Aufzeichnungen aus einem toten Hause
- Автор: Достоевский Федор Михайлович
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Aufzeichnungen aus einem toten Hause». Краткое содержание книги:
Auch ich empfand den Einfluß des Frühlings. Ich erinnere mich noch, mit welcher Gier ich zuweilen durch die Spalten in den Palisaden hinausspähte und lange, mit dem Kopf an unsern Zaun gelehnt, dastand, unverwandt und unersättlich hinausblickend, wie auf unserem Festungswalle das Gras sproßte und wie der ferne Himmel immer blauer wurde. Meine Unruhe und meine Sehnsucht wuchsen von Tag zu Tag an, und das Zuchthaus wurde mir immer verhaßter. Der Haß, den ich als Adliger im Laufe der ersten Jahre seitens der anderen Arrestanten zu spüren bekam, wurde mir unerträglich und vergiftete mein ganzes Leben. In diesen ersten Jahren begab ich mich oft, ohne krank zu sein, ins Hospital, nur um nicht im Zuchthause zu bleiben und mich von diesem allgemeinen hartnäckigen, durch nichts zu besänftigenden Haß zu befreien. »Ihr seid eiserne Schnäbel, ihr habt uns totgepickt!« sagten uns die Arrestanten. Wie beneidete ich da oft die einfachen Leute, die ins Zuchthaus kamen! Diese wurden sofort Kameraden der übrigen. Darum rief auch der Frühling, das Gespenst der Freiheit, der allgemeine Jubel in der Natur auch in mir eine traurige Stimmung und Gereiztheit hervor. Gegen Ende der großen Fasten, ich glaube in der sechsten Woche, hatte ich mich durch Beichte und Kirchenbesuch auf den Empfang des Abendmahles vorzubereiten. Unser ganzes Zuchthaus war schon in der ersten Fastenwoche vom ältesten Unteroffizier in sieben Gruppen, der Zahl der Fastenwochen entsprechend, eingeteilt worden. In jeder Gruppe waren an die dreißig Mann. Diese Woche des täglichen Kirchenbesuches gefiel mir sehr gut. Die sich auf das Abendmahl Vorbereitenden waren von aller Arbeit befreit. Wir gingen zwei- und dreimal täglich in die Kirche, die sich nicht weit vom Zuchthause befand. Ich war lange nicht mehr in der Kirche gewesen. Der Fastengottesdienst, der mir aus meiner fernen Kindheit im Elternhause so gut vertraut war, die feierlichen Gebete, die tiefen Verbeugungen, – dies alles weckte in meiner Seele längst Vergangenes und rief mir die Eindrücke meiner Kinderjahre in Erinnerung, und ich besinne mich noch, wie angenehm es war, wenn wir morgens über den im Laufe der Nacht leicht gefrorenen Erdboden, unter Bewachung von Soldaten mit geladenen Gewehren ins Gotteshaus geführt wurden. Die Wachen betraten die Kirche übrigens nicht. In der Kirche stellten wir uns in einem dichten Haufen am Eingang auf dem allerletzten Platze auf, so daß wir höchstens die laute Stimme des Diakons hören und ab und zu durch die Volksmenge den schwarzen Ornat und die Glatze des Geistlichen sehen konnten. Ich erinnerte mich, wie ich als Kind in der Kirche zuweilen das einfache Volk betrachtete, das sich an der Tür drängte und jedem Träger von dicken Epauletten, jedem dicken Herrn und jeder reichgeputzten, aber außerordentlich frommen Dame, die unbedingt zu den vordersten Plätzen gingen und bereit waren, sich um diese ersten Plätze zu streiten, den Weg freigab. Ich hatte damals den Eindruck, daß dort am Eingange anders gebetet wurde als bei uns; demütig, andächtig, mit tiefen Verbeugungen und mit vollem Bewußtsein der eigenen Erniedrigung.
Nun mußte auch ich auf denselben Platzen stehen, sogar auf einer tieferen Stufe: wir waren ja in Fesseln geschlagen und gebrandmarkt; alle wichen vor uns aus, man schien uns sogar zu fürchten; man gab uns jedesmal Almosen, und ich erinnere mich, wie angenehm es mir war und was für ein eigentümliches, raffiniertes Gefühl darin lag. »Wenn schon, denn schon!« dachte ich mir. Die Arrestanten beteten mit großer Andacht, und jeder von ihnen brachte jedesmal seine armselige Kopeke für die Kerzen oder für den Opferstock mit. »Auch ich bin ein Mensch,« dachte und fühlte er vielleicht, indem er sein Scherflein gab, »vor Gott sind wir ja alle gleich...« Wir empfingen das Abendmahl bei der Frühmesse. Als der Geistliche mit dem Kelch in der Hand die Worte sprach: »... aber nimm mich wie einen Schacher an,« – da fielen wir fast alle, mit den Fesseln klirrend, zu Boden, als bezöge jeder diese Worte auf sich selbst.
