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Aufzeichnungen aus einem toten Hause
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»Sie stand wohl gleich nach mir auf und wollte auch nach Hause. Man fand sie später hundert Schritte von jener Stelle liegen.«

»Hast sie also nicht fertig geschlachtet?«

»Ja...« Schischkow schwieg eine Weile.

»Es gibt so eine Ader,« bemerkte Tscherewin, »wenn man die nicht sofort durchschneidet, so wird der Mensch lange zappeln und kann, so viel Blut er auch verliert, niemals sterben.«

»Sie starb aber doch. Abends fand man sie tot liegen. Man zeigte es gleich an, begann mich zu suchen und fand mich in derselben Nacht in der Badestube!... So lebe ich hier schon fast vier Jahre,« fügte er nach kurzem Schweigen hinzu.

»Hm... Gewiß, wenn man sein Weib nicht prügelt, erlebt man nichts Gutes,« bemerkte Tscherewin kühl und belehrend, seine Schnupftabakdose hervorholend. Er schnupfte lange und umständlich. »Du aber, Bursche,« sagte er fortfahrend, »bist einfach dumm, wie ich sehe. Ich habe auch einmal mein Weib mit einem Liebhaber erwischt. Ich ließ sie in die Scheune kommen, legte eine Pferdeleine doppelt zusammen und fragte: ›Wem willst du Treue schwören? Wem willst du Treue schwören?‹ Und ich schlug sie und schlug sie mit der Pferdeleine; an die anderthalb Stunden schlug ich sie. ›Die Füße werde ich dir waschen‹, schrie sie, ›und das Wasser trinken!‹ Awdotja hat sie geheißen.«

