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Azrael: Die Wiederkehr

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Azrael: Die Wiederkehr
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Seine Männer waren damit beschäftigt, die Hausbewohner zu vernehmen und ihre Aussagen niederzuschreiben, aber Nördlinger glaubte nicht, daß außer einer Menge überflüssigen Papierkrams viel dabei herauskommen würde. Den einzigen Zeugen, der wirklich etwas gesehen hatte, hatte er selbst befragt. Und was die Besatzung der beiden Streifenwagen anging, die als erste vor Ort gewesen waren...

Nein, daran wollte er im Moment nicht denken. Morgen früh würde sich ein Polizeipsychologe mit ihnen unterhalten.

Er holte sich auch einen Kaffee (mittlerweile schien sich auch unter den Hausbewohnern herumgesprochen zu haben, wer er war: Sein Kaffee war pur), nippte daran und schlenderte fast ziellos weiter, als ihm ein Journalist den Weg vertrat. Nördlinger hätte die Kamera und den kleinen Kassettenrecorder gar nicht sehen müssen, den er ihm unter die Nase hielt, um ihn zu erkennen.

»Sie sind doch Kriminalrat Nördlinger, nicht wahr?« fragte der Mann. »Ich erkenne Sie.« Nördlinger nippte an seinem Kaffee und ging schweigend weiter. Natürlich folgte ihm der Reporter.

»Was ist hier passiert?«

»Es hat gebrannt«, antwortete Nördlinger einseitig.

»Kommen Sie, Herr Kriminalrat!« sagte der Journalist. »Wegen eines kleinen Feuers kommt doch ein Mann wie Sie nicht morgens um fünf hierher! Noch dazu mit der halben Berliner Polizei.«

»Also gut«, sagte Nördlinger, »ich will Ihnen die Wahrheit sagen: Jemand hat sich hier einen besonders aufdringlichen Reporter vorgeknöpft, ihm beide Beine und Arme gebrochen, ihn in zwei Stücke geschnitten und angezündet. Ich weiß allerdings nicht, in welcher Reihenfolge. Vürfels!«

Das letzte Wort hatte er gebrüllt. Es vergingen kaum fünf Sekunden, bis der Gerufene vor ihm auftauchte und ihn fragend ansah. Nördlinger deutete auf den Journalisten. »Nehmen Sie diesen Kerl fest!« sagte er.

»Warum?« fragte Vürfels.

»Keine Ahnung«, gestand Nördlinger. »Denken Sie sich etwas aus. Und...« Er nahm dem vollkommen fassungslosen Reporter den Kassettenrecorder aus der Hand, nahm die Kassette heraus und zertrat sie mit dem Absatz. »...geben Sie ihm zwei Mark für eine neue Kassette.« Er ging weiter, ohne den verwirrt dreinblickenden Journalisten und den kaum weniger hilflosen Vürfels auch nur noch eines weiteren Blickes zu würdigen. Er wußte selbst nicht, warum er das getan hatte. Vürfels würde den Mann natürlich nicht festnehmen, sondern ihn irgendwie beruhigen, aber darauf kam es nicht an. Er fühlte sich einfach besser.

Nördlinger ging langsam auf seinen Wagen zu, blieb aber zwanzig Schritte davor stehen und musterte die schattenhafte Gestalt, die auf dem Rücksitz zu erkennen war. Vater Thomas war nicht besonders begeistert gewesen, als Nördlinger ausstieg und er feststellen mußte, daß sich die Wagentür nicht von innen öffnen ließ. Er wäre wahrscheinlich noch sehr viel weniger begeistert gewesen, hätte er gewußt, daß er sich im Moment ihrer Ankunft hier als mehr oder weniger verhaftet betrachten konnte. Im Moment tendierte das Pendel zwar deutlich in Richtung weniger, aber Nördlinger fand, daß er ruhig noch ein bißchen schmoren konnte. Er hatte das Gefühl, daß dieser komische Heilige ihm noch lange nicht alles gesagt hatte.

Er nippte wieder an seinem Kaffee, drehte sich auf dem Absatz herum und ging auf einen der drei Krankenwagen zu, die auf der anderen Straßenseite geparkt waren. Es war der einzige Wagen, dessen Hecktüren geschlossen waren. Ein Polizeibeamter mit einer Maschinenpistole hielt davor Wache, und die Innenbeleuchtung des Wagens brannte.

