Georgs Sorggen um die Vergangenheit
- Автор: Faktor Jan
- Год: 2010
- Язык: немецкий
- Год: Kiepenheuer & Witsch
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Georgs Sorggen um die Vergangenheit». Краткое содержание книги:
Wieso sich meine Frau vor mir nicht würde zieren müssen, war klar: weil sie mir davor schon ALLES AUSGIEBIG GEZEIGT haben würde. Ungeklärt blieb für mich dabei nur, ob der tiefgreifende Zauber des Mösenreiches von meinen ausgiebigen Studien würde unberührt — also auf Dauer unberührt — bleiben können. Ich mußte mich erst einmal gedulden — eine Klärung war auf Anhieb nicht zu haben. Als ein wahrer Wissenschaftler freute ich mich darüber, daß eine so breitgefurchte Forschungsarbeit noch vor mir lag, und es war mir egal, wie anstrengend sie sein würde. Wie werden — grübelte ich wiederholt — in einem die Anziehungskräfte der Möse überhaupt genährt, wenn man sie normalerweise nie zu Gesicht bekommt? Oder von einem anderen Ende gefragt: Wie soll man unter diesen Bedingungen die in einem aus den Untiefen kommende Mösenbesessenheit durch Blickkontakt und die entsprechende Bildbearbeitung überhaupt kultivieren? Und wie sollen — frage ich mich bis heute — die an die Evolution angeketteten Männermännchen sie verfeinert haben, wenn der aufrechte Gang die Mösenstellung so gravierend und recht plötzlich verändert hat? Warum jagen den Männern vulvale Sichtattacken angeblich Angst ein, wie ich einmal gelesen habe? Es kann doch nicht einfach daran liegen, daß dies das eine oder andere Mal im ungünstigen Moment oder bei ungünstiger Beleuchtung geschieht! Fragen über Fragen. Zu dieser Problematik hat, nebenbei gesagt, ein bedeutender experimenteller Dichter des zwanzigsten Jahrhunderts bereits vielsagende Sprachspiele angefertigt:»… das Gekröse wird immer gekröser, das Böse immer böser, das Lotterielose lotterieloser, das Möse immer möser…«Heute will ich gar nicht mehr so viel zu sehen bekommen. Die phantasiegenerierten Bilder, die man sich jederzeit heraufholen kann, sind nicht nur viel reiner, sie sind sogar anziehender. Wenn sich mir zufällig ein Blick auf eine freigegebene Mösenquelle bietet, sage ich zwar nicht nein, sehe aber — von Extremfällen wie bei Yvette abgesehen — eher ungerührt hin. Und beschäftige mich mit dem Mösenreich wie ein unparteiischer Juror unter beispielsweise mechanisch-praktischen Gesichtspunkten. Es ist in der Tat unglaublich, wie sich die Schamgegend der Frau für den Betrachter verändert, wenn sich diese schamlos bückt — dies geschieht nämlich überhaupt nicht zum Besten des gehüteten Heiligtums. Der Schamhügel drückt sich dabei mit Gewalt zwischen die Schenkel und ist plötzlich viel zu weit nach hinten verlagert, befindet sich jedenfalls woanders, als es sich ein Unkundiger ausmalen würde. Zusätzlich ziehen sich die Schamlippen dank geheimnisvoller Ziehkräfte auseinander, und der ganze Vulvabereich wirkt großspurig verunstaltet. Die Vulva blüht dabei nicht frühlingshaft, sondern geradezu herbstlich auf, so daß man sich Sorgen zu machen beginnt, sie könnte auch einmal ganz verblühen — bei fehlender Vorsicht und Pflege beispielsweise. Das Gewalttätige der Wirkung in Extremlagen geht eindeutig auf das Kontrastprogramm zurück, das die möseale Anschauungspalette einem normalerweise bietet. Im Ruhezustand präsentiert sich die eher nach innen gekehrte Gegend unaufdringlich und zart — um so härter kommt dann der Hüpfer ins Gesicht, wenn die Möse in die Offensive geht! Als ob sie in diesem Moment aufhören würde, sich an die geltenden Regeln zu halten.
Meine Mutter und ich gingen in der DDR selbstverständlich nie freiwillig zum FKK-Strand wie die schamlosen DeDeRons. Einmal aber waren wir auf Hiddensee wandern, und als wir aus einem Wäldchen und einem Schilfstreifen auftauchten, standen wir plötzlich mitten in deminkriminierten Strandabschnitt — und mußten einfach hindurch. Die vielen nackten Menschen wirkten auf mich wie eine siegreiche Armee — sie waren selbstbewußt und schienen unverletzbar zu sein. Das verdankten sie dem Umstand, reimte ich mir zusammen, daß sie als Sieger keinen Schutz mehr nötig hatten. Ihre — wie mir schien — spöttischen Blicke deuteten sogar noch mehr an: Diese Menschen würden eventuell auch außerhalb des Strandes nicht einfach zu erschüttern sein. Ich sah die entspannt liegenden Frauen und fühlte mich in der blendenden Sonne irgendwann — trotz meiner Kleidung — fast genauso unschuldig wie sie. Meine Mutter mahnte mich trotzdem mehrmals. Ich hörte in ihrer Stimme pures Entsetzen und verstand es nicht ganz.