V

Die Sommerzeit

Nun haben wir schon Anfang April, und die Osterwoche naht heran. Allmählich beginnen auch die Sommerarbeiten. Die Sonne scheint von Tag zu Tag wärmer und heller; die Luft duftet nach Frühling und reizt den ganzen Organismus. Die nahenden schönen Tage regen auch den in Fesseln geschmiedeten Menschen auf und wecken in ihm irgendwelche Wünsche, ein Drängen, eine Sehnsucht. Ich glaube, daß man unter hellen Sonnenstrahlen noch starker um die Freiheit trauert als an einem trüben Winter- oder Herbsttage, und das kann man allen Arrestanten ansehen. Sie scheinen sich über die heiteren Tage zu freuen, zugleich steigert sich aber in ihnen eine gewisse Ungeduld und Unruhe. Ich glaube wirklich bemerkt zu haben, daß es im Frühjahre im Zuchthause mehr Streit gab. Man hörte öfter Lärm, Geschrei und Radau, alle machten Geschichten; zugleich fiel mir aber manchmal während der Arbeit mancher nachdenkliche Blick auf, der unverwandt in die blaue Ferne, auf das andere Irtyschufer gerichtet war, wo die freie kirgisische Steppe begann, die sich in unermeßlicher Ausdehnung, vielleicht anderthalbtausend Werst weit hinzog; ich hörte manchen tiefen Seufzer aus voller Brust, als wollte der Mensch diese ferne, freie Luft einatmen und mit ihr seine erdrückte, gefesselte Seele erleichtern. »Ach ja!« sagt schließlich der Arrestant und packt plötzlich, als hätte er sich von seinen Träumen und Gedanken losgerissen, ungeduldig und mürrisch das Grabscheit oder die Tracht Ziegelsteine, die er von einem Ort nach einem anderen schleppen muß. Nach einer Minute hat er diese plötzliche Empfindung schon vergessen und beginnt zu lachen oder zu schimpfen, je nach seinem Charakter; oder aber er macht sich mit einem ungewöhnlichen, der Notwendigkeit gar nicht entsprechenden Eifer an das ihm aufgegebene Pensum und beginnt zu arbeiten, aus aller Kraft, als wollte er durch die Last der Arbeit etwas erdrücken, was ihn in seinem Innern bedrückt und bedrängt. Es sind ja lauter kräftige Leute, zum größten Teil in der Blüte der Jahre und der Kraft... Schwer sind die Fesseln um diese Zeit! Ich sage das nicht als Poet und bin von der Richtigkeit meiner Wahrnehmung vollkommen überzeugt. Außerdem kommen einem in der Wärme, bei hellem Sonnenschein, wenn man mit seinem ganzen Wesen die ringsum mit unbändiger Kraft wiedererwachende Natur fühlt, das zugesperrte Gefängnis, die Bewachung und der fremde Wille noch schwerer vor; zudem beginnt um diese Frühlingszeit, zugleich mit dem ersten Lerchengesang, in ganz Sibirien und in ganz Rußland die Landstreicherei: die Menschen Gottes fliehen aus den Zuchthäusern und retten sich in die Wälder. Nach dem schwülen Loch, nach den Gerichtsverhandlungen, Fesseln und Spießruten wandern sie nach ihrem freien Willen, wo sie nur wollen, wo es ihnen schöner und freier erscheint; sie trinken und essen was sich gerade trifft, was ihnen Gott schickt, und schlafen nachts friedlich irgendwo im Walde, ohne große Sorgen, ohne die Schwermut des Zuchthauses, wie die Vögel des Waldes, vor dem Einschlafen unter dem Auge Gottes nur den Sternen des Himmels gute Nacht sagend. Wer wird es bestreiten: manchmal ist dieser »Dienst beim General Kuckuck« schwer, hungrig und erschöpfend. Manchmal bekommt man tagelang kein Stück Brot zu sehen; man muß sich vor allen in acht nehmen und verstecken, man muß auch stehlen und rauben, zuweilen auch morden. »Ein Ansiedler ist wie ein kleines Kind: was er auch sieht, muß er sofort haben,« sagt man in Sibirien von den Ansiedlern. Dieses Sprichwort kann in seinem ganzen Umfange und sogar in noch höherem Grade auf die Landstreicher angewandt werden. Der Landstreicher ist nur in seltenen Fällen kein Räuber und fast immer ein Dieb, natürlich mehr aus Not als aus Beruf. Es gibt eingefleischte Landstreicher. Manche werden es sogar nach Absolvierung der Zwangsarbeit, nachdem sie aus dem Zuchthause entlassen worden und Ansiedler geworden sind. Man sollte doch meinen, der Mensch könne als Ansiedler froh sein und sich versorgt fühlen. Aber nein! Etwas lockt ihn immer irgendwohin. Das Leben in den Wäldern, dieses dürftige, schreckliche, aber freie und an Abenteuern reiche Leben hat etwas Verführerisches und übt einen geheimnisvollen Zauber auf alle aus, die es schon einmal gekostet haben. So flieht manchmal ein bescheidener, zuverlässiger Mensch, der ein guter, seßhafter Ansiedler und ein tüchtiger Landwirt zu werden versprach, und wird Landstreicher. Mancher hat sogar geheiratet und Kinder gezeugt, hat schon fünf Jahre an einem Platze gelebt und ist plötzlich an einem schönen Morgen verschwunden, zum Erstaunen seiner Frau und seiner Kinder und der ganzen Landgemeinde, der er zugeteilt ist. Man zeigte mir bei uns im Zuchthause einmal so einen eingefleischten Ausreißer. Er hatte keinerlei besondere Verbrechen begangen, man hatte jedenfalls nichts davon gehört, floh aber immerzu und verbrachte sein ganzes Leben auf der Flucht. Er war schon an der Südrussischen Grenze jenseits der Donau