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Aufzeichnungen aus einem toten Hause
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»Für eine halbe oder eine ganze Kopeke?« fragt die Köchin.

»Schneide mir für eine ganze Kopeke herunter: sollen mich die Leute beneiden,« antwortet der Arrestant. »Es kommt so ein General aus Petersburg gefahren, Brüder, er wird ganz Sibirien revidieren. Das stimmt. Ich habe es von den Leuten des Kommandanten gehört.«

Die Nachricht bringt eine ungewöhnliche Aufregung hervor. Etwa eine Viertelstunde lang wird gefragt: wer ist der General, in welchem Range, und ob er höher steht als die hiesigen Generale? Die Arrestanten reden furchtbar gern von den verschiedenen Rangstufen, Vorgesetzten; wer im Range höher stehe, wer wen unterkriegen könne und wer sich selbst unterkriegen lasse; sie zanken sich und prügeln sich fast sogar wegen der Generale. Man sollte meinen: was haben sie davon? Aber die genaue Kenntnis der Generale und der Obrigkeit überhaupt dient als Kriterium für den Grad des Wissens, der Erfahrenheit und der früheren Bedeutung des Menschen in der Gesellschaft vor seinem Eintritt ins Zuchthaus. Überhaupt gilt ein Gespräch über die höchste Obrigkeit als das vornehmste und wichtigste von allen Zuchthausgesprächen.

»Es sieht wirklich so aus, Brüder, daß jemand gefahren kommt, um den Major abzusetzen,« bemerkt Kwassow, ein kleines, hitziges und äußerst unsolides Männchen mit rotem Gesicht. Er hat ja auch die erste Nachricht von der Absetzung des Majors gebracht.

»Er wird ihn schon bestechen!« entgegnet kurz der düstere, grauhaarige Arrestant, der inzwischen mit seiner Kohlsuppe fertig geworden ist.

»Er wird ihn wirklich bestechen,« sagt ein anderer. »Hat er denn wenig Geld zusammengestohlen? Bevor er zu uns kam, war er Bataillonskommandeur. Neulich hat er die Tochter des Protopopen heiraten wollen.«

»Hat sie aber doch nicht geheiratet. Man hat ihm die Türe gewiesen: ist zu arm. Was ist er auch für ein Freier! Sein ganzer Besitz ist, was er am Leibe trägt. In der Osterwoche hat er alles im Kartenspiel verloren. Fedjka hat es mir erzählt.«

»Ja, ist kein Verschwender, aber das Geld bleibt bei ihm halt nicht!«

»Ach, Bruder, ich bin ja auch verheiratet gewesen. Heiraten ist nichts für einen armen Menschen: kaum hast du geheiratet, ist die Freude schon aus!« bemerkt Skuratow, der sich nun auch ins Gespräch einmischt.

»Gewiß: man redet doch nur von dir,« sagt der freche ehemalige Schreiber. »Du bist einfach dumm, Kwassow, das muß ich dir sagen. Glaubst du wirklich, daß der Major einen solchen General bestechen kann, und daß so ein General absichtlich aus Petersburg gefahren kommt, um den Major zu revidieren? Bist ein dummer Kerl, das sage ich dir.«

»Warum denn nicht? Nimmt ein General etwa nicht?« ruft jemand skeptisch aus der Menge.

»Natürlich nimmt er nicht, und wenn er schon was nimmt, dann viel.«

»Versteht sich, vieclass="underline" seinem Range entsprechend.«

»Hast mal selbst einem etwas gegeben?« sagt mit Verachtung der plötzlich eintretende Bakluschin. »Hast du überhaupt je einen General gesehen?«

»Gewiß habe ich einen gesehen!«

»Du lügst.«

»Nein, du lügst.«

»Kinder, wenn er mal einen gesehen hat, so soll er gleich allen sagen, was für einen General er kennt. Na, sag's, denn ich kenne alle Generäle.«

»Ich habe den General Siebert gesehen,« antwortete Kwassow etwas unsicher.

»Siebert? Einen solchen General gibt's ja gar nicht. Er hat wohl nur deinen Rücken gesehen, dieser Siebert, und damals war er nur Oberstleutnant, dir kam es aber vor Angst vor, er sei ein General.«

»Nein, hört mal auf mich,« schreit Skuratow, »denn ich bin ein verheirateter Mensch. Einen solchen General hat es wirklich in Moskau gegeben, Siebert hat er geheißen, war deutscher Abstammung, aber Russe. Jedes Jahr beichtete er in den Fasten vor Mariä Himmelfahrt beim russischen Popen und trank immer Wasser, Brüder, wie ein Enterich. Jeden Tag trank er vierzig Glas Moskwawasser. Man sagte, daß er sich mit diesem Wasser von irgendeiner Krankheit kurierte; ich habe es von seinem Kammerdiener selbst gehört.«

»In seinem Bauche haben sich wohl von diesem Wasser Karauschen angesiedelt,« bemerkt der Arrestant mit der Balalaika.

»Na, genug! Hier ist die Rede von so wichtigen Dingen, und ihr... Was ist es nun für ein Revisor, Brüder?« fragt besorgt der ewig unruhige Arrestant Martynow, ein alter ehemaliger Husar.

