Im Schatten des Wolfes [The Hallowed Hunt - de]
- Автор: Буджолд Лоис Макмастер
- Серия: Chalion (de) #3
- Год: 2006
- Язык: немецкий
- Год: Bastei L
- ISBN: 978-3-404-20547-9
- Переводчик: Alexander Lohmann
- Жанр: Фэнтези
Электронная книга - «Im Schatten des Wolfes [The Hallowed Hunt - de]». Краткое содержание книги:
So wie ich?
Lücken. Auslassungen. Unausgesprochene Einzelheiten. Ein Mann wie Wenzel, so übersättigt von einem Übermaß an Zeit — weshalb war er so beunruhigt? Was hatte ihn aus seiner Abgeschiedenheit gelockt und trieb ihn zu so ungewohnter Tat? Denn Ingrey hatte das Gefühl, dass Wenzel sich bedrängt fühlte und insgeheim wütend darüber war.
Er schüttelte den schmerzenden Kopf und wandte sich in Richtung von Hetwars Palast.
Kapitel Siebzehn
Auf halbem Weg zu Hetwars Palast holten ihn plötzlich die Nachwirkungen des Gesprächs ein. Ihm wurden die Knie weich. Ein niedriger Vorsprung an einer Hauswand entlang der Straße gab eine hinreichend geeignete Bank ab, und Ingrey ließ sich darauf niedersinken, stützte die Hände auf die Oberschenkel und lehnte den Rücken gegen den sonnengewärmten Stein. Er blinzelte und atmete tief gegen den Schwindel an.
Eine vorüberkommende Matrone hielt kurz inne und starrte ihn an, wie er dasaß, die Arme um sich selbst geschlungen, und hin- und herschaukelte. Doch angesichts seines Geschlechts, seines Alters und seiner Ausrüstung ging sie schließlich weiter, ohne den Mut zu finden, sich nach seinem Wohlergehen zu erkundigen. Irgendwann verebbte das Zittern in seinem Leib, und auch sein Verstand regte sich wieder.
Das ist alles die Wahrheit, Wenzels Geschichte. Bei den fünf Göttern.
Rossflutens Geschichte, berichtigte er sich. Wie viel von Wenzel noch in diesem schwächlichen und verwachsenen Körper steckte, war schwer festzustellen.
Der nächste Gedanke war ein Aufblitzen von Neid. Ewig zu leben! Wie konnte ein Mann nicht glücklich werden, wenn er doch so viele Gelegenheiten erhielt, frühere Fehler zu vermeiden und alles richtig zu machen? Wohlstand und Macht und Wissen anzuhäufen? Doch je länger er darüber nachdachte, umso mehr verblasste dieser Neid. Rossfluten hatte seine vielen Leben mit ebenso vielen Toden bezahlt, wie es schien, und der Zauber schützte ihn nicht vor den Schrecken, die damit einhergingen. Lebendig verbrannt zu werden, ist ein überaus qualvoller Tod. Ich kann nur davon abraten, hatte Wenzel einst bemerkt. Ingrey hatte es für einen Scherz gehalten, doch im Rückblick schien der Tonfall eher auf das Urteil eines Kenners hinzudeuten.
Machte die Gewissheit des eigenen Überlebens einen Mann in der Schlacht tapferer? Es war richtig, dass viele von Wenzels Vorfahren … nein, dass der Graf von Rossfluten viele Male einen nicht-friedlichen Tod gefunden hatte. Oder machte es noch mehr Angst, wenn man die Schmerzen des Todes schon kannte? Zwei der groteskeren Todesarten hatte Ingrey soeben nachgelebt, als er Körper und Geist mit Rossfluten geteilt hatte, und die bloße Erinnerung an diese Ereignisse drehte ihm den Magen um. Geisterhafte Vorstellungen von weiteren vergleichbaren Geschehnissen entfalteten sich vor ihm, wie das Bild eines Mannes, das zwischen zwei Spiegeln gefangen ist. Der Gedanke an diese endlosen Wiederholungen verursachte ihm zusätzliche Übelkeit.
Und dann erkannte er auch, was Rossfluten darüber hinaus für sein Weiterleben bezahlt hatte. Es war kein Bild, das der Graf ihm klar in den Geist gelegt hatte, und doch umspielte es verstohlen all die lebhaften Visionen und sickerte aus den Lücken dazwischen hervor: Ingrey hatte keine Kinder, hatte kaum je auch nur an die Möglichkeit gedacht, und doch weckte der Gedanke an einen Sohn Beschützergefühle in ihm. Vielleicht wurzelten diese im eigenen kindlichen Streben nach väterlicher Aufmerksamkeit und fanden Nahrung in seinen glücklicheren Erinnerungen an Lord Ingalef. Aber zumindest hatte Ingrey eine Vorstellung, was ein Vater sein sollte.
