Im Schatten des Wolfes [The Hallowed Hunt - de]
- Автор: Буджолд Лоис Макмастер
- Серия: Chalion (de) #3
- Год: 2006
- Язык: немецкий
- Год: Bastei L
- ISBN: 978-3-404-20547-9
- Переводчик: Alexander Lohmann
- Жанр: Фэнтези
Электронная книга - «Im Schatten des Wolfes [The Hallowed Hunt - de]». Краткое содержание книги:
Ingrey zuckte erschrocken zusammen. »Ich glaube, Ihr braucht ein Wunder.«
»Oh, die Götter jagen mich nun schon seit langer Zeit.« Wenzels Grinsen wurde ruchlos. »Sie setzen mir inzwischen hart zu. Sie wollen mich. Aber ich will sie nicht, Ingrey.«
Ingrey musste sich zwingen, seine Stimme zu hörbarer Lautstärke zu erheben. »Was wollt Ihr dann …?«
Wenzels Gesicht nahm einen entrückten Ausdruck an. »Ja, was will ich? Ich wollte viele Dinge im Laufe der Jahrhunderte. Doch inzwischen sind meine Wünsche schlicht geworden. Ich möchte meine erste Frau zurück, und meine Söhne im Frühling ihres Lebens …«
Wieder erstrahlte die Vision in einem atemberaubendem Licht, erfüllt von Farben. Ein Mann, eine lachende Frau und eine Schar Jünglinge zügelten ihre Pferde an den schilfbestandenen Ufern der Lure und verfolgte voll Ehrfurcht, wie eine Familie von Graureihern in den strahlenden Sonnenaufgang emporstieg.
Und für einen Augenblick riefen Rossflutens Augen: Verflucht sollst du sein, dass du diese Erinnerung in mir heraufbeschworen hast! Die Stunde seines ersten Todes, als er in Blut und Verzweiflung ertrunken war, war weniger schmerzhaft gewesen. Sein zitternder Griff um Ingreys Gesicht spannte sich, und die Finger drückten kräftig genug, um Male zu hinterlassen. »Ich will meine Welt zurück.«
Ah. Dieses Bild hat er nicht mit Absicht freigegeben. Es ist ihm entschlüpft. Ingrey befeuchtete sich die Lippen. »Aber das könnt Ihr nicht haben. Niemand kann das.«
Das kurze Aufflackern verblasste zu kühler Dunkelheit, zu einer vollkommenen Finsternis, und Ingrey erkannte, dass es keine weiteren Visionen mehr geben würde.
»Ich weiß. Nicht alle Götter zusammen, mit keinem Wunder, das sie sich ersinnen können, könnten sie mir verschaffen, was mein Herz begehrt.«
»Fürchtet Ihr, die Götter könnten Euch zerstören?«
Wieder zeigte er dieses beunruhigende Lächeln. »Das wäre keine Furcht. Das wäre mein Gebet.«
»Dann … dann fürchtet Ihr ihre Strafe? Dass sie Eure Seele in endlose Qual stürzen könnten?«
Wenzel beugte sich vor und stellte sich auf die Zehenspitzen. »Das«, hauchte er Ingrey ins Ohr, »müssen sie gar nicht mehr.« Zu Ingreys grenzenloser Erleichterung löste er endlich seinen Griff und trat wieder zurück. Er legte den Kopf schief, als würde er Ingreys Gesicht eindringlich mustern. »Aber Ihr werdet mehr darüber erfahren, wenn Ihr Pech habt.«
Ingrey wäre überzeugt gewesen, einem irre daherredenden Wahnsinnigen gegenüberzustehen, hätte Wenzel ihm nicht diese sengenden Bilder in seinen Verstand gesandt. Welche Wahrheit er Wenzel auch hatte abringen wollen, diese hier war es nicht gewesen! Er war erschüttert, was Wenzel ihm ohne Zweifel ansehen konnte.
Ingrey suchte nach den Lücken in der Geschichte. Es gab viele — manche alt, manche aus jüngerer Zeit —, und Ijadas Armee der Geister im Wehen Wald schien die größte zu sein. Wie konnte Wenzel das Blutfeld beklagen, ohne seine verlassenen und verfluchten Kameraden zu erwähnen? Dass Wenzel den mörderischen Bann gegen Ijada gewirkt hatte, hatte er zugegeben, als es nicht mehr zu vermeiden gewesen war. Aber der Antwort, warum er es getan hatte, wich er immer noch aus. Gab es zwischen diesen beiden Lücken einen Zusammenhang?
Ein Klopfen erklang an der Zimmertür, und beide Männer zuckten zusammen. »Was?«, rief der Graf, und sein scharfer Tonfall ermunterte nicht zum Eintreten.
»Herr.« Es war die pflichtbewusste Stimme irgendeines höher gestellten Domestiken. »Die Herrin ist bereit zum Aufbruch und bittet um Eure Begleitung.«
Verärgert kniff Wenzel die Lippen zusammen, rief aber zurück: »Lass sie wissen, ich komme gleich.« Schritte entfernten sich, und Wenzel seufzte und wandte sich noch einmal Ingrey zu. »Wir werden ihrem Vater aufwarten. Das wird wieder ein unerfreulicher Abend. Wir beide müssen diese Unterhaltung zu einem späteren Zeitpunkt fortführen.«
»Ich würde ebenfalls gern weitermachen«, entgegnete Ingrey.
