Aufzeichnungen aus einem toten Hause
- Автор: Достоевский Федор Михайлович
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Aufzeichnungen aus einem toten Hause». Краткое содержание книги:
›Auch ich, Euer Hochwohlgeboren‹
›Ist das dein Name: Auch ich?‹
›Ja, so heiße ich: Auch ich, Euer Hochwohlgeboren‹
›Wer hat dich denn so genannt, Schurke?‹
›Die guten Menschen haben mich so genannt, Euer Hochwohlgeboren. Es gibt auf der Welt, wie man weiß, genug gute Menschen, Euer Hochwohlgeboren‹
›Wer sind denn diese guten Menschen?‹
›Die habe ich alle vergessen, Euer Hochwohlgeboren, verzeihen Sie es mir großmütig.‹
›Hast alle vergessen?‹
›Alle vergessen, Euer Hochwohlgeboren.‹
›Du hast aber doch Vater und Mutter gehabt?... Kannst dich wenigstens ihrer erinnern?‹
›Es ist anzunehmen, daß ich welche gehabt habe, Euer Hochwohlgeboren, übrigens habe ich auch das vergessen; vielleicht hab ich wirklich welche gehabt, Euer Hochwohlgeboren.‹
›Wo hast du denn bisher gelebt?‹
›Im Walde, Euer Hochwohlgeboren.‹
›Immer im Walde?‹
›Immer im Walde.‹
›Nun, und im Winter?‹
›Vom Winter habe ich nichts gemerkt, Euer Hochwohlgeboren.‹
›Nun und du, wie heißt du?‹
›Beil, Euer Hochwohlgeboren.‹
›Und du?'
›Schleif-es-schnell, Euer Hochwohlgeboren.‹
›Und du?‹
›Mach-es-scharf, Euer Hochwohlgeboren.‹
›Ihr könnt euch alle auf nichts besinnen?‹
›Wir können uns auf nichts besinnen, Euer Hochwohlgeboren.‹
»Er steht da und lacht, und auch sie lächeln bei seinem Anblick. Ein anderes Mal kann er ja einen auch in die Zähne hauen, wenn man gerade Pech hat. Es sind aber lauter kräftige, stämmige Burschen. Man führe sie alle ins Zuchthaus, sagt er, ›ich werde mit ihnen noch später reden; du aber bleibst hier!‹ Damit meint er mich. ›Komm her und setz dich!‹ Ich sehe einen Tisch, Papier und eine Feder. Was hat er wohl vor? frage ich mich. ›Setz dich,‹ sagt er, ›auf den Stuhl, nimm die Feder und schreib!‹ Mit diesen Worten packt er mich am Ohr und beginnt zu ziehen. Ich schaue ihn an, wie der Teufel einen Popen anschaut. ›Ich versteh nicht zu schreiben,‹ sage ich, ›Euer Hochwohlgeboren.‹ – ›Schreib!‹
›Haben Sie Erbarmen, Euer Hochwohlgeboren!‹ – ›Schreib, wie du es eben verstehst, schreib!‹ Dabei zieht er mich immer am Ohr und fängt es plötzlich zu drehen an! Es wäre mir lieber, wenn er mir dreihundert Rutenhiebe gegeben hätte, es tat so weh, daß mir die Funken aus den Augen sprühten. Er aber schreit immerzu: ›Schreib!‹
»War er denn verrückt geworden?«
»Nein, gar nicht verrückt. Vor kurzem hatte aber in T–sk ein Schreiber einen üblen Streich angestellt: hatte Staatsgelder gestohlen und war damit durchgebrannt, auch er hatte abstehende Ohren. Das teilte man natürlich allen Behörden mit. Das Signalement schien auf mich zu passen, darum wollte er mich prüfen, ob ich zu schreiben verstehe und wie ich schreibe.«
»Solche Sachen, Bursche! Tat es weh?«
»Ich sage ja, es tat sehr weh.«
Es erscholl allgemeines Gelächter
»Nun, und hast du was geschrieben?«
»Was habe ich schreiben können? Ich fuhr mit der Feder lange auf dem Papier herum und gab es dann auf. Er versetzte mir so an die zehn Ohrfeigen und ließ mich abführen, d. h. natürlich ins Zuchthaus.«
