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Georgs Sorggen um die Vergangenheit

Электронная книга - «Georgs Sorggen um die Vergangenheit». Краткое содержание книги:

Georg wächst in einer der schönsten Wohngegenden Prags in einem summenden Frauenhaushalt auf. Leider zur Zeit des politischen Terrors, der überirdischen Atomtest und später des brutal unterdrückten Reformversuchs von '68. Umstellt von seinen vielen Tanten mit Kriegstraumata, dem tyrannischen Onkel ONKEL und der überstrahlend-schönen Mutter hält er an seiner Überzeugung fest, unter der Schirmherrschaft eines gewissen Heiligen eine helle Zukunft zu finden — trotz der totalitären Verhältnisse, der zerfallenden Prager Bausubstanz und der familiären Zwänge.
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Von der kindesmißbräuchlichen Busfahrt mit Schmuseexzessen habe ich ausgiebig berichtet, leider ist es zu derartigen körperlichen Abenteuern nie wieder gekommen — trotzdem tat ich gut daran, mich regelmäßig auch für die Bildungsfahrten anzumelden (mich mitanmelden zu lassen), an denen mehrheitlich Erwachsene teilnahmen. Bei allen mir erinnerlichen Betriebsbusfahrten, die quer durch unser Land führten und mit langen Heimfahrten im Dunkeln abgerundet wurden, war die ideelle Marschrichtung immerdie gleiche — die Endstation hieß Unterleib, unter dem Gürtelstrich ging es dann also um Sex; egal, ob Innenministeriumsangestellte, Spionenführer, Antispione oder momentan zurückgezogene Agenten in den Bussen saßen oder ob es sich bei den Erwachsenen um Verlagslektoren, — buchhalter, Schriftsteller oder schriftstellernde Journalisten handelte. Alle diese Erwachsenen legten irgendwann ihre Hemmungen und ihre Scham ab. Bei den Heimfahrten wurde natürlich getrunken, meistens irgendwelche mährischen Weine. Und als es draußen dämmerig wurde, begann man zu singen. Anfangs waren einigermaßen anständige Liebes- und Weinanpreisungslieder an der Reihe, mit der Zeit wurden die Liedtexte aber immer schlüpfriger — bis die Hardcore-Nummern an die Reihe kamen.

«To je vocas myho muze / vzdyt' ho poznäm podle küze… Das ist der Schwanz meines Mannes, den erkenn' ich an seinem Leder.«

Dieses offenbar allen jeweiligen Mitfahrenden bekannte Lied war damals regelmäßig auf dem Programm. Die Geschichte, die darin erzählt wird, ist wirklich kurios — und für mich blieb sie auch deshalb unvergeßlich. Die besungene Frau, also das singende Ich, ist sich beim Anblick eines herumliegenden Penis erstaunlicherweise ganz sicher, wem das schlaffe Würstchen gehört — sie identifiziert den Inhaber und ehemaligen Träger an der Beschaffenheit der Haut. Wie oder warum es zu der Amputation gekommen ist, erklärt das Lied leider nicht. Diese Unklarheit am Rande schien aber niemanden zu stören. Daß die Frau — stutzte ich — eher vom» Leder «des abgetrennten Schwanzes spricht und nicht ein feineres Wort für Haut benutzt, hat zwar mit dem Reim und Rhythmus zu tun, die Abgebrühtheit der Ausdrucksweise schockierte mich trotzdem jedesmal. Ich erkannte unsere Begleiter, die bei Tageslicht so seriös gewirkt hatten, nicht wieder. Und alle sangen mit. Meinem Vater war alles zuzutrauen — aber auch meine Mutter war jedesmal mit vonder Partie. Sie vergnügte und amüsierte sich proletarisch wie alle anderen:»… den erkenn' ich an seinem Leder.«

In einem anderen auch sehr beliebten Lied, das traditionell gesungen wurde, weist der Liebhaber die Schuld für das Schwängern seiner Geliebten weit von sich und sagt:»Dazu war ich zu betrunken. Sie war es! Sie hat ihn in ihr Händchen genommen und sich ihn selbst reingesteckt…«

And everybody:»Streik si ho tarn saamaaaa«, sang meine Mutter. Oder ich hörte zwischen den Stimmen der Abwehrspezialisten oder Möchtegernspione meinen Vater:»Byl jsem vopilej… ich war zu betrunken, vzala si ho do rucicky… hat ihn in ihr Händchen genommen…«

