Aufzeichnungen aus einem toten Hause
- Автор: Достоевский Федор Михайлович
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Aufzeichnungen aus einem toten Hause». Краткое содержание книги:
Ich konnte lange nicht verstehen, wovon er erzählte. Anfangs hatte ich auch den Eindruck, als ob er sein Thema immer wechselte und sich von Nebensächlichkeiten hinreißen ließe. Vielleicht sah er auch, daß Tscherewin sich für seine Erzählung gar nicht interessierte; er schien sich aber selbst einreden zu wollen, daß sein Zuhörer ganz Ohr sei, und es täte ihm vielleicht sehr weh, wenn er sich vom Gegenteil überzeugt hätte.
»... Und wenn er mal auf den Markt kam,« sagte er fortfahrend, »so verneigten sich alle vor ihm, und alle fühlten, daß er ein reicher Mann ist.«
»Du sagst, er hätte einen Handel gehabt?«
»Na ja, einen Handel. Sonst sind die Kleinbürger bei uns lauter Bettler. Die Weiber schleppen das Wasser vom Fluß das steile Ufer Gott weiß wie weit hinauf, um die Gemüsegärten zu begießen; sie rackern sich furchtbar ab und haben im Herbst doch kaum soviel, daß sie sich eine Kohlsuppe kochen können. Er hatte aber große Äcker, hielt sich drei Ackerknechte, hatte auch eine eigene Imkerei, handelte mit Honig und Vieh, genoß also bei unseren Verhältnissen das größte Ansehen. War schon recht alt, an die siebzig, hatte schwere Knochen, war ganz schwer und grau. Wenn er in seinem Fuchspelz auf den Markt kam, erwiesen ihm alle große Ehren. ›Guten Tag, Väterchen, Ankudim Trofimytsch!‹ – ›Und wie geht es dir?‹ fragte er drauf. ›Schlecht wie immer, und Euch, Väterchen?‹ – ›Es geht,‹ sagte er, ›soweit es unsere Sünden erlauben, auch wir machen den Himmel russig.‹ – ›Gott gebe Euch ein langes Leben, Ankudim Trofimytsch!‹ Niemand war ihm zu gering, wenn er aber etwas sagte, so galt jedes seiner Worte einen Rubel. War ein Schriftgelehrter, konnte lesen und las immer in göttlichen Büchern. Pflegte seine Alte vor sich hinzusetzen und zu sagen: ›Frau, hör zu!‹ Und begann ihr die Schrift zu erklären. Die Frau war aber gar nicht so alt: sie war seine zweite Frau, er hatte sie geheiratet, um Kinder zu kriegen, denn von der ersten Frau hatte er keine. Von der zweiten, von Marja Stepanowna hatte er aber zwei minderjährige Söhne; den Jüngsten, Wassja, kriegte er, als er schon in den Sechzigern war, die Älteste aber, Akuljka, war achtzehn.«
»War das deine Frau?«
»Wart einmal, zuerst hatte Filjka Morosow sie angeschwärmt. Dieser Filjka sagte einmal zu Ankudim: ›Du mußt mit mir ehrlich teilen und die ganzen vierhundert Rubel hergeben. Bin ich etwa dein Knecht? Ich will mit dir weder handeln noch deine Akuljka nehmen. Ich will mich jetzt‹, sagte er, ›meines Lebens freuen. Meine Eltern‹, sagte er, ›sind gestorben, also will ich das ganze Geld verputzen, dann mich für jemand andern als Soldat anwerben lassen und nach zehn Jahren als Feldmarschall zurückkehren.‹ Ankudim gab ihm das Geld und rechnete mit ihm alles ab: er hatte ja mit seinem Alten gemeinsame Geschäfte gehabt. ›Ein verlorener Mensch bist du!‹ sagte er ihm. Und jener drauf: ›Ob ich ein verlorener Mensch bin oder nicht, aber bei dir, du grauer Bart, kann man schon lernen, Milch mit einer Schusterahle zu löffeln. An jedem Pfennig‹, sagt er, ›willst du was verdienen und hebst dir jeden Dreck auf, ob du ihn nicht in deinen Brei tun kannst. Ich spucke‹, sagt er, ›drauf. Du sparst und sparst und kaufst dir schließlich den Teufel. Ich aber habe‹, sagt er, ›einen Charakter. Deine Akuljka nehme ich doch nicht: habe auch so schon mit ihr geschlafen...‹
›Wie wagst du es,‹ sagt Ankudim, ›die ehrliche Tochter eines ehrlichen Vaters so zu beschimpfen? Wann hast du mit ihr geschlafen, du Schlangentalg, du Hechtblut?‹ Und dabei zittert er am ganzen Leibe. So erzählte es Filjka selbst.
