Die geliehene Zeit: Roman (German Edition)
- Автор: Гэблдон Диана
- Серия: Die Outlander #2
- Год: 2015
- Язык: немецкий
- Год: Knaur eBook
- Жанр: Другие приключения
Электронная книга - «Die geliehene Zeit: Roman (German Edition)». Краткое содержание книги:
Ich setzte mich und zog mir den Strumpf wieder hoch. Fergus, der anscheinend gegenüber dem Anblick weiblicher Gliedmaßen abgehärtet war, schenkte mir keinerlei Beachtung und konzentrierte sich grimmig auf das Bilboquet.
»Briefe, Sassenach«, sagte Jamie. »Ich brauche die Briefe. Briefe aus Rom mit dem Siegel der Stuarts. Briefe aus Frankreich, Briefe aus England, Briefe aus Spanien. Wir können sie entweder im Haus des Prinzen bekommen – Fergus kann mich als Page begleiten – oder möglicherweise von dem päpstlichen Boten, der sie bringt; das wäre noch besser, weil wir die Informationen im Voraus hätten. Also haben wir eine Abmachung getroffen«, sagte Jamie und wies kopfnickend auf seinen neuen Bediensteten. »Fergus wird sein Bestes tun, damit ich bekomme, was ich brauche, und ich stelle ihm Kleidung und Logis und zahle ihm dreißig Écus im Jahr. Wird er erwischt, während er für mich arbeitet, tue ich mein Bestes, um ihn freizukaufen. Wenn das nicht geht und er eine Hand oder ein Ohr verliert, komme ich den Rest seines Lebens für ihn auf, da er ja seinem Beruf nicht mehr nachgehen kann. Und wenn man ihn hängt, garantiere ich ihm, dass ich ein Jahr lang Messen für seine Seele lesen lasse. Das ist doch fair, oder?«
Ich spürte, wie es mir kalt über den Rücken lief.
»Großer Gott, Jamie«, war alles, was ich sagen konnte.
Er schüttelte den Kopf und streckte die Hand nach dem Bilboquet aus. »Nicht Gott, Sassenach. Bete zu St. Dismas. Das ist der Schutzheilige der Diebe und Verräter.«
Jamie nahm dem Jungen das Bilboquet ab. Er schnippte mit dem Handgelenk, und die Elfenbeinkugel beschrieb eine perfekte Parabel, um dann mit dem unausweichlichen Plop wieder in ihrem Becher zu landen.
»Ich verstehe«, sagte ich. Ich betrachtete unseren neuen Angestellten mit Interesse, während er das Spielzeug von Jamie entgegennahm und sich mit konzentriert glänzenden Augen erneut daran versuchte. »Woher hast du ihn denn?«, fragte ich neugierig.
»Ich habe ihn in einem Bordell gefunden.«
»Oh, natürlich«, sagte ich. »Wo auch sonst?« Ich betrachtete den Schmutz an seinen Kleidern. »Welches du gewiss aus irgendeinem triftigen Grund aufgesucht hast?«
»Oh, aye.« Er schlang die Arme um die Knie und grinste, während er mir dabei zusah, wie ich mein Strumpfband wieder anbrachte. »Ich dachte, es ist dir vielleicht lieber, wenn man mich in einem solchen Etablissement findet als mit eingeschlagenem Schädel in einer dunklen Gasse.«
Ich sah, wie sich der Blick des kleinen Fergus auf eine Stelle jenseits des Bilboquets heftete, wo ein Tablett mit Zuckergussgebäck auf einem Tisch an der Wand stand. Seine kleine, spitze rosa Zunge huschte ihm über die Unterlippe.
»Ich glaube, dein Schützling hat Hunger«, sagte ich. »Warum gibst du ihm nicht etwas zu essen, und dann kannst du mir erzählen, was zum Kuckuck heute Nachmittag passiert ist.«
»Nun, ich war unterwegs zu den Docks«, begann er, während er sich gehorsam erhob, »und gerade an der Rue Eglantine vorbei, als ich plötzlich ein komisches Gefühl im Nacken hatte.«
Jamie Fraser hatte zwei Jahre in der französischen Armee gedient, eine Zeitlang unter schottischen Wilddieben gelebt und war als Gesetzloser über die Moore und Berge seiner Heimat gejagt worden. All dies hatte ihn extrem sensibel für das Gefühl gemacht, verfolgt zu werden.
Er hätte nicht sagen können, ob es das Geräusch von Schritten war, die sich zu dicht hinter ihm bewegten, der Anblick eines Schattens, der nicht hätte da sein dürfen, oder etwas weniger Greifbares – vielleicht ein Hauch des Bösen –, doch er hatte gelernt, dass es nicht gut für ihn war, das warnende Kribbeln seiner Nackenhaare zu ignorieren.
