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Aufzeichnungen aus einem toten Hause
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Die Nachricht über den Revisor erwies sich als wahr. Die Gerüchte klangen von Tag zu Tag bestimmter, und schließlich wußten alle schon ganz sicher, daß ein hochstehender General unterwegs sei, um ganz Sibirien zu revidieren; daß er schon eingetroffen sei und sich in Tobolsk befinde. Jeden Tag kamen neue Gerüchte ins Zuchthaus. Man hörte auch aus der Stadt, daß dort alle in großer Angst seien, sehr geschäftig täten und sich von der besten Seite zeigen wollten. Man erzählte sich, daß die höchsten Vorgesetzten Empfänge, Bälle und Festlichkeiten vorbereiteten. Man schickte die Arrestanten in ganzen Trupps, um die Straßen in der Festung zu ebnen, Erdbuckel zu entfernen, die Zäune und Pfähle anzustreichen, die Gebäude nachzutünchen und zu reparieren; mit einem Worte, man wollte in einem Nu alles ausbessern, was von der besten Seite gezeigt werden sollte. Unsere Arrestanten verstanden den Sachverhalt sehr gut und sprachen immer eifriger und erregter miteinander. Ihre Phantasie verstieg sich zu kolossalen Vorstellungen. Man beabsichtigte sogar, »eine Beschwerde vorzubringen«, wenn der General fragen würde, ob man zufrieden sei. Indessen aber stritt und zankte man sich untereinander. Der Platzmajor war in großer Aufregung. Er kam häufiger als sonst ins Zuchthaus, schrie häufiger, stürzte sich häufiger über die Leute, schickte sie häufiger auf die Hauptwache und sah mit großem Eifer auf Reinlichkeit und Ordnung. Um diese Zeit passierte im Zuchthaus wie gerufen eine kleine Geschichte, die den Major, entgegen allen Erwartungen, gar nicht aufregte, sondern ihm im Gegenteil Freude machte. Ein Arrestant stach bei einem Handgemenge einen andern mit einer Ahle in die Brust, ganz nahe am Herzen.

Der Arrestant, der dieses Verbrechen begangen hatte, hieß Lomow: der Verletzte wurde bei uns Gawrilka genannt; er gehörte zu den eingefleischten Landstreichern. Ich kann mich nicht erinnern, ob er einen Zunamen besaß; bei uns hieß er einfach Gawrilka.

Lomow stammte von bemittelten Bauern des K–schen Kreises im T–schen Gouvernement ab. Alle Lomows hatten als eine Familie zusammengelebt: der alte Vater, drei Söhne und deren Onkel, Lomow. Sie waren reiche Bauern. Man erzählte sich im ganzen Gouvernement, daß sie ein Vermögen von fast dreihunderttausend Rubeln in Assignaten besäßen. Sie trieben Ackerbau, gerbten Häute, handelten, befaßten sich aber vorzugsweise mit Wucher, mit Verbergen von Landstreichern, mit Hehlen von gestohlenem Gut und ähnlichen Künsten. Die Bauern des halben Landkreises waren bei ihnen verschuldet und hingen von ihrer Gnade ab. Sie galten als kluge und schlaue Leute, wurden aber schließlich doch zu stolz, besonders nachdem eine sehr hochstehende Persönlichkeit der dortigen Gegend bei ihnen auf ihren Reisen abzusteigen anfing, den Alten persönlich kennenlernte und ihn wegen seines Verstandes und seiner Geschäftstüchtigkeit liebgewann. Sie bildeten sich plötzlich ein, daß niemand gegen sie etwas unternehmen könne, und riskierten immer mehr gesetzwidrige Unternehmungen. Alle murrten über sie; alle wünschten ihnen, sie mögen in die Erde versinken; aber sie taten immer stolzer. Vor den Isprawniks und niederen Beamten hatten sie überhaupt keinen Respekt mehr. Zuletzt brachen sie sich doch den Hals, aber nicht wegen eines wirklichen geheimen Verbrechens, sondern infolge einer Verleumdung. Sie besaßen etwa zehn Werst vom Dorfe entfernt ein großes Vorwerk. Dort lebten einmal im Herbst sechs kirgisische Arbeiter, die sie schon seit längerer Zeit gedungen hatten. In einer Nacht wurden diese Kirgisen sämtlich ermordet. Es begann eine Untersuchung. Sie dauerte lange. Bei dieser Gelegenheit kamen viele andere üble Dinge an den Tag. Die Lomows wurden angeklagt, ihre Arbeiter ermordet zu haben. Sie selbst erzählten es, und das ganze Zuchthaus wußte es; man hatte gegen sie den Verdacht, sie wären den Arbeitern den Lohn für längere Zeit schuldig geblieben; da sie aber trotz ihres großen Vermögens geizig und geldgierig gewesen seien, hätten sie die Kirgisen ermordet, um ihnen die Schuld nicht bezahlen zu müssen. Während der Untersuchung und der Gerichtsverhandlungen ging ihr ganzer Besitz zugrunde. Der Alte starb. Die Kinder wurden nach verschiedenen Orten verschickt. Einer der Söhne und sein Onkel kamen für zwölf Jahre in unser Zuchthaus. Nun waren sie aber am Tode der Kirgisen völlig unschuldig. Im gleichen Zuchthause tauchte später Gawrilka auf, ein bekannter Gauner und Landstreicher, ein lustiger und aufgeweckter Bursche, der diese ganze Sache begangen haben sollte. Ich habe übrigens nicht gehört, ob er es selbst eingestanden hatte, aber das ganze Zuchthaus war tief davon überzeugt, daß er die Kirgisen auf dem Gewissen hatte. Gawrilka hatte mit den Lomows schon als Landstreicher zu tun gehabt. Er war ins Zuchthaus für eine kurze Frist als Deserteur und Landstreicher gekommen. Die Kirgisen hatte er gemeinsam mit drei andern Landstreichern abgeschlachtet; sie hatten geglaubt, daß es auf dem Vorwerke viel zu stehlen und zu plündern geben würde.

