Ein Hauch von Schnee und Asche: Roman (German Edition)
- Автор: Гэблдон Диана
- Серия: Die Outlander #6
- Год: 2018
- Язык: немецкий
- Год: Knaur eBook
- Жанр: Другие приключения
Электронная книга - «Ein Hauch von Schnee und Asche: Roman (German Edition)». Краткое содержание книги:
»Es wird alles gut«, flüsterte Roger ihr zu. »Ist schon gut, a leannan.«
»Wer ist das gewesen, a nighean?«, fragte Jamie genauso sanft. Roger sah, dass sie ihn verstand; die Frage versetzte die Oberfläche ihrer Augen in Bewegung wie Wind einen Teich – doch dann zog es vorbei, und es kehrte wieder Ruhe ein. Sie sagte nichts, ganz gleich, welche Fragen sie stellten, sah die Männer nur unbeteiligt an und nuckelte verträumt an dem feuchten Tüchlein.
»Bist du getauft, a leannan?«, fragte Jamie sie schließlich, und die Frage versetzte Roger einen heftigen Ruck. Er war so vom Donner gerührt, sie gefunden zu haben, dass er ihren Zustand gar nicht richtig zur Kenntnis genommen hatte.
»Elle ne va pas vivre«, sagte Jamie leise und sah Roger direkt an. Sie überlebt es nicht.
Sein erster Instinkt war, es heftig zu verleugnen. Natürlich überlebte sie es; sie musste überleben. Doch große Flächen ihrer Haut fehlten, das rohe Fleisch war verkrustet, nässte aber noch. Er konnte die weiße Kante eines Knieknochens sehen, konnte buchstäblich ihr Herz schlagen sehen, eine rötliche, durchscheinende Wölbung, die unter ihrem Brustkorb pulsierte. Sie war so leicht wie ein Stoffpüppchen, und ihm wurde schmerzlich bewusst, dass sie in seinen Armen zu schweben schien wie eine Ölschicht auf Wasser.
»Hast du Schmerzen, Schätzchen?«, fragte er sie.
»Mama?«, flüsterte sie. Dann schloss sie die Augen und war nicht mehr dazu zu bewegen, etwas zu sagen. Nur dann und wann flüsterte sie: »Mama?«
Zuerst hatte er gedacht, sie würden sie zurück nach Fraser’s Ridge bringen, zu Claire. Doch es war zu weit; sie würde es nicht überleben. Es war unmöglich.
Er schluckte, und die Vorstellung schloss sich um seine Kehle wie eine Schlinge. Er richtete den Blick auf Jamie und sah die schmerzhafte Bestätigung in seinen Augen. Jamie schluckte ebenfalls.
»Kennst du … ihren Namen?« Roger konnte kaum atmen und zwang die Worte heraus. Jamie schüttelte den Kopf, dann sammelte er sich und zog die Schultern hoch.
Sie hatte aufgehört zu nuckeln, murmelte aber hin und wieder: »Mama?« Jamie nahm ihr das Taschentuch von den Lippen und drückte ihr ein paar Tropfen auf die geschwärzte Stirn, während er die Worte der Taufe flüsterte.
Dann sahen sie einander an, gestanden sich ein, dass es nicht anders ging. Jamie war blass, und Schweißperlen standen zwischen den roten Bartstoppeln auf seiner Oberlippe. Er holte tief Luft, nahm seine Kraft zusammen und hielt Roger die Hände entgegen.
»Nein«, sagte Roger leise. »Ich tue es.« Sie war sein; er konnte sie genauso wenig jemand anderem überlassen, wie er sich einen Arm ausreißen konnte. Er griff nach dem Taschentuch, und Jamie drückte es ihm in die Hand, rußfleckig und feucht.
So etwas hätte er nie gedacht, und auch jetzt konnte er nicht denken. Er brauchte es auch nicht; ohne Zögern schmiegte er sie an sich und legte ihr das Taschentuch über Nase und Mund, dann drückte er seine Hand fest über das Tuch und spürte ihre kleine Nase zwischen Daumen und Zeigefinger stecken.
Über ihnen im Laub regte sich der Wind, und ein goldener Regen fiel auf sie, flüsterte auf seiner Haut, strich ihm kühl über das Gesicht. Ihr war sicher kalt, dachte er, und er hätte sie gern zugedeckt, aber er hatte keine Hand frei.
Seinen anderen Arm hatte er um sie gelegt, und die Hand ruhte auf ihrer Brust; er konnte das winzige Herz unter seinen Fingern spüren. Es hüpfte, schlug rasend, setzte aus, schlug noch zweimal … und hörte auf. Es erbebte kurz; er konnte spüren, wie es versuchte, die Kraft für einen letzten Schlag zu finden, und für eine Sekunde malte sich Roger aus, dass ihm das nicht nur gelingen würde, sondern dass es sich auch seinen Weg durch die zerbrechliche Wand ihrer Brust in seine Hand bahnen würde, weil es so sehr leben wollte.