Als der schlimmste Verderber der tschechischen Jugend müßte aber wahrscheinlich unser Nationaldichter Jaroslav Vrchlicky bezeichnet werden. Er war eindeutig ein Genie und eine besessene, dauernd überkochende Reim-Maschine, der später nur Viteslav Nezval das Wasser reichen konnte. Vrchlicky schrieb eine Unmenge von Gedichten, Epen und Stücken und übersetzte alle dem Volk noch nicht bekannten Werke der Weltliteratur ins Tschechische. Wenn er ein Deutscher gewesen und hundert Jahre früher geboren worden wäre, hätte Goethe nicht einen ehrfürchtigen Kollegen wie Schiller, sondern einen wild herausfordernden und auch endlos gebildeten Universal-Rauschekopf zu ertragen gehabt. Ausgerechnet dieser überproduktive und kreative Mann schrieb eines der übelsten pornographischen Epen, die das neunzehnte Jahrhundert erblicken sollte — den» RITTER GEIL«. Und weil dieses Fickepos seit seiner Entstehung in unzähligen Privatdrucken erschienen war, gehört dieses Werk, das voller schockierender und auch hier nicht zitierbarer Reime ist, zum kulturellen Gemeingut des tschechischen Volkes. Auch während der sozialistischen Ära kannten es alle Generationen. Nur Vrchlickys üble» Ode auf die Scheiße «geriet lange Zeit in Vergessenheit (»desAbends denke ich oft über die Scheiß wurst nach / und wenn ich sie mir näher ansehe, muß ich jaulen vor Lachen oder vergieße Tränen…«).

Die pornographische Geschichte des ahnungslosen Ritters Geil ist relativ einfach gestrickt: Der verrückte Ritter steckt seinen Penis überall hinein, wo er irgendwelche Löcher entdeckt, bis man auf seiner Burg den Grund seines sonderbaren Tuns begreift: Der unglückliche junge Adelsmann ahnt nicht, daß es ausgerechnet unter den weiblichen Röcken eine passende Öffnung für sein Glied gäbe. Der Ritter wird aufgeklärt und umgehend erlöst, die Orgien nehmen daraufhin kein Ende — und Vrchlickys Reim-Eskapaden auch nicht. Wo bleibt hier Goethe mit seinen» Römischen Elegien «oder» Venezianischen Epigrammen«?

Manchmal war ich — vielleicht dank der dauerhaften botenstoff-erotischen Überflutung — so verwirrt, daß ich reinen Unsinn redete. Als ich einmal auf der Straße von einer Bekannten unvermittelt gefragt wurde, wie es meiner Tante Györgyi gehe, fiel mir ein vollkommen falscher Satz aus dem Mund heraus:

— Die ist doch gestorben.

Ich merkte schon während des Absonderns der ersten Silben, daß ich etwas vollkommen Verkehrtes aussprach, war aber ratlos, wie ich mir aus dem sinnlosen Unglücksloch wieder heraushelfen sollte.

— Ach, das tut mir leid! Wann war das, wieso weiß ich nichts davon? Wann ist das Begräbnis, um Gottes willen?

— April, April, sagte ich kurz entschlossen und rannte weg.

Es war zwar längst schon Mai, dieser Mai war aber kalt wie ein normal warmer März, und ich bin bis heute davon überzeugt, daß mein Spontanscherz noch das Beste war, was sich in dem unglückseligen Moment tun ließ. Am Ende kam ich moralisch noch einigermaßen glimpflich davon. Unsere Gegend war gerade voller Kanonen und Panzer — unsere Armee mußte abends und nachts auf dem Boulevard der Verteidiger des Friedens für die alljährliche Siegesparade üben — und die Tanten einigten sich auf eine Formel, die sie auch nach außen vertreten wollten: Ich sei wegen des ganzen Kriegsgeräts verwirrt gewesen und hatte nicht überlegt, was ich sagte.

— Georg ist eben ein kleiner Witzbold, sagte man von mir außerdem, er sollte es aber nicht übertreiben.

Eine Weile zwang ich mich, so oft wie möglich Witze zu reißen, auch wenn mir überhaupt nicht danach war.

den einmarsch haben wir gewonnen

Die Panzer und Panzerwagen, die in der Nacht vom zwanzigsten auf den einundzwanzigsten August 1968 eingeflogen wurden, rollten vom Flughafen Ruzyne die acht Kilometer lange Leninstraße entlang, fuhren auf dem kreisrunden Platz der Großen sozialistischen Oktoberrevolution nach rechts, und nachdem sie dabei viel Asphalt pulverisiert hatten, steuerten die Panzer die Straße des Slowakischen Nationalaufstandes an — und die sogenannte Pulverbrücke. Über diese überwanden sie unsere eingleisige lokale Eisenbahnlinie, um die weiterhin hindernisfreie Fahrt auf dem Boulevard der Verteidiger des Friedens fortzusetzen. Auf der richtigen Kreuzung nahmen sie dann den kürzesten Weg in Richtung Innenstadt. Ihre Route tangierte erst das große Gelände der Militärakademie und führte anschließend durch die aus unseren Fenstern gut einsehbare Mickiewiczstraße sowie durch die einst mit verdünntem Blut befeuchtete Serpentine. Unterhalb der letzten Serpentinenbiegung lag an der Moldau schon der Regierungssitz, auf der anderen Flußseite die Parteizentrale. Eine junge Frau aus unserem Haus winkte den durch die Mickiewiczstraße fahrenden Soldaten über den Gartenzaun zu. Vorbeiziehenden Soldaten winke man eben. Das tue ihnen hier in der Fremde, so fern ihrer Heimat und so spät nach Mitternacht, sicher gut. - Das bin ich seit meiner Kindheit so gewohnt, meinte sie.

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