Nördlinger öffnete die Tür, trat gebückt in den Wagen und zog sie sorgsam hinter sich wieder zu, ehe er sich herumdrehte. In dem Rettungswagen hielt sich im Moment kein Rettungssanitäter oder Arzt auf, sondern nur Meiler und ein knapp dreißigjähriger, breitschultriger Mann, dessen linker Arm in einer Schlinge hing. Die gut vierzig Zentimeter lange, spitze Glasscherbe, die der Arzt aus seinem Unterarm gezogen hatte, lag auf einem verchromten Tablett. Der Bursche mußte ziemlich hart sein. Hätte man Nördlinger ein solches Ding aus dem Arm gezogen, dann würde er jetzt bestimmt nicht dasitzen und genervt aussehen.

»Hat er schon geredet?« fragte er. Meiler wollte antworten, aber der andere kam ihm zuvor.

»Ich habe ein Loch im Arm, nicht in der Zunge«, sagte er. »Mein Name ist Jürgen Malchow. Ich arbeite für die Abteilung elf des Innenministeriums, und das ist alles, was Sie von mir erfahren werden. Wenn Sie mir nicht glauben, dann rufen Sie die Telefonnummer an, die ich Ihnen gesagt habe.« Nördlinger wußte, daß es keine Abteilung elf des Innenministeriums gab.

»Ich hasse Telefone«, sagte er. »Warum erzählen Sie mir nicht einfach, wer Sie sind und was hier wirklich passiert ist?«

»Weil Sie das nichts angeht.«

»Wissen Sie, wer ich bin?« fragte Nördlinger.

»Nein«, antwortete Malchow. »Und es interessiert mich auch nicht.«

»Das sollte es aber«, sagte Nördlinger. »Ich kann Sie nämlich durchaus einsperren lassen. Für einen Tag, eine Woche, einen Monat...« Er zuckte mit den Schultern. »Es liegt ganz bei Ihnen.«

»Nein«, antwortete Malchow. »Das können Sie nicht.« Er sah Nördlinger fest in die Augen. Nördlinger suchte vergeblich nach einer Spur von Überheblichkeit oder Unsicherheit in seinem Blick. Da war keines von beidem. Malchow war einfach ein Mann, der wußte, daß das, was er sagte, die Wahrheit war. Nördlinger konnte ihm nichts tun. Er würde so oder so in ein paar Stunden frei sein.

Nördlinger beschloß, seine Taktik zu ändern. »Hören Sie mir zu, Herr Malchow«, sagte er. »Ich könnte Ihnen Ärger machen, aber ich will es gar nicht. Ich will nur wissen, was hier passiert ist. Sie wissen es besser als ich.«

»Ich weiß gar nichts«, behauptete Malchow.

»Das glaube ich doch«, erwiderte Nördlinger. Seine Stimme wurde lauter, blieb aber freundlich. »Dort draußen liegt ein halbes Dutzend Toter! Jemand hat das halbe Haus in die Luft gesprengt, und die Zeugen erzählen mir eine vollkommen hirnrissige Geschichte von einer Fledermaus, die Menschen frißt. Auf dem Pflaster liegt genug verschossene Munition, um einen Kleinlaster zu füllen, und Sie haben eine Waffe mit leer geschossenem Magazin im Schulterhalfter! Und Sie wollen mir erzählen, daß Sie nicht wissen was hier passiert ist?«

»Rufen Sie die Nummer an«, sagte Malchow stur.

»Ich lasse Sie einsperren«, drohte Nördlinger. »Bei dem, was hier passiert ist, kann Sie keine Macht der Welt davor bewahren.«

»Sie müssen nicht telefonieren«, sagte Malchow. »Jemand wird Sie anrufen.«

Nördlinger seufzte. »Ich will einfach nur wissen, wo Braun ist«, seufzte er.

»Braun? Ich kenne niemanden, der so heißt.« Malchow massierte sein linkes Handgelenk und verzog das Gesicht.

»Sollte ich jemanden treffen, der so heißt, dann bitte ich ihn, Sie anzurufen.« Nördlinger begriff, daß das das äußerste Eingeständnis war, das er von Malchow erwarten konnte - eigentlich war es mehr, als er erwarten konnte. Er bedeutete Meiler mit Blicken, ihm zu folgen, dann verließ er ohne ein weiteres Wort den Krankenwagen und entfernte sich ein paar Schritte. Meiler folgte ihm.

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