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Azrael: Die Wiederkehr

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Azrael: Die Wiederkehr
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Generationen klügerer Männer, als Braun und Bremer es waren, hatten diese Frage diskutiert, ohne zu einer Antwort zu kommen, und natürlich gelang es auch Bremer nicht.

Braun ging es offensichtlich aber auch nicht darum, das Gespräch zu vertiefen, denn er fuhr im entschlossenen Tonfall fort: »Wir werden das Experiment beenden. Heute noch!«

»Warum auch nicht?« fragte Angela spitz. »Jetzt, wo Sie ein neues Versuchskaninchen haben.«

Braun starrte sie auf eine Art an, als frage er sich einfach, warum er sie eigentlich nicht auch erschossen hatte. Dann wandte er sich wieder an Bremer. »Das stimmt sogar. Aber Sie haben nichts zu befürchten.«

»So wie Ihr Kollege Haymar?«

»Das war etwas anderes«, behauptete Braun. »Haymar war praktisch schon tot, als wir ihn gefunden haben.«

»War ich das nicht auch?«

»Sie hatten drei Kugeln in der Brust, Herr Bremer«, sagte Braun. »Die Verletzungen waren nicht wirklich tödlich. Sie hatten Glück. Was Sie in einen Zustand des Scheintodes versetzt hat, das war der Schock - wußten Sie übrigens, daß die meisten Opfer von Schußwunden am Schock sterben, nicht an ihren Verletzungen? Bei Haymar war das etwas anderes. Von ihm war kaum noch genug übrig, um es auf eine Bahre zu legen. Daß es Mecklenburg gelungen ist, ihn noch so lange am Leben zu erhalten, grenzt nicht nur an ein Wunder, es ist eines. Er stirbt sowieso. Der Mann stirbt seit fünf Jahren. Glauben Sie mir: Ich tue ihm einen Gefallen, wenn ich den Stecker herausziehe.«

»Und wann gedenken Sie den Stecker bei mir herauszuziehen?« fragte Bremer.

Braun verzog das Gesicht. »Sie haben nichts zu befürchten«, sagte er. »Wir brauchen nur ein paar Blutproben von Ihnen, das ist im Grunde schon alles«, sagte er. »Ich will Ihnen nichts vormachen: Sie werden hierbleiben müssen. Wenn Sie es so sehen wollen, als unser Gefangener, obwohl mir das Wort Gast sehr viel lieber wäre.«

»Wie kommt es, daß ich Ihnen nicht glaube?« fragte Bremer.

»Weil Sie ein Dummkopf sind, Bremer«, antwortete Braun. »Ein intelligenter Mann, aber trotzdem ein Dummkopf. Sie wissen offenbar immer noch nicht, wer Ihre Freunde sind, und wer Ihre Feinde.« Das Telefon klingelte. Allein der Blick, den Braun dem Gerät zuwarf, machte Bremer klar, daß er offensichtlich Anweisungen gegeben hatte, nur im allernötigsten Fall gestört zu werden. Eine halbe Sekunde starrte er das Gerät an, dann riß er den Hörer regelrecht von der Gabel und blaffte ein ›Ja?‹ hinein.

Das Gespräch dauerte nicht lange, höchstens eine Minute, in der Bremer Braun keine Sekunde aus den Augen ließ. Braun sagte kein Wort, sondern hörte nur zu, und sein Gesicht blieb in dieser Zeit vollkommen unbewegt. Trotzdem wußte Bremer schon bevor er auflegte, daß er keine guten Neuigkeiten hatte.

»Nun?« fragte er.

Braun sah auf den Computerausdruck vor sich, ehe er antwortete. »Es gibt zwei weitere Tote«, sagte er. »Look und eine alte Frau, die in seinem Haus gewohnt hat.«

»Look?!« Hätte jemand Bremer unversehens einen Eimer mit kaltem Wasser ins Gesicht geschüttet, hätte der Schock kaum größer sein können. »Sind Sie sicher?«

Braun nickte. Sein Blick huschte immer irritierter über den Computerausdruck vor ihm. Er schien etwas zu suchen. Etwas, das nicht da war. »Offensichtlich hat er Selbstmord begangen. Eigenartig, nicht? Er ist aus dem fünften Stock im Treppenhaus gesprungen und hat sich jeden einzelnen Knochen im Leib gebrochen. Ich kann mir eine angenehmere Art vorstellen, mich umzubringen. Er hat noch eine gute Viertelstunde gelebt.«

»Und die Frau?«

»Irgendeine Hausbewohnerin«, sagte Braun achselzuckend. »Ihrem Gesichtsausdruck zufolge muß sie sich buchstäblich zu Tode erschrocken haben. Der erste Befund des Notarztes lautet auf einen Herzinfarkt. Erinnert Sie das an etwas?«

»Wer ist dieser Look?« fragte Angela.

