Aufzeichnungen aus einem toten Hause
- Автор: Достоевский Федор Михайлович
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Aufzeichnungen aus einem toten Hause». Краткое содержание книги:
»Du weißt es nicht, du weißt es nicht, mein Lieber; nun wirst du es sehen... Es ist ja eine gefährliche Stelle; alles hängt von der Stelle ab; dicht am Herzen hat er dich getroffen, der Räuber! Aber dir werde ich es schon zeigen!« brüllte er, sich an Lomow wendend: »Auf die Hauptwache!«
Und er zeigte es ihm wirklich. Lomow kam vors Gericht, und obwohl die Wunde sich als eine leichte Stichwunde herausstellte, war die Absicht dennoch erwiesen. Der Verbrecher bekam eine Verlängerung der Strafzeit und tausend Spießruten. Der Major war vollkommen zufrieden.
Endlich kam auch der Revisor.
Gleich am nächsten Tage nach seiner Ankunft kam er zu uns ins Zuchthaus. Es war ein Feiertag. Schon einige Tage vorher war bei uns alles gewaschen, geputzt und gereinigt worden. Alle Arrestanten waren frisch rasiert. Alle hatten saubere weiße Anzüge an. Im Sommer trugen alle nach der Vorschrift weiße leinene Jacken und Hosen. Ein jeder hatte auf dem Rücken einen schwarzen Kreis von etwa zwei Werschok im Durchmesser aufgenäht. Man richtete die Arrestanten eine ganze Stunde ab, wie sie zu antworten hätten, falls die hochstehende Persönlichkeit sie begrüßen sollte. Es wurden Proben veranstaltet. Der Major lief wie verrückt umher. Eine Stunde vor Erscheinen des Generals stand jeder auf seinem Platz, unbeweglich wie eine Bildsäule, und hielt die Hände an der Hosennaht. Endlich, gegen ein Uhr nachmittags, erschien der General. Es war ein so wichtiger General, daß wohl alle Vorgesetztenherzen in ganz Westsibirien bei seinem Erscheinen erzitterten. Er trat mit strenger und majestätischer Miene ein. Ihm folgte eine große Suite aus Vertretern der lokalen Behörden: mehrere Generale und Obersten. Es war auch ein Zivilist dabei, ein schlanker, hübscher Herr in Frack und Schnallenschuhen, der gleichfalls aus Petersburg mitgekommen war und sich äußerst ungeniert und unabhängig benahm. Der General wandte sich oft an ihn, und zwar mit auffallender Höflichkeit. Dieser Umstand erregte bei den Arrestanten ungewöhnliches Interesse: bloß ein Zivilist, genießt aber solches Ansehen und dazu noch von einem solchen General! Später erfuhr man seinen Namen und wer er war, indessen wurde darüber furchtbar viel geredet. Unser Major, in seine Uniform gepreßt, mit orangegelbem Rockkragen, den blutunterlaufenen Augen und dem blauroten, von Finnen besäten Gesicht, schien auf den General keinen besonders angenehmen Eindruck gemacht zu haben. Aus besonderer Achtung gegen den hohen Gast trug er diesmal keine Brille. Er stand abseits, stramm, und sein ganzes Wesen drückte die fieberhafte Erwartung des Augenblicks aus, wo man ihn zu irgendetwas brauchen würde und er hinfliegen könnte, um den Wunsch seiner Exzellenz zu erfüllen. Aber man brauchte ihn zu nichts. Der General machte schweigend eine Runde durch die Kaserne, sah in die Küche hinein und kostete, wie ich glaube, von der Kohlsuppe. Man machte ihn auf mich aufmerksam: so und so, ich sei adliger Abstammung.
»Ah!« antwortete der General. »Und wie führt er sich jetzt auf?«
»Vorläufig befriedigend, Exzellenz,« antwortete man ihm.
Der General nickte mit dem Kopf und verließ nach zwei Minuten das Zuchthaus. Die Arrestanten waren natürlich geblendet und verblüfft, aber doch irgendwie unbefriedigt. Von irgendeiner Beschwerde gegen den Major war natürlich nicht die Rede. Der Major war davon natürlich auch schon im voraus überzeugt gewesen.
