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Die geliehene Zeit: Roman (German Edition)

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Die geliehene Zeit: Roman (German Edition)
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»Es hat nichts mit Desinteresse zu tun«, versicherte ich ihr. »Es ist nur so, dass ich ein Kind erwarte, daher meide ich alles, was ansteckend ist, um des Kindes willen. Knochenbrüche sind schließlich nicht ansteckend.«

»Das ist manchmal die Frage«, sagte Mutter Hildegarde mit einem Blick auf eine Bahre, die gerade herbeigetragen wurde. »In dieser Woche scheinen sie wie eine Seuche zu sein. Nein, geht nicht.« Sie winkte mich zurück. »Schwester Cecile wird sich darum kümmern. Sie ruft Euch, wenn es nötig ist.«

Die kleinen grauen Äuglein der Nonne betrachteten mich halb neugierig, halb taxierend.

»Ihr gehört also nicht nur der besseren Gesellschaft an, sondern Ihr seid auch noch schwanger, und doch hat Euer Gemahl keine Einwände dagegen, dass Ihr hierherkommt? Er muss ein sehr außergewöhnlicher Mann sein.«

»Nun, er ist Schotte«, sagte ich zur Erklärung, weil ich die Einwände meines Gemahls hier nicht thematisieren wollte.

»Oh, Schotte.« Mutter Hildegarde nickte verständnisvoll. »Ach so.«

Das Bett bebte neben meinem Oberschenkel, als Bouton zu Boden sprang und auf die Tür zutrottete.

»Er riecht einen Fremden«, stellte Mutter Hildegarde fest. »Bouton assistiert nicht nur den Ärzten, sondern auch dem Pförtner – und erntet dort leider genauso wenig Dank für seine Bemühungen.«

Abgehacktes Gebell und eine schreckensschrille Stimme drangen durch die Flügeltür.

»Oh, es ist schon wieder Vater Balmain! Dieser Dummkopf, kann er denn nicht lernen stillzustehen und sich von Bouton beschnuppern zu lassen?« Mutter Hildegarde wandte sich hastig ab, um ihrem Begleiter zu Hilfe zu kommen. Im letzten Moment drehte sie sich um und lächelte mir herzlich zu. »Vielleicht schicke ich ihn Euch, damit er Euch assistieren kann, während ich Vater Balmain beruhige. Er ist zwar gewiss ein sehr heiliger Mann, doch ihm fehlt das wahre Verständnis für die Arbeit eines Künstlers.«

Mit ihrem raumgreifenden, gemächlichen Schritt ging sie zur Tür, und nach einem letzten Wort an den Fuhrmann wandte ich mich Schwester Cecile und der jüngsten Tragbahre zu.

Jamie lag im Wohnzimmer auf dem Teppich, als ich nach Hause kam, und hatte einen kleinen Jungen im Schneidersitz neben sich hocken. Jamie hatte ein Bilboquet in einer Hand und hielt sich die andere über das Auge.

»Natürlich kann ich das«, sagte er gerade. »Das ist doch ein Kinderspiel.«

Er verdeckte das Auge mit der Hand, richtete das andere konzentriert auf das Bilboquet und versetzte dem kleinen Elfenbeinbecher einen Stoß. Der angeleinte Ball flog im hohen Bogen aus seiner Halterung und landete wie radargesteuert mit einem kleinen Plop wieder in dem Becher.

»Siehst du?«, sagte er und nahm die Hand von seinem Auge. Er setzte sich gerade hin und reichte dem Jungen das Spielzeug. »Hier, jetzt du.« Er grinste mich an und fuhr mir zur Begrüßung mit der Hand unter den Rock, um sie mir um den seidenbestrumpften Knöchel zu legen.

»Amüsierst du dich gut?«, erkundigte ich mich.

»Noch nicht«, erwiderte er und drückte den Knöchel. »Ich habe auf dich gewartet, Sassenach.« Seine langen, warmen Finger glitten höher hinauf und strichen mir spielerisch über die Wade, während seine klaren blauen Augen unschuldig zu mir aufblickten. Ein getrockneter Schlammspritzer zog sich an der einen Seite über sein Gesicht, und auch Hemd und Kilt waren verdreckt.

»Ist das so?«, sagte ich und versuchte, mein Bein unauffällig zu befreien. »Ich hätte gedacht, mehr Gesellschaft als deinen kleinen Spielkameraden brauchst du nicht.«

Der Junge, der kein Wort dieses englischen Wortwechsels verstand, ignorierte diesen und konzentrierte sich ganz darauf, mit einem Auge die Bilboquetkugel zu fangen. Nachdem seine beiden ersten Versuche fehlgeschlagen waren, öffnete er das zweite Auge und funkelte das Spielzeug an, als wollte er sagen: »Wehe, du spielst nicht mit!« Das Auge schloss sich wieder, jedoch nicht vollständig; ein kleiner Schlitz glänzte wachsam unter den dichten dunklen Wimpern hervor.

Jamie schnalzte missbilligend mit der Zunge, und das Auge schloss sich hastig ganz.

»Also, Fergus, hier wird bitte nicht gepfuscht, aye? Wie du mir, so ich dir.« Der Junge verstand zwar den Wortlaut nicht, wusste aber offenbar, was gemeint war; er grinste verlegen und zeigte dabei zwei große, weiße, perfekte, glänzende Schneidezähne, die ihn an ein Eichhörnchen erinnern ließen.

