Die Zypressen von Cordoba
- Автор: Guiladi Yael
- Год: 2004
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Die Zypressen von Cordoba». Краткое содержание книги:
So saß Hai eines Abends und konzentrierte seine Gedanken, als könnte er durch seinen bloßen starken Willen die Rückkehr der Expedition beschleunigen, als sein Vater die matten Augen aufschlug. Er nahm die lange, schmale Hand seines Sohnes – die so sehr Saris Hand glich – in die seine, die inzwischen kalt, bläulich und knochig geworden war, und sprach mit einer Festigkeit in der Stimme, die man lange nicht vernommen hatte: »Es ist an der Zeit, daß wir miteinander reden, mein Sohn. Es gibt Dinge, die gesagt werden müssen, solange ich noch die Kraft dazu habe. Mein Leben lang habe ich die Hoffnung genährt, daß du in meine Fußstapfen als Hofarzt und Vertrauter des regierenden Kalifen treten würdest, daß du zu Ruhm, Macht und noch größerem Reichtum gelangen würdest als ich. Und doch habe ich in dir immer eine Abneigung gegen die brutale Wirklichkeit des Lebens in den Korridoren der Macht verspürt. Als du heranwuchsest, begriff ich allmählich, daß du für ein Leben der Täuschung und Intrige nicht geschaffen bist. Du mußt einen anderen Weg einschlagen. Du hast die Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit deiner Mutter geerbt und ihr tiefes Mitgefühl mit allem menschlichen Leiden. Im Verein mit deinem scharfen Intellekt wird dich dies zu einem Arzt im wahrsten Sinne des Wortes machen, zu einem Heiler um des Heilens willen.
Ich habe geduldig gewartet, bis du jetzt deine medizinischen Studien abgeschlossen hast, ehe ich dir von einer Vermutung spreche, die ich schon lange Zeit über die Eigenschaften des Großen Theriak hege. Als ich dieses Mittel zum erstenmal für Abd ar-Rahman III. zubereitete, habe ich ihm, hauptsächlich einem Impuls folgend, geraten, stets eine kleine Menge zur Vorbeugung einzunehmen, wenn er sich in akuter Gefahr eines Schlangenbisses wähnte. Er folgte meinem Rat, und nachdem er tatsächlich gebissen wurde, verspürte er keinerlei unangenehme Wirkung.«
»Gar keine?«
»Überhaupt keine.«
»Unglaublich!« rief Hai aus, wie damals vor so vielen Jahren auch Ibn Zuhr.
»Die einzige andere Person, der ich davon erzählt habe, ist unser Lehrer Ibn Zuhr. Er meinte zu Recht, die vorbeugende Wirkung des Großen Theriak sei nicht eindeutig bewiesen, da der Kalif nach dem Biß auch noch eine volle Dosis davon eingenommen habe. Und sie läßt sich auch nicht beweisen, ohne daß man jemanden der Todesgefahr aussetzt. Trotzdem bin ich nach wie vor davon überzeugt, daß meine Eingebung richtig war. Ich hinterlasse dir diese Einsicht, mache damit, was du willst. Aber gib auf keinen Fall das schwer erworbene Privileg auf, für den jeweils herrschenden Kalifen den Großen Theriak zu bereiten. So hast du stets einen Fuß im Palast, und dieser Vorteil ist nicht zu verachten.«
Mühsam verlagerte Da'ud sein Gewicht, trank einen kleinen Schluck Wasser und ruhte sich ein wenig aus, ehe er weitersprach.
»Was nun Ralambos ›Wundermittel‹ betrifft, so muß ich dich wohl kaum dazu drängen, deine unaufhaltsame Suche fortzuführen. Wenn die Expedition nicht zurückkehrt – und nach meinen Berechnungen sollte sie inzwischen längst wieder hier sein –, dann gib trotzdem nicht auf. Verwende dafür ohne Zögern das gesamte riesige Vermögen, das unsere Familie angehäuft hat, schicke noch mehr Leute zur Großen Roten Insel, um die Pflanzen aufzuspüren, und ruhe nicht eher, als bis du sie entdeckt hast. Ich habe sehr wohl gemerkt, wieviel neues Leben mir der Extrakt geschenkt hat.«
»Du …?«
»Ja, natürlich habe ich es gewußt, mein Sohn. Keine Süße kann diesen ganz besonderen bitteren Geschmack übertönen.«
»Warum dann …«, stammelte Hai.
