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Die geliehene Zeit: Roman (German Edition)

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Die geliehene Zeit: Roman (German Edition)
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»Wir haben ihn von einem der päpstlichen Kuriere«, erklärte Jamie, der jetzt lange genug an die Oberfläche kam, um zu begreifen, dass ich da war. »Fergus hat ihn aus seiner Tasche stibitzt, als er in einem Wirtshaus gegessen hat. Er wird dort übernachten, also müssen wir den Brief zurückbringen, ehe es Morgen wird. Das wird doch keine Schwierigkeiten machen, Fergus?«

Der Junge schluckte und schüttelte den Kopf. »Nein, Milord. Er schläft allein – hat Angst, dass seine Zimmergenossen den Inhalt seiner Tasche stehlen könnten.« Er grinste verächtlich. »Das zweite Fenster von links, über den Stallungen.« Er winkte leichtfertig ab, und seine geschickten Schmutzfinger griffen nach dem nächsten Törtchen. »Eine Kleinigkeit, Milord.«

Plötzlich stand mir vor Augen, wie sich diese feinknochige Hand auf dem Henkersblock wand, während das Beil des Scharfrichters darüber schwebte. Ich schluckte, denn mein Magen verkrampfte sich plötzlich. Fergus trug ein kleines Kupfermedaillon an einem Riemchen um den Hals; St. Dismas, wie ich hoffte.

»Nun denn«, sagte ich und holte tief Luft, um mich zu stärken, »was für Pelzhändler haben wir denn hier?«

Doch es war keine Zeit, den Brief in aller Ruhe unter die Lupe zu nehmen. Am Ende kopierte ich ihn eilig, und das Original wurde sorgfältig wieder zusammengefaltet, woraufhin das Siegel mit Hilfe eines in einer Kerzenflamme erhitzten Messers wieder an Ort und Stelle angebracht wurde.

Fergus, der diese Operation kritisch beobachtete, sah Jamie kopfschüttelnd an. »Ihr habt Geschick, Milord. Schade, dass Eure Hand verkrüppelt ist.«

Jamie warf einen leidenschaftslosen Blick auf seine rechte Hand. Eigentlich war es gar nicht so schlimm; einige Finger waren etwas krumm zusammengewachsen, und eine dicke Narbe zog sich über den ganzen Mittelfinger. Nur der Ringfinger war nachhaltig beeinträchtigt; er ragte steif aus der Hand hervor, und das zweite Gelenk war so heillos zerquetscht gewesen, dass in der Folge zwei Fingerknochen zusammengewachsen waren. Jack Randall hatte ihm die Hand vor weniger als vier Monaten im Gefängnis von Wentworth gebrochen.

»Ach was«, sagte er lächelnd. Er bewegte die Hand und schnippte spielerisch mit den Fingern in Fergus’ Richtung. »Meine Pfoten sind sowieso zu groß für das Handwerk eines Taschendiebs.« Er hatte erstaunliche Beweglichkeit zurückerlangt, dachte ich. Er hatte den weichen Ball aus Lumpen noch, den ich ihm genäht hatte, und drückte ihn unauffällig jeden Tag Hunderte von Malen, während er seiner Arbeit nachging. Falls ihn die heilenden Knochen schmerzten – klagen hörte man ihn nie.

»Also los mit dir«, sagte er zu Fergus. »Komm zu mir, wenn du zurück bist, damit ich weiß, dass die Polizei oder der Wirt dich nicht erwischt haben.«

Fergus zog zwar verächtlich die Nase kraus, nickte aber und steckte sich den Brief sorgfältig ins Hemd, ehe er über die Hintertreppe in der Nacht verschwand, die nicht nur sein natürliches Element war, sondern ihm auch Schutz bot.

Jamie blickte ihm einige Sekunden nach, dann wandte er sich mir zu. Erst jetzt sah er mich genau an, und seine Augenbrauen flogen in die Höhe.

»Himmel, Sassenach!«, sagte er. »Du bist ja kreidebleich! Geht es dir gut?«

»Nur hungrig«, sagte ich.

Er läutete sofort nach dem Abendessen, das wir vor dem Feuer aßen, während ich ihm von Louise erzählte. Zu meiner großen Überraschung runzelte er zwar die Stirn über die Situation und murmelte auf Gälisch wenig schmeichelhafte Dinge sowohl über Louise als auch über Charles Stuart, doch er teilte meine Meinung, was die Lösung des Problems betraf.

»Ich dachte, du würdest dich aufregen«, sagte ich und schöpfte das köstliche Cassoulet mit einem Stück Brot von meinem Teller. Die warmen, mit Speck gewürzten Bohnen taten mir gut und erfüllten mich mit einem friedlichen Wohlgefühl. Draußen war es kalt und dunkel, und der Wind rauschte lärmend umher, doch hier am Feuer hatten wir es warm und ruhig.

»Oh, weil Louise de La Tour ihrem Mann einen Bastard unterjubelt?« Jamie richtete den Blick stirnrunzelnd auf seinen Teller und wischte die letzten Soßenreste mit dem Finger auf.

