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Azrael: Die Wiederkehr

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Azrael: Die Wiederkehr
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Der Fahrer legte die ersten zwanzig oder dreißig Meter im Rückwärtsgang zurück, so daß Bremer genau erkennen konnte, daß sich das Ungeheuer bereits wieder aufrichtete. Seine Flügel brannten noch immer, und allein der Aufprall des Wagens mußte ihm alle Knochen im Leib gebrochen haben - oder was immer es auch statt dessen besitzen mochte -, aber Bremer zweifelte mittlerweile ohnehin daran, daß man dieses Ding wirklich töten konnte. Wahrscheinlich war es so, wie Angela gesagt hatte: Man konnte ihm weh tun und es wütend machen, aber man konnte es nicht umbringen. Wie sollte man etwas töten, dessen ureigenstes Element der Tod war?

Der Wagen machte eine jähe Hundertachtzig-Grad-Drehung und beschleunigte dann wieder. Bremer wurde zum wiederholten Male an diesem Abend gegen etwas Hartes geschleudert und sah für einen Moment Sterne.

Als er sich wieder hochrappelte, sah er zwei Polizeiwagen mit flackerndem Blaulicht auf sie zurasen. Hastig drehte er sich herum und sah ihnen nach. Das Haus und das apokalyptische Schlachtfeld, in das sich die Straße davor verwandelt hatte, waren schon fast außer Sicht geraten. Er erkannte die Männer nur noch als schwarze Scherenschnittgestalten, die mit hektischen abgehackten Bewegungen wie Darsteller in einem uralten Stummfilm vor einem absurden Koloß mit brennenden Flügeln flohen. Auch der zweite, noch fahrbereite Wagen raste in diesem Moment los. Bremer glaubte nicht, daß die Zurückgebliebenen eine große Chance hätten. Sie alle hatten gesehen, wozu diese Ungeheuer fähig war. Die Bremslichter der beiden Polizeiwagen leuchteten plötzlich grell auf, und die Fahrzeuge kamen mit kreischenden Reifen zum Stehen. Bremer versuchte erst gar nicht, sich vorzustellen, was jetzt in den Männern darin vorging.

Ein weiterer Streifenwagen kam ihnen entgegen, gefolgt von einem Löschzug mit heulender Sirene, den irgendeiner der Hausbewohner oder Nachbarn alarmiert haben mußte, dann hatten sie die Kreuzzug erreicht, und der Fahrer ließ den Wagen mit quietschenden Reifen um die Kurve schlittern.

»Fahren Sie langsamer«, befahl Braun. »Sonst kriegen wir am Ende noch ein Protokoll.« Plötzlich packte Bremer eine rasende, fast unbezwingbare Wut, die nicht einmal das Medikament in seinem Kopf dämpfen konnte. Er zog die Knie an und versetzte dem Sitz vor sich einen Tritt, der Braun nach vorne schleuderte und gegen das Armaturenbrett geschleudert hätte, hätte er sich nicht im letzten Moment mit beiden Händen abgestützt. »He!« brüllte Braun. »Was soll das?! Sind Sie wahnsinnig geworden?«

»Sie Mistkerl!« fauchte Bremer. »Sie verdammtes, gewissenloses Schwein! Sie haben die Männer zum Tode verurteilt! Das Biest hat sie umgebracht, damit Sie Ihr kostbares Leben retten konnten!«

»Und Ihres«, fügte Braun hinzu. »Wenn ich Sie daran erinnern darf.«

Bremer machte eine Bewegung, als wollte er Brauns Antwort wie etwas Materielles beiseite fegen. »Ich habe Sie nicht darum gebeten, Sie Arschloch!«

»Ich bin zu wertvoll, um zu sterben«, sagte Braun. Seltsamerweise klang es kein bißchen überheblich oder gar arrogant, sondern einfach wie etwas, wovon er fest überzeugt war.

»Wenn das wirklich so ist, dann hätten Sie vielleicht erst gar nicht kommen sollen«, sagte Angela.

»Wie meinen Sie das?«

»Das war ganz allein Ihre Schuld!« behauptete Angela aufgebracht. »Denken Sie wirklich, dieses ... Ding wäre Ihretwegen gekommen? Wenn ja, dann leiden Sie an einer gehörigen Selbstüberschätzung! Es wollte uns.« Sie verbesserte sich und deutete mit einer Kopfbewegung auf Bremer. »Ihn.«

Braun schwieg einen Moment. Dann nickte er zu Bremers maßloser Überraschung und sagte: »Das glaube ich auch. Aber Sie täuschen sich, meine Liebe. Es war nicht umsonst. Ihr Freund Bremer ist nämlich noch viel wertvoller als ich.«

23

Die Hände des Mannes zitterten immer noch, als er Nördlinger den Becher zurückgab. Er hatte sich einen Gutteil des brühheißen Kaffees über die Finger und die Uniform geschüttet, anscheinend ohne es auch nur zu bemerken, und sein Gesicht hatte in den letzten Minuten noch mehr Farbe verloren, obwohl er schon kreidebleich gewesen war, als Nördlinger ihn getroffen hatte.

