Die Zypressen von Cordoba
- Автор: Guiladi Yael
- Год: 2004
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Die Zypressen von Cordoba». Краткое содержание книги:
Nach und nach hatte er sich dem griechischen Arzt nützlich gemacht, hatte ihm seine Mahlzeiten gebracht, das Wasser für seine Waschungen abgekocht, die er sehr genau nahm, hatte seine Kajüte saubergemacht und aufgeräumt – alles, um sicher zu sein, daß der Grieche nichts dagegen haben würde, wenn er ihn zu dem großen Da'ud begleitete.
Nun bogen sie in die Straße ein, zu der man sie gewiesen hatte, und als sie das Haus erreichten, klopfte Ralambo auf eine Geste des Demitrios hin an die schwere Holztür. Ein Diener öffnete und fragte sie nach ihrem Begehr.
»Ich habe eine Botschaft für Da'ud ibn Yatom von Judah, dem König der Chasaren«, antwortete Demitrios. Ralambo stellte man keine Fragen. Man hielt ihn für den Diener des Byzantiners.
Da'ud selbst, einen Arm zum Willkommen ausgestreckt, die Augen leuchtend vor Freude, kam an einem Stock über den Flur gehumpelt und begrüßte Demitrios. »Möge der Herr gesegnet sein, der mich diesen Augenblick hat erleben lassen. Wie lange ich darauf gewartet habe!« rief er aus, und seine Stimme bebte. Er nahm Demitrios beim Arm und geleitete ihn in den Wassergarten. Ralambo folgte den beiden stumm auf nackten Füßen, bestaunte mit weit aufgerissenen Augen die Präzision der Gartenanlage, den Schimmer des Sonnenlichtes auf dem ruhigen Wasserlauf, die einzige, schmal zulaufende Zypresse, die groß und elegant von einer kleinen Insel im Zentrum aufragte.
Da'ud hatte nicht die Geduld, so lange zu warten, bis man den Gästen Erfrischungen gereicht hatte oder das Gespräch mit den üblichen höflichen Floskeln eröffnet war. Nachdem er herausgefunden hatte, wer sein Besucher war, führte er ihn zu einer unter Bäumen stehenden Marmorbank und bestürmte ihn sofort mit Fragen über das, was er gern für ein unabhängiges jüdisches Königreich gehalten hätte. Für Demitrios hatte diese Frage zwar keine große Bedeutung, doch ließ ihn Da'uds eifrige Begeisterung nicht gleichgültig. Mit Bedauern begriff er, daß es seine wenig beneidenswerte Pflicht sein würde, Da'ud diese Illusion zu rauben.
»Ich verstehe«, murmelte Da'ud, als Demitrios mit seinem Bericht über die vernichtende Niederlage zu Ende war, die die Russen dem Königreich der Chasaren beigebracht hatten. Das Leuchten in seinen Augen war erloschen, nun beherrschten wieder die dunklen, darunter liegenden Ringe das blasse Gesicht. Doch nach kurzem, tiefem Nachdenken sagte er: »Wir dürfen die Sache nicht auf sich beruhen lassen. Ich werde die Angelegenheit mit dem Kalifen besprechen. Sobald meine Gesundheit wieder hergestellt ist, reise ich nach Itil. Es muß eine Möglichkeit geben, Chasarien aus der Umklammerung der Russen zu befreien.«
»Das müßt Ihr beurteilen«, erwiderte der Byzantiner, dessen Gleichgültigkeit mit einer Spur Skepsis gemischt war. »Ich bin nur Arzt.« Doch hegte er Zweifel, ob der byzantinische Kaiser Nikephoros Gefallen an der Vorstellung von einem mächtigen jüdischen Staat an der nordöstlichen Grenze seines Reiches finden würde, der zudem noch mit den Omaijaden von Córdoba verbündet war …
Während die beiden Männer ins Gespräch vertieft waren, hatte sich Ralambo ein wenig zurückgezogen, seinen Gürtel gelockert und das lederne Band herausgezogen, an dem sein kostbarer Beutel hing. Jetzt, da die Männer verstummt waren und jeder seinen Gedanken nachhing, nahm er das Band vom Hals, ließ den Beutel heruntergleiten und ging auf sie zu.
In seinem einfachen Arabisch sagte er: »Ich bin Ralambo von der Großen Roten Insel Madagaskar. Gewisse Händler aus dem Orient kaufen diesen Extrakt bei uns ein.« Er hielt inne, streckte seine Hand vor, um Da'ud den Beutel zu geben, und fuhr fort. »Für sie und nur für sie ist er von großem Wert. Ich bringe ihn Euch, weiser Mann des Westens, weil ich den Grund dafür herausfinden möchte.«
Demitrios nahm eine Traube von der Platte, die man vor ihn hingestellt hatte, und leichte Belustigung umspielte seine Mundwinkel. Der große Da'ud würde kurzen Prozeß mit diesem lästigen Mischling machen, und dann könnten sie sich beide einer zivilisierten Diskussion über die verschiedenen medizinischen Heilverfahren widmen.