VI
Die Tiere des Zuchthauses
Der bald darauf erfolgte Ankauf eines Braunen für das Zuchthaus beschäftigte und zerstreute die Arrestanten weit angenehmer als der hohe Besuch. Nach dem Etat gehörte zum Zuchthaus ein Pferd zum Wasserführen und zum Wegschaffen des Unrats usw. Zur Wartung des Pferdes wurde immer einer der Arrestanten bestimmt. Er fuhr auch mit ihm, natürlich unter Bewachung. Unser Pferd hatte genug Arbeit, sowohl morgens, wie abends. Der alte Braune hatte bei uns schon sehr lange gedient. Das Pferdchen war gut, aber abgearbeitet. Eines schönen Morgens, kurz vor dem Petritage, fiel der Braune, nachdem er seine Abendtonne gebracht hatte, um und gab nach wenigen Minuten seinen Geist auf. Man betrauerte ihn, alle versammelten sich um ihn, redeten und debattierten. Die bei uns vorhandenen ehemaligen Kavalleristen, Zigeuner, Roßärzte usw. zeigten bei dieser Gelegenheit eine Menge von besonderen Kenntnissen im Pferdefache; sie gerieten sogar in Streit miteinander, vermochten aber den Braunen nicht lebendig zu machen. Er lag tot da, mit aufgedunsenem Bauche, und alle hielten es für ihre Pflicht, mit dem Finger an ihn zu tippen; man meldete dem Major von dem nach Gottes Ratschluß geschehenen Ereignis, und er befahl, unverzüglich ein neues Pferd zu kaufen. Am Morgen des Petritages, gleich nach der Messe, als wir alle versammelt waren, begann man uns verschiedene Pferde zum Kauf vorzuführen. Selbstverständlich mußte man die Anschaffung des Pferdes den Arrestanten selbst überlassen. Es gab bei uns große Kenner, und es wäre schwer gewesen, zweihundertfünfzig Mann, die sich vorher mit nichts anderem befaßt hatten, anzuführen. Es kamen Kirgisen, Roßhändler, Zigeuner, Kleinbürger. Die Arrestanten erwarteten mit Ungeduld das Erscheinen jedes neuen Pferdes. Sie waren vergnügt wie Kinder. Am meisten schmeichelte ihnen die Vorstellung, daß sie wie freie Menschen, wie aus eigener Tasche für sich ein Pferd kauften und ein volles Recht zu diesem Kaufe hatten. Drei Pferde waren vorgeführt und wieder abgeführt worden, ehe wir beim vierten den Kauf abschlossen. Die eintretenden Roßhändler sahen sich mit einem gewissen Erstaunen und sogar einer Art von Scheu um und schielten sogar ab und zu nach den Wachsoldaten, die sie hereinführten. Ein Haufen von zweihundert solchen Menschen mit rasierten Köpfen und gebrandmarkten Gesichtern, in Ketten, bei sich zu Hause, in ihrem Zuchthausnest, über dessen Schwelle sonst niemand treten durfte, flößte einen gewissen Respekt ein. Unsere Kenner ergingen sich aber bei der Prüfung eines jeden neu erscheinenden Pferdes in allerlei Kunstgriffen. Wohin blickten sie ihm nicht, was betasteten sie an ihm nicht, und alles machten sie mit einer so ernsten und geschäftigen Miene, als hinge davon das ganze Wohl des Zuchthauses ab. Die Kaukasier sprangen sogar auf jedes Pferd hinauf; ihre Augen funkelten, und sie schwatzten schnell in ihrer unverständlichen Sprache, wobei sie ihre weißen Zähne fletschten und mit ihren braunen, hakennasigen Köpfen nickten. Mancher Russe richtete seine ganze Aufmerksamkeit auf ihren Streit und sah sie so gespannt an, als wollte er ihnen in die Augen springen. Da er ihre Worte nicht verstand, wollte er wenigstens an ihrem Gesichtsausdruck erraten, was sie beschlossen hätten: ob das Pferd etwas tauge oder nicht? Diese krampfhafte Aufmerksamkeit hätte einem abseitsstehenden Beobachter sonderbar erscheinen können. Man sollte doch meinen, daß so ein bescheidener, schüchterner Arrestant, der vor manchen seiner Genossen nicht zu mucken wagte, keinen besonderen Grund hatte, sich für diese Angelegenheit so sehr zu interessieren. Aber ein jeder tat so, als kaufte er das Pferd für sich selbst, als wäre es ihm nicht vollkommen gleich, was für ein Pferd gekauft würde. Neben den Kaukasiern zeichneten sich besonders die ehemaligen Roßhändler und Zigeuner aus: ihnen ließ man das erste Wort. Dabei kam es zu einem edlen Zweikampf zwischen zwei Arrestanten: dem ehemaligen Zigeuner, Pferdedieb und Roßhändler Kulikow und dem autodidaktischen Roßarzte, dem schlauen sibirischen Bauern, der vor kurzem ins Zuchthaus gekommen