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Georgs Sorggen um die Vergangenheit

Электронная книга - «Georgs Sorggen um die Vergangenheit». Краткое содержание книги:

Georg wächst in einer der schönsten Wohngegenden Prags in einem summenden Frauenhaushalt auf. Leider zur Zeit des politischen Terrors, der überirdischen Atomtest und später des brutal unterdrückten Reformversuchs von '68. Umstellt von seinen vielen Tanten mit Kriegstraumata, dem tyrannischen Onkel ONKEL und der überstrahlend-schönen Mutter hält er an seiner Überzeugung fest, unter der Schirmherrschaft eines gewissen Heiligen eine helle Zukunft zu finden — trotz der totalitären Verhältnisse, der zerfallenden Prager Bausubstanz und der familiären Zwänge.
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Da ich es hasse, wenn man von Prosaschreibern mit bedeutungsbeladenen Träumen belästigt wird, würde ich in diesem alles andere als kurzen Text niemals einen Traum festhalten wollen, wenn es nicht unbedingt nötig wäre. Beschreibungen sprachfreier Bilder finde ich sowieso dröge — nur um Olfaktorisches sich bemühende Traktate sind noch peinlicher. Und Traumschilderungen sind einfach das Allerschlimmste, weil sie dank der Wichtigkeit jedes noch so seltsamen Details viel zu viel Erzählraum beanspruchen. Meine Träume sind in der Regel sprachlos und duftlos. Am liebsten würde ich über bilderlose Düfte träumen und gespannt abwarten, ob sie noch stärkere Schocks auslösen können als einen anspringende Mosen in der Realität. Und schließlich würde ich alles für mich behalten.

Der folgende Traum ist ein reiner Bildtraum: Ich betrete einen Raum, in dem meine ältere Cousine mit Hilfe einiger Tanten und Großmütter uriniert. Sie kniet oder sitzt seitlich — verkrampft und unbequem — auf ihrem Bett, neben ihr steht ein Nachttopf. Das, woraus sie uriniert und was sie des Gewichts wegen mit beiden Händen halten muß, ist ein riesengroßer, fetter und dunkelhäutiger trotzdem allesandere als erigierter — Penis. Er ist groß wie eine mittelgroße Salami, leicht gebogen wie eine Mettwurst, gefärbt wie erythrozytenreiche Blutwurst im Echtdarm, prall wie Schinkenpolnische. Sagen wir etwa dreißig Zentimeter lang, im Durchmesser an die sieben Zentimeter stark. An die Proportionen dieses Organs im erregten Zustand wage ich gar nicht zu denken. Die arme Cousine braucht in ihrer beschwerlichen Position unbedingt die Hilfe aller beteiligten Frauen — den pissenden Fettschwanz versorgt sie allerdings allein. Dieser wirkt in diesem recht instabilen Körperarrangement — in dieser Schwanz-Pietä sozusagen — wie der ruhende Mittelpunkt. Alle die in ihrer Schräg- oder Bücklage erstarrten Weibsbilder sehen mich gequält und leidend an, ich schaue lange zurück und täusche Verständnis vor, nicke mit dem Kopf.»Ich weiß, ich weiß Bescheid«, versuche ich damit zu sagen. Eine andere Bezeichnung für das ganze Bildnis könnte lauten:»Ecce-Penis«. Ich deute den Verschwörerinnen gestisch und mimisch das Versprechen an, über die Mißbildung der Cousine niemandem zu erzählen. Und ich verlasse wieder den Raum, um die weitere Versorgung der Gehandicapten nicht zu stören.

Hinter den Türen wurde bei uns natürlich ausgiebig auch über körperliche Intim-Angelegenheiten gesprochen. Zwar nur selten, dafür aber laut genug. Sexuell aktiv waren bei uns nur meine Mutter und Tante Erna mit ihren wechselnden Auserwählten, und wenn etwas Sexprivates zu erfahren war, dann eben bei diesen beiden Frauen. Ich und meine jüngere, mit mir mehr verbündete Cousine hörten einmal hinter einer Tür zu, als sich unsere Tante Erna mit der Großmutter Lizzy beriet — und ihr einige ihrer Probleme und Eigenarten erläuterte.

— Ich will noch auf den letzten Millimetern die Freiheit haben, NEIN zu sagen, bevor er reinkommt. Weiß du, was ich meine? — Ja, natürlich. Es ist aber störrisch.

— Und was soll ich tun?

— Du mußt nachgeben — und möglichst mit Freude. Ich hatte für mein Leben noch ganz andere Regeln. Die Frau muß lernen zu schweigen. Merk dir das.

In der Unterhaltung kamen die beiden später wieder auf das ORGAN zu sprechen, das Tante Erna offenbar noch weitere Probleme bereitete. Da ich und meine Cousine aber mit Grübeln über die Bedeutung der» letzten Millimeter «beschäftigt waren, hatten wir die Überleitung leider verpaßt.

