Die Zypressen von Cordoba
- Автор: Guiladi Yael
- Год: 2004
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Die Zypressen von Cordoba». Краткое содержание книги:
»Ihr ähnelt ihm überhaupt nicht.«
»Nein, Herrscher der Gläubigen. Ich habe starke Ähnlichkeit mit meiner Mutter.«
»Aber als bedeutender Arzt tretet Ihr in seine Fußstapfen. Euer Lehrer sagt mir, daß Ihr Großes für die Zukunft versprecht.«
»Ich muß mich erst noch beweisen.«
»Euer Platz unter meinen Hofärzten erwartet Euch.«
Hais Antwort auf das Angebot des Kalifen, die er sorgfältig mit seiner liebenden Gattin einstudiert hatte, floß ihm glatt von den Lippen: »Ich fühle mich zutiefst geehrt von dem Vertrauen, das Ihr in mich setzt, o Herrscher der Gläubigen, meine aber dessen noch nicht würdig zu sein. Ich habe noch sehr viel zu lernen, bis ich eine so ehrenvolle Stellung bekleiden kann.«
»Euer Vater, möge er in Frieden ruhen, war nicht viel älter als Ihr, als mein Vater, seligen Gedenkens, ihn als Hofarzt einstellte.«
»Mein Vater hat mich an Wissen und Weisheit bei weitem übertroffen.«
»Der Meinung ist Abu Sa'id nicht. Im Gegenteil. Ihr seid zu bescheiden.«
»Ich bin mir meiner Grenzen deutlich bewußt.«
»Nicht Eurer Grenzen, mein junger Gelehrter. Vielmehr der Grenzen des menschlichen Wissens.«
»Beides, o Herrscher der Gläubigen. Ich halte es für meine Pflicht, diese Grenzen zu erweitern.«
»Das war auch immer mein Ehrgeiz, wie Euer Vater sehr wohl wußte. Wie wollt Ihr dieses hehre Ziel erreichen?«
»Durch Studium, durch Experimente und durch sorgfältige Beobachtung.«
»Zweifellos unter anderem durch Beobachtung der Pflanzen, die wir aus Afrika geholt haben?«
»Unter anderem«, bestätigte Hai.
»Aber das hindert Euch nicht daran, mein Hofarzt zu werden.«
Während sich das fein gesponnene Netz des Kalifen um ihn zusammenzog, machte sich Hai bittere Vorwürfe, daß er allen Bemühungen seines Vaters getrotzt hatte, ihn in die Kunst der geschickten Verhandlung und Einflußnahme einzuweihen, die er so meisterlich beherrscht hatte. Kein getreuer Untertan, wieviel weniger ein Jude, durfte es wagen, dem Befehl des Kalifen, am Hofe zu dienen, nicht Folge zu leisten – es sei denn, er war geschickt genug, ihn vom Gegenteil zu überzeugen.
»Ich bin noch nicht erfahren genug, um das Vertrauen zu verdienen, das Ihr in mich setzt«, wiederholte Hai, und seine offensichtliche Aufrichtigkeit war das einzige Mittel, den Kalifen zu überzeugen.
»Noch nicht, sagt Ihr«, sinnierte der Kalif, scheinbar überzeugt. »Wann denn?«
Den Bruchteil einer Sekunde betrachtete Hai den Kalifen als Patienten – beobachtete ihn mit äußerster Konzentration und raschem Auge. Der beständige Husten, das bleiche, graue Gesicht, die zusammengesunkene Gestalt – Auszehrung, ohne jeden Zweifel. In einem fortgeschrittenen Stadium und unheilbar.
»In einem oder zwei Jahren, o Herrscher der Gläubigen.«
»Ein Jahr, und keinen Tag länger! Dann werdet Ihr mich von dieser Krankheit heilen, die mir jeden Tag mehr Kraft raubt und für die mir niemand ein Heilmittel zu verschreiben vermag. Bis dahin werdet Ihr das Wundermittel hergestellt haben, das wir aus Afrika geholt haben. Vielleicht kann mir das helfen?«
»Das kann ich Euch nicht versprechen. Bisher wissen wir nur sehr wenig darüber, nicht einmal, ob die Pflanzen in unserem Klima überleben werden.«
»Wir sprechen im Frühjahr darüber. Inzwischen beauftrage ich Euch, den Palast weiterhin mit dem Großen Theriak zu versorgen. Diese Aufgabe kann ich keinem anderen anvertrauen als nur dem Sohn des Abu Suleiman – oder sollte ich Abu Hai sagen?«
»Ich werde Euch nicht enttäuschen, o Herrscher der Gläubigen.«
Hais Einschätzung der Krankheit seines Herrschers sollte sich als äußerst präzise herausstellen. Bis zum Frühjahr war al-Hakam tot.