Wie musste es für Rossfluten gewesen sein, als er Sohn um Sohn heranwachsen sah und wusste, was für ein Schicksal jedem von ihnen bevorstand? Allein schon, sie in diesem Wissen zu zeugen? Warnte er sie vor dem, was sie befallen würde, wie er soeben Ingrey gewarnt hatte? Oder fiel er sie aus dem Hinterhalt an? Mal so, mal so? Und in welchem Alter? Was machte es für einen Unterschied — für Rossfluten, für seine Erben —, ob er ein verwirrtes Kind übernahm, einen verängstigten Jüngling oder einen empörten Verstand in voller Reife, mit einem Leben, persönlichen Entscheidungen, vielleicht einer Frau und eigenen Kindern? Was immer es da für Unterschiede gab, Rossfluten hatte genug Zeit gehabt, sie alle kennen zu lernen.
Und nicht nur Körper und Frauen. Was geschah mit den Seelen all dieser vom Zauber ergriffenen Söhne? In das Ganze eingebunden, verdaut, aber nicht vollständig vergangen. Wie es schien, nahm dieser Zauber nicht nur Leben, sondern auch die Ewigkeit. Er trug die geraubten Seelen in Bruchstücken zur nächsten Generation mit, ins nächste Jahrhundert, eine ungeordnet, verschmolzene Ansammlung. Hatte auch Rossfluten selbst ein besonders geliebtes Kind erschlagen, vor seinem vorausgeahnten Tod, um dessen Seele zu retten, bevor sie ins Grauen mit hineingezogen wurde?
Ja, auch das könnte geschehen sein. In vier Jahrhunderten, in denen Leben immer wieder gewaltsam beendet wurden, musste es Raum für jede Variation des Grundthemas gegeben haben.
Gefährlich, mächtig, magisch, unsterblich … und verrückt. Oder zumindest beinahe. Plötzlich sah er Wenzels spröde Wortgewandtheit in einem neuen Licht. Seine unverständlichen Handlungen, stets hin- und hergerissen zwischen plötzlichen Ausbrüchen tatkräftigen Tuns und unvermittelten Rückzugs verwirrten Ingrey noch immer, doch er versuchte nicht mehr, sie aus der Sicht eines gewöhnlichen Menschen zu erklären. Er durchschaute Wenzel noch immer nicht, aber zumindest erkannte er nun, wie sehr er ihn nicht verstanden hatte. Schaut auf die Seelen, Lord Ingrey, hatte Ijada gesagt. Allerdings.
Wie viele Wiederholungen brauchte es noch, bis Wenzel geistig vollkommen zerrüttet war? Während der Zauber seinen Fortgang nahm, mochte er auf einen unwissenden Betrachter immer mehr wie eine Familienkrankheit wirken, die einen Blutsverwandten nach dem anderen in jungen Jahren dem Schwachsinn verfallen ließ.
Nur noch eine Wiederholung, glaube ich. Der nächste Übergang würde anders sein, wenn Ingrey lang genug lebte, um Wenzel aufzunehmen. Dafür würde sein Wolf sorgen. Anders, aber nicht notwendigerweise gut.
Nein. Nicht gut.
Allmählich entwickelte sich dieser Tag zum schrecklichsten, den Ingrey je erlebt hatte, abgesehen vielleicht von dem, da er seinen Wolf empfangen hatte. Der Morgen hatte damit begonnen, dass er einem Gott in die Augen geschaut hatte, und am Abend endete er mit Wenzels Visionen. Ingrey wollte nichts anderes mehr als nach Hause, wollte Ijada umarmen und ihr die Neuigkeiten erzählen.
Und ich muss sie vor meiner drohenden Umformung warnen. Es war über alle Maßen verstörend, jetzt von jenem furchtbaren Erbe zu hören, das all die Jahre lang drohend über seinem Haupt geschwebt hatte. Und er war die ganze Zeit ahnungslos gewesen! Es lag allein in Wenzels Hand, wann er Ingreys Körper übernahm. Der Graf hätte sich jederzeit ein Messer an die Kehle setzen und die übernatürliche Verwandlung nach Belieben herbeiführen können. Obwohl … Ijada war vermutlich die Einzige im Weald, die die Verfälschung seiner Seele sogleich wahrnehmen würde. Wahrnehmen, aber nicht unbedingt verstehen. Und Wenzels Lügen, wenn sie mit Ingreys Stimme aus Ingreys Mund kamen, wären gewiss geübt und überzeugend.
Er kämpfte sich auf die Füße und machte sich erneut auf den Weg, wobei er sich alle Mühe gab, nicht wie ein Betrunkener zu wanken. Die Bewegung half ihm, seinen aufgewühlten Magen ein wenig zu beruhigen. Schließlich fand er sich vor der gelben Steinfassade von Hetwars Palast wieder, der während der letzten vier Jahre eine Art Zuhause für ihn gewesen war, und er erinnerte sich an seinen ersten, panikerfüllten Drang, sogleich zu seinem Schutzherrn zu laufen. Er hatte keine Ahnung, was er Hetwar jetzt über Rossfluten erzählen wollte. Aber der Siegelbewahrer hatte Ingrey zuvor angewiesen, ihn aufzusuchen. Zumindest sollte er feststellen, ob neue Befehle für ihn vorlagen. Er bog an der Tür ab.