse Franz Josef unseren Augstein ins Gefängnis hatte stecken lassen.
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In der Evolution wird man als Kreatur — vom anpassungsfähigen Einzeller bis zum umweltopportunistischen Wirbeltier — darauf getrimmt, die Realität so zu nehmen, wie sie ist: als die einzig annehmbare. Gleichzeitig wird uns empfohlen — offenbar um unsere Verzweiflungsanfälligkeit zu mildern — , diese Realität als die nicht nur normalste und anpassungswürdigste, sondern als die in jeder Hinsicht beste aller lieferbaren zu feiern. Es gibt kleine Völker, zu deren Kodex es gehört, den jeweiligen Herrscher des Staates, auf dessen Territorium sie sich gerade aufhalten, vorbehaltlos zu respektieren. Man kämpft und stirbt für den Gebieter sogar, wenn Bedarf besteht. Mir leuchtet eine solche Haltung nicht ein. Auf mich umgemünzt, hätte ich mich irgendwann — statt für die Befreiung Tibets — für die Expansion der kommunistischen Unordnung beispielsweise in Afrika aufopfern müssen.
Ich wuchs langsam heran — nicht auffallend in den Himmel, aber immerhin. Und zum Glück wuchs ich im Frieden auf. In meinen jungen Jahren wurde ich kein einziges Mal lobotomiert, lagerinterniert, psychiatrisiert, elektrogeschockt oder in irgendwelche Toiletten kopfgetunkt. Auch wohnungsintern drohte mir kein Körperkrieg: Ich konnte frei entscheiden, ob ich das eine oder andere häusliche Dogma ernst nahm oder nicht. In meinen ideal-nahen Freiräumen — und diese genoß und nutzte ich natürlich — konnten dann auch Biologie, Geologie oder Geographie ausgesprochen amüsant sein. Es reichte, meiner England-Tante Erna einige gezielte Fragen zu stellen oder ihr das angeblich Neuste aus der Schule zu erzählen.- Die Karpaten werden immer spitzer statt runder. Erna nahm einem alles ab. Sie glaubte sowieso, China läge auf der südlichen Hemisphäre und der Kilimandscharo stünde auf Atlantis.
— Ich bin dumm, ich weiß es, sagte sie manchmal entwaffnend.
— Erna, essen Känguruhs Kaninchenfleisch?
Mit zunehmendem Alter versuchte Erna, die unterschiedlichsten weltpolitischen Angelegenheiten vorsichtshalber auf einen Nenner zu bringen, und fragte bei Diskussionen gern mittendrin:»IST DA WAS MIT JUDEN?«
— Wie?
— Das mit Argentinien, es ist so weit weg.
— Darum geht es dort aber nicht. Machst du Witze?
— Nein.
— Es gibt aber einen Witz mit genau dieser Frage.
Unmittelbar nach dem Krieg war Tante Erna noch vergleichsweise geistreich gewesen. Als ein Nachbar aus dem Haus von meiner Mutter wissen wollte, ob man sie in Auschwitz geohrfeigt habe, bekam ausgerechnet Erna einen Lachanfall. Anschließend riet sie meiner Mutter, für einige Zeit nach England zu gehen.
— Bleib mindestens drei Jahre dort.
Meine Mutter hatte nach dem Krieg sowieso eine eigenwillige Neurose entwickelt und kam in Prag nicht wirklich zurecht. Sie fragte sich bei jedem Menschen, den sie neu kennenlernte, ob er sich im Lager einigermaßen anständig oder — was sie eher annahm — wie ein Raubschwein benommen hätte. England heilte sie in diesem Punkt dann tatsächlich, und sie hörte auf, die Menschen nach ihrer KZ-Tauglichkeit zu beurteilen.
— Für Konzentrationslager wurde man eben nicht geschaffen.
Meine Mutter kam im Sommer 1948 unter anderem deswegen zurück, um beim Aufbau des Sozialismus mitzuhelfen; außerdem hatte sie beschlossen, doch noch zu studieren. Den Februarsieg ihrer Partei hatte sie trotz des Aufschreis der britischen Presse seinerzeit begrüßt. Insgesamt war sie nur ein Jahr auf der Insel gewesen. Als sie zurückkam, stand in der Wohnung ein Zimmer frei. Baronin Nädhernäs Flucht über die Grenze nach Bayern war geglückt, und die Baronin war längst — die beiden Frauen vollbrachten eine Art Rochade — bei den von meiner Mutter so geliebten Engländern.
— Die Insel wurde seit 1066 nicht erobert, nie wieder besetzt — das merkt man den Leuten einfach an, Georg.
England erholte sich nach dem Krieg langsam, in Deutschland arbeitete man am Wirtschaftswunder, nur um mich herum zehrte man von der Substanz und steuerte die Wirtschaft — trotz des anfänglichen Aufbau-Elans — nach sowjetischem Muster ins Abseits. Und um auf das kapiteleingangs eröffnete Thema der Realitätswahrnehmung zurückzukommen: Mein Prag war ein idealer Ort für jemanden, dem das Gefühl für die Greifbarkeit der Realität als der am besten annehmbaren Normalität dauernd entgleiten sollte. Wobei ich schon wieder dabei bin — DER WIEVIELTE VERSUCH IST ES SCHON? — , meine Vergangenheit ausgerechnet durch Wühlen, Sudeln, Rätseln und und ordnen zu wollen.