Aufzeichnungen aus einem toten Hause
- Автор: Достоевский Федор Михайлович
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Aufzeichnungen aus einem toten Hause». Краткое содержание книги:
Ich aber wollte auch nach der Entlassung aus dem Zuchthause noch leben...
Ich schleppte die Ziegel so gern übrigens nicht nur aus dem Grunde, weil diese Arbeit meinen Körper stärkte, sondern auch, weil sie am Ufer des Irtysch vor sich ging. Ich spreche so oft von diesem Ufer, weil es die einzige Stelle war, von der aus ich die Welt Gottes sehen konnte, die reine, klare Ferne und die freien, unbewohnten Steppen, deren Öde auf mich einen seltsamen Eindruck machte. Nur auf diesem Ufer hatte man die Möglichkeit, der Festung den Rücken zu kehren und sie nicht zu sehen. Alle unsere übrigen Arbeitsstätten befanden sich in der Festung oder neben ihr. Gleich in den ersten Tagen haßte ich diese Festung und besonders gewisse Gebäude. Das Haus unseres Platzmajors erschien mir als ein verfluchter, abscheulicher Ort, und ich sah es voller Haß an, sooft ich vorüberging. Am Ufer konnte man aber Vergessenheit finden: man blickte in diese grenzenlose, öde Weite hinaus, wie ein Gefangener aus dem Kerkerfenster in die Freiheit. Alles war mir dort lieb und wert: die helle, heiße Sonne im abgrundtiefen, blauen Himmel und das ferne Lied eines Kirgisen, das vom kirgisischen Ufer herüberklang. Wenn man lange hinsah, entdeckte man ein armseliges, verräuchertes Zelt eines Nomaden; man unterschied neben dem Zelte ein Rauchwölkchen und ein Kirgisenweib, das sich dort irgendwie bei ihren zwei Hammeln zu schaffen machte. Dies alles war armselig und wild, aber frei. Man unterschied in der durchsichtigen blauen Luft irgendeinen Vogel und verfolgte lange und hartnäckig seinen Flug: da blitzt er über dem Wasser auf, da verschwindet er in der Bläue und da erscheint er wieder als ein kaum sichtbarer Punkt... Selbst die armselige, kümmerliche Blume, die ich einmal im Vorfrühling in einer Spalte des steinigen Ufers fand, fesselte irgendwie krankhaft meine Aufmerksamkeit. Die traurige Stimmung dieses ersten Jahres meines Zuchthauslebens war unerträglich und wirkte auf mich aufreizend und erbitternd. In diesem ersten Jahre hatte ich infolge dieser Stimmung vieles von dem, was mich umgab, gar nicht bemerkt. Ich hielt die Augen geschlossen und wollte gar nicht hinschauen. Unter den bösen, verhaßten Zuchthausgenossen übersah ich die guten Menschen, die, trotz der abscheulichen Rinde, die sie von außen bedeckte, die Fähigkeit hatten, zudenken und zu fühlen. Unter den verletzenden Worten überhörte ich manches freundliche und liebevolle Wort, das um so wertvoller war, als es ohne jede besondere Absicht gesprochen wurde und aus dem Herzen kam, das vielleicht noch mehr als das meine gelitten und getragen hatte. Aber warum soll ich mich darüber verbreiten? Ich war sehr froh, wenn ich ordentlich müde wurde: wenn ich heimkomme, werde ich vielleicht einschlafen können!! Denn das Schlafen war bei uns im Sommer eine Qual, fast noch schlimmer als im Winter. Die Abende waren allerdings manchmal sehr schön. Die Sonne, die den ganzen Tag über nicht vom Zuchthaushofe gewichen war, ging endlich unter. Es kam die Abendkühle, und dieser folgte die fast kalte (verhältnismäßig kalte) Steppennacht. Die Arrestanten trieben sich in Erwartung, daß man sie einsperre, haufenweise auf dem Hofe herum. Die Hauptmasse drängte sich allerdings vorzugsweise in der Küche. Dort stand immer irgendeine brennende Zuchthausfrage zur Diskussion, man sprach von diesem und jenem und erörterte irgendein Gerücht, das oft unsinnig war, aber bei diesen von der Welt abgeschlossenen Menschen ein ungewöhnliches Interesse erweckte; z. B. daß die Nachricht eingetroffen sei, unser Platzmajor werde abgesetzt. Die Arrestanten sind leichtgläubig wie die Kinder; sie wissen selbst, daß die Nachricht absurd ist, daß sie von einem bekannten Schwätzer und »unsinnigen« Menschen, dem Arrestanten Kwassow gebracht worden ist, dem nicht zu glauben man schon längst beschlossen hatte und dessen jedes Wort Lüge war; trotzdem klammerten sich alle an diese Nachricht, erörterten und besprachen sie, fanden ihren Trost darin und ärgerten sich schließlich über sich selbst, daß sie dem Kwassow geglaubt hatten.
»Wer wird ihn denn absetzen!« schreit einer. »Er hat einen dicken Hals und läßt sich nicht so leicht unterkriegen!«
»Er hat doch auch seine Vorgesetzten über sich,« entgegnet ein anderer, ein temperamentvoller und gar nicht dummer Bursche, der schon manches erlebt hat, aber so streitsüchtig ist, wie niemand anderes auf der Welt.
»Ein Rabe hackt dem andern Raben nie die Augen aus!« versetzt mürrisch und wie vor sich hin ein Dritter, ein grauhaariger Mann, der in der Ecke einsam seine Kohlsuppe zu Ende ißt.
»Die Vorgesetzten werden wohl dich fragen, ob sie ihn absetzen sollen oder nicht?« fügt gleichgültig ein Vierter hinzu, leise auf seiner Balalaika klimpernd.
»Warum auch nicht mich?« entgegnete der Zweite voller Wut. »Wenn man uns alle befragt, müssen wir alle gegen ihn aussagen. Sonst aber schreien wir nur, und wenn es zur Sache kommt, tritt jeder zurück!«
»Wie stellst du es dir denn vor?« spricht der Balalaikaspieler. »Dafür ist es auch ein Zuchthaus.«
»Neulich,« fährt, ohne auf die andern zu hören, erregt der Streithammel fort, »war uns etwas Mehl übriggeblieben. Wir kratzten die letzten Reste zusammen und schickten sie zum Verkauf. Er aber erfuhr es: der Lagerverwalter hatte es angezeigt; man nahm uns das Mehl weg: es muß halt gespart werden. Ist das gerecht oder nicht?«
»Bei wem willst du dich denn beschweren?«
»Bei wem? Bei dem Revisor, der gefahren kommt.«
»Bei welchem Revisor?«
»Es stimmt, Brüder, daß ein Revisor herkommt,« sagt der junge, aufgeweckte, des Lesens und Schreibens kundige Bursche, der ehemalige Schreiber, der die »Herzogin Lavallière« oder etwas Ähnliches gelesen hat. Er ist immer lustig und zu Späßen aufgelegt, genießt aber wegen einer gewissen Sachkenntnis und Geriebenheit Achtung. Ohne der allgemeinen Neugier wegen des in Aussicht stehenden Revisors Beachtung zu schenken, geht er direkt zur »Köchin«, d.h. zum Koch, und verlangt von ihm ein Stück Leber. Unsere Köchinnen trieben oft mit solchen Dingen Handel. Sie kauften beispielsweise für eigenes Geld ein großes Stück Leber, brieten es und verkauften es im Ausschnitt an die Arrestanten.