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Die Zypressen von Cordoba

Электронная книга - «Die Zypressen von Cordoba». Краткое содержание книги:

Spanien im 10. Jahrhundert: Am Hof von Córdoba herrschen die Mauren. Der Kalif Abd ar-Rahman III. spürt, daß er von seinen Leibärzten verraten wird. Nur Da'ud ibn Yatom, dem Sohn des Vorstehers der jüdischen Gemeinde, vertraut er. Ihn beauftragt er, den großen Theriak wieder zu entdecken, ein Mittel, mit dem sich der Herrscher vor Schlangenbissen schützen will, vor denen er panische Angst hat. Falls Da'ud dies gelingt, wird er mit Gold überschüttet, falls nicht, droht der Kalif Da'ud und seine Familie auszulöschen …
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»Einen Eimer Wasser!« rief Hai sofort Yahya, dem alten Diener seines Vaters, zu. »Schnell, und ein scharfes Messer!«

Mit geübter Hand schnitt er das Holz bis zu einer Stelle zurück, an der er Saft vermutete, sah, daß im Inneren noch ein wenig Feuchtigkeit war, und tauchte die Pflanzen ins Wasser. Erst dann wandte er sich wieder dem Kapitän zu.

»Ich danke Euch von ganzem Herzen für Eure Bemühungen, auch wenn Ralambo Euch im Stich gelassen hat. Die Belohnung, die ihm zuteil werden sollte, fällt nun Euch und Euren Männern zu. Ihr mögt sie aufteilen, wie Ihr wollt.«

»Unter den wenigen, die diese Reise überlebt haben«, murmelte der Kapitän traurig. »Auf der Heimreise ist an Bord die Ruhr ausgebrochen.«

»Ich bin zutiefst betrübt, daß Menschenleben zu beklagen sind, aber ich hoffe, daß ich irgendwann beweisen kann, daß Eure Opfer nicht vergebens waren.«

Die Ankunft der Pflanzen und des Extraktes ließen nur kurz einen Funken von Interesse in Saris matten, blauen Augen aufleuchten. Für sie war alles zu spät gekommen. All das gehörte nun Hai, der sein eigenes Leben führen mußte. Ihr hatte die Welt nichts mehr zu bieten. Bei Da'ud hatte sie Sicherheit, Ruhe, Zufriedenheit und mit der Zeit auch die Leidenschaft einer großen und dauerhaften Liebe gefunden. Sie hatte nie gehofft, daß ihr ein solches Glück noch zuteil werden könnte. Wenn Da'ud nicht gewesen wäre, sie hätte niemals erfahren, daß es so etwas überhaupt gab, viel weniger noch, daß man es erleben konnte. Was mehr hätte sie sich ersehnen können? Sie hatte ihren Mann in den letzten schmerzlichen Jahren mit der gleichen Geduld unterstützt, die er ihr gegenüber an den Tag gelegt hatte, als er ihr half, sich allmählich von den Schrecken ihrer Kindheit zu befreien. In der Zwischenzeit hatten sie sich geliebt und alles andere aus ihrer eigenen Welt ausgeschlossen. Nachdem diese Welt nun nicht mehr existierte, hatte sie nichts mehr zu wünschen als einen ruhigen Lebensabend und ein friedliches Ende, vielleicht noch durch Enkelkinder versüßt, die ihr Hai eines Tages bescheren würde. Genau wie Da'ud es gemacht hätte, würde sie diese Kinder an der Zypresse ihres Vaters messen, die groß und herrlich mitten auf ihrer Marmorinsel wuchs.

Teilnahmslos beobachtete sie, wie ihr Sohn mit größter Intensität, die von seiner unterdrückten Wut angetrieben wurde, die seltsamen grünen Pflanzen hegte und pflegte, die aus Afrika gekommen waren. Morgens und abends zog er sie aus dem Eimer und untersuchte an den Enden, ob sich schon neue Wurzeln bildeten. Dann tastete er die Blätter ab und konstatierte mit jedem Tag, wieviel fester sie geworden waren und wie sie sich aufzurollen begannen. Und doch spürte sie in ihm eine seltsame neue Rastlosigkeit, die seinem sanften und ruhigen Naturell bisher fremd gewesen war. Es war, als triebe er ziellos auf dem Meer, als habe er den Anker verloren, der sein Vater für ihn gewesen war, und müßte seinen eigenen festen Platz in einem sicheren Hafen erst noch wiederfinden.

Eines Freitagvormittags, nachdem er seine Pflichten für die Gemeinde erledigt hatte, trat Hai aus dem Männerflügel des Hauses und wollte gerade durch den Garten gehen, um bei seiner Mutter vorbeizuschauen, als Dalitha halb gehend, halb rennend den Flur entlang kam und in den Sonnenschein trat, die Arme gebeugt unter einem schweren Korb voller Feigen und Trauben.

»Wie freundlich von dir, an uns zu denken«, sagte er, als er ihr die Last abnahm und eine reife Feige auswählte, die er mit ihr teilte.

