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Die Zypressen von Cordoba

Электронная книга - «Die Zypressen von Cordoba». Краткое содержание книги:

Spanien im 10. Jahrhundert: Am Hof von Córdoba herrschen die Mauren. Der Kalif Abd ar-Rahman III. spürt, daß er von seinen Leibärzten verraten wird. Nur Da'ud ibn Yatom, dem Sohn des Vorstehers der jüdischen Gemeinde, vertraut er. Ihn beauftragt er, den großen Theriak wieder zu entdecken, ein Mittel, mit dem sich der Herrscher vor Schlangenbissen schützen will, vor denen er panische Angst hat. Falls Da'ud dies gelingt, wird er mit Gold überschüttet, falls nicht, droht der Kalif Da'ud und seine Familie auszulöschen …
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Hai und Sari waren zutiefst beunruhigt. Nicht nur seine innere Stärke schwand; auch sein Körper schien sich beinahe vor ihren Augen aufzulösen. Weder die Gerstengrütze noch die Milchsuppe oder irgendeine andere Köstlichkeit, die Sari liebevoll für ihn zubereitete, konnten seinen Verfall aufhalten.

»Es ist die Kälte«, flüsterte er, ein trauriges Lächeln auf den grauen Lippen, als er sich wieder einmal anschickte, sich zu Bett zu begeben. »Wenn der Sommer kommt, geht es mir bestimmt besser.«

Doch als man die ersten Regungen des Frühlings spürte und süße warme Lüfte die stillen Tümpel und eleganten Zypressen der großen Stadt Córdoba liebkosten, nahm Da'ud beinahe gar nichts mehr zu sich. Panik ergriff seine Frau und seinen Sohn. Nacht für Nacht saß Hai über Traktate und Abhandlungen gebeugt, suchte nach einem Heilmittel, das man im Laufe der Jahrhunderte vielleicht vergessen oder übersehen hatte. Er klappte gerade sein Exemplar von Galens De Alimentorium Virtutibus zu, nachdem er wieder einmal eine Nacht erfolglos gesucht hatte. Da fielen seine müden Augen auf einen Abschnitt, den er schon viele Male gelesen hatte:

»Im Altertum lebten die Menschen beinahe ausschließlich von Aloe, weil sie den Körper nährt.«

Aber Galen hatte nicht angegeben, ob diese Menschen krank oder gesund waren. Eindeutig würde doch ein Patient, der so geschwächt war wie sein Vater, die abführende Wirkung einer solchen Nahrung nicht vertragen. Und doch … und doch … Er erhob sich und ging in der Stille der Nacht unruhig im Raum auf und ab. Die flackernde Kerze warf zitternde Schatten an die Wände. Was, wenn der Extrakt, der sich in Ralambos Beutel befand, die gleiche Wirkung zeitigte? War er so teuer, weil seine lebensstärkende Wirkung nicht durch seine wohlbekannte läuternde Wirkung aufgehoben wurde? Sollte er es versuchen? Schon lange war ihm klar, daß sein Vater dahinsiechte, weil die Entfernung der Geschwulst trotz allem die Zersetzung seiner inneren Organe nicht hatte aufhalten können. Das war zweifelsohne seinem Vater ebenfalls klar – auch wenn Da'ud nie etwas davon hatte verlauten lassen. Er hatte schließlich selbst bei seinem Vater die gleiche Krankheit behandelt. Hai hatte nicht viel zu verlieren, schien es, wenn er es versuchte, ein wenig, nur ein wenig, nach und nach …

Er besprach das Thema vorsichtig mit Sari. Sie hatte keine Einwände gegen das Experiment. »Aber versuche es erst nur mit einer sehr kleinen Menge«, mahnte sie ihn zur Vorsicht. Um den bitteren Geschmack des Pulvers zu übertönen, schlug sie vor, Hai solle es in eine Süßigkeit mischen, die sie manchmal aus Eibischwurzel bereitete. Das war nicht nur eine Köstlichkeit, die Da'ud besonders gerne mochte, er hatte sie auch selbst Ya'kub verschrieben, weil sie eine lindernde Wirkung auf seine verborgenen Verletzungen hatte.

Als die Paste vorbereitet war, rollte Sari sie zu kleinen Kugeln, die sie auf einem silbernen Tablett neben ihren Mann stellte, sorgsam darauf bedacht, sie ihm nicht aufzudrängen, damit er nicht gegen ihre dringende Bitte aufbegehrte. Zu ihrer ungeheuren Erleichterung knabberte er an dem Konfekt, aß es Stück für Stück den ganzen Tag hindurch, bis er am Abend schließlich alles verspeist hatte. War es Wunschdenken, oder schien es ihm am nächsten Morgen wirklich ein wenig besser zu gehen? Jedenfalls nicht schlechter. Auf Da'uds Verlangen bereiteten sie am nächsten Tag eine größere Menge zu. Am Abend waren nur noch ein, zwei Kugeln übrig. Als Da'ud am nächsten Morgen aufstand, schien sein Schritt fester, seine Haut weniger grau. Sari lächelte und sagte ihm, wieviel besser er aussehe, worauf er ihr mit einem Zwinkern in den Augen, die ein wenig von ihrem Glanz zurückbekommen hatten, antwortete: »Ich habe dir doch gesagt, es würde mir besser gehen, sobald das Wetter sich erholt hat.«

