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Die Zypressen von Cordoba

Электронная книга - «Die Zypressen von Cordoba». Краткое содержание книги:

Spanien im 10. Jahrhundert: Am Hof von Córdoba herrschen die Mauren. Der Kalif Abd ar-Rahman III. spürt, daß er von seinen Leibärzten verraten wird. Nur Da'ud ibn Yatom, dem Sohn des Vorstehers der jüdischen Gemeinde, vertraut er. Ihn beauftragt er, den großen Theriak wieder zu entdecken, ein Mittel, mit dem sich der Herrscher vor Schlangenbissen schützen will, vor denen er panische Angst hat. Falls Da'ud dies gelingt, wird er mit Gold überschüttet, falls nicht, droht der Kalif Da'ud und seine Familie auszulöschen …
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Wenn die Zeit gekommen ist, wirst du ebenfalls heiraten. Wie ich bist auch du in der glücklichen Lage, bei der Wahl deiner Ehefrau nicht auf Reichtum oder Rang achten zu müssen. Folge den Neigungen deines Herzens. Dich, den Sohn der Sari und des Da'ud, werden deine Gefühle nicht trügen. Das ist alles, was ich dir zu sagen habe, mein Sohn. Jetzt möchte ich mich ausruhen.«

Hai half seinem Vater, sich in die Kissen zurückzulegen. Sanft breitete er die Felldecke über ihn, während ihm die Tränen über die Wangen strömten und sich mit denen seines Vaters vermischten, dann küßte er ihn auf die Stirn und wünschte ihm eine ruhige Nacht.

Aber sie sollte ihm nicht gegönnt sein.

Gegen Morgen durchschnitt ein herzzerreißender Schmerzensschrei den dämmernden Tag. Der Anblick, der sich Sari bot, als sie zu Da'uds Bett eilte, ließ sie vor Schreck erstarren. Aus allen Körperöffnungen strömte grünlich-schwarzer Schleim, der todbringende Körpersaft, der ihn von innen ausgezehrt hatte. Hai streichelte ihm die Stirn, umfaßte sein hageres Gesicht mit Händen, die dem Vater die einzige Arznei schenkten, die er noch anbieten konnte: seine Liebe und sein unendliches Mitleid. Trotz all seines medizinischen Wissens, trotz seiner Vertrautheit mit dem Tod mußte er einfach versuchen, den schwindenden Lebensgeist seines Vaters mit zitternden Fingerspitzen aufzuhalten und für alle Ewigkeit zu bewahren. Der Schmerz darüber, daß ihm dies niemals gelingen konnte, war tief in sein Gesicht gegraben. Beim ersten Morgenlicht war der Kampf ausgestanden. Von seiner Niederlage zerschmettert, vom Schmerz überwältigt, schloß Hai seine Mutter in die Arme und weinte bitterlich mit ihr.

TEIL III. 

Hai und Amram

30

Die rituelle Trauerwoche nach Da'uds Tod brachte einen endlosen Strom von Beileidsbesuchern ins Haus Ibn Yatom. Alle wollten dem Mann die letzte Ehre erweisen, den sie geschätzt, bewundert, geliebt – oder gefürchtet – hatten. Die Großen legten beim Eintreten Stolz und Hochmut ab. Die Bescheidenen erinnerten sich daran, wie Da'ud sie von diesem oder jenem Leiden kuriert hatte, und schlichen schüchtern über den Flur, sprachen ein wenig scheu ihr Beileid aus, wischten sich eine Träne aus dem Auge und zogen sich eilig wieder zurück. Juden aus sämtlichen Gemeinden Spaniens mischten sich mit christlichen Gesandten und moslemischen Würdenträgern, wurden ohne Ausnahme wieder einmal daran erinnert, daß angesichts des Todes alle Menschen gleich sind. Von all dem drang nur wenig zu Hai und Sari vor, die sich in ihrem grenzenlosen Schmerz zurückgezogen hatten. Erst viel später hörten sie von Da'uds Schwestern, daß ganz al-Andalus das Gedächtnis an seinen größten Juden geehrt hatte, wie man es noch nie zuvor erlebt hatte.

Der Kalif, sagte man, sei untröstlich. Tagelang hatte er sich in sein Studierzimmer eingeschlossen, jegliche Nahrung verweigert, nur ein wenig Wasser getrunken, bis seine Vertrauten schon um sein Leben bangten. Als seine Leibärzte sich ihm zu nähern versuchten, um den Reizhusten zu lindern, den er sich zugezogen hatte, verweigerte er ihnen den Zutritt. »Abu Suleiman war der einzige Arzt, zu dem ich grenzenloses Vertrauen hatte«, murmelte er verächtlich. Völlig niedergeschlagen zog er sich dann wieder in seine stummen Grübeleien zurück, und alle Angelegenheiten des Kalifats, dessen Schicksal er zu bestimmen hatte, waren ihm völlig gleichgültig.