war, aber schon Zeit gehabt hatte, Kulikow seine ganze Stadtpraxis wegzunehmen. Die autodidaktischen Tierärzte aus unserem Zuchthause wurden nämlich in der Stadt hoch geschätzt, und zwar nicht nur bei den Kleinbürgern und Kaufleuten, sondern auch bei den höchsten Beamten, die sich ans Zuchthaus wandten, wenn bei ihnen ein Pferd erkrankte, obwohl es in der Stadt mehrere echte Veterinärärzte gab. Kulikow hatte vor der Ankunft des sibirischen Bauern Jolkin gar keine Konkurrenz und besaß eine große Praxis, die ihm natürlich Geld einbrachte. Er wandte verschiedene Zigeunerkniffe an, schwindelte viel und wußte viel weniger, als er sich den Anschein gab. Seinen Einkünften nach war er ein Aristokrat unter den übrigen. Dank seinem Verstand, seiner Kühnheit und Entschlossenheit hatte er sich schon längst eine unwillkürliche Achtung aller Insassen des Zuchthauses erworben. Alle hörten auf ihn und gehorchten ihm. Er sprach aber sehr wenig und nur in den wichtigsten Fällen, als sei jedes seiner Worte einen Rubel wert. Er war ein ausgesprochener Geck, aber es steckte in ihm auch viel wirkliche, unverfälschte Energie. Er war schon bejahrt, aber sehr hübsch und sehr klug. Uns Adlige behandelte er mit einer raffinierten Höflichkeit und zugleich mit einem betonten Bewußtsein der eigenen Würde. Ich glaube, daß wenn man ihn, entsprechend gekleidet, als einen Grafen in irgendeinen hauptstädtischen Klub eingeführt hätte, er auch hier den richtigen Ton gefunden, eine Partie Whist gespielt und, wenn auch nicht viel, aber doch mit großem Gewicht mitgesprochen hätte, so daß es vielleicht während des ganzen Abends niemand eingefallen wäre, daß er kein Graf, sondern ein Vagabund sei. Ich sage das in allem Ernst: er war so klug, verständig und von einer so raschen Auffassungsgabe. Außerdem hatte er wunderschöne, elegante Manieren. Offenbar hatte er schon manches erlebt. Seine Vergangenheit war übrigens in Dunkel gehüllt. Er befand sich in der Besonderen Abteilung. Aber nach der Ankunft Jolkins, der zwar ein einfacher Bauer, aber ein schlauer Kerl von etwa fünfzig Jahren, ein Raskolnik war, begann der Ruhm Kulikows als eines Roßarztes zu verblassen. In kaum zwei Monaten hatte er ihm fast die ganze Stadtpraxis weggenommen. Er kurierte, und zwar sehr leicht auch solche Pferde, die Kulikow schon langst aufgegeben hatte. Er kurierte sogar die von den städtischen Veterinären aufgegebenen Tiere. Dieser Bauer war mit anderen wegen Falschmünzerei ins Zuchthaus gekommen. Was mußte er sich auch auf seine alten Tage als Kompagnon in so eine Sache einmischen! Er erzählte, über sich selbst spottend, daß er aus drei echten Goldstücken nur ein einziges echtes hergestellt hätte. Seine Erfolge in der Tierarzneikunst kränkten Kulikow w gewissem Maße, auch sein Ruhm unter den Arrestanten begann zu verblassen. Er hielt sich eine Geliebte in der Vorstadt, trug eine ärmellose Plüschjacke, einen silbernen Ohrring und eigene Stiefel mit elegantem Besatz; da mußte er aber infolge des Rückganges seiner Einkünfte Branntweinverkäufer werden; darum erwarteten alle, daß die beiden jetzt, beim Ankauf eines neuen Braunen sich in die Haare geraten würden. Man wartete darauf mit Spannung. Ein jeder von ihnen hatte seine Partei. Die Anführer der beiden Parteien waren schon in Aufregung geraten und begannen sich allmählich Schimpfworte zuzurufen. Jolkin selbst hatte schon sein schlaues Gesicht zu einem höchst sarkastischen Lächeln verzogen. Es kam aber doch nicht so, wie alle es erwartet hatten: Kulikow dachte gar nicht daran, zu schimpfen, benahm sich aber auch ohne zu schimpfen wie ein Meister. Er begann mit Nachgiebigkeit, hörte die kritischen Äußerungen seines Konkurrenten sogar mit Hochachtung an, ertappte ihn aber auf einem unrichtigen Worte, bemerkte ihm bescheiden, aber mit Nachdruck, daß er sich irre, und bewies ihm, noch ehe Jolkin Zeit gefunden hatte, sich zu besinnen und zu berichtigen, daß er sich in dem und dem Punkte geirrt habe. Mit einem Worte, Jolkin war äußerst unerwartet und mit großer Kunst geschlagen. Obwohl er trotzdem den Vorrang behielt, war die Kulikowsche Partei sehr zufrieden.