Während der folgenden Tage stand ein ständiger Vorrat an Eibischkugeln griffbereit neben Da'ud, und jedesmal war ein wenig von Ralambos Extrakt hinzugefügt. Zwei Wochen später konnte es keinen Zweifel mehr geben: Da'ud hatte nicht unter der abführenden Wirkung zu leiden gehabt, sein Zustand hatte sich merklich verbessert. Aber nun ergriff Hai und Sari Panik. Beinahe die Hälfte des Beutelinhalts war bereits verbraucht. Wenn Ralambo nicht innerhalb des kommenden Monats eintraf, wäre alle Hoffnung verloren, Da'ud noch zu retten. Wie recht sein Vater gehabt hatte, dem glücklosen Eingeborenen so fest gegenüberzutreten, mußte Hai zugeben. Obwohl er mit niemandem darüber geredet hatte, war sich Da'ud offensichtlich über die Art seiner Krankheit im klaren. In dem ›Wundermittel‹ – dem Lebenselixier, wie Demitrios es genannt hatte – hatte er seine einzige Hoffnung auf eine Heilung gesehen, und sein Selbsterhaltungstrieb hatte alle anderen Erwägungen beiseite gefegt.

Aber wo war Ralambo? Als die Expedition aufgebrochen war, hatte Hai sie für so gefährlich gehalten, daß er Zweifel hegte, ob er den Mann je wiedersehen würde. Doch jetzt begann er genau wie sein Vater zu beten, mit der ganzen Dringlichkeit, zu der er fähig war, irgendein Höheres Wesen anzuflehen, das es irgendwo im Chaos der Schöpfung gab. Er flehte, Ralambo möge mit dem Extrakt zurückkommen, ehe der Beutel leer war und nichts mehr zwischen seinem Vater und seinem unvermeidlichen Abstieg ins Grab stand.

Sari konnte das Zittern ihrer Hände nicht mehr verbergen, als sie das letzte Körnchen des bräunlichen Pulvers in ihr Konfekt mischte – zusammen mit einer Träne, die in die Schüssel tropfte. Hai achtete sorgfältig darauf, daß er jeden Tag zu der Zeit zu Hause war, wenn Da'ud von seiner Siesta erwachte. Mit seiner einzigartigen Mischung aus Mitleid, Zärtlichkeit und sensibler Fürsorge nahm er den Vater mit einer freundschaftlichen Geste beim Arm, überspielte so, wie sehr er ihn stützte. Dann spazierten sie gemeinsam unter den Zypressen des Wassergartens auf und ab, bis Hai bemerkte, daß Da'uds Schritte sich verlangsamten. Es sei an der Zeit, einen Umschlag auf die schmerzenden Gelenke aufzubringen, schlug er dann vor, und trotz der lauen Luft des Sommerabends breitete er seinem Vater die üppige Pelzdecke, die der Kalif ihm mit allen guten Wünschen für eine baldige Genesung zugesandt hatte, über die Knie. Dann saß er neben ihm, lehnte sich auf dem Diwan zurück und knabberte schwach an den saftigen Früchten und köstlichen Süßigkeiten, mit denen Sari ihn zu locken versuchte.

Zwei- oder dreimal in der Woche schickte al-Hakam einen persönlichen Gesandten, um sich nach der Gesundheit seines Arztes zu erkundigen und zu fragen, ob er ihm in irgendeiner Weise behilflich sein könne. Der Bote vertraute Hai mehr als einmal an, der Kalif sei außerordentlich bestürzt über Da'uds Krankheit. Sonst schickte er seinen engsten Beratern seinen Hofarzt zur Behandlung, aber wen konnte er dem Arzt schicken, der sie alle an Fähigkeit und Wissen übertraf? Und wer würde ihn behandeln, wenn seine Zeit gekommen war, sollte der große Da'ud sich nicht erholen?

Auf Anordnung des Kalifen wurde der Hafen von Sevilla genau beobachtet, so daß man die kostbare Substanz gleich, sobald die Expedition zurückkehrte, unter schwerster Bewachung in aller Eile nach Córdoba bringen konnte. Woche um Woche zog sich dahin. Sari wurde immer blasser und unruhiger, während Da'ud zu einer gespenstischen, beinahe schon durchsichtigen Gestalt abmagerte. Manchmal war es, als hätte sich sein Geist schon vom Körper befreit. Hai saß stundenlang weinend bei ihm, und das Mitleid schien ihn von innen auszuhöhlen. Er versuchte mit seinen Gedanken Ralambo zu größerer Eile anzutreiben, strengte sich so sehr an, daß er beinahe die Grenzen seiner Kraft erreicht hatte. Er weigerte sich, die Hoffnung aufzugeben, in Resignation zu verfallen, der Enttäuschung zu erliegen, die jeder Arzt verspürt, der nicht verhindern kann, daß ein Leben, das er umsorgt hat, ihm aus den Händen gleitet. Morgen, übermorgen, spätestens in der nächsten Woche würde die Expedition mit dem Extrakt zurückkehren, der Da'uds Verfall Einhalt geboten hatte, und er würde von dem tödlichen Abgrund zurücktreten, an dessen Rand er jetzt mit schwankenden Schritten stand.

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