›Und nicht nur, daß ich selbst sie nicht nehme,‹ sagt er ihm, ›ich will es auch so einrichten, daß kein Mensch deine Akuljka nimmt, auch Mikita Grigorjitsch nicht, denn sie ist jetzt ein entehrtes Mädel. Ich hab mit ihr schon im Herbst zusammengelebt. Und jetzt gehe ich auch für hundert Krebse nicht darauf ein. Versuch's nur: gib mir hundert Krebse, – ich nehme sie nicht!‹
»Der Bursche fing also zu saufen an! So, daß die Erde stöhnte, daß die ganze Stadt dröhnte. Er warb sich ein Rudel Freunde an, hatte einen Haufen Geld, trieb es drei Monate so und versoff alles bis auf den letzten Heller. ›Wenn ich das ganze Geld versoffen habe,‹ pflegte er zu sagen, ›so versaufe ich auch noch das Haus, versaufe alles und geh dann entweder unter die Soldaten oder werde Landstreicher!‹ Den ganzen Tag vom Morgen bis zum Abend war er besoffen und fuhr zweispännig mit Schellengeläute herum. Und wie ihn erst die Mädels liebten, gar nicht zu sagen! Er verstand gut den Dudelsack zu spielen.«
»Er hat also mit der Akuljka auch vorher schon zu schaffen gehabt?«
»Wart'. Auch ich hatte damals meinen Vater beerdigt. Meine Mutter buk Kuchen, wir arbeiteten für den Ankudim und lebten davon. Das Leben war gar nicht gut. Wir hatten zwar hinter dem Walde einen Acker und säten Korn, verloren aber bald nach dem Tode des Vaters alles, denn auch ich fing um jene Zeit zu saufen an, mein Lieber. Von der Mutter erpreßte ich Geld mit Schlägen...«
»Das ist nicht schön, mit Schlägen; es ist eine große Sünde.«
»Oft war ich vom Morgen bis zum Abend besoffen, Bruder. Das Haus, das wir hatten, war gar nicht schlecht, und wenn auch durchfault, doch unser. Doch im Hause war es so leer, daß man darin Hasen jagen konnte. Manchmal hungerten wir ganze Wochen lang und hatten nichts als Lumpen zu kauen. Die Mutter schimpfte manchmal ordentlich, aber das rührte mich nicht. Damals war ich immer mit Filjka Morosow. Vom Morgen bis zum Abend war ich mit ihm. ›Spiel,‹ sagt er, ›mir auf der Gitarre auf und tanz', und ich werde liegen und mit Geldstücken nach dir werfen, denn ich bin jetzt der reichste Mann.‹ Was er nicht alles anstellte! Aber gestohlenes Gut nahm er nicht an: ›Ich bin‹, sagte er, ›ein ehrlicher Mensch und kein Dieb.‹ – ›Kommt‹, sagt er einmal, ›wir wollen der Akuljka das Tor mit Pech beschmieren,In russischen Dörfern pflegt man das Tor am Hause eines Mädchens, das gefehlt hat, mit Pech zu beschmieren. Anm. d. Ü. denn ich will nicht, daß Mikita Grigorjitsch sie kriegt. Das ist mir wichtiger als Haferbrei.‹ Der Alte wollte nämlich das Mädel schon vorher mit Mikita Grigorjitsch verheiraten. Mikita war auch ein alter Mann, Witwer, trug eine Brille und trieb Handel. Als er hörte, daß man von der Akuljka zu munkeln anfing, wollte er gleich zurücktreten: ›Das wird‹, sagte er, ›eine große Unehre für mich sein, Ankudim Trofimytsch, und ich will meines Alters wegen gar nicht heiraten.‹ Da beschmierten wir ihr das Tor mit Pech. Nun fing man sie deswegen zu prügeln an... Marja Stepanowna schrie: ›Ich mach ihr den Garaus!‹ Und der Alte: ›In alten Zeiten, unter den Patriarchen, würde ich,‹ sagte er, ›eine solche Tochter auf dem Scheiterhaufen in Stücke hauen; heute ist aber in der Welt nichts als Finsternis und Moder.‹ Die Nachbarn hörten Akuljka oft tagelang schreien: man schlug sie mit Ruten vom Morgen bis zum Abend. Filjka schreit aber auf dem Markte, daß es alle hören: ›Eine feine Dirne ist diese Akuljka, eine gute Saufschwester! Hält sich sauber, hält sich rein, trinkt mit jedem Bier und Wein! Ich hab den Leuten‹, sagt er, ›einen Brei eingebrockt, daß sie meiner lange denken werden.‹ Um jene Zeit traf ich einmal Akuljka, wie sie mit den Eimern zum Wasserholen ging, und rief ihr zu: ›Guten Tag, Akulina Kudimowna! Meine Hochachtung! Bist so sauber, bist so nett, sag, mit wem du gehst zu Bett!‹ Nun dieses sagte ich ihr. Sie blickte mich aber an und hatte so große Augen, war dabei mager wie ein Span. Sie sah mich nur an, aber ihre Mutter glaubte, daß sie mit mir scherzte, und schrie ihr aus dem Tore zu: ›Was grinst du wieder, du Schamlose?‹ Und sie fing sie wieder zu schlagen an. Eine ganze Stunde prügelte sie sie. ›Ich schlage sie tot,‹ schrie sie dabei, ›denn sie ist mir keine Tochter mehr!‹ «