Prompt war er dem Diktat seiner Halswirbelsäule gefolgt und an der nächsten Ecke links abgebogen statt rechts, hatte sich geduckt am Stand eines Schneckenverkäufers vorbeigeschlichen, sich zwischen einem Karren mit dampfenden Pasteten und einem mit Gemüse hindurchgeschoben und eine kleine Metzgerei betreten.
Neben der Tür an die Wand gedrückt, hatte er durch einen Vorhang geschlachteter Enten ins Freie geblickt. In der nächsten Sekunde waren zwei Männer dicht nebeneinander in die Straße eingebogen und hatten sich hastig umgesehen.
Jeder Arbeiter in Paris trug die Spuren seines Handwerks, und man brauchte keine besonders gute Nase, um das Meersalz zu riechen, das diesen beiden anhaftete. Wenn der kleine Goldring im Ohr des Kleineren sie nicht als Hochseematrosen entlarvt hätte, hätte es das tiefe Rotbraun ihrer Gesichter mit Sicherheit getan.
Da sie beengte Bedingungen an Bord ihrer Schiffe oder in den Hafenkneipen gewohnt waren, gingen Seeleute nur selten geradeaus. Diese beiden glitten durch die belebte Gasse wie Aale über die Felsen, während ihr Blick über Bettler, Dienstmädchen, Hausfrauen und Kaufleute hinweghuschte; Seewölfe beim Ausspähen ihrer Beute.
»Ich habe sie weit an dem Laden vorübergehen lassen«, erklärte Jamie, »und war gerade im Begriff, wieder ins Freie und in die andere Richtung zurückzugehen, als ich noch einen Dritten am Eingang der Gasse gesehen habe.«
Dieser Mann war genauso uniformiert wie die beiden anderen; sein Backenbart war dick eingefettet; er trug ein Fischmesser an der Seite und hatte einen Marlspieker von der Länge eines Männerunterarms im Gürtel stecken. Er war klein und kräftig und blieb am Ende der Gasse stehen, ein Fels in der Brandung der Einkaufenden, die durch den engen Durchgang strömte. Er stand eindeutig Schmiere, während sich seine Kameraden weiter vorn umsahen.
»Also habe ich mich gefragt, was ich am besten tue«, sagte Jamie und rieb sich die Nase. »Im Moment war ich zwar sicher, aber es gab keinen Ausweg aus dem Laden, und sobald ich zur Tür hinausging, würde man mich sehen.« Er senkte nachdenklich den Blick und strich sich das rote Tuch seines Kilts auf dem Oberschenkel glatt. Ein gigantischer roter Barbar konnte nicht unbemerkt bleiben, ganz gleich, wie dicht die Menge war.
»Was hast du also getan?«, fragte ich. Fergus, der uns nicht beachtete, stopfte sich methodisch die Taschen mit Gebäck voll und hielt hin und wieder an, um hastig einen Bissen hinunterzuschlingen. Jamie sah mich in die Richtung des Jungen blicken und zuckte mit den Schultern.
»Er ist vermutlich keine regelmäßigen Mahlzeiten gewohnt«, sagte er. »Lass ihn nur.«
»Also schön«, sagte ich. »Aber weiter – was hast du getan?«
»Eine Wurst gekauft«, sagte er prompt.
Eine Dunedinwurst, um genau zu sein. Diese Spezialität aus Ente, Schwein und Wild, das gewürzt, gekocht, in einen Darm gefüllt und an der Sonne getrocknet wurde, war einen guten halben Meter lang und so hart wie gelagertes Eichenholz.
»Ich konnte ja nicht mit gezogenem Schwert ins Freie treten«, erklärte Jamie, »aber mir war auch nicht wohl bei dem Gedanken, ohne Rückendeckung und mit leeren Händen an dem Kerl in der Gasse vorbeizugehen.«
Mit der Wurst in Habtachtstellung, die Passanten genau im Blick, war Jamie todesmutig über die Gasse geschritten, auf den Wachtposten am Eingang zu.
Der Mann hatte ihm in aller Ruhe entgegengeblickt und sich keinerlei böse Absichten anmerken lassen. Fast hätte Jamie schon gedacht, seine Vorahnung hätte ihn getäuscht, doch dann sah er, wie sich der Blick des Mannes auf ein Ziel in seinem Rücken heftete. Den Instinkten gehorchend, die ihn bis jetzt am Leben gehalten hatten, hatte er einen Satz nach vorn gemacht, den Wachtposten zu Boden geworfen und war auf dem Bauch über das schmutzige Straßenpflaster gerutscht.