»Nun, begeistert bin ich nicht davon, das sage ich dir, Sassenach. Es ist eine üble List gegenüber einem Mann, aber was soll die arme Frau denn sonst tun?«

Er schüttelte den Kopf, dann warf er einen Blick auf den Schreibtisch am anderen Ende des Zimmers und lächelte ironisch.

»Außerdem steht es mir nicht zu, mich anderen moralisch überlegen zu fühlen. Briefe zu stehlen und zu spionieren und ganz allgemein zu versuchen, die Pläne eines Mannes zu durchkreuzen, den meine Familie als König betrachtet? Ich hätte auch nicht gern, dass mich jemand anhand der Dinge verurteilt, die ich tue, Sassenach.«

»Du hast einen verdammt guten Grund für das, was du tust!«, wandte ich ein.

Er zuckte mit den Schultern. Der flackernde Feuerschein ließ seine Wangen hohl aussehen und warf ihm Schatten in die Augenhöhlen. Dadurch sah er älter aus, als er war; ich vergaß immer wieder, dass er noch keine dreiundzwanzig war.

»Aye, nun ja. Louise de La Tour hat auch einen Grund«, sagte er. »Sie will ein Leben retten, ich zehntausend. Entschuldigt das, dass ich den kleinen Fergus in Gefahr bringe – und Jareds Geschäft – und dich?« Er wandte mir den Kopf zu und lächelte, und das Licht glänzte auf seinem langen, geraden Nasenrücken und ließ das Auge, das dem Feuer zugewandt war, wie einen Saphir erglühen.

»Nein, ich glaube nicht, dass es mir schlaflose Nächte bereiten wird, wenn ich die Briefe eines anderen öffne«, sagte er. »Möglich, dass wir noch viel Schlimmeres tun müssen, ehe wir fertig sind, Claire, und ich kann nicht im Voraus sagen, wie viel mein Gewissen aushalten wird; besser, wenn ich es nicht zu früh auf die Probe stelle.«

Dem konnte ich nichts entgegnen; es war alles wahr. Ich streckte die Hand aus und hielt sie ihm an die Wange. Er legte seine Hand über die meine und umschloss sie einen Moment, dann wandte er den Kopf und küsste mir sacht die Handfläche.

»Nun«, sagte er. Er holte tief Luft und kam wieder zum Geschäftlichen. »Da wir ja jetzt gegessen haben, wollen wir einen Blick auf diesen Brief werfen?«

Der Brief war verschlüsselt, so viel war klar. Um eventuelle Abfänger zu täuschen, erklärte Jamie.

»Wer sollte denn die Briefe Seiner Hoheit abfangen wollen?«, fragte ich. »Außer uns, meine ich.«

Jamie prustete vor Belustigung über meine Naivität.

»So gut wie jeder, Sassenach. Louis’ Spione, Duverneys Spione, die Spione Philips von Spanien. Die jakobitischen Fürsten und jene, die darüber nachdenken, Jakobiten zu werden, wenn der Wind richtig steht. Menschen, die mit Informationen handeln und sich einen feuchten Kehricht dafür interessieren, wer dadurch umkommt. Der Papst persönlich; der Heilige Stuhl unterstützt die Stuarts seit fünfzig Jahren im Exil – ich gehe davon aus, dass er ein Auge darauf hat, was sie tun.« Er tippte mit dem Finger auf die Kopie, die ich von James’ Brief an seinen Sohn angefertigt hatte.

»Das Siegel auf diesem Brief war schon etwa dreimal entfernt worden, ehe ich es abgenommen habe«, sagte er.

»Ich verstehe«, sagte ich. »Kein Wunder, dass James seine Briefe verschlüsselt. Meinst du, du kannst herausbekommen, was er sagt?«

Stirnrunzelnd nahm Jamie die Blätter in die Hand.

»Ich weiß es nicht; manches ja. Anderes … keine Ahnung. Ich glaube aber, ich kann es ausknobeln, wenn ich noch ein paar von James’ Briefen zu lesen bekomme. Ich werde sehen, was Fergus in dieser Hinsicht für mich tun kann.« Er faltete die Kopie zusammen, legte sie sorgfältig in eine Schublade und schloss diese ab.

»Man kann niemandem trauen, Sassenach«, erklärte er, als er meine großen Augen sah. »Es ist gut möglich, dass wir Spione unter den Bediensteten haben.« Er ließ den kleinen Schlüssel in seine Rocktasche fallen und hielt mir den Arm entgegen.

Ich nahm die Kerze in die eine Hand und seinen Arm in die andere, und wir wandten uns der Treppe zu. Der Rest des Hauses war dunkel, sämtliche Dienstboten – außer Fergus – schliefen den Schlaf der Gerechten. Mich gruselte ein wenig bei der Vorstellung, dass einer oder mehrere der lautlosen Schläfer unter oder über uns möglicherweise nicht waren, was sie zu sein schienen.

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