Wie ein Gespenst bewegte sich Sari durch einen Nebel, die Arme um den Leib geschlungen, als müsse sie sich vor der Kälte der Nacktheit schützen, die sie fühlte. Von Zeit zu Zeit streckte sie die Hand aus, tastete mit ihren zarten Fingern die Leere ab, auf der Suche nach einer Gegenwart, die verschwunden war und ihre halbe Seele mitgenommen hatte. Verletzt und verletzlich, wie sie war, wollte sie gar nichts mehr, bat um nichts. Denn was sie wirklich wollte, das konnte ihr nichts und niemand wiedergeben. Nicht einmal die Zärtlichkeit ihres Sohnes konnte sie trösten. In seinem überwältigenden Schmerz über den Tod des Vaters, den Saris stumme Trauer noch vergrößerte, die herzzerreißender war als jedes Trauergeschrei, verfiel Hai in eine tiefe Melancholie, die ihn viele Wochen lang völlig handlungsunfähig machte.

Erst als die Überreste von Ralambos Expedition zurückkehrten, wachte er schlagartig aus seiner Lethargie auf. Es packte ihn eine wilde Wut gegen das grausame und ungerechte Schicksal bei dem Gedanken, daß ein so kurzer Zeitraum zwischen dem Tod seines Vaters und einer Überlebenschance gelegen hatte, und er stürzte sich mit aller Kraft auf die vor ihm liegende Herausforderung. Wie er es vorhergesehen hatte, war Ralambo nicht unter den wenigen Überlebenden der gefährlichen Reise. Der Kapitän des Schiffes, der zusammen mit dem Boten des Kalifen nach Córdoba geritten war, erklärte knapp:

»Alles ging gut, bis wir die Große Rote Insel erreichten. Dort gingen wir im Hafen vor Anker, und Ralambo verließ allein das Schiff. Am folgenden Tag kehrte er mit diesem Kästchen zurück, das fest verschlossen und versiegelt war und das er mir für die restliche Reise anvertraute, mit der strikten Auflage, es Euch zu überbringen, falls ihm etwas zustoßen sollte.«

Während er so sprach, reichte der Kapitän Hai ein grob geschnitztes Kästchen aus Rosenholz, dessen primitives Siegel noch unverletzt war.

»Aber die Pflanzen?« wollte Hai wissen.

»Leider, leider ist das eine ganz andere Geschichte. Wir folgten den Anweisungen Ralambos und segelten zur westlichen Spitze Südafrikas. Dort gingen wir in einer Bucht vor einer recht trockenen und unwirtlichen Gegend vor Anker. Als die Nacht hereinbrach, führte uns Ralambo auf nackten, leisen Sohlen ins Landesinnere, in ein Gebiet, das von den seltsamsten Pflanzen überwuchert war, die ich je zu Gesicht bekommen habe.«

»Wieso seltsam?«

»Sie wuchsen in großen Büscheln speerförmiger, spitzer Blätter mit sägezahnartigen Rändern.«

»Was ist daran so seltsam?«

Der Kapitän zögerte, wollte seine tief sitzende Angst vor allem Unbekannten nur ungern eingestehen.

»Versucht es mir zu erklären«, drängte ihn Hai.

»Nun, Meister, die Blätter waren so verdreht und gewunden wie die langen drohenden Finger einer bösen Zauberin. Aus den alten Blättern sprossen neue in Büscheln hervor. Diese Blätter waren schmaler, aber sie wanden und rollten sich auch in alle Richtungen wie die Arme eines todbringenden Kraken.«

»Ich verstehe Eure Sorge«, nickte Hai mitfühlend und ermutigte den Kapitän weiterzuerzählen.

»Ralambo bedeutete uns, dies seien die Pflanzen, nach denen man uns ausgesandt hatte, die wir mit den Wurzeln ausgraben und nach Córdoba zurückbringen sollten. Er drängte uns, schnell zu arbeiten, bevor der Mond aufging, weil wir zum Schiff zurückeilen und wieder in See stechen mußten, ehe man uns entdeckt hatte. Ich stellte Wachen rings um den Bereich auf und suchte dann in der Dunkelheit nach Ralambo, um ihm dabei zu helfen, die Büsche aus dem Boden zu reißen. Doch er war nirgends mehr zu finden. Ich suchte das gesamte Dickicht der Büsche nach ihm ab, die wie mit Klauen nach mir griffen, ebenso das ganze offene Gelände jenseits, um eine Gestalt zu finden, die sich durch die Dunkelheit bewegte. Aber er war nirgends zu sehen. Erst dann begriff ich, in welch großer Gefahr wir schwebten. Sie war so schrecklich und furchterregend, daß Ralambo um sein Leben gerannt war, trotz der Reichtümer, die ihn hier bei seiner Rückkehr erwartet hätten. In der kurzen Zeit, die uns noch blieb, stellte es sich als unmöglich heraus, die Pflanzen mit der Wurzel auszugraben, denn sie waren weit und tief in der harten und trockenen Erde verwurzelt. Also befahl ich meinen Männern, mit ihren Schwertern von den kleineren Büscheln so viele wie möglich abzuschlagen. Ich muß zugeben, daß wir die Beine in die Hand nahmen, ehe der Mond aufging, und uns mit Hilfe der Sterne – und einer glücklichen Intuition – zum Schiff zurückschlichen. Da Ralambo nicht mehr bei uns war, um sich auf der Überfahrt um die Pflanzen zu kümmern, die wir hatten abschlagen können, verdorrten viele auf der Reise. Ich habe Euch nur noch diese hier zu überbringen«, sagte der Kapitän schließlich und zog drei ziemlich dicke, ausgetrocknete Exemplare aus seinem Seesack, an denen wenige schlaffe, bräunlich-grüne Blätter gerade noch am Leben waren.

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