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Das Leben des Klim Samgin

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Das Leben des Klim Samgin
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»Nein, wieso? Ihre Schönheit verlangt einen würdigen Rahmen, Wolodjka ist reich. Interessant, Gutherzig bis zur Lächerlichkeit. Er hat sein juristisches Studium beendet, augenblicklich studiert er Geschichte und Philologie. Übrigens arbeitet er nicht, er ist verliebt, aufgestört und überhaupt auf den Kopf gestellt.«

Makarow zündete sich eine Zigarette an, ließ das Hölzchen zu Ende brennen und warf statt dessen die Zigarette auf den Teller. Er war sichtlich berauscht, auf seinen Schläfen trat Schweiß aus, Klim sagte, er wolle sich Moskau ansehen.

»Fahren wir auf die Sperlingsberge«, schlug Makarow angeregt vor.

Sie verließen das Restaurant und nahmen eine Droschke. Makarow, der auf den gekrümmten, straff von dem blauen Rock umspannten Rücken des Kutschers starrte, sagte:

»Moskau verwirrt ein wenig die Sinne. Ich bin von ihm behext, bezaubert und fühle, daß ich hier verblödet bin. Findest du das nicht? Du bist liebenswürdig.«

Er nahm seine Mütze ab. An seiner Schläfe klebte eine Haarsträhne, nur sie allein war unbeweglich, während die übrigen Wirbel sich regten und bäumten. Klim seufzte: von einer prachtvollen Schönheit war Makarow. Er sollte die Telepnew heiraten. Wie dumm war das alles. Durch den ohrenbetäubenden Straßenlärm hörte Klim:

»Phantastisch begabt sind die Menschen hier. Wahrscheinlich waren von dieser Art die Menschen der Renaissance. Ich zweifle: wo sind hier Heilige, wo Betrüger? Beides findet sich fast in jedem gleichzeitig. Und die Menge derer, die das Kreuz auf sich genommen haben! Und um wessentwillen? Der Teufel weiß es. Du mußt das verstehen...«

Klim blickte seinen Kameraden argwöhnisch von der Seite an:

»Warum ich?«

»Du bist ein Philosoph, du siehst mit Gelassenheit auf die Dinge...«

»Wie harmlos er ist«, dachte Klim. »Du hast ein gutes Gesicht«, sagte er und verglich Makarow mit Turobojew, der die Menschen mit dem Blick eines Leutnants maß, der alle Zivilisten verachtet. »Du bist auch ein guter Junge, wirst aber wohl durch das Trinken auf den Hund kommen.«

»Möglich«, gab Makarow gleichmütig zu, als wäre nicht von ihm die Rede. Doch daraufhin schwieg er, in Gedanken verloren.

In den Sperlingsbergen kehrten sie in einem verlassenen Gasthaus ein. Der dicke Kellner führte sie auf die Veranda, auf der ein Maler die Fensterrahmen weiß anstrich, brachte dann Tee und befahl in hastiger Rede einem Glaser:

»Störe die Herrschaften nicht, sich an der Schönheit zu erfreuen.«

»Er ist aus Kostroma«, stellte Makarow fest, er blickte in die unsichtbare Weite, auf die brokatene Stadt, die mit den goldenen Flecken der Kirchenkuppeln reich durchwirkt war.

»Ja, es ist schön«, sagte er leise. Samgin nickte zustimmend, bemerkte aber sogleich:

»Ein bedingter Begriff.«

Makarow antwortete nicht. Er schob das Glas, in dessen roter, von einer Zitronenscheibe bedeckter Flüssigkeit ein Sonnenstrahl badete, von sich, stemmte die Ellenbogen auf den Tisch und versenkte die Finger in seine dichten, zweifarbigen Haarwirbel.

Moskau verführte Klim nicht zur Begeisterung. Für seine Augen ähnelte die Stadt einem ungeheuerlichen Honigkuchen, in schreienden Farben bemalt, mit opalenem Staub gepudert, und brüchig. Als von Schönheit gesprochen war, zog Klim es klug vor zu schweigen, wenngleich er seit langem bemerkt hatte, daß man immer häufiger von ihr sprach, und dieses Thema ebenso gewöhnlich wurde wie das Wetter und die Gesundheit. Er verhielt sich gleichgültig gegen die allgemein anerkannten Naturschönheiten, da er fand, daß Sonnenuntergänge ebenso gleichförmig waren wie der gesprenkelte Himmel frostiger Nächte. Weil er aber fühlte, daß Schönheit ihm unzugänglich sei, begriff er, daß es ein Mangel seiner Natur war. In der letzten Zeit erbitterte ihn sogar die ständige Verherrlichung der Naturschönheiten und weckte in ihm die Befürchtung, ob nicht vielleicht Lidas Widerwille gegen die Natur ihm diese Kälte eingeflößt habe.