Der Anblick erschütterte Kriminalrat Nördlinger weit mehr, als irgendeiner der Anwesenden ahnen mochte. Nördlinger wußte natürlich sehr genau, was die meisten seiner Untergebenen von ihm dachten: Er galt als paragraphenreitender Pedant, der mit der Dienstvorschrift unter dem Kopfkissen schlief und so gut wie keine Gefühle kannte, und er pflegte diesen Ruf, so gut es ihm möglich war - auch wenn er nicht stimmte. So mancher seiner Leute hätte sich gewundert, hätte er gewußt, wie oft er schon alle Hände über sie gehalten hatte, um ihnen die gewissen Freiheiten zu ermöglichen, ohne die eine effiziente Polizeiarbeit nun einmal nicht möglich war, und wie oft er selbst seine Dienstvorschriften schon so weit gebeugt hatte, daß es knirschte. Und er hatte Gefühle, verdammt noch mal. Einen fünfzigjährigen Mann, der zwei Drittel seines Lebens bei der Berufsfeuerwehr verbracht hatte, vor Entsetzen zitternd auf dem Bürgersteig vor sich sitzen zu sehen, das berührte ihn sehr wohl. Er wußte, was diese Leute manchmal zu sehen bekamen.

»Soll ich Ihnen noch einen Kaffee holen?« fragte er. Der Feuerwehrmann machte eine Bewegung, die Nördlinger mit einiger Fantasie zu einem Kopfschütteln rekonstruierte.

»Nein«, sagte er schwach. »Es geht schon wieder. Danke.« Das war eine glatte Lüge. Dem Mann war speiübel. Er kämpfte nur noch mit letzter Macht um seine Beherrschung. Nördlinger ließ es jedoch dabei bewenden, verabschiedete sich mit einem Kopfnicken und drehte den Plastikbecher unschlüssig in den Händen, während er sich herumdrehte. Einen Moment lang wußte er nicht, wohin damit. Dann wurde ihm bewußt, wo er war, und er ließ das Trinkgefäß achtlos fallen. Normalerweise widerstrebte es ihm zutiefst, Abfall einfach auf den Boden fallen zu lassen. Aber der Hausflur sah sowieso aus wie ein Schlachtfeld. Absurderweise hatte er trotzdem ein schlechtes Gewissen; um ein Haar hätte er sich wieder gebückt und nach einem Abfalleimer gesucht.

Als er sich wieder herumdrehte, streifte sein Blick jedoch einen der beiden mit schwarzer Plastikfolie zugedeckten Körper, die auf der anderen Seite des Korridors lagen. Er hatte das, was darunter lag, nur mit einem einzigen flüchtigen Blick gestreift, und allein die Erinnerung daran reichte, um auch in seinem Magen eine leichte Übelkeit wachzurufen.

Mit schnellen Schritten ging er los und steuerte den Ausgang an. Unter seinen Schuhen knirschte zerbrochenes Glas und in der Hitze spröde gewordenes Plastik. Ein verbogenes Metallstück flog klappernd davon. Plötzlich hatte er das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen. Der Geruch von verbranntem Kunststoff und verschmortem Fleisch vermengte sich zu einem Gestank, der ihm den Atem nahm. Er mußte hier raus. Sofort. Wäre er allein gewesen, wäre er gerannt.

Kriminalrat Nördlinger war jedoch alles andere als allein. Außer ihm und dem bedauernswerten Feuerwehrmann (der sich genau in diesem Moment würgend hinter ihm erbrach - soviel zu seiner Versicherung, daß alles in Ordnung sei) hielten sich im Moment zwar nur zwei weitere Feuerwehrmänner hier drinnen auf, die die Trümmer beiseite räumten und nach versteckten Brandherden suchten, aber der Bürgersteig und die Straße vor dem Gebäude wimmelte nur so von Menschen: Polizeibeamten, Feuerwehrmännern, Rettungssanitätern und ungefähr zwei Dutzend Hausbewohnern, die die Feuerwehr vorsorglich evakuiert hatte, bevor klar wurde, wie schnell sie den Brand unter Kontrolle bringen würden. Und natürlich jede Menge Schaulustige.

Ein blauer Lichtblitz flammte auf, und Nördlinger verlängerte seine Liste in Gedanken. Und ein paar Journalisten, wie nicht anders zu erwarten war. Man konnte einen Tatort zumauern, sie fanden immer einen Weg. Als Nördlinger das Gebäude verließ, kam ihm ein uniformierter Polizeibeamter mit einem dampfenden Plastikbecher in der Hand entgegen. Ein fürsorglicher Hausbewohner hatte Kaffee gekocht, den er jetzt verteilte. Der Mann erkannte ihn, erschrak ein ganz kleines bißchen und änderte dann abrupt seine Richtung. Allerdings nicht schnell genug, daß Nördlinger nicht den Weinbrand gerochen hätte, den der gleiche fürsorgliche Hausbewohner offensichtlich in den Kaffee gemischt hatte. Normalerweise hätte Nördlinger eine solche Verfehlung nicht geduldet und wäre sofort energisch eingeschritten - aber was war an diesem Tag schon normal? Er tat so, als hätte er nichts gemerkt und ging schnell weiter.

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