»Irgendeine versoffene Ratte«, sagte Braun. »Er und zwei andere haben Rosen damals ein Alibi verschafft, von dem jeder wußte, daß es falsch war.«

»Leider konnten wir es nicht beweisen«, fügte Bremer hinzu. In seinem Bewußtsein wollte ein Gedanke Gestalt annehmen. Er wußte nicht genau, welcher, aber er spürte, daß er wichtig war. Vielleicht lebenswichtig. Da war etwas, was er gehört und wieder vergessen hatte. Vor ganz kurzer Zeit erst.

»Er arbeitet Ihre Liste ab, Bremer«, sagte Braun düster. »Ziemlich gründlich, wie es scheint. Sind Sie immer noch der Meinung, ich sollte das Experiment nicht beenden?«

Etwas stimmte nicht. Haymar war damals ein ganz normaler Agent gewesen, wie Braun. Selbst wenn er später irgendwie Kenntnis von Bremers Liste bekommen hätte und sie jetzt abarbeitete, wie Braun es ausgedrückt hatte, so konnte er gar nichts von Look wissen. Allenfalls von Strelowsky, und eigentlich nicht einmal davon. Aber keinesfalls von Look und den beiden anderen falschen Zeugen, oder...

»...oder der Arzt, der das Gutachten erstellt hat, oder der Richter, der Rosen freigesprochen hat, obwohl er wußte, daß er schuldig war«, murmelte er.

»Was sagen Sie?« fragte Braun.

Bremer sah mit einem Ruck hoch. »Großer Gott!« murmelte er. »Rufen Sie den Richter an!«

»Welchen Richter?«

»Den, der Rosen damals freigesprochen hat«, sagte Bremer hastig. »Und schicken Sie ein paar Männer zu den beiden anderen Zeugen, die damals zu Rosens Gunsten ausgesagt haben - falls es noch nicht zu spät ist!« Aufgeregt wandte er sich an Angela. »Es ist Thomas, begreifst du nicht?« Nein, natürlich begriff sie nicht. Wie auch? Bremer fiel erst im nachhinein ein, daß sie diesem seltsamen Geistlichen, der in seiner Kirche schlief, ja niemals begegnet war. »Schicken Sie einen Wagen zur Kirche St. Peter!« sagte er, wieder an Braun gewandt. »Das ist dort, wo Sie Ihre beiden zusammengeschlagenen Agenten hingeschickt hatten. Sie finden dort jemanden, der sich Vater Thomas nennt. Ich weiß nicht, ob er wirklich so heißt, oder ob es ihn überhaupt gibt Aber wenn, dann sollten Sie verdammt vorsichtig sein! Und versuchen Sie, diesen Richter zu finden und in Sicherheit zu bringen. Am besten hierher.«

»Hierher?«

»Es ist nicht Haymar, begreifen Sie das immer noch nicht?« fragte Bremer. »Oder passen Ihre zerebralen Aktivitäten etwa auch in Looks Selbstmord?«

Braun sah nicht einmal auf seine Liste. Das hatte er vorher schon getan. Bremer wußte, daß darauf kein weiterer Ausbruch verzeichnet war. Nachdem er zwei oder drei Sekunden gezögert hatte, stand er auf und ging um seinen Schreibtisch herum. »Paßt auf die beiden auf«, sagte er, während er den Raum verließ.

25

Die letzte halbe Stunde der Nachtwache, fand Schwester Inge, war immer die schwerste. Sie hatte sich vor mehr als drei Jahren freiwillig dazu entschieden, nur noch nachts zu arbeiten, und sie hatte den Entschluß im Grunde nie bedauert - wenn man sich einmal daran gewöhnt hatte, hatte es eine Menge Vorteile -, aber sie bereute es fast jeden Morgen in der Zeit zwischen fünf Uhr dreißig und sechs.

Die Nacht war ziemlich ruhig gewesen. Die meisten Nächte auf der Intensivstation waren sehr ruhig - dafür wurde es um so hektischer, wenn einmal etwas los war. Aber ihre Patienten pflegten im allgemeinen nicht alle paar Minuten nach der Bettpfanne zu klingeln, sich über ein geschlossenes oder offenes Fenster zu beschweren, über das Schnarchen des Bettnachbars oder laute Schritte auf dem Flur, die es gar nicht gab, und sie klingelten sie auch nicht um halb drei heraus, um sich zu erkundigen, was es am nächsten Morgen zum Frühstück gab. Die einzige Störung in dieser Nacht hatte darin bestanden, daß ein neuer Patient eingeliefert worden war, der jetzt in Zimmer 23 im Komma lag und frühestens in zwei oder drei Tagen aufwachen würde, wenn überhaupt. Niemand hatte Schwester Inge gesagt, was dem armen Kerl zugestoßen war. Das war nicht üblich, und es war auch nicht notwendig. Nach fünfzehn Jahren Arbeit im Krankenhaus wußte sie, wenn sie das Opfer eines Verbrechers vor sich hatte. Jemand hatte dem Mann den Schädel eingeschlagen.

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