Sie lächelte ein wenig wehmütig, als sie die Hälfte nahm, die er ihr reichte. »Weißt du noch, wie du mir beigebracht hast, daß ich keine Angst haben sollte, Feigen zu essen?«

»Natürlich.«

»Du bist so lange nicht mehr bei uns im Haus draußen zu Gast gewesen. Wir dachten, du hättest uns vielleicht vergessen.«

»Das wiederum ist kein freundlicher Gedanke. Mutter ist jetzt sehr einsam, und mir sind so viele Pflichten zugefallen, daß ich kaum einen Augenblick für mich habe«, erwiderte Hai entschuldigend und mit ein wenig schlechtem Gewissen.

Betrübt und niedergeschlagen antwortete Dalitha: »Dann will ich dich nicht länger aufhalten. Ich muß jetzt gehen, wenn ich noch vor dem Sabbat zu Hause sein will«, fügte sie hinzu, und ihre tiefe Stimme war vor Verlegenheit ganz heiser.

»Du gehst nirgendwo hin!«

Hai packte sie fest am Handgelenk und zog sie spielerisch näher zu sich heran. »Ich schicke jemanden zu deinen Eltern, um ihnen mitzuteilen, daß du den Sabbat bei uns verbringst. Ah, wie schön es ist, dich wieder einmal zu sehen«, rief er aus und hielt seinen sanften Blick auf sie gerichtet, als sähe er sie zum ersten Mal. »Du hast dich verändert«, murmelte er, schob ihr glänzendes schwarzes Haar zurück, um die breite, wache Stirn freizulegen, ließ einen zarten Finger über die neue Fülle ihrer Wangen gleiten, trat dann einen Schritt zurück, um die Schönheit ihrer erwachsenen Gestalt zu bewundern – die festen jungen Brüste, deren Rundungen das Gewand zart formten, die schmale, biegsame Taille und den eleganten Schwung von Hüfte und Schenkeln. Zärtlich strich er ihr eine störrische Haarsträhne, die ihr in die riesengroßen dunklen Augen gefallen war, hinters Ohr und streichelte ihr dann mit dem Finger liebkosend über die Wange.

»Komm.« Er legte ihr den Arm um die Taille und spazierte gemächlich mit ihr am Wasserlauf entlang. »Wie geht es allen draußen im Haus?«

Während sie ihm vom Erfolg von Menahems Lexikon jenseits der spanischen Grenzen erzählte, von dem jungen Mann aus Sevilla, der aus unerfindlichen Gründen immer wieder bei ihnen vorbeischaute, von den Lavendel- und Senfpflanzen, die er seit dem Tod seines Vaters nicht mehr geerntet hatte, hörte er kein Wort, das sie ihm sagte. Er war wie gebannt von der Bewegung ihrer Lippen, die feiner waren als die ihrer Mutter, von der tiefen Nachdenklichkeit ihrer schwarzbraunen Augen. All das entfachte in ihm den Wunsch, sie in die Arme zu schließen und für immer und ewig eng an sich zu schmiegen. Nicht das Kind, mit dem er gespielt hatte, sondern die Frau, die sie geworden war, so frisch, so lebendig, so begehrenswert. »Und du?« fragte sie ihn jetzt mit heiserer Stimme. »Hast du schwer an deiner Trauer zu tragen?«

»Es ist ein Verlust, den nichts zu ersetzen vermag. Neben meinem persönlichen Verlust stehe ich immer wieder vor der Lücke, die der Tod eines Mannes von der Größe meines Vaters im öffentlichen Leben reißt. Er fehlt an allen Enden, hat seine Zeichen in so vielen Bereichen des menschlichen Strebens gesetzt.«

»Möchtest du die Leere füllen, die er hinterlassen hat?«

»Ganz sicher nicht! Ich habe weder seine subtile Schläue noch seinen Zynismus geerbt, Eigenschaften, die in den Kreisen, in denen er sich bewegt hat, unverzichtbar sind. Ich bin unfähig, Menschen und Situationen nach meinem Willen zu formen. Wichtiger noch, ich bin unfähig, unschuldige Menschen im Interesse irgendeiner größeren Sache zu opfern. Ich habe vor, mein Leben der Medizin zu widmen, in der bescheidenen Hoffnung, die Leiden der Menschen zu lindern, die sich hilfesuchend an mich wenden.«

Genau wie sie es als kleines Mädchen gemacht hatte, schaute Dalitha mit grenzenloser Bewunderung zu Hai auf.

»Siehst du die Holzstücke mit den seltsamen Blättern in dem Eimer da drüben?« fuhr Hai fort, eifrig bemüht, sie mit sich zu ziehen, ihr nahezubringen, welche Herausforderung diese Pflanzen für ihn bedeuteten. »Wenn Ralambo uns nicht alle an der Nase herumgeführt hat, dann liefern sie uns vielleicht ein Heilmittel, von dem wir niemals zu träumen gewagt hätten. Aber es ist noch viel zu tun; ehe wir sie genau erforschen können.«

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