— Guck nicht hin, nedivej se tarn, nedivej se! schrie sie mich an — sie, meine angeblich praxisnahe Ausbilderin!
Auf mich wirkten auch diejenigen der nach der Sonne ausgerichteten FKK-Damen unschuldig, die mir ihren Schamhügel — wenn dieser auf dem Sandburggefälle höher lag als ihr Kopf — regelrecht frontal entgegenschoben. Wenn sie dabei wie nebenbei noch den Kopf hoben, war das der Gipfel. Sie sahen einen vollkommen ungerührt an — zivil wie beim Einkaufen. In meiner FKK-losen und — feindlichen Heimat hätte ich Nacktmösen — garniert mit solch ruhigen Blicken — niemals zu Gesicht bekommen. Ein typisches Exemplar einer absoluten Schamkünstlerin war Vaters Frau. Wenn sie unterwegs in der Natur urinieren gehen mußte, verschwand sie für mindestens zwanzig Minuten. Auch im dichten Wald ging sie extrem weit, so daß man sie auch mit einem Feldstecher nicht hätte sehen können. Da sie leider eine schwere Orientierungsschwäche hatte, mußte man sie manchmal suchen gehen.
Eine ähnlich selbstverständliche und angenehm asexuelle Atmosphäre wie an dem Ostsee-Strand erlebte ich später noch einmal, als ich beruflich mit einer Ballettruppe zu tun hatte und mit den Tänzern und TÄNZERINNEN auf Tourwar. Beim Umziehen vor den Auftritten schnippelten die Frauen seelenruhig an ihren Schamhaaren herum, grätschten dabei ihre Beinchen — und kümmerten sich überhaupt nicht darum, ob ihnen jemand ins Guckloch sah. Man sah auch nicht hin, ich bald auch nicht mehr. Wir waren alle Profis und betrachteten unsere Körper nüchtern als Arbeitsgeräte. Auch in die Duschen gingen wir gemeinsam und redeten dabei nicht anders als beim gemeinsamen Frühstück.
Kleine Stücke nackter Haut zu sehen ist im Grunde aufregend genug. Zum Nachdenken über das Eigentliche reicht es vollkommen, und wenn es um die Geheimnisse der hier behandelten Anziehungskräfte des weiblichen Körpers geht, ist es sowieso egal, an welchem Punkt man dabei ansetzt. Ich habe meine — bitte nicht lachen — NEUE BESCHEIDENHEIT relativ spät, erst inmitten des in unserem Land neuetablierten Kapitalismus entwickelt, obwohl die mitgekommene Überflutung mit sexuellen Reizen teilweise erschreckend war. Zum Glück erregt mich also wieder — fast wie in alten Zeiten — schon der Anblick kleinster Ausschnitte warmer Frauenhaut. Ein Stück Schulter, die Ansatzsteigung der Brüste, ein Streifen Haut unter einer hochgerutschten Bluse, der Bauchnabel eines sich streckenden Oberkörpers — solche Details bombardieren mich mit ausreichender Sprengkraft. Auf diesen fruchtbaren kleinen Feldern ist schon alles Wichtige vorhanden, hier können die Keime der Verschmelzung und Vermehrung eine ausreichende Menge Fadennetze auswerfen und können von hier aus mit ihren Wurzeln — wenn gewünscht — weiter in die Tiefe tauchen. Früher war für mich sogar ein heißer Blick auf der Titelseite einer lächerlichen sozialistischen Zeitschrift aufregend genug gewesen. Meine neue Bescheidenheit hat also eine lange Vorgeschichte.
Bewegliche oder unbewegliche Pornoerzeugnisse konnte ich mir in der damaligen Zeit nicht besorgen; nachdem sie mit dem Kapitalismus angeschwemmt kamen, brauchte ichdie traurigen, beweglichen oder unbeweglichen Bilder nicht mehr. Als ich einmal — mitten in den neuen Zeiten — von weitem eine Serviererin sah, die im Vorgarten eines Cafes in einem hautfarbenen Oberteil bediente, lief ich in ein Blumenbeet hinein und verlor vor innerem Aufruhr beinah das Gleichgewicht. Ich war wie unter Schock. Ich hatte im ersten Moment gedacht, diese selbstbewußte Frau wäre oben vollkommen entblößt, liefe so in aller Öffentlichkeit. Und noch während der Betäubung und beim Anblick der zertretenen Blumen wurde mir klar: Nur das treibt mich an, nur diese Kraft bringt mich weiter, nichts anderes. An dem Tag war ich — auch weil gerade subtropische Temperaturen herrschten — zu nichts mehr zu gebrauchen.