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Aufzeichnungen aus einem toten Hause
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»War also eine liederliche Dirne?«

»Hör' nur weiter, Onkelchen. Wie ich so mit dem Filjka saufe, kommt einmal meine Mutter zu mir. Ich liege aber besoffen da. ›Was liegst du herum, du Räuber?‹ sagt sie zu mir und fängt wieder zu schimpfen an. ›Heirate doch‹, sagt sie zu mir, ›die Akuljka. Die Leute werden jetzt froh sein, wenn du sie nimmst. Ganze dreihundert Rubel will man dir geben.‹ Ich sage ihr darauf: ›Sie ist ja vor der ganzen Welt entehrt!‹ – ›Bist ein Narr,‹ sagte sie, ›die Haube deckt alles zu. Und für dich ist es auch besser, wenn sie sich ihr Leben lang vor dir schuldig fühlt. Mit dem Gelde können wir aber wieder auf die Beine kommen. Ich hab' auch schon mit Marja Stepanowna gesprochen. Sie ist einverstanden.‹ – ›Wenn man mir gleich zwanzig Rubel auf den Tisch legt,‹ sage ich, ›so heirate ich.‹ Und nun war ich, du magst es mir glauben oder nicht, bis zur Hochzeit immerzu besoffen. Filjka Morosow drohte mir aber: ›Ich werde dir, du Akuljkas Mann, alle Rippen entzwei schlagen und mit deinem Weib, wenn's mir paßt, jede Nacht schlafen.‹ Ich ihm darauf: ›Du lügst, Hundeblut!‹ Da tat er mir auf offener Straße Schande an. Ich kam nach Hause gelaufen und sagte: ›Ich heirate nicht, wenn man mir nicht sofort noch fünfzig Rubel auf den Tisch legt.'«

»Wollte man sie dir denn hergeben?«

»Mir? Warum denn nicht? Wir waren doch nicht ehrlos! Mein Vater hatte ja erst kurz vor dem Tode sein Hab und Gut bei einer Feuersbrunst verloren, vorher waren wir aber reicher als Akuljkas Eltern. Ankudim sagt uns also: ›Ihr seid elende Bettler!‹ Und ich ihm drauf: ›Hat man bei euch etwa das Tor nicht mit Pech beschmiert?‹ – ›Tu nicht so stolz, beweise zuerst, daß sie wirklich ehrlos ist. Man kann doch nicht jedes Lästermaul verstopfen. Hier ist die Türe, kannst gehen. Brauchst sie nicht zu nehmen. Aber das Geld, das du schon bekommen hast, mußt du mir wieder herausgeben.‹ Da beschloß ich mit Filjka Morosow, dem Ankudim durch Mitjka Bykow anzusagen, daß ich ihm nun vor der ganzen Welt Schande antun werde. Und dann war ich bis zum Hochzeitstage besoffen. Erst kurz vor der Trauung wurde ich nüchtern. Als wir aus der Kirche heimkamen und uns hinsetzten, sagte Mitrofan Stepanytsch – das war ihr Onkeclass="underline" ›Die Sache ist, wenn auch nicht in allen Ehren, aber fest und endgültig abgemacht.‹ Auch der alte Ankudim war besoffen und weinte; er saß da, und die Tränen liefen ihm den Bart herunter. Ich machte es aber so, Bruder: ich steckte mir eine Peitsche in die Tasche; die hatte ich mir noch vor der Trauung angeschafft und beschlossen, an Akuljka mein Mütchen zu kühlen, weil sie mich auf diese ehrlose Weise heiratete: Sollen nur die Leute wissen, daß ich nicht so dumm bin und mich nicht anschwindeln lasse...«

»Das war vernünftig! Sie sollte es also gleich von Anfang an zu spüren bekommen...«

»Nein, Onkelchen, schweig' und hör' zu. Bei uns ist es Sitte, daß die Neuvermählten gleich nach der Trauung in die Kammer gesperrt werden. Die Gäste bleiben aber da und trinken. So brachte man mich also mit der Akulina in die Kammer. Ganz blaß sitzt sie da, hat keinen Tropfen Blut im Gesicht. War wohl furchtbar erschrocken. Ihre Haare waren weiß wie Flachs. Große Augen hatte sie. Und sie schwieg immer, nie hörte man ihre Stimme: es war, wie wenn eine Stumme im Hause lebte. War auch sonst so eigen. Nun stelle es dir vor, Bruder: ich hatte die Peitsche angeschafft und neben dem Bett bereitgelegt, und sie... sie zeigte sich ohne jede Schuld vor mir!«

