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Georgs Sorggen um die Vergangenheit

Электронная книга - «Georgs Sorggen um die Vergangenheit». Краткое содержание книги:

Georg wächst in einer der schönsten Wohngegenden Prags in einem summenden Frauenhaushalt auf. Leider zur Zeit des politischen Terrors, der überirdischen Atomtest und später des brutal unterdrückten Reformversuchs von '68. Umstellt von seinen vielen Tanten mit Kriegstraumata, dem tyrannischen Onkel ONKEL und der überstrahlend-schönen Mutter hält er an seiner Überzeugung fest, unter der Schirmherrschaft eines gewissen Heiligen eine helle Zukunft zu finden — trotz der totalitären Verhältnisse, der zerfallenden Prager Bausubstanz und der familiären Zwänge.
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Daß ich nicht mehr unter Mutters Federbett kriechen durfte, war sicher richtig. Ich war dreizehn oder vierzehn und mußte langsam zu einer angemessenen Selbständigkeit geführt werden — wenn nötig auch unter Schmerzen und extremen Härtebedingungen. Bestimmte Grenzen überschritt meine Mutter im Umgang mit mir selbstverständlich nie. Deswegen wurde auch meine Eichel unter meiner damals noch nicht abgetrennten Vorhaut nie gewaschen und begann mir irgendwann Probleme zu bereiten. Meine Mutter traute sich ebensowenig meine Gehörgänge zu reinigen, obwohl sie eigentlich für die Sauberkeit meines gesamten Körpers alleinverantwortlich war. Bei einer schulischen Hygienekontrolle fiel mein überquellendes Ohrenschmalz eines Tages natürlich auf.

Wenn ich manche meiner frühen Sorgeneinbrüche im Sinne der Qualitätskontrolle heute prüfe, fällt mir auf, daß ich als Kind bestimmte Kategorien der Alltagssorgen mochte — jedenfalls mochte ich offenbar die Atmosphäre, die diese Sorgen mit sich brachten. Es waren natürlich solche, die nicht von mir, sondern eben von den Erwachsenen gelöst werden mußten. Wenn es Probleme gab — egal, welche — , wurden umgehend mehrere beschnittene Spezialisten alarmiert, herbeigerufen und einem familiären Kreuzverhör unterzogen. Bei diesen Runden herrschte eine freudig erregte Atmosphäre voller Interesse und Fürsorglichkeit. Am schönsten war es, wenn die anwesenden weisen Männer alle auf einmal bei uns eintrafen, ihren Tee aus unseren deutschen, teilweise zwiebelgemusterten Tassen tranken und gemütlich über den besten Weg aus der Krise nachdachten. Im Fall meiner Vorhaut ging alles sehr schnell. Als einer dieser Medizinmänner mein harmloses Sekret zu Gesicht bekam, das sich im Laufe der Zeit zu einer trockenquark-ähnlichen Kruste verdichtet hatte, sagte er resolut:

— Beschneiden! Für seine Zukünftige oder vielmehr seine ZukünftigEN wird es sowieso besser sein. Du wirst dich dort aber trotzdem auch waschen müssen.

Bald wurde ich in ein herrliches, in SEIN Krankenhaus eingewiesen. Professor G. war dort der große Chef, und als ich in Begleitung meiner Mutter ankam, wurden wir von ihm persönlich begrüßt. Konsequenterweise wurde ich anschließend wie ein Privatpatient betreut, obwohl es so eine Patientenkategorie im Sozialismus überhaupt nicht gab. Ich lag in einem Zweibettzimmer und nicht in einem großen mit fünf anderen kaputten, schwerkranken oder sterbenden Männern. Die Schwestern waren mutterzuckerfreundlich zu mir, und bei der Operation bekam ich die süßeste, weiter oben schon erwähnte Narkose verordnet — den schönsten Rausch, den sich ein Mensch wünschen kann. So glücklich wie nach dem anschließenden Erwachen war ich in meinem damaligen Leben bislang noch nie gewesen. Meine glückliche Zukunft hätte soeben begonnen, dachte ich eine ganze Weile. Daß mein ebenfalls bevorzugter Mitpatient in einer Nacht plötzlich starb, konnte an meiner erstarkten Zuversicht überhaupt nichts ändern.

Vielleicht sollte ich mich nicht übertrieben konkret darüber auslassen, aber klare Anzeichen dafür, daß so etwas wie das Weltjudentum doch existiert, gab es um mich herum damals zuhauf. In allen möglichen Ländern der Erde hatten wir irgendeinen mehr oder weniger nützlichen» Verwandten«-»unsere Leut«, drückte man es in Anlehnungan das Jiddische aus. Diese Weltjuden waren bei uns durch Briefe oder materielle Zuwendungen dauerhaft präsent. Im Winter kam immer eine große Kiste Jaffa-Orangen vom Onkel Hans aus Israel. Aus der Türkei kamen sogar mehrmals im Jahr die besten Rosinen der Welt — die in Istanbul lebende Rosinentante Ruth war einsam, wollte uns in unserer sozialistischen Misere unter die Arme greifen, und andere rettende Ideen als Rosinenbombardements hatte sie einfach nicht. Insgesamt bekamen wir von ihr so viele Rosinen zugeschickt, daß wir sie teilweise an unsere unersättliche Putzfrau Frau Slajsovä verfüttern mußten. Meine silbernen Tabletten gegen das Bettnässen schickte Onkel Otto aus New York, mit riesigen Büchsen voller unappetitlich schrumpeliger Oliven belieferte uns Rudi Münk aus Milano. Die Schokoladen, die bei uns Kindern regelmäßig Oralorgasmen auslösten, kamen aus den Niederlanden. Von dort kamen außerdem immer wieder einige Gulden, die in Tuzex-Wertbons umgetauscht werden konnten und alle möglichen kapitalistischen Wunder ins Haus brachten.