Doch der Augenblick verstrich, und die Illusion verschwand, und große Stille kam. In der Nähe rief ein Rabe.
Sie hatten das Begräbnis beinahe vollendet, als der Klang von Hufen und klingelndem Zaumzeug Besuch ankündigte – eine Menge Besuch.
Roger sah Jamie an, bereit, sich in den Wald davonzumachen, doch sein Schwiegervater schüttelte den Kopf und beantwortete so seine unausgesprochene Frage.
»Nein, sie würden nicht zurückkommen. Wozu?« Sein trostloser Blick überflog die qualmende Ruine der Siedlungsstelle, den zertrampelten Hof und die flachen Grabhügel. Das kleine Mädchen lag noch immer da, mit Rogers Umhang bedeckt. Er hatte es noch nicht ertragen können, sie in die Erde zu senken; zu kurz war es her, dass er sie lebend im Arm gehalten hatte.
Jamie richtete sich auf und dehnte seinen Rücken. Roger beobachtete, wie er sich mit einem Blick davon überzeugte, dass sein Gewehr griffbereit war. Es lehnte an einem Baumstamm. Dann stützte er sich auf das Brett, das er als Schaufel benutzt hatte, und wartete.
Der erste Reiter kam aus dem Wald; sein Pferd schnaubte und schüttelte den Kopf, als es den Brandgeruch einatmete. Der Reiter wendete es geschickt und trieb es näher heran, dann beugte er sich vor, um zu sehen, wer sie waren.
»Ihr seid das also, Fraser, wie?« Richard Browns faltiges Gesicht stellte jovialen Grimm zur Schau. Er warf einen Blick auf die verkohlten, rauchenden Holzreste, dann auf seine Kameraden. »Dachte ich mir doch, dass Ihr Euer Geld nicht nur mit dem Whiskyverkauf verdient.«
Die Männer – Roger zählte sechs Mann – rutschten im Sattel hin und her und prusteten vor Lachen.
»Zeigt etwas Respekt vor den Toten, Brown.« Jamie wies kopfnickend auf die Gräber, und Browns Gesicht verhärtete sich. Er richtete den Blick abrupt auf Jamie, dann auf Roger.
»Nur Ihr beide, wie? Was macht Ihr hier?«
»Gräber ausheben«, sagte Roger. Seine Handflächen waren voller Blasen; er rieb sich langsam mit der Hand über die Hose. »Was macht Ihr hier?«
Brown richtete sich abrupt im Sattel auf, doch es war sein Bruder Lionel, der die Frage beantwortete.
»Wir kommen aus Owenawisgu«, sagte er und wies mit einem Ruck seines Kopfes auf die Pferde. Roger folgte seinem Blick und sah, dass sie vier Packpferde dabeihatten, die mit Fellen beladen waren, und dass mehrere der anderen Pferde vollbepackte Satteltaschen trugen. »Wir haben das Feuer gerochen und wollten nachsehen.« Er senkte den Blick auf die Gräber. »Tige O’Brian, nicht wahr?«
Jamie nickte.
»Kanntet Ihr sie?«
Richard Brown zuckte mit den Schultern.
»Aye. Es liegt am Weg nach Owenawisgu. Ich habe ein paar Mal hier haltgemacht und mit ihnen zusammen gegessen.« Erst jetzt zog er seinen Hut und klebte sich mit der flachen Hand die Haarsträhnen auf den kahlen Schädel. »Gott sei mit ihnen.«
»Wer hat ihnen denn das Dach über dem Kopf angesteckt, wenn Ihr es nicht wart?«, rief einer der jüngeren Männer aus der Gruppe. Der Mann, seinen schmalen Schultern und seinem breiten Kinn nach ein Mitglied der Familie Brown, grinste völlig unpassend, weil er offensichtlich glaubte, einen Witz gemacht zu haben.
Das angesengte Papierstück kam mit dem Wind geflogen; es flatterte zu Rogers Füßen gegen einen Stein. Er hob es auf, trat einen Schritt vor und klatschte es Lionel Brown vor den Sattel.
»Sagt Euch das etwas?«, fragte er. »Es war an O’Brians Leiche geheftet.« Er klang aufgebracht und war sich dessen bewusst, doch es kümmerte ihn nicht. Sein Hals schmerzte, und seine Stimme kam als ersticktes Rasseln heraus.
Lionel Brown betrachtete das Blatt mit hochgezogenen Augenbrauen, dann reichte er es seinem Bruder.
»Nein. Das habt Ihr doch selbst geschrieben, oder?«
»Was?« Er starrte zu dem Mann hinauf, und der Wind zwang ihn zu blinzeln.
»Indianer«, sagte Lionel Brown und deutete auf das Haus. »Das waren Indianer.«
»Oh, aye?« Roger konnte die Untertöne in Jamies Stimme hören – Zweifel, Argwohn und Wut. »Was für Indianer? Die, denen Ihr die Felle abgekauft habt? Sie haben es Euch bestimmt erzählt, oder?«