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Aufzeichnungen aus einem toten Hause
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Dennoch hatte es im Zuchthause in meiner Zeit einige Tiere gegeben. Außer dem Braunen hatten wir noch Hunde, Gänse, den Ziegenbock Wassjka; außerdem lebte bei uns eine Zeitlang ein Adler.

Als ständiger Zuchthaushund lebte bei uns, wie ich schon früher sagte, Scharik, ein guter, kluger Hund, mit dem ich immer gut befreundet war. Da aber der Hund bei unserem einfachen Volk allgemein als ein unreines Tier gilt, das man nicht mal beachten darf, so schenkte dem Scharik bei uns fast niemand Beachtung. Da lebte so ein Hund, schlief auf dem Hofe, fraß Küchenabfälle und erregte bei niemand ein besonderes Interesse, obwohl er alle kannte und alle Leute im Zuchthause als seine Herren ansah. Wenn die Arrestanten von der Arbeit heimkehrten, lief er, sobald er den Ruf »Gefreiter!« an der Hauptwache hörte, zum Tore, begrüßte freundlich jeden Trupp, wedelte mit dem Schwanz und blickte jedem Eintretenden freundlich in die Augen, in Erwartung irgendeiner Liebkosung. Aber im Laufe vieler Jahre hatte er eine solche nur von mir erlebt. Dafür liebte er mich auch mehr als alle andern. Ich erinnere mich nicht mehr, auf welche Weise in unserem Zuchthause später ein anderer Hund namens Bjelka auftauchte. Den dritten Hund, Kultjapka, brachte ich einmal selbst als ein junges Hündchen von der Arbeit ins Haus. Bjelka war ein sonderbares Geschöpf. Jemand hatte ihn einmal mit einem Wagen überfahren, und sein Rücken war in der Mitte eingeknickt, so daß, wenn er lief, es von Weitem so aussah, als ob zwei miteinander verwachsene weiße Tiere liefen. Außerdem war er räudig und hatte eitrige Augen; der Schwanz war fast ganz nackt und immer eingeklemmt. Auf diese Weise vom Schicksal beleidigt, hatte er sich offenbar entschlossen, sich zu demütigen. Er bellte und knurrte niemanden an, als wagte er es nicht. Er lebte hauptsächlich, der Nahrung wegen, hinter der Kaserne; wenn er aber jemand von den Arrestanten erblickte, so legte er sich sofort auf den Rücken, als wollte er sagen: »Tu mit mir, was du willst, du siehst ja, daß ich gar nicht daran denke, mich zu wehren.« Jeder Arrestant, vor dem er sich auf den Rücken warf, gab ihm einen Fußtritt, als wäre es eine Pflicht. »Dieses gemeine Vieh!« pflegten die Arrestanten von ihm zu sagen. Bjelka wagte aber nicht einmal zu winseln, und wenn der Schmerz schon gar zu heftig war, so heulte er dumpf und jämmerlich. Auch vor Scharik und jedem andern Hund, auf den er stieß, wenn dieser in seinen Geschäften hinter das Zuchthaus kam, legte er sich ebenso auf den Rücken. So lag er demütig da, wenn sich irgendein großer Köter mit hängenden Ohren knurrend und bellend auf ihn stürzte. Aber die Hunde lieben die Demut und Unterwürfigkeit bei ihresgleichen. Der wütende Köter wurde sofort still, blieb nachdenklich vor dem mit den nach oben gerichteten Beinen liegenden Hunde stehen und begann ihn langsam mit großem Interesse an allen Körperteilen zu beschnüffeln. Was mochte sich indessen der am ganzen Leibe zitternde Bjelka denken? Er dachte sich wohclass="underline" »Was, wenn der Kerl Ernst macht und mich beißt?« Der große Köter ließ ihn aber, nachdem er ihn aufmerksam beschnüffelt hatte, liegen, da er an ihm wohl nichts Interessantes gefunden hatte. Bjelka sprang sofort auf und schloß sich zuweilen hinkend dem langen Zuge der Hunde an, die irgendeiner Shutschka nachliefen. Er wußte zwar ganz genau, daß es ihm niemals gelingen würde, eine intimere Bekanntschaft mit der Shutschka zu machen, folgte aber dennoch von weitem dem Zuge, – das schien für ihn eine Art Trost im Unglück zu sein. Alle ehrgeizigen Gedanken hatte er wohl schon längst aufgegeben. Er erhoffte sich keinerlei Besserung seiner Lage, lebte nur des Brotes wegen und war sich dessen vollkommen bewußt. Ich versuchte ihn einmal zu liebkosen; das war für ihn so neu und unerwartet, daß er sich plötzlich auf alle vier Beine niederduckte, am ganzen Körper erzitterte und vor Rührung laut zu winseln anfing. Aus Mitleid liebkoste ich ihn häufiger. Dafür erhob er auch ein Gewinsel, sooft er mich sah. Wenn er mich von weitem erblickte, winselte er krankhaft und jämmerlich. Sein Ende war, daß er draußen hinter dem Festungswall von anderen Hunden zerrissen wurde.