Jamies Hand zog unsichtbar an mir, und ich war gezwungen, dichter an ihn heranzutreten, um nicht über meine eigenen Absätze zu fallen.

»Ah«, sagte er. »Nun, unser Fergus hier ist ein Mann, der viele Talente besitzt, und ein angenehmer Begleiter für die untätigen Stunden, wenn eine Frau ihren Mann allein gelassen hat und es ihm überlassen ist, sich inmitten der Verderbtheit der Stadt selbst zu beschäftigen«, die langen Finger schoben sich sacht in meine Kniekehle, »aber als Partner für den Zeitvertreib, der mir vorschwebte, eignet er sich nicht.«

»Fergus?« Ich betrachtete den Jungen, während ich versuchte, die Vorgänge unter meinem Rock zu ignorieren. Der Junge war vielleicht neun oder zehn, aber klein für sein Alter und zart gebaut wie ein Frettchen. Er trug saubere, abgetragene Kleider, die ihm um einiges zu groß waren, und mit der blassen Haut und den großen, dunklen Augen eines Pariser Straßenkindes sah er typisch französisch aus.

»Nun, eigentlich heißt er Claudel, aber wir haben beschlossen, dass das nicht besonders männlich klingt, also werden wir ihn stattdessen Fergus rufen. Ein anständiger Kriegername.« Beim Klang seines Namens – beziehungsweise seiner Namen – blickte der Junge auf und grinste mich schüchtern an.

»Das ist Madame«, erklärte Jamie dem Jungen und wies mit der freien Hand auf mich. »Du darfst sie Milady nennen. Ich glaube nicht, dass er ›Broch Tuarach‹ hinbekommen würde«, fügte er, an mich gerichtet, hinzu, »oder auch nur Fraser.«

»›Milady‹ reicht«, sagte ich lächelnd. Ich zog etwas fester an meinem Bein, um seinen Blutegelgriff abzuschütteln. »Äh, warum, wenn ich fragen darf?«

»Warum was? Oh, du meinst, warum Fergus?«

»Genau das meine ich.« Ich war mir nicht ganz sicher, wie weit sein Arm reichen würde, doch die Hand kroch mir langsam über die Rückseite des Oberschenkels. »Jamie, nimm sofort deine Hand da weg!«

Die Finger huschten zur Seite und zupften geschickt an meinem Strumpfband, so dass es sich löste. Der Strumpf rutschte mir über das Bein und landete in einem Häuflein rings um meinen Knöchel.

»Du Bestie!« Ich trat nach ihm, doch er wich lachend aus.

»Oh, eine Bestie? Welche Sorte denn?«

»Ein blöder Köter!«, zischte ich ihn an und versuchte, mich vornüberzubeugen und den Strumpf hochzuziehen, ohne aus den Schuhen zu kippen. Der kleine Fergus hatte nach einem kurzen, gleichgültigen Blick in unsere Richtung seine Versuche mit dem Bilboquet wieder aufgenommen.

»Was den Jungen betrifft«, fuhr Jamie fröhlich fort, »er steht jetzt bei mir in Brot und Lohn.«

»Zu welchem Zweck?«, fragte ich. »Wir haben doch schon einen Burschen, der die Messer und Schuhe putzt, und einen Stalljungen.«

Jamie nickte. »Aye, das stimmt. Aber wir haben noch keinen Taschendieb. Zumindest hatten wir keinen; jetzt aber schon.«

Ich holte tief Luft und atmete langsam wieder aus.

»Ich verstehe. Vermutlich wäre es begriffsstutzig von mir zu fragen, warum genau wir unseren Haushalt um einen Taschendieb erweitern sollten?«

»Um Briefe zu stehlen, Sassenach«, sagte Jamie ruhig.

»Oh«, sagte ich, und allmählich dämmerte es mir.

»Ich bekomme kein vernünftiges Wort aus Seiner Hoheit heraus; wenn er mit mir zusammen ist, hat er nichts Besseres zu tun, als entweder über Louise de La Tour zu jammern oder zähneknirschend zu fluchen, weil sie sich wieder gestritten haben. So oder so steht ihm der Sinn dann einzig danach, sich so schnell wie möglich zu betrinken. Der Graf von Mar verliert langsam jede Geduld mit ihm, weil er so launisch ist. Und aus Sheridan bekomme ich nichts heraus.«

Unter den Jakobiten im Pariser Exil war der Graf von Mar derjenige, der den größten Respekt genoss. Er war ein Mann, dessen lange, schillernde Lebensblüte erst jetzt allmählich gesetzteren Tagen wich – beim misslungenen Aufstand von 1715 war er König James’ wichtigster Gefolgsmann gewesen, und nach der Niederlage von Sheriffmuir war er seinem König ins Exil gefolgt. Ich war dem Grafen bereits begegnet und mochte ihn; er war ein älterer, höflicher Mann, dessen Charakter so aufrecht war wie sein Rückgrat. Jetzt tat er für den Sohn seines Herrn, was er konnte – anscheinend eine undankbare Aufgabe. Auch Thomas Sheridan, dem Hauslehrer des Prinzen, war ich bereits begegnet – ebenfalls ein älterer Herr, der für die Korrespondenz Seiner Hoheit verantwortlich war, indem er Ungeduld und mangelndes Ausdrucksvermögen in gepflegtes Französisch und Englisch übersetzte.

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