Nun kam auch schon die Osterwoche. Von der Behörde erhielten wir je ein Ei und je eine Scheibe feines Weizenbrot. Aus der Stadt wurde das Zuchthaus wieder mit Gaben überschüttet. Wieder kam der Geistliche mit dem Kreuz, wieder erschienen die Vorgesetzten, wir bekamen wieder fette Kohlsuppe, es gab wieder Sauferei und müßiges Umherschlendern, genau wie zu Weihnachten, bloß mit dem Unterschiede, daß man jetzt schon auf dem Zuchthaushofe herumspazieren und sich in der Sonne wärmen konnte. Es war irgendwie heller und nicht so eng wie im Winter, zugleich aber auch trauriger. So ein langer, nicht endenwollender Feiertag war besonders unerträglich. An Wochentagen wurde die Zeit wenigstens durch die Arbeit verkürzt.
Die Sommerarbeiten erwiesen sich wirklich als viel schwerer als die Winterarbeiten. Wir wurden vorwiegend mit Bauarbeiten beschäftigt. Die Arrestanten bauten, gruben die Erde und mauerten; andere machten die Schlosser-, Tischler- oder Malerarbeiten bei den Reparaturen der staatlichen Gebäude. Andere wieder gingen nach der Ziegelei, um Ziegel zu streichen. Diese letztere Arbeit galt bei uns als besonders schwer. Die Ziegelei lag drei oder vier Werst von der Festung entfernt. Im Laufe des ganzen Sommers wurde jeden Morgen gegen sechs Uhr eine ganze Partie von etwa fünfzig Arrestanten hingeschickt, um Ziegel zu streichen. Zu dieser Arbeit wurden die ungelernten Arbeiter ausgesucht, d. h. solche, die kein bestimmtes Handwerk ausübten. Sie nahmen Brot mit, da es infolge der weiten Entfernung unvorteilhaft war, zum Mittagessen ins Zuchthaus zurückzukehren und so unnötigerweise noch etwa acht Werst zurückzulegen, und aßen erst am Abend, nach der Rückkehr ins Zuchthaus. Das Pensum wurde für den ganzen Tag aufgegeben und war so groß, daß ein Arrestant nur bei ununterbrochener Arbeit es an einem Tage bewältigen konnte. Er mußte erst den Lehm graben und herbeischaffen, selbst das Wasser bringen, selbst den Lehm in der Grube stampfen und schließlich daraus eine große Menge von Ziegelsteinen herstellen, ich glaube an die zweihundert oder sogar zweiundeinhalbhundert. Ich bin nur zweimal auf der Ziegelei gewesen. Die Ziegelarbeiter kehrten erst am Abend müde und erschöpft heim und hielten es den ganzen Sommer allen anderen vor, daß sie die schwerste Arbeit machten. Dies schien ihnen ein Trost zu sein. Trotzdem gingen manche sogar mit einer gewissen Lust hin: erstens befand sich die Arbeitsstätte hinter der Stadt, an einem freien, offenen Platz, am Ufer des Irtysch. Man sah erfreulichere Bilder vor sich, etwas anderes als das ewige Festungseinerlei! Man durfte auch frei rauchen und sogar eine halbe Stunde mit großem Genusse liegen. Ich aber ging nach wie vor in die Werkstätte oder zum Alabasterbrennen, oder wurde schließlich als Ziegelträger bei den Bauarbeiten verwendet. Bei der letzteren Arbeit hatte ich einmal Ziegel vom Irtyschufer zu einer im Bau befindlichen Kaserne, etwa siebzig Klafter weit, über den Festungswall zu schleppen, und diese Arbeit dauerte an die zwei Monate hintereinander. Mir gefiel sie sogar gut, obwohl ich mir ständig mit dem Strick, an dem ich die Ziegel schleppte, die Schultern wundrieb. Mir gefiel daran, daß diese Arbeit meine Kräfte fühlbar steigerte. Anfangs konnte ich nur je acht Ziegel im Gewichte von je zwölf Pfund tragen. Dann gelangte ich aber auf zwölf und fünfzehn Ziegel, und das machte mir große Freude. Die physische Kraft ist im Zuchthause nicht weniger nötig als die moralische, um alle die materiellen Beschwerden dieses verfluchten Lebens tragen zu können.