gewesen, in der Kirgisischen Steppe, in Ostsibirien, im Kaukasus, überall. Wer weiß, vielleicht wäre aus ihm unter anderen Umständen bei seiner leidenschaftlichen Wanderlust ein zweiter Robinson Crusoe geworden. Dies alles habe ich übrigens von anderen gehört, er selbst sprach im Zuchthause sehr wenig und nur das Allernotwendigste. Er war ein kleines Männchen, schon an die fünfzig Jahre alt, außerordentlich friedlich mit einem ungewöhnlich ruhigen, sogar stumpfen Gesichtsausdruck, dessen Ruhe schon an Idiotie grenzte. Im Sommer saß er gern in der Sonne und summte dabei irgendein Liedchen vor sich hin, doch so leise, daß man es fünf Schritte weit nicht mehr hörte. Seine Gesichtszüge waren irgendwie starr; er aß wenig, hauptsächlich Brot; noch niemals hatte er sich eine Semmel oder ein Gläschen Branntwein gekauft, er besaß wohl auch kaum jemals Geld, ich bezweifele sogar, ob er zu zählen verstand. Er nahm alles vollkommen gleichgültig hin. Die Zuchthaushunde fütterte er manchmal aus eigener Hand, was bei uns sonst niemand tat. Wie auch der Russe überhaupt nicht gern Hunde füttert. Man erzählte sich, er sei verheiratet gewesen, sogar zweimal, und habe irgendwo Kinder... Aus welchem Grunde er ins Zuchthaus geraten war, ist mir gänzlich unbekannt. Wir alle erwarteten, daß er aus dem Hospital durchbrennen würde, aber entweder war seine Zeit noch nicht gekommen, oder er war schon zu alt dazu geworden; er lebte friedlich dahin und nahm die ganze seltsame Umgebung beschaulich auf. Garantieren konnte man für ihn übrigens nicht, obwohl man meinen sollte, daß er keinen Grund zum Durchbrennen hätte und auch keinen Vorteil davon haben würde. Im großen Ganzen ist aber das Landstreicherleben im Walde ein Paradies im Vergleich zum Zuchthausleben. Das ist ja sehr begreiflich, und ein Vergleich ist überhaupt nicht möglich. Das Landstreicherleben ist zwar schwer, aber frei. Darum überkommt jeden Arrestanten in Rußland, wo er auch sitzen mag, im Frühjahr, zugleich mit den ersten freundlichen Strahlen der Frühlingssonne eine eigentümliche Unruhe. Obwohl bei weitem nicht jeder Fluchtabsichten hat: man darf positiv behaupten, daß dazu sich infolge der großen Schauerigkeiten und des Risikos nur einer von hundert Arrestanten entschließt; dafür geben sich aber die übrigen neunundneunzig wenigstens Träumen darüber hin, wie und wohin sie fliehen könnten, und verschafften sich durch den bloßen Wunsch, durch die bloße Vorstellung der Flucht einen gewissen Trost. Mancher erinnert sich dabei, wie er früher einmal geflohen ist... Ich spreche jetzt nur von den endgültig Verurteilten. Natürlich entschließen sich aber zur Flucht viel häufiger solche, die sich im Anklagezustand befinden. Die für eine bestimmte Frist Verurteilten fliehen höchstens nur ganz am Anfang ihres Zuchthauslebens. Nachdem ein Arrestant zwei oder drei Jahre Zuchthaus absolviert hat, fängt er an, diese Jahre zu schätzen, und entschließt sich allmählich, lieber die ihm zudiktierte Zeit der Zwangsarbeit auf eine gesetzliche Weise zu absolvieren und dann Ansiedler zu werden, als ein so böses Ende im Falle eines Mißerfolges zu riskieren. Ein Mißerfolg ist aber so sehr möglich. Höchstens einem von zehn gelingt es, »sein Los zu verändern«. Von den Verurteilten entschließen sich zur Flucht am häufigsten solche, die eine lange Strafzeit vor sich haben. Fünfzehn oder zwanzig Jahre erscheinen als eine Unendlichkeit, und ein zu dieser Frist Verurteilter ist immer geneigt, an die Veränderung seines Loses zu denken, selbst wenn er schon zehn Jahre im Zuchthause verbracht hat. Schließlich bilden auch die Brandmale ein gewisses Hindernis für die Flucht. »Sein Los verändern« ist ein technischer Ausdruck. So antwortet auch ein Arrestant bei gerichtlicher Vernehmung, wenn er bei einem Fluchtversuch erwischt worden ist, daß er »sein Los habe verändern wollen«. Dieser etwas literarisch klingende Ausdruck ist für die Sache im buchstäblichen Sinne bezeichnend. Jeder Ausreißer hat weniger die Absicht, vollkommene Freiheit zu erlangen, – er weiß, daß dies fast unmöglich ist, – sondern entweder das Zuchthaus zu wechseln oder Ansiedler zu werden oder unter einer neuen Anklage wegen eines Verbrechens, das er bereits als Landstreicher begangen hat, vors Gericht zu kommen, mit einem Worte, an einen beliebigen Ort zu geraten, nur nicht in das alte, verhaßte Zuchthaus. Alle diese Ausreißer, wenn sie im Laufe des Sommers keinen zufälligen, ungewöhnlichen Ort gefunden haben, wo sie überwintern könnten, wenn sie z.B. nicht auf einen Hehler von Flüchtlingen gestoßen sind, der daraus ein Geschäft macht; oder wenn sie sich nicht durch einen Mord einen Paß verschafft haben, mit dem sie überall leben können, – so kommen sie alle im Herbst, wenn man sie nicht schon vorher eingefangen hat, haufenweise in die Städte, um als Landstreicher in den Zuchthäusern zu überwintern, natürlich nicht ohne Hoffnung, im Sommer wieder zu fliehen.

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