31
Wie beinahe jeden Donnerstag in den fünf Jahren seit Da'uds Tod stand Sari früh auf und ließ ihren Tränen freien Lauf, während sie sich ankleidete. Ungehindert rannen sie ihr über die bleichen Wangen, die trotz ihrer Jahre noch völlig faltenlos waren. Die Zeit hatte die verzweifelte Sehnsucht nicht ausgelöscht, die sie stets überkam, wenn sie sah, wie Hai an Stelle seines Vaters seinen Beruf ausübte, die Sehnsucht nach der Zeit, als sie und ihr Mann das ganze Leben miteinander geteilt hatten, ohne Einschränkungen gegeben und genommen hatten, als jeder für den anderen sorgte, in der innigen Vertrautheit der Liebe, die sie verband. Nur die Aufgabe, die Hai ihr bei seinem allwöchentlichen Sprechtag in Córdoba zugewiesen hatte, war ihr ein geringer Halt im Leben gewesen, hatte sie gehindert, völlig in die tödliche Lethargie der Trauer zu versinken.
Sie hatte sich um die zahllosen Patienten zu kümmern, die bereits vor der Morgendämmerung vor der Tür des Hauses Ibn Yatom kauerten, ehe man die Diener anwies, sie einzulassen. Es waren so viele, daß sie alle leeren Räume des großen Hauses bis auf den letzten Platz anfüllten und Sari und die Bediensteten in ruhigem Ton darauf bestehen mußten, daß sich die Patienten in geordneter Manier niederließen. Wenn Hai von seinem kleinen Landsitz vor der Stadt eintraf, standen sie alle auf, reckten die dünnen, schmutzigen Arme flehend zu ihm hin. Mit freundlichem Lächeln schritt er durch die Menge, und schon allein seine Gegenwart beruhigte sie. Wenn er dann in seinem Zimmer – Da'uds ehemaligem Arbeitszimmer – war, achtete Sari darauf, daß sie alle wieder an ihre Plätze gingen und geduldig warteten, bis sie an der Reihe waren.
Als sie an diesem Morgen ihre Blicke über die jammervolle Schar schweifen ließ, fiel ihr eine Frau auf, deren Haltung sie trotz ihres schlichten grauen Gewandes und des dicht verschleierten Gesichts von der übrigen Menschenmenge abhob, die sich rings um sie herum seufzend und klagend regte. Irgend etwas an der stolzen Neigung ihres Kopfes, an ihrem kaum verhehlten Abscheu über die Nähe so vieler geplagter, übelriechender Körper, an ihren in den weiten Ärmeln gut sichtbaren zarten weißen Händen, die sicherlich keine harte Arbeit kannten, all das verriet eine wohlhabende Frau von Stand, die es sich wohl hätte leisten können, Hai zur Behandlung in ihr Heim zu bitten. Als Hai erschien, um seinen nächsten Patienten aufzurufen, deutete Sari mit einer diskreten Handbewegung auf die Frau, doch er gab vor, das Zeichen nicht zu bemerken. Wer immer sie war, sie mußte warten, bis sie an der Reihe war.
Mittag war schon vorüber, als die Dame schließlich in Hais Arbeitszimmer vorgelassen wurde. Mit einer raschen Handbewegung warf sie ihren Schleier ab, war sich sicher, daß der Sohn des Da'ud ibn Yatom sie erkennen würde, als sie die goldenen Locken schüttelte, die ihr über den Rücken fielen.
»Prinzessin Subh!« rief Hai aus, denn er erinnerte sich lebhaft an die Beschreibung, die sein Vater von der Schönheit des glänzenden Haares der baskischen Prinzessin gegeben hatte, das sie weich umfloß, sich mit ihr bewegte, das die Sonne zu reinem goldenem Licht aufzulösen schien. »Ich hätte nie erwartet, Euch hier zu sehen.«
»Da Ihr Euch so störrisch weigert, am Hof meines Sohnes zu erscheinen und unser Leibarzt zu sein, bleibt mir keine andere Wahl, als Euch hier aufzusuchen.«
»Was bringt Euch zu mir, geehrte Prinzessin?«
»Ihr müßt doch von der schrecklichen Wendung gehört haben, die die Dinge im Reich meines Sohnes Hisham, des rechtmäßigen Herrschers, genommen haben.«
»Es erreichen mich von Zeit zu Zeit Gerüchte, aber meine Arbeit nimmt mich so sehr in Anspruch, daß ich kaum die Muße habe, sie zu überprüfen.«
»Dann will ich Euch aus erster Hand die Wahrheit berichten. Der Regent Ibn Abi'Amir ist im Begriff, die Verwaltung des Kalifates von unseren Palästen in Córdoba und der Medina Azahara in den neuen Palast zu verlagern, den er sich errichtet hat und – mit unglaublicher Unverschämtheit – Medina Azahira genannt hat. Das ist der letzte Schritt in seinem Plan, Hisham von allen Angelegenheiten des Reiches abzuschneiden und zu demonstrieren, wer im Kalifat wirklich die Macht hat. Um diese unglaubliche, widerrechtliche Übernahme der Macht von Hisham, dem rechtmäßigen Herrscher, zu rechtfertigen, hat er das Gerücht in Umlauf gebracht, mein Sohn habe beschlossen, ein Leben in Frömmigkeit zu führen, und habe ihm die Herrschaft über das Reich übertragen.«