— Du bist da vielleicht etwas entzündet, vielleicht kratzt du dich mit dem harten Klopapier an deinem Zäpfchen — beim Abwischen. Du mußt aufpassen. Oder kaufe dir für die Devisen das weiche Westpapier, es ist dreilagig, deswegen sind die einzelnen Schichten besonders zart.

— Das ist mir für das bißchen Pisse zu schade. Ich möchte mit dir aber noch etwas anderes besprechen.

— Ja?

— Auf keinen Fall aber weitererzählen!

— Nein, keine Angst.

— Wenn ich stark erregt bin, kommt aus mir so viel Flüssigkeit heraus, daß ich mich schäme. Es spritzt regelrecht aus mir. Vielleicht entwickele ich auch deswegen diese Angst, deswegen vielleicht dieses Zumachenwollen.

— Was für eine Flüssigkeit? fragte ich die Cousine anschließend.

— Weiß ich nicht, keine Ahnung — die spinnt einfach.

Viele Erkenntnisse über die Weiblichkeit und weibliche Körperlichkeit mußte ich mir im Leben allein erarbeiten. Daß in der Regel die Frau den Mann wählt und daß die Frau nicht nur wählen, sondern in Paarungsangelegenheiten auch letztendlich entscheiden sollte, empfand ich aus folgendem Grund vollkommen verständlich: Die Penetration und alle anschließenden Befruchtungs-, Keimungs- und Reifungsvorgänge spielen sich nun mal in der Frau, also an oder innerhalb ihrer Körpergrenzen ab. Normalerweise jedenfalls.

Wie bereits geschildert rutschte der Aufklärungswille meiner Mutter gegen null, wenn ausgerechnet reale Ganzkörpernacktheit im Spiel war. In unverfänglicheren Situationen wurde sie aber sofort wieder pädagogisch aktiv. Wenn vor uns ein weibliches Wesen lief, dem man unterhalb des Minirocks zwischen den Schenkeln hindurchsehen konnte, forderte mich meine Mutter auf, diesen Spalt zu beurteilen. Daß die stoffsparende Mode ausgerechnet in den sechziger Jahren aufkam, war dafür äußerst günstig.

— Was meinst du, ist es schön oder nicht? Gefällt es dir?

— Sieht gut aus, schlanke Beine sind immer schön.

— Nein! meinte sie unwirsch. Wenn sich die Schenkel einer Frau nicht berühren, ist es unvorteilhaft. Sieht man bei mir etwa durch? Nein! Na bitte.

Unschön fand meine Mutter außerdem, wenn eine Frau unproportioniert lange Beine hatte — wenn der Oberkörper also unnatürlich kurz wirkte. Das Tschechische hat für dieses Phänomen sogar einen speziellen Ausdruck parat:»vysoke chcani«, was übersetzt nichts anderes als» HOHES PISSEN «bedeutet. Wenn zu dieser Disproportionalität noch ein viel zu kurzer Hals hinzukam, war meine fundamental-darwinistisch tickende Mutter nicht zu beruhigen.

— Guck dir das an, das geht so nicht.

Manchmal deutete sie draußen in der Öffentlichkeit auf junge Frauen, die sie besonders attraktiv fand. Wenn sie an ihnen aber doch etwas Unvollkommenes entdeckt hatte, urteilte sie relativ grausam:

— Sie könnte eigentlich ansprechend aussehen, aber nur bei einer bestimmten Beleuchtung.

Daß manche Damen es nicht sein lassen konnten, in Richtung meines Unterleibs zu starren, mußte ich auch bald feststellen. Als ich einer Nachbarin aus unserer Straße einmal etwas vorbeibringen mußte, war sie ausgesprochen NETT zu mir, lächelte mich pausenlos an, schmeichelte mir, redete immer weiter, so daß ich aus ihrer stickigen Wohnung ewig nicht herauskam. Und weil ich nicht unhöflich sein wollte, blieb ich und hörte mir ihre vollkommen übertriebenen Loblieder weiter an. Sie schwärmte über meine Erfolge in der Schule und beim Ausdauersport, erwähnte meine handwerklichen Großtaten, über die ihr berichtet worden war. Als ich mich langsam rückwärts in Richtung Tür schob und aus der Tür trat, blieb sie noch im Türrahmen stehen, sah mir intensiv in die Augen, nagelte mich also auch noch im Treppenhaus fest. Dabei konnte sie es nicht lassen, immer wieder kurz meinen halbgeöffneten Hosenstall zu mustern. Ich hatte bereits vor einer ganzen Weile gemerkt, daß der Reißverschluß nach unten gerutscht war, war aber zu stolz, ihn unter dem aufgebauten Druck nach oben zu ziehen. Erst Stunden später begriff ich, daß diese Frau möglicherweise davon geträumt hatte, von mir verführt zu werden — wenn nicht gleich, dann eventuell irgendwann später. Daß ich noch etwas nachreifen könnte, war in ihrem Blick auch noch verborgen gewesen, hatte ich den Eindruck. In ihrer Penetranz sprach sie auf alle Fälle eine Art unverbindlicher Einladung für die Zukunft aus. Und ich habe sie und ihre Offerte nicht vergessen, wie man sieht.

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