Die Lomows waren bei uns unbeliebt, ich weiß nicht weshalb. Der eine von ihnen, der Neffe, war ein tüchtiger, gescheiter Bursch von verträglichem Charakter; aber sein Onkel, der nach Gawrilka mit der Ahle gestochen hatte, war ein unsolider und dummer Kerl. Er hatte sich schon vorher mit vielen gezankt und war mehr als einmal verprügelt worden. Gawrilka war bei allen wegen seines lustigen und verträglichen Charakters beliebt. Die Lomows wußten zwar, daß er der eigentliche Verbrecher war und daß sie wegen seines Verbrechens ins Zuchthaus gekommen waren, aber sie zankten sich mit ihm nicht; sie kamen übrigens auch nie mit ihm zusammen; auch er schenkte ihnen gar keine Aufmerksamkeit. Plötzlich verzankte er sich mit dem Onkel wegen einer abscheulichen Dirne. Gawrilka hatte mit ihrer Gunst geprahlt; der andere wurde eifersüchtig und stach an einem schönen Nachmittag nach ihm mit der Ahle.

Die Lomows hatten zwar während des Prozesses ihr ganzes Vermögen verloren, lebten aber im Zuchthause wie reiche Leute. Offenbar besaßen sie Geld. Sie hielten sich einen Samowar und tranken Tee. Unser Major wußte es und haßte die beiden Lomows bis zum äußersten. Er schikanierte sie ganz offensichtlich und hatte es überhaupt auf sie abgesehen. Die Lomows erklärten es mit dem Wunsche des Majors, sich von ihnen bestechen zu lassen. Aber sie gaben ihm nichts.

Hätte Lomow die Ahle etwas tiefer hineingestoßen, so hätte er Gawrilka natürlich getötet. Gawrilka kam aber mit einer unbedeutenden Kratzwunde davon. Man meldete es dem Major. Ich erinnere mich, wie er atemlos und sichtlich zufrieden gelaufen kam. Er behandelte Gawrilka ungewöhnlich freundlich, wie einen leiblichen Sohn.

»Nun, Freund, kannst du zu Fuß ins Hospital gehen oder nicht? Nein, man soll für ihn lieber einen Wagen anspannen lassen. Sofort einen Wagen anspannen!« schrie er hastig dem Unteroffizier zu.

»Ich spüre ja nichts, Euer Hochwohlgeboren. Er hat mich ja nur ein wenig gekratzt, Euer Hochwohlgeboren.«

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