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Azrael: Die Wiederkehr

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Azrael: Die Wiederkehr
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»Sie glauben, ich hätte vor, Sie umzubringen?« Braun wirkte ehrlich überrascht - und ein bißchen verletzt. »Ich bitte Sie! Wofür halten Sie mich?«

»Hätten Sie mich das vor zwei Stunden gefragt, wäre die Antwort anders ausgefallen«, sagte Angela. »Vielleicht sollte man die Frage auch besser an Dr. Mecklenburg richten - auch, wenn er sie nicht mehr beantworten kann.«

»Mecklenburg.« Braun seufzte. »Ich gestehe, das war ein Fehler. Ich habe vielleicht etwas zu ... impulsiv reagiert. Aber das wird nicht noch einmal vorkommen. Ich gebe Ihnen mein Wort, daß niemand hier vorhat, Sie umzubringen.«

»Nein, natürlich nicht«, sagte Angela höhnisch. »Das ist auch gar nicht nötig. Wir sind hier in einer Nervenklinik nicht wahr? Sie werden mich ein paar Monate hierbehalten, und wenn Sie mich entlassen, dann werde ich den Intelligenzquotienten einer Kartoffel haben und Fliegen essen!«

»Das kommt ganz auf Sie an«, sagte Braun ernst. »Wenn Sie ein wenig kooperieren, wird sich das bestimmt positiv auf Ihr weiteres Schicksal auswirken.«

»Sie können mich«, sagte Angela.

»Ein verlockendes Angebot«, grinste Braun. »Leider ist jetzt wirklich nicht der richtige Moment für so etwas.« Er winkte einem der Männer hinter Bremer zu. »Bringt sie weg.«

»Warten Sie«, sagte Bremer.

Braun hielt die Agenten mit einer entsprechenden Handbewegung zurück. »Ja?«

Bremer warf einen raschen Blick in Angelas Gesicht. Es wirkte vollkommen verschlossen, beinahe kalt, und er drehte sich rasch wieder zu Braun um. »Tun Sie ihr nichts«, sagte er. »Ich ... werde mit Ihnen zusammenarbeiten. Ich werde Ihnen alles sagen und alles tun, was Sie wollen. Aber lassen Sie sie in Ruhe.«

»Interessant«, sagte Braun. »Sie haben also doch eine schwache Stelle. Und ich dachte schon, Sie wären wirklich so knallhart. Sie lieben sie, nicht wahr?« Er lachte. »Was genau sind es? Vatergefühle? Oder sitzen sie ein wenig tiefer?«

»Sind Sie an meinem Angebot interessiert?« fragte Bremer.

»Ich weiß es nicht«, antwortete Braun. »Es klingt verlockend. Andererseits ... so wie es aussieht, habe ich im Moment alle Trümpfe in der Hand. Erklären Sie mir, warum ich um etwas feilschen sollte, was mir bereits gehört?«

»Du traust ihm doch nicht etwa?« fragte Angela.

Bremer ignorierte sie. Über die genaue Bedeutung des Wortes Vertrauen würden sie sich später noch einmal unterhalten müssen, unter vier Augen. »Wenn Sie sich da so sicher wären, würden wir jetzt nicht hier sitzen und reden«, sagte er. »Das, was vor einer Stunde passiert ist, könnte sich wiederholen.«

»Kaum«, antwortete Braun. »Ich habe Sorge dafür getragen, daß es nicht geschieht.«

Er log. Bremer spürte genau, daß er über etwas sprach, was er hoffte, nicht von etwas, wovon er überzeugt war. »Es ist Haymar, nicht wahr?« sagte er. »Er reagiert allmählich etwas gereizt auf das, was Sie mit ihm anstellen, habe ich recht?«

Brauns Blick verdüsterte sich. »Ich hatte recht damit, ihn zu erschießen. Der Alte hat zuviel geredet.«

»War er es?« beharrte Bremer stur.

Braun schwieg fast zehn Sekunden. Dann öffnete er eine Schublade in seinem Schreibtisch, zog einen Computerausdruck hervor und warf ihn schwungvoll vor sich auf den Tisch.

»Mecklenburg war ein gerissener alter Hund«, begann er. »Er hat mich in den letzten fünf Jahren nach allen Regeln der Kunst belogen.«

»Haben Sie ihn deshalb erschossen?« fragte Bremer.

»Sie übrigens auch«, fuhr Braun ungerührt fort. Er legte die flache Hand auf den Ausdruck vor sich. »Sie sogar ganz besonders, Herr Bremer. Was wir vorhin erlebt haben, das mußte früher oder später passieren. Seien Sie froh, daß es heute passiert ist.«

»Morgen hätte es auch schlecht in meinen Terminkalender gepaßt«, knurrte Bremer.

Braun ignorierte ihn weiter. »Heute war ich mit meinen Männern dabei«, sagte er. »Und auch, wenn Sie im Moment noch zu stur sind, um es zuzugeben: Das Ding war hinter ihnen her.«

»Woher wollen Sie das so genau wissen?« fragte Bremer.

