Georgs Sorggen um die Vergangenheit
- Автор: Faktor Jan
- Год: 2010
- Язык: немецкий
- Год: Kiepenheuer & Witsch
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Georgs Sorggen um die Vergangenheit». Краткое содержание книги:
— Da muß er durch.
In seiner Abwesenheit wurde in seiner Schrankburg ein Gefäß entdeckt, das ich und meine jüngere Cousine komischerweise nicht zu untersuchen gewagt hatten. Darin bewahrte der Onkel irgendeine seltsame Substanz auf, die wie Schießpulver aussah. Wie sich herausstellte, handelte es sich um die Überreste seines Bruders, der schon recht früh an einem Infarkt gestorben war. Dieser eingeäscherte Onkelbruder sollte eigentlich in einem Urnenhain bestattet werden, aus Kostengründen schob es Onkel ONKEL aber immer weiter hinaus — bis alle den zwischengelagerten Aschemann vergaßen.
— Diese Kulturlosigkeit! regte sich Eva auf und bedauerte wie schon oft, sich von ihrem Mann nicht längst getrennt zu haben. Jetzt geht es natürlich nicht mehr, meinte sie.
Nachdem der Onkel aus dem Krankenhaus gekommen war, jammerte er konsequent bei jeder Gelegenheit, in der er sich ungerecht behandelt fühlte. Besonders dann, wenn ein zu ehrliches Wort in seine Richtung fallengelassen wurde.
— Macht nur so weiter, ich werde sowieso nicht mehr lange da sein.
Nach der anschließenden Rehabilitation verordnete er sich — als Ausgleich zu den vielen Ungerechtigkeiten dieser Welt und im Widerspruch zu allen moderneren Fachmeinungen — eine so radikale Schonung, daß er danach noch fast vierzig Jahre am Leben blieb. Auf diese Weise schaffte er es sogar, am Ende die gesamte Frauenschar zu überleben.
Daß unseren Messer-Jossip, der sich bei uns einmal die Hand durchstochen hatte, ein langes Leben erwartete, war eher unwahrscheinlich. Ein Mensch wie Jossip konnte ich also auch nicht werden wollen. Jossip verstümmelte sich aus Wut immer wieder mal, seine Wunden waren inzwischen teilweise gut sichtbar. Ihm fehlte ein Stück von einem Ohr (»für Vincent«), dann kamen zwei Fingerkuppen hinzu. Er hatte tiefe Schnitte am Oberarm, einmal durchstach er sich sogar seinen Oberschenkel.
— Ich weiß doch, wo die Schlagadern langlaufen, Leute… Nach seinen alkoholbefeuerten Gewaltakten ging es ihmimmer viel besser. Er lief wieder ruhig und zufrieden herum, erzählte offen und fröhlich von der aktuellsten Selbstbestrafung, wirkte wie erlöst. Franz Kafka, der Meister des Kristallklaren, hätte für mich unter den vielen Pragern vielleicht noch den besten aller Väter abgegeben haben können — seinerzeit. Ich stellte ihn mir in dieser Rolle jedenfalls einmal vor, und es klappte recht gut. Sagte der aufmerksame Franz doch an der Ostsee zu seinem kleinen Neffen, der gerade gestolpert und hingefallen war:
— Wie geschickt bist du gefallen und wie geschickt wieder aufgestanden!
Mir blieb wirklich nichts anderes übrig, als mich an den Frauen zu orientieren. Von deren Körpern und ihrer gesamten Präsenz ging eine derartige Kraft aus, daß mit ihnen auch die wagemutigsten Muskelprotze, die mich ebenfalls in freudige Erregung versetzen konnten, nie mithalten konnten. Es gab natürlich auch warnende Stimmen um mich herum.
— Der Junge wird hier in eurer Weiberherde noch verrückt.
Als ich einmal im Ferienlager den falschen Waschraum angesteuert hatte, überraschte ich eine unscheinbare, unter den Jungs für ihren Busen allerdings berüchtigte Küchenfrau, die sich gerade ihren Oberkörper einseifte. Ich blieb in der Tür stehen, sie war allein. Sie kreiste mit ihrem Waschlappen ausdauernd um ihre beiden Brüste herum und setzte ihr Kreisen, nachdem sie mich im Spiegel bereits entdeckt hatte, noch ein wenig fort. Sie sah mich dabei leicht schuldbewußt an wie eine Onanistin — wie ein Mensch, der um Vergebung bitten müßte. Und sie bedeckte sich mit ihren Armen erst dann, nachdem ich ihr blickgefunkt hatte, die an mich gerichtete Bitte akzeptiert zu haben. Strenggenommen vollzog die Frau ihre Schamreaktion recht spät, und ich war mit damals sicher: Sie wollte mir ihre beiden Busenbabys, auf die sie wahrscheinlich stolz war, tatsächlich vorführen. Ich verschwand dann einfach, ohne etwas zu sagen, und ließ die Frau als diejenige dastehen, die etwas Unrechtes getan hätte.
Die nächste frühe Entdeckung eines vollkommen nackten Frauenkörpers war etwas spektakulärer. Als meine Mutter und ich einmal in Ostrau — in ihrer Geburtsstadt — Station machten, übernachteten wir in einem Hotel. Meine Mutter ging abends noch allein spazieren und ließ mich in unserem Doppelbett allein. Daraufhin ging ich auch hinaus. Ich kletterte aufs Fenster und untersuchte den breiten Sims, der sich entlang der ganzen Fassade zog und den ich schon im Hellen entdeckt hatte. Es war ein lauer Abend, und ich verließ das Zimmer voller Leichtigkeit. Aus dem dritten Stock sah ich den großen Teil der Innenstadt und hatte dabei das Gefühl, Ostrau gerade auch für mich zu erobern. Ich lief an der Fassade lang und konnte immer weiter vordringen — auf dem Weg ums Haus herum gab es absolut keine Hindernisse. Wie im Sozialismus üblich blätterte überall der Putz ab, der Sims war voll davon, wirkte an sich aber stabil. Schon im übernächsten Nebenzimmer kam die große Überraschung: Ich sah durch die Vorhänge eine nackte Gestalt und konnte mein Glück im ersten Moment kaum fassen. Die Frau war nicht die jüngste, nicht die schlankste, sie bewegte sich trotzdem sehr anmutig wie ein junges Mädchen — und vor allem vollkommen ungezwungen. Ich schwankte in meiner Begeisterung etwas, hinter meinem Rücken hatte ich zum Glück noch zehn bis zwanzig Zentimeter betretbarer fester Fläche — und mir ging es gut. Am liebsten hätte ich gehüpft und getanzt. Die Nackte beschäftigte sich mit ihrer Garderobe, hielt ihre Kleider einzeln hoch, stellte sich vor den Spiegel, tänzelte und prüfte sich streng. Ich konnte sie von allen Seiten taxieren. So eine sich ohne jegliche Scham bewegende Frau hatte ich bislang noch nie zu Gesicht bekommen. Wenn ich später meine eigeneFrau gefunden haben würde, würde sich diese vor mir genausowenig genieren. Der nächste Beweis dafür, daß die Zukunft traumhaft sein würde, war erbracht. Und Ostrau wurde in diesem Moment nicht nur Mutters, sondern auch meine Heimatstadt.