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Im Schatten des Wolfes [The Hallowed Hunt - de]

Электронная книга - «Im Schatten des Wolfes [The Hallowed Hunt - de]». Краткое содержание книги:

Lord Ingrey wird in die Ländereien Prinz Bolesos entsandt, in einer delikaten, höchst unangenehmen Mission. Jemand hat den Prinzen umgebracht! Da er der Thronerbe war und der König im Sterben liegt, soll Ingrey die Wogen der Aufregung glätten, die Leiche des Prinzen überführen und die mutmaßliche Mörderin vor Gericht bringen. Damit das Königreich nicht in falsche Hände fällt, muss er dunkle Geheimnisse enthüllen und einen fürchterlichen „Blutpreis“ aus der Vergangenheit. In sich abgeschlossener Roman aus der Reihe „Die magischen Messer“.
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Wenzel blieb gefährlich still, bis auf ein kurzes Aufflackern in seinen Augen: »Was bringt Euch zu dieser Überzeugung? Cumril? Nicht eben der glaubwürdigste aller Ankläger.«

»Nein.« Ingrey zitierte die eigenen Worte des Grafen: »Es waren nur zwei Männer anwesend, die für diese Aufgabe in Frage kämen, und ich war mir gewiss, dass ich nichts in dieser Richtung unternommen habe. Nun denn.« Nach einer kurzen Pause fügte er hinzu: »Ich muss herausfinden, wie Ihr diesen Bann geknüpft habt. Ich vermute eine Geisterbeschwörung.«

Wenzel schwieg eine ganze Weile, als müsse er unter einer Vielzahl möglicher Antworten auswählen. »Etwas in der Art.« Er seufzte, und der Haltung seiner Schultern nach zu urteilen schien er eine unangenehme Entscheidung zu fällen. »Ich würde es nicht als Fehler bezeichnen, denn wäre es geglückt, hätte es mein jetziges Leben über alle Maßen erleichtert. Ich nenne es einen falschen Zug, wegen der eigentümlichen Konsequenzen, die es nach sich gezogen hat. Ich möchte nur anmerken, dass ich nicht gegen Euch spiele.«

»Gegen wen spielt Ihr dann?« Ingrey stieß sich von der Wand ab und lief in einem Halbkreis vor dem Grafen auf und ab. »Zuerst dachte ich, es ging hier um die politischen Ränkespiele in Ostheim.«

»Allenfalls indirekt.«

Entschlossen ignorierte Ingrey das flaue Gefühl im Magen, das Brausen in den Ohren und die Verwirrung seines Geistes, die ihn schwindeln machte. »Was geht hier wirklich vor, Wenzel?«

»Was glaubt Ihr?«

»Ich glaube, Ihr würdet alles tun, um Eure Geheimnisse zu schützen.«

Wenzel legte den Kopf schräg. »Einst traf das zu«, sagte er und fügte hinzu: »Aber nicht mehr lange, hoffe ich …«

Ingreys Leib fühlte sich an wie eine gespannte Sprungfeder. Seine Hand spielte über den Messergriff. Wenzel entging dies nicht.

»Was, wenn ich Eure Seele auf die alte, harte Weise befreie?«, sagte Ingrey sanft. »Was immer Ihr für Kräfte habt — ich bezweifle, dass sie es überstehen würden, wenn ich Euch den Kopf abschneide und ihn in den Storchenfluss werfe.«

Wenzel regierte auf Ingreys Drohung mit völliger Reglosigkeit. »Ihr könnt Euch gar nicht vorstellen, wie sehr Ihr eine solche Tat bedauern würdet. Wenn Ihr mich loswerden wollt, wäre das genau der schlechteste Weg. Mein Erbe.«

Ingrey blinzelte verwundert. »Ich bin kein Erbe der Rossfluten-Sippe.«

»Nicht nach Recht und Eigentum. Aber nach den Gesetzen des Alten Weald ist ein Neffe nach einem Sohn der nächste Verwandte. Und wie es scheint, wird dieser untaugliche Leib, in dem ich hier stecke, bei Fara keinen Sohn zeugen. Das macht Euch zum Erben meines Blutes, wenn Ihr noch am Leben sein solltet, sobald ich das nächste Mal sterbe. Damit Ihr es richtig versteht: Das bereitet mir keine Freude, und es ist auch keine Wahl, die ich getroffen hätte. Es ist der Zauber, der Euch einfach an Kindes statt annimmt.«

Das Gespräch hatte mit einem Mal eine so plötzliche und unerwartete Wende genommen, dass es Ingreys Händen entglitten war. Wenzel hatte seinen kühnen Vorstoß mit einem so heftigen Ruck abgewehrt, dass Ingrey nun das Gefühl hatte, kopfüber in der Luft zu hängen — über einer Feuergrube und in beunruhigender Finsternis. Die Hand auf dem Messergriff erschlaffte. »Wenn Ihr das nächste Mal sterbt?«

»Erinnert Ihr Euch, was ich Euch über die Geistertiere der Schamanen erzählt habe? Wie sie geschaffen werden, indem man ein Leben zu dem anderen fügt, einen Tod auf den nächsten? Etwas Ähnliches wurde auch mit menschlichen Seelen versucht. Einmal.«

»O ihr Götter, Wenzel! Ist das wieder eine Eurer Gutenachtgeschichten?«

»Die hier wird Euch den Schlaf rauben, das verspreche ich Euch!« Er holte tief Luft. »Seit sechzehn Generationen wurde meine Seele vom Vater auf den Sohn weitergereicht, in ungebrochener Kette, außer, wenn sie auf einen Bruder überging. Das hat sich als eine schlimme Erbschaft erwiesen. Der Tod dieser irdischen Hülle wird mich nicht aus der materiellen Welt befreien, sondern nur in den nächsten männlichen Körper meiner Erblinie überwechseln lassen. Und das ist im Augenblick der Eure. Mein Blut fließt in Euren Adern — sowohl von Seiten Eurer Mutter wie von Seiten Eures Vaters, auch wenn die ungebärdige Wolfengrund-Sippschaft sicher viel zu Eurer einzigartigen Verdrießlichkeit beiträgt.« Wenzel verzog das Gesicht.

