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Die geliehene Zeit: Roman (German Edition)

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Die geliehene Zeit: Roman (German Edition)
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»Meinst du vielleicht …«, begann ich und versuchte, eine taktvolle Formulierung zu ihrer Erlösung zu finden, ohne mich selbst in Spekulationen über das Verhalten französischer Männer zu verwickeln. Angesichts dessen jedoch, was mir Mr. Hawkins über Marys Vater und seine Verheiratungspläne erzählt hatte, hielt ich es durchaus für sinnvoll, ihr die Vorstellungen zu nehmen, die sie offensichtlich durch das Gerede der feinen Herrschaften und der Dienstmädchen gewonnen hatte. Ich wollte ja nicht, dass sie vor Schreck starb, wenn sie am Ende doch einen Franzosen heiratete.

»Was sie … im … im B-Bett!«, flüsterte sie heiser.

»Nun ja«, sagte ich ungerührt, »so viele Dinge gibt es ja nicht, die man im Bett mit einem Mann tun kann. Und da ich in der Stadt jede Menge Kinder sehe, würde ich davon ausgehen, dass selbst Franzosen in den orthodoxen Methoden versiert sind.«

»Oh! Kinder … nun ja, natürlich«, sagte sie vage, als sähe sie da keinen großen Zusammenhang. »Ab-Aber sie sagen«, sie senkte verlegen den Blick, und ihre Stimme senkte sich noch tiefer, »d-dass er … also, dass ein F-Franzose sein Ding …«

»Ja, ich weiß«, sagte ich, um Geduld bemüht. »Soweit ich weiß, ist es genau wie das anderer Männer; Engländer und Schotten sind da ganz ähnlich ausgestattet.«

»Ja, aber sie, sie … s-stecken es einer Dame zwischen die B-B-Beine! Ich meine, in sie hinein!« Nachdem diese Sensation endlich heraus war, holte sie tief Luft, was sie zu beruhigen schien, denn die Feuerröte in ihrem Gesicht ließ ein wenig nach. »Ein Engländer oder sogar ein Schotte … oh, so habe ich d-das nicht gemeint …« Ihre Hand flog verlegen an ihren Mund. »Aber ein anständiger Mensch wie dein Mann, sicher würde es ihm im Traum nicht einfallen, seine Frau zu zwingen, s-so etwas über sich ergehen zu lassen!«

Ich legte meine Hand auf meinen sacht gewölbten Bauch und betrachtete sie nachdenklich. Allmählich dämmerte mir, warum Spiritualität so weit oben auf Mary Hawkins’ Liste der männlichen Tugenden rangierte.

»Mary«, sagte ich, »ich glaube, wir müssen uns unterhalten.«

Ich lächelte immer noch vor mich hin, als ich in die große Halle des Krankenhauses trat. Mein Kleid hatte ich mit dem schlichten, stabilen Tuch einer Novizenkutte überdeckt.

Viele der chirurgiens, der Urinoskopisten, Knochenrichter, Ärzte und anderen Heiler stifteten dem Hôpital ihre Zeit aus Wohltätigkeit; andere kamen hierher, um zu lernen oder ihr Können zu verfeinern. Die arglosen Patienten waren schließlich nicht in der Lage, dagegen zu protestieren, als Gegenstand medizinischer Experimente zu dienen.

Von den Nonnen einmal abgesehen, wechselte das medizinische Personal beinahe täglich, je nachdem, wer an diesem Tag zufällig keine zahlenden Patienten hatte oder Praxis in einer neuen Technik gewinnen wollte. Dennoch, die meisten der Freiwilligen kamen so häufig, dass ich den festen Kern schnell erkannte.

Einer der Interessantesten von ihnen war der hochgewachsene, hagere Mann, den ich an meinem ersten Tag im Hôpital bei einer Amputation beobachtet hatte. Auf Nachfragen fand ich heraus, dass sein Name Monsieur Forez war. Eigentlich richtete er Knochenbrüche, doch hin und wieder wagte er sich auch an kompliziertere Amputationen, vor allem, wenn es um eine komplette Gliedmaße ging, nicht nur um ein Gelenk. Auf die Nonnen und Helfer schien er ein wenig einschüchternd zu wirken; sie scherzten nie mit ihm oder erzählten ihm geschmacklose Witze, wie sie es mit den meisten anderen Freiwilligen taten.

Heute war Monsieur Forez auch da. Ich näherte mich lautlos, um zu sehen, was er tat. Der Patient, ein junger Arbeiter, lag leichenblass und keuchend auf einem Strohlager. Er war von einem Gerüst an der Kathedrale gefallen – an der ständig gebaut wurde – und hatte sich den Arm und das Bein gebrochen. Ich konnte sehen, dass der Arm keine große Herausforderung war – nur ein einfacher Bruch der Speiche. Das Bein war eine andere Sache; ein eindrucksvoller offener Bruch des Oberschenkels und des Schienbeins. Scharfe Knochensplitter ragten an beiden Bruchstellen durch die Haut, und das Gewebe des Oberschenkels war ein einziger blauer Bluterguss.