»Was du nicht sagst!«

»Ohne jede Schuld! Wie die ehrliche Tochter aus einem ehrlichen Hause. Und warum mußte sie all die Pein über sich ergehen lassen? Warum hatte sie Filjka Morosow vor der ganzen Welt entehrt?!«

»Ja, ja!«

»Ich springe also aus dem Bett, knie gleich vor ihr nieder und lege die Hände wie im Gebet zusammen. ›Mütterchen,‹ sag' ich ihr, ›Akulina Kudimowna, verzeih' mir, dem Dummen, daß auch ich dich für so eine hielt! Verzeih' mir,‹ sag' ich, ›dem gemeinen Kerl!‹ Sie aber sitzt vor mir auf dem Bett, schaut mich an, hat mir beide Hände auf die Schultern gelegt und lacht... Und dabei laufen ihr die Tränen die Wangen herunter, sie weint und sie lacht... Ich ging aber zu den Gästen hinaus und sagte: ›Wenn ich jetzt den Filjka Morosow erwische, so gnade ihm Gott!‹ Die Alten wußten vor Freude gar nicht, zu wem sie beten sollten. Die Mutter heulte und fiel vor ihr beinahe in die Knie. Der Alte aber sagte: ›Wenn wir es wüßten, so hätten wir dir einen ganz andern Mann gegeben, geliebte Tochter!‹ Am ersten Sonntag nach der Hochzeit ging ich aber mit ihr in die Kirche: ich habe eine Lammfellmütze auf und einen Kaftan vom feinsten Tuch und plüschene Pluderhosen an; und sie einen Pelz aus Hasenfellen und ein seidenes Kopftuch, – mit einem Worte – ich bin ihrer wert, und sie ist meiner wert! Ja, nobel sahen wir aus! Die Leute schauen und haben ihre Freude an uns. Ich bin eben ich, und was die Akulina betrifft, so kann ich sie doch vor den andern weder loben, noch tadeln: sie ist halt wie sie ist!..«

»Also gut.«

»Nun hör' weiter. Am andern Morgen nach der Hochzeit lief ich besoffen, wie ich war, aus dem Hause. Ich renne durch die Stadt und schreie: ›Gebt mir den Filjka Morosow her, zeigt mir mal den Schurken!‹ So schreie ich durch den Markt. Man fing mich erst vor dem Wlassowschen Hause ein, und drei Männer brachten mich mit Gewalt nach Hause. In der Stadt spricht man aber schon über die Sache. Die Mädchen auf dem Markte sagen zu einander: ›Wißt ihr, Mädels, das Neueste? Die Akuljka ist ja ehrlich gewesen!‹ Filjka sagt mir aber bald darauf vor anderen Leuten: ›Verkauf' mir dein Weib, dann kannst du immer besoffen sein. Bei uns,‹ sagt er, ›hat es den Soldaten Jaschka gegeben, der hat nur dazu geheiratet: hat mit seinem Weibe kein einziges Mal geschlafen, war aber dafür drei Jahre lang besoffen.‹ – ›Bist ein Schuft!‹ sage ich ihm. – ›Und du bist ein Narr!‹ antwortet er mir: ›Du warst ja besoffen, als man dich traute. Was konntest du in deinem Rausche sehen, ob sie ehrlich war oder nicht?‹ Ich kam nach Hause und schrie: ›Ihr habt mich im Rausche verheiratet!‹ Meine Mutter wollte für die Akulina eintreten, ich sagte ihr aber: ›Du hast dir die Ohren mit Gold verhängen lassen, Mütterchen. Gebt mir die Akuljka her!‹ Und nun fing ich sie zu prügeln an. Und ich prügelte sie, Bruder! Zwei Stunden lang prügelte ich sie, bis ich vor Müdigkeit umfiel; drei Wochen lang lag sie dann zu Bett.«

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