Einen ganz anderen Charakter hatte Kultjapka. Ich weiß nicht mehr, warum ich ihn als blindes Hündchen aus der Werkstatt ins Zuchthaus mitgebracht hatte. Es war mir angenehm, ihn zu füttern und großzuziehen. Scharik nahm ihn sofort unter seinen Schutz und schlief mit ihm zusammen. Als Kultjapka größer wurde, gestattete ihm Scharik, ihn an den Ohren zu beißen, am Fell zu zupfen und mit ihm so zu spielen, wie eben junge Hunde mit erwachsenen zu spielen pflegen. Kultjapka wuchs seltsamerweise fast gar nicht in die Höhe, sondern fast nur in die Länge und in die Breite. Sein Fell war zottig, von einer hellen mausgrauen Farbe; das eine Ohr wuchs nach oben, das andere nach unten. Er hatte ein feuriges und exaltiertes Temperament; wie jeder junge Hund pflegte er, wenn er seinen Herrn wiedersah, vor Freude ein Gewinsel und ein Gebell zu erheben, den Herrn ins Gesicht zu lecken und auch alle seine übrigen Gefühle zu äußern: »Soll er nur meine Begeisterung sehen, Anstandsregeln sind aber nicht so wichtig!« Wo ich mich auch befand, erschien der Hund auf den bloßen Anruf »Kultjapka!« sofort hinter einer Ecke, wie aus der Erde geschossen, und flog mit begeistertem Gewinsel auf mich zu, wie eine Kugel rollend und sich unterwegs überschlagend. Ich gewann dieses kleine Ungeheuer schrecklich lieb. Das Schicksal schien ihm nichts als Annehmlichkeiten und Freuden zu verheißen. Aber eines schönen Tages schenkte ihm der Arrestant Nëustrojew, der sich mit der Anfertigung von Frauenschuhen und dem Gerben von Fellen befaßte, seine besondere Aufmerksamkeit. Er rief Kultjapka zu sich heran, betastete sein Fell und wälzte ihn liebkosend auf den Rücken. Kultjapka, der keinen Argwohn schöpfte, winselte vor Vergnügen. Aber am nächsten Morgen war er verschwunden. Ich suchte ihn lange; er war wie in die Erde versunken; erst nach zwei Wochen fand die Sache ihre Aufklärung: Kultjapkas Fell hatte dem Rëustrojew außerordentlich gefallen. Er zog es ihm ab, gerbte es und fütterte damit das Paar samtene Winterhalbschuhe, die ihm die Frau des Auditors bestellt hatte. Er zeigte mir diese Halbschuhe, als sie fertig waren. Das Fell wirkte wunderschön. Der arme Kultjapka!

Bei uns im Zuchthause beschäftigten sich viele mit der Bearbeitung von Fellen und brachten oft Hunde mit schönem Fell mit, die dann augenblicklich verschwanden. Die einen waren gestohlen, die andern sogar gekauft. Ich erinnere mich, wie mir einmal hinter dem Küchengebäude zwei Arrestanten auffielen, die sich über etwas berieten und sehr geschäftig taten. Der eine von ihnen hielt an einem Strick einen prachtvollen großen schwarzen Hund, von offenbar teurer Rasse. Irgendein Schuft von einem Lakaien hatte den Hund seinem Herrn gestohlen und unserm Schuhmacher für dreißig Kopeken in Silber verkauft. Die Arrestanten hatten die Absicht, ihn aufzuhängen. Die Sache war sehr einfach: man zog dem Tier das Fell ab und warf den Kadaver in die große und tiefe Abfallgrube, die sich im hintersten Winkel unseres Zuchthaushofes befand und die im Sommer bei großer Hitze unerträglich stank. Sie wurde nur selten ausgeräumt. Der arme Hund schien das ihm bevorstehende Schicksal zu ahnen. Er blickte fragend und unruhig uns drei, einen nach dem andern an und wagte nur ab und zu, mit seinem buschigen Schwanze zu wedeln, den er dann gleich wieder einklemmte, als wollte er durch dieses Zeichen seines Vertrauens uns milder stimmen. Ich beeilte mich fortzugehen, sie aber erledigten ihr Unternehmen natürlich auf die glücklichste Weise.

Auch Gänse hatten sich bei uns irgendwie zufällig eingefunden. Wer sie eingeführt hatte und wem sie eigentlich gehörten, weiß ich nicht, aber sie dienten eine Zeitlang den Arrestanten zur Unterhaltung und wurden sogar in der Stadt bekannt. Sie waren im Zuchthause ausgebrütet worden und lebten in der Küche. Als die Brut herangewachsen war, gewöhnten sie sich, die Arrestanten als ganzer Haufe zur Arbeit zu begleiten. Sowie die Trommel erklang und die Zuchthäusler zum Ausgangstor gingen, liefen unsere Gänse mit ausgebreiteten Flügeln schnatternd uns nach, sprangen eine nach der andern über die hohe Schwelle der Eingangspforte und begaben sich stets an den rechten Flügel, wo sie sich aufstellten und warteten, bis die einzelnen Trupps abmarschierten. Sie schlossen sich immer dem größten Trupp an und weideten während der Arbeit irgendwo in der Nähe. Sobald der Trupp zur Heimkehr aufbrach, machten auch sie sich auf den Weg. In der Festung verbreitete sich das Gerücht, daß die Arrestanten, von Gänsen begleitet, zur Arbeit gingen. »Schau nur, da gehen die Arrestanten mit ihren Gänsen!« sagten manchmal die Leute, denen wir begegneten: »Wie habt ihr sie bloß dazu abgerichtet?« – »Da habt ihr was für eure Gänse,« sagte ein anderer, indem er uns ein Almosen reichte. Aber trotz ihrer ganzen Anhänglichkeit wurden sie einmal sämtlich zu irgendeinem Fest geschlachtet.

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