Wenzel musterte ihn wachsam. »Ihr solltet wissen, der Fluch in unserer Familie verläuft nicht symmetrisch. Während mein Tod Euer Verhängnis wäre, träfe das im umgekehrten Fall nicht zu.«
»Und warum erschlagt Ihr mich dann nicht an Ort und Stelle?« So kämpferisch er sich auch gab, Ingrey zweifelte nicht daran, dass Wenzel dazu in der Lage wäre.
»Das würde Schwierigkeiten aufwerfen, deren Tragweite ich immer noch abzuschätzen versuche. Was den Zauber betrifft, würde dieser einen anderen an Eure Stelle setzen — womöglich eine Person, die mir noch ungelegener käme. Vermutlich Euren Vetter in Birkenhain. Es sei denn, Ihr habt noch einen darthacischen Ableger, von dem ich nichts weiß.«
»Ich … nicht dass ich wüsste. Wollt Ihr etwa sagen, Ihr wisst nicht, wer nach mir Euer nächster Erbe ist?«
»Das ändert sich im Laufe der Zeit, auf eine Weise, die ich nicht gänzlich beeinflussen kann. Ihr hättet in Darthaca sterben können. Fara hätte einen Sohn empfangen können.« Wenzel kräuselte die Lippen. »Andere mögen geboren werden oder sterben. Ich habe schon vor langer Zeit gelernt, mir nicht über Dinge den Kopf zu zerbrechen, die sich im Laufe der Zeit von selbst erledigen können.« Er lief einmal im Zimmer auf und ab, als müsse er ein wenig von seiner Anspannung loswerden. Ingrey wünschte sich, er würde dasselbe wagen.
Am Ende seiner Runde wandte Wenzel sich noch einmal um: »Wie es scheint, haben wir einander am Hals, ob wir es wollen oder nicht. Zumindest für eine Weile. Wie wäre es, wenn Ihr dann gleich in meine Dienste tretet?«
Ingrey taumelte zurück. Er hatte tausend Fragen, auf die Wenzel — und womöglich Wenzel allein! — die Antwort kannte.
Wenn er in der Nähe des Grafen blieb, musste er zwangsläufig mehr erfahren. Und wenn ich das Angebot ablehne? Wie lange habe ich dann noch zu leben? Er versuchte, Zeit zu gewinnen. »Ich stehe tief in Lord Hetwars Schuld. Ich würde seinen Dienst nicht leichtfertig verlassen, noch würde er mich leichtfertig freigeben.«
Wenzel zuckte die Achseln. »Und wenn ich ihn darum bäte? Er würde auch nicht leichtfertig Faras Ehemann einen solchen Gefallen abschlagen.«
Nein, aber ich könnte Hetwar anflehen, einer Entscheidung auszuweichen oder sie zumindest zu verzögern. »Wenn Hetwar sein Einverständnis gibt, dann ja.«
»Ein schönes Beispiel für die Treue. Das kann ich nicht tadeln, wo ich doch bald Ähnliches von Euch zu erwarten habe.«
»Ich gebe zu, Euer Angebot übt einen absonderlichen Reiz auf mich aus.«
Wenzels Lächeln ließ erkennen, dass er die Mehrdeutigkeit dieser Aussage sehr wohl verstand. »Daran habe ich nicht den leisesten Zweifel.« Mit einem Seufzer trat er auf die Tür zu und gab damit zu verstehen, dass dieses Gespräch zu Ende war. Ingrey folgte ihm gehorsam.
»Eines allerdings müsst Ihr mir heute Abend noch verraten«, meinte Ingrey, als sie hinausgingen.
Der Graf von Rossfluten hob fragend die Brauen.
»Was ist mit Wenzel geschehen? Dem Jungen, den ich kannte?«
Rossfluten berührte sich an der Stirn. »Seine Erinnerungen sind alle noch da, verloren in einem Meer von Erinnerungen.«
»Aber Wenzel ist nicht mehr da? Er ist ausgelöscht?«
Der Graf zuckte die Achseln. »Wo ist der vierzehnjährige Ingrey, wenn nicht dort?« Er wies auf Ingreys Kopf. »Und in ähnlicher Verwirrung? Sie beide sind Opfer eines gemeinsamen Feindes. Wenn es etwas gibt, das ich inzwischen noch mehr hasse als die Götter, dann ist es die Zeit.« Er bedeutete Ingrey voranzugehen. »Lebet wohl. Ihr könnt mich morgen aufsuchen, wenn es Euch beliebt.«
Irgendwo in Wenzels Schlussfolgerung glaubte Ingrey einen entsetzlichen Fehler zu spüren, doch in seiner Benommenheit konnte er nicht den Finger darauf legen. Augenblicke später stand er wieder auf der Straße und blinzelte in die untergehende Sonne. Irgendwie überraschte es ihn, dass Ostheim immer noch stand. Ihm kam es vor, als hätte die Stadt in Trümmer fallen müssen während der kleinen Ewigkeit, die er in Wenzels Haus verbracht hatte.