»Was die Leute nicht alles zusammenlügen!« bemerkt einer der Skeptiker. »Wo nehmen sie es bloß her? Ist ja lauter Unsinn!«

»Nein, es ist kein Unsinn,« erwidert dogmatisch Kulikow, der bisher stolz geschwiegen hat. Er ist ein Mann von ziemlichem Gewicht, etwa fünfzig Jahre alt, mit einem außerordentlich wohlgestalteten Gesicht und herablassend hochmütigen Manieren. Er weiß es und ist stolz darauf. Er ist ein halber Zigeuner, übt das Handwerk eines Roßarztes aus, verdient sich in der Stadt Geld durch Kurieren von Pferden und treibt bei uns im Zuchthause Branntweinhandel. Ist ein kluger Kerl und hat manches erlebt. Er geizt mit den Worten, als ob jedes seiner Worte einen Rubel wert wäre.

»Er hat recht, Brüder,« fährt er ruhig fort, »ich hab es schon in der vorigen Woche gehört; ein General kommt gefahren, einer von den höchsten, wird ganz Sibirien revidieren. Natürlich werden sie auch ihn bestechen, aber unser Achtäugiger nicht: der wird es nicht mal wagen, an ihn heranzutreten. Ein General ist nicht wie der andere, Brüder. Es gibt verschiedene Generale. Aber eines sage ich euch: unser Major bleibt in jedem Falle auf seinem jetzigen Posten. Das stimmt. Wir sind doch ein Volk ohne Zunge, und von den Vorgesetzten wird doch niemand einen der ihrigen angeben. Der Revisor wird ins Zuchthaus hineinschauen, dann wieder abreisen und melden, er habe alles in bester Ordnung gefunden...«

»Darum hat ja der Major solche Angst bekommen: ist vom frühen Morgen an betrunken.«

»Am Abend kommt dann seine zweite Ladung. Fedjka hat es erzählt.«

»Einen schwarzen Hund kann man nicht weiß waschen. Ist er denn zum ersten Mal betrunken?«

»Nein, das gibt's doch nicht, daß auch der General nichts ausrichten kann! Es ist genug, zu allen ihren Streichen zu schweigen!« sprechen die Arrestanten gekränkt untereinander.

Die Nachricht von dem Revisor verbreitete sich im Nu durch das ganze Zuchthaus. Auf dem Hofe treiben sich die Leute umher und teilen einander erregt die Nachricht mit. Andere schweigen absichtlich und bewahren ihre Kaltblütigkeit, um sich auf diese Weise mehr Würde zu verleihen. Andere wieder bleiben gleichgültig. Auf den Stufen vor den Kasernen setzen sich die Arrestanten mit den Balalaikas. Manche schwatzen noch weiter. Andere stimmen Lieder an, aber im ganzen befinden sich alle an diesem Abend in einer außergewöhnlichen Aufregung.

Um die zehnte Stunde pflegte man uns alle zu zählen, in die Kasernen zu treiben und für die Nacht einzusperren. Die Nächte waren kurz; man weckte uns gegen fünf Uhr früh, wir schliefen aber niemals vor elf ein. Bis zu dieser Stunde gab es noch immer ein Getue und Gerede; manchmal taten sich auch, wie im Winter, Maidans auf. In der Nacht war es unerträglich heiß und schwül. Durch das offene Fenster drang zwar die nächtliche Kühle ein, aber die Arrestanten wälzten sich die ganze Nacht auf ihren Pritschen wie im Fieber. Die Flöhe wimmelten myriadenweise herum. Wir hatten sie auch im Winter in genügender Anzahl, aber vom Frühjahr an vermehrten sie sich in solchen Mengen, von denen ich zwar früher schon gehört hatte, an die ich aber nicht glauben wollte, ehe ich es nicht am eigenen Leibe erfahren. Je weiter wir in den Sommer kamen, um so wütender wurden sie. An die Flöhe kann man sich allerdings gewöhnen, ich habe es selbst erfahren, aber man hat von ihnen doch schwer zu leiden. Manchmal plagen sie einen so entsetzlich, daß man wie im Fieber daliegt und selbst fühlt, daß man nicht schläft, sondern nur phantasiert. Wenn endlich kurz vor Tagesanbruch auch die Flöhe zur Ruhe kommen und gleichsam erstarren und man in der Morgenkühle wirklich süß einschläft, ertönt plötzlich vor dem Zuchthaustore der erbarmungslose Trommelwirbeclass="underline" es ist der Morgenzapfenstreich. Man hört, fluchend in seinen Halbpelz gehüllt, die lauten, scharfen Töne, und zählt sie gleichsam, während einem durch den Schlaf hindurch der unerträgliche Gedanke in den Kopf dringt, daß es auch morgen so sein werde, auch übermorgen, mehrere Jahre hintereinander, bis zur Befreiung. Wann kommt denn diese Befreiung, fragt man sich, und wo ist sie? Indessen muß man aber aufstehen; es beginnt das alltägliche Laufen und Drängen... Die Leute ziehen sich an und eilen zur Arbeit. Allerdings konnte man noch eine Stunde gegen Nachmittag schlafen.

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