Da'ud nahm den Beutel, öffnete ihn und untersuchte den Inhalt genau. Dann roch er an dem bräunlichen Pulver und verriet mit einer leichten Bewegung seiner Augenbraue ein gewisses Interesse. Vorsichtig nahm er ein, zwei Körnchen mit dem Zeigefinger auf und prüfte mit der Zungenspitze den Geschmack.
»Woher kommt das?« fragte er Ralambo.
»Von der äußersten Spitze Afrikas. Es gibt dort einen Stamm, der es herstellt.«
»Woraus?«
»Das ist ihr Geheimnis.«
»Weißt du, welche Art von Pflanzen in diesem Teil Afrikas wachsen?«
»Große Pflanzen mit langen, stacheligen Blättern.«
Da'ud warf ihm einen raschen Blick zu. »Hai!« rief er über den Garten hinweg. »Komm zu uns, mein Sohn, und bringe Papier und Feder mit.«
Als Hai auftauchte, stellte Da'ud Demitrios und Ralambo kurz vor und fuhr dann eifrig fort: »Ralambo hat uns diesen Extrakt mitgebracht, der von der Spitze Afrikas kommt und bei gewissen orientalischen Händlern sehr gesucht ist. Er hat den weiten Weg zu uns auf sich genommen, um herauszufinden, warum das so ist.« Während er sprach, zeichnete Da'ud ein langes, spitzes Blatt, flach und fleischig mit einer gezackten Kante. »Meinst du diese Art Blatt?«
»Ja«, erwiderte Ralambo. »Aber es wachsen dort viele verschiedene Arten.«
»Auch welche, deren Blätter sich nach außen rollen?«
Mißtrauisch geworden, antwortete Ralambo nicht.
Da'ud und Hai tauschten wissende Blicke aus, während Demitrios, der sich sichtlich langweilte, einen flüchtigen Blick auf Da'uds Zeichnung warf. »Nun ja, das ist die Aloepflanze«, bemerkte er leichthin. »Seit der Zeit der Antike weiß man, daß sie ein äußerst wirksames Heilmittel ist, um den Körper von schlechten Säften zu befreien, und sie beschleunigt auch die Heilung gewisser Wunden.«
»Das stimmt«, erwiderte Da'ud mit ruhiger Autorität. »Aber ich glaube, daß es eine besondere Art gibt, die uns bisher nicht bekannt ist und im Orient als ein wahres Wundermittel gilt, wobei ich allerdings nicht genau sagen kann, wie sie wirkt.«
Nun ließ sich Demitrios herab, doch ein wenig Interesse an dem Thema zu bekunden. Mit ärgerniserregender Überlegenheit meinte er: »Ich hatte einmal die Gelegenheit, einen persischen Arzt kennenzulernen, den unser Kaiser an das Totenbett seiner Mutter gerufen hatte. Er war völlig am Boden zerstört, der arme Mann, denn er hatte den Tod der Frau nicht zu verhindern vermocht. Allen und jedem erklärte er, er hätte sie wahrscheinlich retten können, wenn ein gewisser chinesischer – oder war es ein indischer? – Händler, der ihm irgendein Wundermittel versprochen hatte, Isfahan erreicht hätte, bevor er nach Byzanz aufbrach.«
»Woran ist die Frau gestorben?« fragte Hai.
»Ich glaube, es war die Auszehrung, aber ich bin mir nicht ganz sicher. Ich war zu jener Zeit noch nicht Hofarzt, hatte also keine Gelegenheit, sie zu untersuchen.«
»Habt Ihr herausgefunden, um was für ein Heilmittel es sich handelte?« drängte ihn Hai.
»Offen gestanden, nein. Ich hege größtes Mißtrauen gegen diese schlauen orientalischen Medizinmänner, die uns für horrende Summen das sogenannte Lebenselixier anbieten. Was können sie schon wissen, das unseren griechischen Meistern verborgen war?«
Hai errötete vor Empörung über die engstirnigen Vorurteile und das bornierte Denken des Griechen, aber Da'ud verwies ihn mit einem Blick in die Schranken.
»Wahrhaftig, was schon?« stimmte der erfahrene Höfling bei. »Nun, mein geschätzter Kollege, darf ich Euch für die Dauer Eures Aufenthaltes in Córdoba die Gastfreundschaft meines Hauses anbieten? Es muß Euch gewiß nach Ruhe verlangen, da ihr eine so lange und abenteuerliche Reise hinter Euch habt.«
Inzwischen fühlte sich Demitrios recht unwohl in der Gegenwart des jüdischen Arztes und seines vorwitzigen Sohnes. So viele Fragen, immer diese rastlose Suche … einfach viel zu schlau für seinen Geschmack … »Ich danke Euch herzlich, aber mein Aufenthalt hier ist nur von sehr kurzer Dauer, und ich würde noch gerne dem Oberhaupt unserer kleinen Gemeinde hier meine Aufwartung machen, ehe ich wieder aufbreche.«