Braun blickte auf die Liste vor sich. »Kurz vor Mitternacht«, sagte er. »Das war ungefähr die Zeit, zu der es das erstemal aufgetaucht ist, nicht wahr? Ich weiß es. Es hat zwei von meinen Männern getötet.« Bremer schwieg. Brauns Finger rutschte eine Zeile tiefer. »Cremer und Reinhold hat es gegen drei erwischt. Und der letzte Ausbruch war vor einer Stunde. Was passiert ist, wissen wir alle.«

»Ausbruch?« Bremer versuchte einen verstohlenen Blick auf Brauns Liste zu werfen, aber es gelang ihm nicht.

»Mecklenburg nannte es zerebrale Aktivitäten«, antwortete Braun. »Um es mit Worten auszudrücken, die auch ich verstehe: Irgend etwas geht in Haymars Gehirn vor. Und dieses Etwas passiert immer dann, wenn diese Bestie auftaucht und versucht, Sie zu erwischen, Herr Bremer. Mir scheint, mein Ex-Kollege Haymar hat etwas gegen Sie.«

»Wie ... kommen Sie darauf?« fragte Bremer stockend. Seine Gedanken begannen zu rasen. Etwas an Brauns Argumentation stimmte nicht. Es war nicht das Azrael-Ding gewesen, das seine beiden Agenten vor der Kirche erledigt hatte. Er konnte das nicht wissen, und Bremer würde sich auch hüten, es ihm zu sagen, aber es ließ seine ganze Theorie auf tönernen Füßen stehen.

»Weil Mecklenburg mich belogen hat«, antwortete Bremer. »Uns beide. Ich war die ganze Zeit der Annahme, daß Haymar der einzige ist. Aber das stimmt nicht. Es gab einen zweiten Überlebenden.«

»Mich«, murmelte Bremer.

»Sie«, bestätigte Braun. »Sie tragen den Azrael-Wirkstoff ebenfalls in sich. Habe ich recht?«

Bremer schwieg. Natürlich hatte Braun recht. Und ebenso natürlich hatte er es die ganze Zeit über gewußt, irgendwo, tief in sich. Er hatte sich nur fünf Jahre lang mit Erfolg geweigert, dieses Wissen zu akzeptieren.

»Mecklenburg war wirklich geschickt«, fuhr Braun fort, »das muß man ihm lassen. Er hatte tausend Erklärungen dafür, warum Sie von den Toten wieder auferstanden sind - und er hatte eine Art, etwas so zu erklären, daß man am Ende einfach nur froh war, wenn er endlich aufhörte zu reden. Aber die Wahrheit ist, daß er es die ganze Zeit über gewußt haben muß. Und ich glaube, er wußte auch, in welcher Gefahr Sie sich befinden.«

»Aber wieso ich? Ich ... ich kannte diesen Haymar doch nicht einmal!«

Braun zuckte mit den Schultern. »Woher soll ich das wissen? Fragen Sie mich nicht, was im Gehirn eines sterbenden Mannes vorgeht. Vielleicht war der Gedanke an Sie das letzte, was er mit hinübergenommen hat. Vielleicht hat es irgend etwas damit zu tun, daß Sie beiden die einzigen sind, die diese Droge in sich tragen ... ich habe keine Ahnung.«

»Das ist doch Blödsinn!« sagte Bremer.

»Ungefähr so verrückt wie die Vorstellung, daß es jemanden gibt, der in der Lage ist, nur kraft seines Willens dieses ... Ding zu erschaffen, das wir gesehen haben?« fragte Braun. »Wir reden über etwas, von dem niemand weiß, was es eigentlich ist, Bremer. Also sagen Sie mir nicht, daß es blödsinnig wäre!«

»Wenn es wirklich so wäre«, mischte sich Angela ein, »dann frage ich mich, warum wir hier so seelenruhig herumsitzen. Haben Sie keine Angst, daß die Tür aufgehen und ein ungebetener Gast hereinkommen könnte?«

»Nein«, sagte Braun. »Ich habe Sorge dafür getragen, daß Kollege Haymar tief und fest schläft. Und bevor er aufwacht, werde ich das Experiment beenden.«

»Haben Sie nicht den Mut, es auszusprechen?« fragte Bremer. »Sie wollen ihn töten.«

»Haben Sie eine bessere Idee?« fragte Braun. Plötzlich wurde seine Stimme laut. »Verdammt noch mal! Die Hälfte meiner Männer ist tot. Dieses verdammte Ding hat die halbe Stadt in Brand gesetzt, und Gott allein weiß, was es noch tun wird! Soll ich einen Mann am Leben lassen, der im Grunde schon längst tot ist, und dafür das Leben Dutzender riskieren - vielleicht Hunderter?« Es war eine Frage, die nicht beantwortet werden konnte.

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