— Der Westen hat's in sich, kommentierte man die prächtig funktionierenden Anschaffungen bei uns — auf Deutsch, versteht sich.

— Wartet mal ab, meinte regelmäßig Urtante Bombe; manchmal schwieg sie aber lieber.

Als ich einmal nachfragte, wer der Absender unserer schönen Gulden war, erfuhr ich, daß dieser Mensch wieder zu dieser typischen Sorte von Verbindungsträgern gehörte, die mit uns kein kleines bißchen verwandt waren. In diesem Fall handelte es sich um den langjährigen Liebhaber der Frau eines Halbbruders meines Großvaters. Seine Geliebte, die Emrl hieß, sowie ihr betrogener Mann starben im Ghetto von Lodz. Indirekt über unsere Familie konnte dieser Liebende auf diese Weise die größtmögliche Nähe zu seiner verstorbenen Emrl herstellen. In die Tschechoslowakei — fürihn war es schon eins der Einzugsgebiete des sowjetischen GULAG — wollte er leibhaftig auf keinen Fall einreisen. Wer die mir zuerst suspekten Pistaziennüsse schickte oder die gepreßten Fladen aus getrockneten Aprikosen, weiß ich nicht mehr. Eine dieser Sendungen kam, glaube ich, aus Marokko. Wichtig war dabei etwas anderes: Damals, in der Tiefe der sechziger Jahre, mitten im Prag des angeschlagenen Turbofortschritts, spielten solche dinglichen Epiphanien die Rolle der übelsten Einstiegsdrogen — es handelte sich um Requisiten aus der endlos weiten Fata-Morgana-Welt hinter den engen Grenzen unseres Landes. Nebenbei demonstrierten diese Sendungen und ihre Inhalte natürlich auch die Durchlässigkeit aller möglichen Grenzen. Die paradiesisch schmelzende Schokolade, die salzigen Pistazien, die gummiartigen Aprikosenfladen und und… bedeuteten aber nicht nur, daß es irgendwo eine ganz andere Art von Leben gab, die Aprikosenfladen brachten — ganz und gar materiell — den Geruch und die Atmosphäre eines marokkanischen Marktes zu uns, die für das Westgeld angeschafften Transistorradios von ungeahnter Empfangskraft belieferten uns mit unzensierten Nachrichten ohne Ende, mit den Orangen betraten einmal sogar israelische Spinnen unsere Wohnung. Ich wuchs zwar in der schönsten Ecke der schönsten Stadt auf Erden auf, trotzdem wollte ich aus dieser Stadt irgendwann auch verschwinden — und das um jeden Preis. Dieser intensive Wunsch war nie sehr konkret, mein Drang zur Flucht steckte in mir trotzdem fest. Wenn mich zwischendurch meine Unruhe packte, setzte ich mich auf mein jüdisches Rennrad» Favorit«- zurückgelassenes Prachtstück eines nach Kanada emigrierten Verwandtensohnes — und fuhr kurzerhand raus aus der Stadt. Als sich eines Tages die Möglichkeit ergab, Prag tatsächlich zu verlassen, ging ich auch. Dann noch einmal und noch einmal. Nach einigen Versuchen habe ich es tatsächlich geschafft.Viele Bekannte meiner Mutter waren Ärzte, aber nur einer war Gynäkologe. Ich forschte oft in seinem Gesicht, ob sich das, was er jeden Tag vielfach zu sehen bekam, in seiner Mimik festgeschrieben hätte. Er war ein offenherziger, gutgelaunter Mann, dessen Augen amüsiert strahlten, auch wenn er gerade nicht lächelte. Ich nahm an, den Grund für seine dauerhaft gute Laune zu kennen. Wie ich erst später erfuhr, war er außerdem — und davon gab es ein ganzes Netzwerk in Prag — ein heimlich praktizierender Psychoanalytiker. Woher sich seine gute Laune hauptsächlich gespeist hatte, konnte ich abschließend nicht klären. Wenn man mich fragte, was ich im Leben werden wollte, sagte ich meistens: Lastwagenfahrer. Die riesigen Lastautos der Marke» Tatra «entsprachen mir mit ihrem Gedröhne, ihren riesigen Rädern und ihrem Gewaltgebaren ungemein. Ich konnte sie eine Zeitlang täglich bewundern, als sie die Baustelle des Atombunkers belieferten und auszuhöhlen halfen. Irgendwelche alternativen Träume hätte ich gar nicht verraten können, weil ich keine hatte. Meine glückliche Zukunft war im Grunde berufsneutral. Ich wußte nur, was ich absolut NICHT wollte. Und das war das meiste, was um mich herum an glücklosen Existenzentwürfen zu sehen war. Wohin ich mich auch wandte, gab es etwas Unästhetisches, Ungesundes, Unfrohes. Egal, auf was ich mich konzentrierte, irgendwann watschelte mir ein infarktbedrohter Mann ins Bild — und so einer konnte ich einfach nicht werden wollen. Mein Vater warf sich manchmal ganze Häufchen Nitroglyzerintabletten in den Mund. Er explodierte zwar nicht, starb aber trotzdem als erster. Als Onkel ONKEL tatsächlich einen Herzinfarkt bekommen hatte und im Krankenhaus lag, meinte seine Frau Eva trocken:

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