Im Schatten des Wolfes [The Hallowed Hunt - de]
- Автор: Буджолд Лоис Макмастер
- Серия: Chalion (de) #3
- Год: 2006
- Язык: немецкий
- Год: Bastei L
- ISBN: 978-3-404-20547-9
- Переводчик: Alexander Lohmann
- Жанр: Фэнтези
Электронная книга - «Im Schatten des Wolfes [The Hallowed Hunt - de]». Краткое содержание книги:
Im zunehmend bleichen Licht des Nachmittags suchte Ingrey sich seinen Weg durch die gewundenen Straßen der Königsstadt. Er ging am alten Flussschiffer-Tempel vorüber, der von den Einwohnern des Hafenviertels besucht wurde, umrundete dann die Stadthalle und den freien Markt auf dem Platz dahinter. Der Markt schloss bereits für den Abend, und nur noch wenige Hausierer saßen unter ihren Markisen oder hatten ihre Waren auf Decken ausgebreitet: trauriges, übrig gebliebenes Gemüse oder Früchte, welke Blumen, Ausschussware aus Leder, durchwühlte Haufen mit neuer oder gebrauchter Kleidung. Ingrey suchte sich seinen Weg hangauf, zu den prachtvollen Anwesen in der Nähe der königlichen Halle, und umging mit Bedacht eine bestimmte Straße, um Hetwars Palast auszuweichen und die Wahrscheinlichkeit zu verringern, dass er jemandem über den Weg lief, den er kannte.
Das Stadtschlösschen des Kurgrafen von Rossfluten in Ostheim war ein Brautgeschenk der Prinzessin Fara. Die Fassade aus geschnittenem Naturstein war mit einem Fries springender Hirsche geschmückt, das für die Hirschendorn-Sippe stand. Nur das Banner über der Tür zeigte den laufenden Hengst über den gekräuselten Wassern der Lure, das Wappen des bedeutsamen alten Geschlechts derer von Rossfluten. Außerdem verkündete dieses Banner, dass der Graf derzeit hier wohnte.
Wohnte, aber im Augenblick nicht zu Hause war, wie Ingrey kurz darauf von den uniformierten Torwachen erfuhr. Der Graf und die Prinzessin mitsamt ihrem Gefolge waren bisher noch nicht von der Beerdigung zurückgekehrt und von den Feierlichkeiten, die in der Halle des Geheiligten Königs darauf folgten. Ingrey ließ den Pförtner in dem Glauben, dass er eine bedeutsame Nachricht des Siegelbewahrers Hetwar beförderte, und ließ sich sogleich in Wenzels Arbeitszimmer geleiten. Dort reichte man ihm ein Glas Wein und ließ ihn allein.
Er stellte den Wein unangetastet beiseite und ging in dem Gemach unruhig auf und ab. Die Nachmittagssonne kroch über die dicken Teppiche. Die Regale waren nur zur Hälfte gefüllt, meistenteils mit irgendwelchen staubigen Wälzern, die anscheinend mit dem Haus zusammen übernommen worden waren. Das schwere, geschnitzte Schreibpult war aufgeräumt, und keinerlei Schriften oder Korrespondenz war darauf zurückgeblieben. Eine vielversprechend aussehende Schublade erwies sich als verschlossen, doch Ingrey erkannte, dass es keine Rolle mehr spielte: Schon kündigten Schritte in der Vorhalle Wenzels Ankunft an, und im nächsten Augenblick bereits schwang die Tür auf. Das anstehende Gespräch würde vermutlich schon schwierig genug werden, auch wenn der Graf ihn nicht gerade dabei erwischte, wie er in seiner Post stöberte. Obwohl Ingrey bezweifelte, dass Wenzel dann überrascht gewesen wäre.
Der Graf trug immer noch die düsteren, höfischen Trauergewänder, in denen Ingrey ihn bei der Bestattungszeremonie gesehen hatte. Er streifte den langen Mantel ab, während er sich durch die Tür schob und sie hinter sich schloss. Dann faltete er das Tuch über seinem Arm und umrundete Ingrey, der wiederum einen Bogen um den Grafen beschrieb. Beide hielten wachsamen Abstand voneinander, als hingen sie an den unterschiedlichen Enden eines Seils.