»Verstehst du überhaupt zu schreiben?«
»Früher einmal habe ich es gekonnt, als man aber anfing, mit Federn zu schreiben, da habe ich es verlernt...«
Unter solchen Erzählungen oder, genauer gesagt, unter solchem Geschwätz verging manchmal unsere langweilige Zeit. Mein Gott, war das eine Langeweile! Die Tage waren lang und schwül und einer genau wie der andere. Wenn man wenigstens irgendein Buch hätte! Indessen kam ich aber, besonders in der ersten Zeit, recht oft ins Hospital, manchmal wirklich krank, und manchmal, um einfach zu liegen; so kam ich für eine Zeit aus dem Zuchthause heraus. Schwer war es dort, noch schwerer als im Hospital, seelisch schwer. Bosheit, Feindschaft, Streitigkeiten, Neid, ewige Schikanen gegen uns Adlige, böse, drohende Gesichter. Aber hier im Hospital stand man mehr auf dem gleichen Fuß und vertrug sich besser. Die traurigste Tageszeit war immer am Abend, wenn das Licht brannte, vor Anbruch der Nacht. Man legte sich früh schlafen. Das trübe Nachtlicht leuchtet in der Ferne bei der Tür als ein heller Punkt, aber an unserm Ende herrscht Halbdunkel. Es wird immer stickiger und schwüler. Mancher kann nicht einschlafen; er steht auf und sitzt an die anderthalb Stunden auf dem Bette, den Kopf mit der Nachtmütze gesenkt, als denke er über etwas nach. Man schaut ihm eine ganze Stunde zu und bemüht sich zu erraten, worüber er wohl nachdenken mag, um auf diese Weise die Zeit totzuschlagen. Oder man beginnt zu phantasieren, sich der Vergangenheit zu erinnern, in der Phantasie entstehen große, leuchtende Bilder; man besinnt sich auf solche Einzelheiten, die einem zu einer anderen Zeit niemals eingefallen wären und die man auch nicht so empfunden hätte wie jetzt. Oder aber man stellt Vermutungen über seine Zukunft an: Wie werde ich das Zuchthaus verlassen? Wohin werde ich mich wenden? Wann wird es geschehen? Werde ich je in meine Heimat zurückkehren? Man denkt und denkt, und im Herzen regt sich eine Hoffnung... Manchmal zählt man aber einfach eins, zwei, drei usw., um bei diesem Zählen einzuschlafen. Zuweilen zählte ich bis dreitausend und schlief doch nicht ein. Da beginnt einer sich im Bette herumzuwälzen. Ustjanzew hustet krank und schwindsüchtig, fängt dann leise zu stöhnen an und spricht jedesmaclass="underline" »Mein Gott, ich habe gesündigt« Es ist so seltsam, seine kranke, gerissene, jammernde Stimme inmitten der allgemeinen Stille zu hören. Auch in einem anderen Winkel schläft man noch nicht und unterhält sich, auf den Betten liegend. Der eine fängt etwas aus seinem Vorleben zu erzählen an, von ferner Vergangenheit, von seiner Landstreicherei, von Frau und Kindern, von der alten Zeit. Und man hört es schon dem fernen Geflüster an, daß er das, wovon er erzählt, niemals wieder erlebt und daß er selbst, der Erzähler, wie ein von einem Laibe abgeschnittenes Stück Brot ist; ein anderer hört ihm zu. Man hört nur ein leises, eintöniges Geflüster, es klingt wie das Nieseln eines fernen Wassers... Ich erinnere mich, wie ich in einer langen Winternacht eine Erzählung hörte. Sie erschien mir im ersten Augenblick wie ein Fiebertraum, als läge ich im Fieber und hörte alles nur in der Phantasie...