»Man könnte sagen, ich habe mich mit dir und deiner Mutter verschworen, um euch die zusätzliche Angst zu ersparen, daß meine letzte Hoffnung auch noch schwinden könnte. Ich hatte natürlich darauf gehofft, wie das jeder Sterbliche tun würde, aber mit den Vorbehalten, die einem Wissenschaftler ziemen. Ich weiß nicht, ob der Extrakt mich letztlich hätte retten können. Ich kann nur bestätigen, daß er einen lebensspendenden Energiestrom durch meine Adern geschickt hat. Führe die Suche fort, mein Sohn, suche weiter.«
»Aber Vater«, brachte Hai unter Tränen hervor, »das Schiff müßte jeden Tag einlaufen. Der Kalif selbst hat einen ständigen Beobachter am Hafen postiert, so daß der Extrakt, sobald das Schiff angelegt hat, unverzüglich mit Sonderboten nach Córdoba gebracht wird.«
»Ich bezweifle, daß dazu noch Zeit ist«, murmelte Da'ud. »Ein Mann spürt es, wenn … wenn …«
Er umfaßte Hais Hand ein wenig fester, und seine dunklen, nun nicht mehr ruhigen Augen glänzten vor Tränen, während Hai hemmungslos schluchzte.
»Weine nicht, mein Sohn. Weder die Weisesten noch die Mächtigsten können dem entgehen, was Gott oder die Natur, je nachdem, an was man im innersten Herzen glaubt, jedem Lebewesen bestimmt hat.«
Er schloß kurz die Augen, sammelte all seine schwindenden Kräfte, um seinen Gedanken zu Ende zu bringen: »Wie ich schon gesagt habe, ich kann dich nicht dazu zwingen, am Hofe des Kalifen in meine Fußstapfen zu treten, aber ich muß dich bitten, die Leitung der jüdischen Gemeinde zu übernehmen, wie es dein Vater und dein Großvater vor dir getan haben. Mit deinem Geburtsrecht, deiner Bildung und deinem Wohlstand scheinst du für diese Aufgabe hervorragend geeignet, und ich hege keinerlei Zweifel, daß du trotz deiner Jugend mit der gleichen Hingabe das Amt zum Wohl unseres Volkes ausfüllen wirst, wie das deine Vorväter getan haben. Daß du dich so bescheiden und diskret verhalten wirst, wie das im Haus Ibn Yatom schon jeher üblich war, muß ich nicht betonen. Diese Eigenschaften sind dir angeboren.
Ebenso überflüssig ist es, dich an deine Verantwortung für deine Mutter zu erinnern, die einzige Frau, die ich je geliebt habe. Aber ich habe das Gefühl, daß ich auch von der anderen Familie reden muß.« Hier hielt Da'ud inne, wählte seine Worte sorgfältig. »Du hast nie ein Geheimnis aus deiner Zuneigung zu ihnen gemacht. Als du ein Kind warst, war dies zweifellos spontan. Es war nur natürlich, daß du dich zu deiner Halbschwester hingezogen fühltest, mit der du die ersten Jahre deines Lebens unter diesem Dach verbracht hast, nur natürlich, daß du später die Gesellschaft der jungen Leute deiner Generation gesucht hast. Aber als du älter wurdest, spürte ich, daß du dich in gewisser Weise verpflichtet zu fühlen schienst, sie irgendwie für das zu entschädigen, was du genau wie deine Mutter für eine ungerechte Behandlung meinerseits hieltest. Ich habe nie meinen Frieden mit der Situation geschlossen, die ich geschaffen hatte. Und doch, wenn ich jetzt vom Totenbett zurückblicke, bin ich nach wie vor überzeugt, daß ich unter den unwahrscheinlichen Umständen, die sich damals ergeben haben, im besten Interesse aller Beteiligten gehandelt habe. Als ich Djamila heiratete, um mir einen Erben zu sichern, konnte ich nicht ahnen, daß die Folge davon sein würde, daß Sari dich, meinen einzigen Sohn, zur Welt bringen würde. Das ist jedoch eine Angelegenheit, die nur deine Mutter ganz persönlich betrifft. Wenn sie möchte, kann sie dir eines Tages davon erzählen. Jedenfalls gab es, nachdem du zur Welt gekommen warst, keinen Platz mehr für Djamila und unsere Tochter, weder in meinem Herzen noch in meinem Haus. Es schien mir angemessener, ihnen ein Leben in bescheidener menschlicher Würde zu ermöglichen, als sie hinter einer ehrbaren Fassade ständige Demütigung erleiden zu lassen. Daß ich unrecht daran tat, sie so herabzusetzen, darüber gibt es keinen Zweifel. Aber ich hatte keine Gewalt über diesen Impuls. Verstehe und akzeptiere dies, mein Sohn, aber falls du das nicht kannst, verurteile mich nicht.