Schließlich warf der Graf den Mantel über einen Stuhl und lehnte sich gegen die Kante des Schreibpults. Er verharrte reglos und gab keinen Vorteil an Größe oder Haltung preis, während er Ingrey prüfend musterte. Sein einziger Grüß war ein leises: »Gut, gut, gut …«
Ingrey bezog vorsichtig vor einem der nächsten Regale Stellung und verschränkte die Arme. »Was habt Ihr gesehen?«
»Ich hatte meine Wahrnehmung eingeschränkt, wie jedes Mal, wenn ich Gefahr laufe, den mit Sicht begabten Vertretern des Tempels zu begegnen. Aber mehr war auch nicht vonnöten. Ich konnte alles gut genug erschließen. Der Herbstsohn hätte Boleso nicht ungeläutert aufnehmen können, und doch hat Er ihn mit sich genommen. Es waren nur zwei Männer anwesend, die für diese Aufgabe in Frage kamen, und ich war mir gewiss, dass ich nichts in dieser Richtung unternommen habe. Nun denn. Eure Fertigkeiten schreiten geschwind voran, Schamane.« Seine angedeutete Verbeugung mochte spöttisch gemeint sein oder auch nicht. »Hätte Fara davon gewusst, und wäre sie in der Lage gewesen, es zu verstehen, hätte sie Euch gewiss gedankt, Wolfsherr.«
»Anscheinend«, antwortete Ingrey, »bin ich doch nicht auf Euch als einzigen Lehrmeister angewiesen. Pferdeherr.«
»Ach, hübsche neue Freunde habt Ihr da gefunden — bis sie Euch hintergehen. Wenn die Götter Ihr Spiel mit Euch treiben, Vetter, tun Sie es um Ihrer eigenen Ziele willen, nicht um der Euren.«
»Und doch scheint es so, als könnte ich nicht nur Boleso die Erlösung bringen. Ich könnte auch Euch von Eurer verborgenen Last befreien und von Eurer Furcht vor den Scheiterhaufen der Kirche. Wie wäre es, wenn ich Euch von Eurem Pferdegeist zu reinigen versuche?« Das war ein gefahrloses Angebot. Ingrey ging davon aus, dass Wenzel lieber seine Haut hergegeben hätte.
Der Graf kräuselte die Lippen. »Ach weh, da gibt es ein Hindernis: Ich bin leider nicht tot! Seelen, die noch fest der Materie verhaftet sind, geben ihre treuen Tiergefährten nicht preis, so wenig, wie Ihr mir das Leben selbst aus dem Leibe befehlen könntet.« Ingrey war sich nicht ganz sicher, was Wenzel seinem Gesicht entnahm, denn der Graf fügte noch hinzu: »Ihr glaubt mir nicht? So versucht es!«
Ingrey befeuchtete sich die Lippen, schloss halb die Augen und griff in sein Innerstes. Diesmal war er nicht vom Glanz und der Anleitung eines Gottes getragen, doch da er diese Aufgabe nun schon ein zweites Mal anging, konnte er den Mangel womöglich durch Selbstvertrauen wettmachen. Er spürte nach Wenzels Schatten, streckte die Hand aus und knurrte: »Komm!«
Es war, als würde er an einem Berg zerren.
Der Schatten entfaltete sich ein wenig, doch er folgte seiner Stimme nicht. Wenzel blickte verwundert auf und holte Atem. »Stark«, räumte er ein.
»Aber nicht stark genug«, gestand Ingrey seinerseits ihm zu.
»Nein.«
»Dann könnt Ihr mich auch nicht läutern«, führte Ingrey den Gedankengang zu Ende.
»Nicht, solange Ihr lebt.«
Ingrey spürte, wie sein sorgsam verfolgter Weg zwischen zwei einander entgegenstehenden Seiten — Wenzel und dem Tempel — gefährlich schmal wurde. Und wenn er sich nicht entschied, bevor ihm zu wenig Platz zum Drehen blieb, riskierte er, letztendlich beiden Mächten gegenüberzustehen. Es war gewiss besser, einen mächtigen Feind und einen mächtigen Verbündeten zu haben als zwei aufgebrachte Gegner. Aber wen sollte er wählen? Er atmete tief durch. »Ich habe heute Nachmittag überraschend einen alten Bekannten getroffen. Wir haben uns lange unterhalten.«
Wenzel hob fragend die Brauen.
»Cumril. Ihr erinnert Euch an ihn?«
Wenzels Nasenflügel bebten, als er scharf die Luft einsog. »Ah.«
»Zufälligerweise stellte sich heraus, dass er genau der Mann war, nach dem Ihr ebenfalls gesucht habt. Ihr erinnert Euch, wie Ihr darauf bestanden habt, Boleso müsse einen abtrünnigen Zauberer unter seine Kontrolle gebracht haben? Nun, Cumril war der Betreffende. Ich habe ihn auf Burg Keilerkopf nicht gesehen, weil er mich leider zuerst erkannt hat und mir aus dem Weg ging.«
Wenzels Augen funkelten interessiert. »Das mag gar kein so großer Zufall gewesen sein. Abtrünnige Zauberer sind dünn gesät, und die Kirche verwendet viel Mühe darauf, ihre Reihen noch weiter zu lichten. Cumril war zumindest einer, von dem Boleso schon gehört hatte und nach dem er insgeheim forschen konnte.« Er zögerte. »Es muss eine interessante Unterredung gewesen sein. Hat Cumril sie überlebt?«
»Für den Augenblick.«
»Und wo ist er nun?«
»Das kann ich nicht sagen.« Nicht genau.
»Irgendwann in allernächster Zukunft werde ich des Spiels müde sein und Euch nicht mehr alles durchgehen lassen. Ich habe einen langen und unerfreulichen Tag hinter mir.«
»Also gut. Dann komme ich gleich zur Sache. Ich habe eine Frage an Euch, Wenzeclass="underline" Warum wolltet Ihr mich dazu bringen, Ijada zu töten?« Das war nicht ganz ein Schuss ins Blaue, aber trotzdem hielt Ingrey den Atem an und wartete ab, was er dabei treffen würde.