IV
Akuljkas Mann
(Eine Erzählung)
Es war recht spät in der Nacht, wohl gegen zwölf. Ich war schon einmal eingeschlafen, wachte aber plötzlich auf. Der Krankensaal war von der trüben, kleinen Flamme eines fernen Nachtlichts kaum erleuchtet... Fast alle schliefen schon. Selbst Ustjanzew schlief, und ich konnte in der Stille hören, wie schwer er atmete und wie in seinem Halse bei jedem Atemzuge der Schleim schäumte. Im fernen Flur erklangen plötzlich die schweren Schritte der Nachtrunde. Ein Gewehrkolben schlug am Boden auf. Die Türe zu unserm Saal wurde aufgemacht: der Gefreite ging auf den Fußspitzen von Bett zu Bett und zählte die Kranken. Nach einer Minute wurde der Saal wieder geschlossen, ein neuer Wachtposten trat vor die Türe, die Ablösung entfernte sich, und alles war wieder still. Jetzt erst merkte ich, daß zwei Sträflinge links in meiner Nähe nicht schliefen und miteinander zu tuscheln schienen. Es kam in den Krankensälen nicht selten vor, daß zwei monatelang nebeneinander lagen, ohne auch nur ein Wort zu sagen und plötzlich in einer so herausfordernden Nachtstunde ins Gespräch kamen, in dem sie ihre ganze Vergangenheit auskramten.
Ihr Gespräch hatte offenbar schon seit langem begonnen. Der Anfang war mir unbekannt, und ich konnte auch jetzt nicht alles hören. Allmählich gewöhnte ich mich aber an den Tonfall und begann jedes Wort zu verstehen. Ich lag schlaflos da, – was sollte ich denn anders tun, als zuhören?... Der eine erzählte mit großem Eifer, auf seinem Bette halb liegend, den Kopf erhoben und den Hals in der Richtung nach seinem Freunde vorgestreckt. Er war offenbar erhitzt und erregt und hatte das Bedürfnis, zu erzählen. Der andere saß aber mürrisch und durchaus gleichgültig mit ausgestreckten Beinen auf seinem Bett, brummte ab und zu etwas als Antwort oder als Zeichen der Teilnahme, eher aber nur des Anstandes wegen und stopfte sich jeden Augenblick eine neue Portion Tabak in die Nase. Es war der Soldat der Strafkompagnie Tscherewin, ein Mann von etwa fünfzig Jahren, ein mürrischer Pedant, kalter Raisonneur und eingebildeter Narr. Der Erzähler Schischkow war ein noch junger Bursche von etwa dreißig Jahren, ein Zivilsträfling von den unsrigen und arbeitete in der Nähstube. Ich hatte ihm bisher wenig Beachtung geschenkt und spürte auch während meines ferneren Zuchthauslebens wenig Lust, mich mit ihm abzugeben. Er war ein hohler, etwas verdrehter Kerl. Manchmal schwieg er, hielt sich abseits von allen, war unfreundlich und sprach wochenlang kein Wort. Manchmal mischte er sich aber in irgendeine Geschichte ein, begann zu intrigieren, fuhr wegen irgendeines Unsinns ans der Haut, rannte aus der einen Kaserne in die andere, verbreitete allerlei Klatschgeschichten und tat furchtbar aufgeregt. Wenn man ihn verprügelte, wurde er wieder still. Er war ein feiger und charakterloser Mensch. Alle behandelten ihn mit einer gewissen Geringschätzung. Er war klein gewachsen, ziemlich hager und hatte unruhige Augen, die aber manchmal auch blöde und versonnen blickten. Wenn er etwas erzählen wollte, begann er immer mit großem Feuer und lebhaften Handbewegungen, brach aber die Erzählung entweder plötzlich ab oder kam unvermittelt auf andere Dinge zu sprechen, ließ sich von neuen Einzelheiten hinreißen und vergaß, wovon er hatte sprechen wollen. Er fluchte oft, und wenn er fluchte, so warf er dem andern immer irgendein Vergehen vor und sprach dabei mit großem Gefühl, beinahe mit Tränen... Er spielte gern und recht gut die Balalaika und pflegte an Feiertagen sogar zu tanzen. Er tanzte gar nicht schlecht, wenn man ihn dazu zwang... Man konnte ihn sehr leicht bewegen, irgendetwas zu tun... Er tat es weniger aus Gehorsam als aus dem Bestreben, sich den andern anzufreunden und aus Freundschaft gefällig zu sein.