Ingrey versuchte es sich vorzustellen: Kein erhabenes Tier, sondern ein erhabener Mann? Und wenn die angesammelten Geister der Tiere verschmolzen und zu etwas Mächtigerem, Unheimlichem wurden, was mochte dann aus den angehäuften Seelen von Menschen entstehen? »Ihr habt mir schon viele Lügen erzählt, Wenzel. Warum sollte ich diese hier glauben?«

Ingrey war dem Tisch näher gekommen, während er unruhig auf und ab ging, als würde sich eine Leine immer weiter aufwickeln. Nun stand er drohend unmittelbar neben Wenzel. Der beugte sich ihm zu, und in seinen stahlgrauen Augen funkelten die verschiedensten Empfindungen, die für Ingrey jedoch zu fremdartig waren, als dass er sie durchschauen konnte: Zorn und Verachtung, Schmerz und Grausamkeit, Neugier und Feindseligkeit. »Soll ich es Euch zeigen? Das wäre wohl die gerechte Strafe für Eure Unterstellung.«

»O ja, Wenzel«, hauchte Ingrey. »Sagt mir einmal die Wahrheit.«

»Da Ihr so darauf drängt …« Wenzel drehte sich um, bis sie einander Auge in Auge gegenüberstanden, nur wenige Fingerbreit entfernt. Dann legte er die plumpen Hände an beide Seiten von Ingreys Kopf. »Ich bin der letzte Geheiligte Hohe König des Weald. Oder des Alten Weald, wie man es nennt, um es von neueren Zerrbildern zu unterscheiden.«

Ingrey zuckte zurück und wurde abrupt von der Tischkante aufgehalten. »Ihr habt erzählt, der letzte wirkliche Geheiligte König starb auf dem Blutfeld.«

»Das tat er nicht. Oder zweimal, ganz wie man es sieht.« Die Finger des Grafen erreichten Ingreys Schläfen und streichelten sie in kleinen, schweißfeuchten Kreisen, während er fortfuhr: »Ich war ein junger Mann, der Erbe meines altehrwürdigen Geschlechts, und jagte auf den Wiesen entlang der Lure, bevor Audar auch nur geboren war und seine Windeln beschmutzen konnte. Die Darthacanier bedrängten unsere Stämme, die alten Sippen. Sie besetzten unser Land, fällten unsere Bäume, schickten Missionare, um unsere Schreine zu entweihen, und Soldaten, um die Leichen der Missionare nach Hause zu schleppen. Die Männer meines Volkes kämpften und starben. Ich sah meinen Vater fallen und meinen Geheiligten König.«

Bilder entstanden in Ingreys Kopf, während Wenzel erzählte. Sie waren viel zu lebhaft, als dass sie seiner eigenen Vorstellung entsprungen sei konnten. Dies ist allerdings eine Zauberstimme, dass sie mich erinnern lässt, was ich niemals sah. Dunkle Wälder, grüne Täler, Palisadenzäune um Dörfer mit Häusern aus Flechtwerk und Lehm. Scharfer Qualm stieg aus Öffnungen in den strohgedeckten Dächern. Reiter in Rüstungen aus gehärtetem Leder passierten die Tore und ritten in die Schlacht oder kehrten von dort zurück, blutig und erschöpft. Das spärliche Metall an ihrer Ausrüstung klirrte in der frostigen Luft. Ihre Stimmen trieben mit dem Winternebel und formten Worte in einer Sprache, die Ingrey gerade eben nicht verstehen konnte, die ihn aber an Jokols kraftvolle Dichtung erinnerte.

»Die nächste Wahl sprach mir die Königswürde zu, denn ich war inzwischen zum Führer eines erbitterten Volkes geworden, und ich hatte Söhne, die mir nachfolgten. Sie machten mich zu ihrer Fackel, und ich brannte für sie in den immer dichteren Schatten. Unsere Herzen waren voller Glut. Doch die Götter verschmähten unsere Opfer und wandten sich von uns ab.«

Ein gelbbrauner junger Mann, ängstlich und entschlossen, nackt bis auf die Symbole, die auf seinen Leib gemalt waren, stand hoch auf dem Ast einer Eiche im flackernden Schein von Fackeln. Um seinen Hals lag ein Seil, geflochten aus den seidigen Bastfasern der Brennnessel, und das Blut strömte ihm aus einer Reihe sorgsam gesetzter Schnitte. Hoch hob er die ausgestreckten Arme und sprach mit einer volltönenden Stimme, die von einem leichten Zittern beeinträchtigt wurde. Dann ließ er sich nach vorne fallen, wie ein Mann von einem hohen Felsen in einen See springen mochte. Dicht über dem Boden endete der Sturz mit einem Ruck, der ihm das Genick brach … Wenzels weit aufgerissene Augen zeigten Entsetzen. War das einer seiner prinzlichen Söhne, als Bote zu den Göttern geschickt von seinem Geheiligten König …? Das war die Wahrheit, und gleich in Sturzbächen. Ingrey war zumute, als würde er mit dem Kopf voran darin untergetaucht, bis ihm der Schädel platzte. Die Visionen hielten an, in einem mächtigen Strom, beflügelt von den geflüsterten Worten.

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