Ich wollte den Knochenrichter nicht von seinem Fall ablenken, doch Monsieur Forez schien ganz in seinen Gedanken zu sein, während er den Patienten langsam umkreiste, zurückwich und wieder vorstieß wie eine große Rabenkrähe, die Vorsicht walten lässt für den Fall, dass das Opfer doch noch nicht richtig tot ist. Er hatte tatsächlich große Ähnlichkeit mit einer Krähe, dachte ich, mit der vorstechenden Hakennase und dem glatten schwarzen Haar, das er ungepudert trug und im Nacken zu einem kleinen Knoten zusammengebunden hatte. Seine Kleidung war ebenfalls schwarz und nüchtern, wenn auch von guter Qualität; offensichtlich hatte er eine profitable Praxis außerhalb des Hôpital.

Als er sich zu einer Vorgehensweise entschlossen hatte, hob Monsieur Forez schließlich das Kinn von der Hand und sah sich nach Unterstützung um. Sein Blick fiel auf mich, und er winkte mich vor. Da ich die grobe Novizenkleidung trug und er so gedankenverloren war, bemerkte er nicht, dass ich weder den Kopfputz noch den Schleier einer Schwester trug.

»Hier, ma sœur«, wies er mich an und ergriff den Knöchel des Patienten. »Haltet ihn hinter der Ferse fest. Übt bitte keinen Druck aus, bis ich es Euch sage, aber wenn ich das Zeichen gebe, zieht den Fuß direkt zu Euch hin. Zieht ganz langsam, aber fest – Ihr werdet beträchtliche Kraft benötigen, versteht Ihr?«

»Ich verstehe.« Ich nahm den Fuß wie angewiesen, während Monsieur Forez langsam zum anderen Ende des Strohlagers schritt und das gebrochene Bein nachdenklich betrachtete.

»Ich habe hier ein Stimulanzmittel, das uns helfen wird«, sagte er und zog ein kleines Fläschchen aus seiner Rocktasche, das er neben den Kopf des Patienten stellte. »Es verengt die Blutgefäße unter der Hautoberfläche und presst das Blut nach innen, wo es unserem jungen Freund mehr nützen kann.« Mit diesen Worten nahm er den Patienten beim Haar, steckte ihm das Fläschchen in den Mund und schüttete ihm die Tinktur gekonnt in den Hals, ohne einen Tropfen zu verschütten.

»Ah«, sagte er beifällig, nachdem der Mann alles geschluckt und tief Luft geholt hatte. »Das wird helfen. Nun, was die Schmerzen angeht – ja, es ist besser, wenn wir das Bein betäuben können, um die Gefahr zu senken, dass er sich wehrt, wenn wir es richten.«

Erneut griff er in seine geräumige Tasche und holte eine dünne Messingnadel zum Vorschein, die knapp acht Zentimeter lang war und einen breiten, flachen Kopf hatte. Vorsichtig betastete seine knochige Hand den Patienten knapp unterhalb der Leiste an der Innenseite des Oberschenkels und folgte der dünnen blauen Linie einer großen Ader unter der Haut. Die sanften Finger zögerten, hielten inne, dann drückten sie in einem kleinen Kreis zu und entschieden sich schließlich für eine Stelle. Nachdem er den Zeigefinger fest in die Haut gebohrt hatte, als wollte er seinen Punkt markieren, stellte Monsieur Forez die Messingnadel auf diese Stelle. Ein weiterer rascher Griff in seine Wundertasche brachte ein Messinghämmerchen zutage, das er benutzte, um die Nadel mit einem Schlag geradewegs in das Bein zu treiben.

Das Bein zuckte heftig, dann schien es zu erschlaffen. Der Vasokonstriktor, den er dem Mann verabreicht hatte, schien tatsächlich zu wirken; aus der verletzten Haut sickerte deutlich weniger Blut.

»Das ist ja erstaunlich!«, rief ich aus. »Wie habt Ihr das gemacht?«

Monsieur Forez lächelte schüchtern, und vor Freude über meine Bewunderung stahl sich ein Hauch von Rosa in seine bläulich überschatteten Wangen.

»Nun, es funktioniert nicht immer so gut«, räumte er bescheiden ein. »Diesmal hatte ich das Glück auf meiner Seite.« Er zeigte auf die Nadel und erklärte: »An dieser Stelle gibt es ein großes Bündel von Nervenenden, Schwester, welches ich die Anatomisten einen Plexus nennen gehört habe. Wenn man das Glück hat, es direkt zu durchbohren, betäubt es einen großen Teil der Wahrnehmung in der unteren Extremität.« Er richtete sich abrupt auf, weil er begriff, dass er beim Reden Zeit vergeudete, die er besser zum Handeln nutzen sollte.

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