Ihn hatte Turobojew sehr verwirrt, der, um Jelisaweta Spiwak und Kutusow zu ärgern, spottlustig gefragt hatte:

»Wenn nun aber unsere ganze Schönheit nichts ist als der Pfauenschweif der Vernunft, eines ebenso dummen Vogels wie der Pfau?«

Klim verblüffte die Frechheit dieser Worte, und sie legten sich noch fester in sein Gedächtnis, als Turobojew im Streit fortfuhr:

»Je leuchtender und schöner ein Vogel ist, desto dümmer ist er, aber je häßlicher ein Hund ist, desto klüger ist er. Das trifft auch auf die Menschen zu: Puschkin sah wie ein Affe aus, Tolstoi und Dostojewski sind keine Schönheiten, ebensowenig wie überhaupt alle klugen Köpfe.«

Das lyrische Schweigen Makarows ärgerte Klim. Er fragte:

»Denkst du an Puschkins ›Moskau! Wie schrecklich ist dem Russen dein freudloses Gesicht!‹?«

Makarow maß ihn mit nüchternen Augen und antwortete nicht. Das mißfiel Klim, es erschien ihm unhöflich. Seinen Tee schlürfend, sagte er in einem Ton, der Aufmerksamkeit heischte:

»Wenn man von Schönheit spricht, scheint es mir, daß man mich ein wenig betrügt.«

Makarow zog heftig die Finger aus seinem Haar, nahm die Ellenbogen vom Tisch und fragte befremdet:

»Wie hast du gesagt?«

Klim wiederholte seinen Ausspruch und fuhr fort:

»Was ist Schönes an einer Wassermasse, die in einem Abstand von sechzig Werst aus einem See in ein Meer fließt? Aber jeder sagt, die Newa sei schön, während ich sie langweilig finde. Dies berechtigt mich, zu denken, daß man sie schön nennt, um die Langeweile zu verdecken.«

Makarow trank rasch den abgestandenen Tee aus, kniff die Augen zu und sah Klim aufmerksam ins Gesicht.

»Den gleichen Wunsch, sich selbst die Dürftigkeit der Natur zu verheimlichen, sehe ich in den Landschaften Lewitans, in den lyrischen Birkenbäumchen Nesterows, in den leuchtend blauen Schatten auf dem Schnee. Der Schnee blinkt wie der Beschlag der Särge, in denen man junge Mädchen zu beerdigen pflegt, er schneidet die Augen, blendet. Blaue Schatten gibt es in der Natur nicht. All das wird zum Zweck des Selbstbetrugs erdacht, damit man gemütlicher leben kann.«

Klim, der sah, daß Makarow aufmerksam zuhörte, sprach zehn Minuten lang. Er erinnerte sich der finsteren Klagen der Nechajew und vergaß nicht, den Ausspruch Turohojews über den Pfauenschweif der Vernunft anzubringen. Er hätte noch eine ganze Menge sagen können, aber Makarow murmelte:

»Erstaunlich, wie all das mit Lidas Gedanken zusammenfällt.«

Sich die Stirn reibend, fragte er:

»Was willst du eigentlich?« und lachte verlegen.

»Ich weiß nicht, was ich fragen soll ... es ist so seltsam ...«

Plötzlich schoß ihm das Blut ins Gesicht, sogar die Ohren färbten sich dunkel. Seine Augen blitzten im Zorn, als er halblaut zu sprechen anfing:

»Mich berühren diese Fragen nicht, ich sehe die Dinge von einer anderen Seite und finde, die Natur ist ein Schwein, vernunftlos und böse. Kürzlich hatte ich die Leiche einer Frau, die an einer Geburt gestorben war, zu präparieren. Mein Herzchen, hättest du gesehen, wie zerfleischt und verstümmelt sie war! Bedenke nur: der Fisch laicht, das Huhn legt Eier ohne Schmerzen, das Weib aber gebärt unter teuflischen Qualen. Weshalb?«

Makarow zählte die lateinischen Bezeichnungen von Körperorganen auf, deren Umrisse er mit den Fingern in der Luft malte und stellte vor Klims Augen rasch und zornig etwas so Abscheuliches dar, das Klim ihn bat:

»Hör auf!«

Sich in immer heftigere Empörung steigernd, sagte Makarow, wobei er mit dem Finger auf den Tisch klopfte: »Nein, bedenke doch nur: weshalb das alles, wie?« Klim fand die Empörung seines Freundes naiv und ermüdend und hatte Lust, Makarow die Erwähnung Lidas heimzuzahlen. Er lächelte boshaft:

»Nun, beschäftige dich doch mit Gynäkologie, dann kannst du Frauenarzt werden. Deine äußere Erscheinung ist vorteilhaft.«

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