Azrael: Die Wiederkehr
- Автор: Хольбайн Вольфганг
- Год: 2000
- Язык: немецкий
- Год: Wilhelm Heyne
- Жанр: Научная фантастика
Электронная книга - «Azrael: Die Wiederkehr». Краткое содержание книги:
»Es geht um Bremer«, sagte Thomas. »Bitte hören Sie mir zu! Wir haben nicht mehr viel Zeit!«
22
Das Fenster explodierte in einem Scherbenregen in den Raum hinein, und etwas Riesiges, Flatterndes raste über Bremer und Braun hinweg und riß sie beide von den Füßen. Bremer spürte nur einen Schlag, keinen Schmerz, aber er war heftig genug, ihn von den Füßen zu heben und ihn mehr als zwei Meter weit durch das Zimmer zu schleudern.
Von dem Medikament benommen, das ihm Braun verabreicht hatte, konnte er seinen Sturz nicht auffangen und krachte mit benommen machender Wucht auf den Boden. Trotzdem registrierte er, wie der Schatten weiter durch den Raum fegte, auch noch Angela und die beiden anderen Männer von den Füßen riß und im letzten Moment versuchte, seinen Flug abzubremsen. Viel zu spät. Mit fast ungebremster Wucht und wie es schien wild schlagenden Flügeln krachte es in Mecklenburgs Bar und zertrümmerte sie. Ein schrilles, unheimliches Kreischen mischte sich in das Geräusch von zerbrechendem Glas und Holz; ein Laut wie das Schreien eines verletzten Vogels, aber lauter, zorniger. Auch Braun brüllte vor Schmerz. Als Bremer sich benommen aufrichtete, sah er, wie Braun in die Höhe sprang und mit hektischen Bewegungen nach seinem Gesicht griff.
Ein gut zwei Zentimeter langer, gezackter Glassplitter steckte in seiner Wange. Sein Gesicht war blutüberströmt. Trotzdem hob er die andere Hand und gab gleichzeitig zwei Schüsse auf die Kreatur ab. Die beiden Schüsse fielen so schnell hintereinander, daß die Geräusche zu einem einzigen, peitschenden Knall verschmolzen. Wieder erscholl dieses wütende Vogelkreischen, und das Klirren von Glas wurde lauter.
Bremer wandte mühsam den Kopf und sah wieder zu der Kreatur hin. Als die Bestie durch das Fenster hereingebrochen war, waren die meisten Lampen im Raum erloschen, so daß er kaum mehr als einen Schatten und tobende Bewegung sah.
Glas- und Holzsplitter wirbelten wie in einem Mini-Orkan davon. Der Parkettfußboden unter ihnen zitterte. Das Ungeheuer schien sich beim Aufprall verletzt zu haben und ließ seine Wut nun an dem aus, was von der Bar noch übrig war. Vielleicht hatten Brauns Schüsse auch getroffen.
Auch die beiden anderen Männer begannen jetzt zu schießen. Die peitschenden Entladungen ihrer Waffen übertönten für einen Moment sogar das Schreien des Ungeheuers, und das ununterbrochene Flackern des Mündungsfeuers tauchte das Zimmer in gespenstisches Stroboskoplicht Die Bewegungen des Monsters wirkten plötzlich abgehackt und in einzelne Phasen zerlegt; ein Tanz in einer höllischen Disco, in der der Teufel selbst am Mischpult stand.
Die Männer feuerten, bis ihre Magazine leer waren aber das Ungeheuer starb nicht. Über die kleine Distanz konnten sie gar nicht vorbeischießen; Bremer konnte sogar hören, wie die Kugeln trafen: Dumpfe, fleischige Laute, die von einem immer schriller werdenden Schreien und Kreischen beantwortet wurden, aber die Bestie weigerte sich einfach, zu sterben. Nicht einmal ihr Toben nahm sichtbar ab.
Bremer registrierte alles das mit einer Art heiterer Gelassenheit - zweifellos eine Folge der Droge, die Braun ihm verabreicht hatte. Der Schleier über seinen Sinneseindrücken war wieder weg. Es war nur die erste, schockartige Wirkung des Tranquilizers gewesen, die fast augenblicklich wieder abgeklungen war. Er sah, hörte, roch und fühlte jetzt im Gegenteil mit schon fast unnatürlicher Schärfe. Nur, daß ihn nichts von alledem irgendwie interessierte. Auf einer tieferen, zur Rolle des stummen Beobachters verdammten Ebene seines Bewußtseins begriff er sehr genau, in welcher entsetzlichen Gefahr er sich befand. Aber er war nicht in der Lage, aus diesem Begreifen irgend etwas zu machen; nicht einmal Furcht. Er kam sich vor, als betrachtete er einen Film, oder ein ganz besonders realistisches Theaterstück, in dem er zugleich Zuschauer als auch Mitwirkender war, ohne daß ihn das Ganze wirklich etwas anging.
Braun riß endlich den Glassplitter aus seiner Wange, feuerte seine letzte Kugel auf das Ungeheuer ab und ließ das Magazin aus dem Griff der Waffe fallen. »Raus hier!« brüllte er.
Einer seiner Männer sprang zu Angela und zerrte sie grob mit sich. Der zweite hatte seine Waffe nachgeladen und schoß wieder auf die Bestie. Auch wenn die Kugeln das Ungeheuer nicht zu töten vermochten, so schleuderten sie es doch immer wieder zurück, und der Mann schien das auch begriffen zu haben, denn er feuerte jetzt nicht mehr in einem raschen Stakkato, sondern ließ immer eine Sekunde verstreichen, bevor er wieder abdrückte.
Braun war mit einem Satz auf den Füßen, riß Bremer in die Höhe und zerrte ihn hinter sich her. »Schnell!« brüllte er. »Laufen Sie!« Irgendwie sah Bremer den Grund dafür nicht ein. Er mußte Braun folgen, ob er nun wollte oder nicht, aber er tat nicht das Geringste, um ihm zu helfen. Er fand die Situation ziemlich spannend, und er war sich durchaus darüber im klaren, daß sie wahrscheinlich mit seinem Tod enden würde, aber das störte ihn nicht besonders. Es war eine prima Show.
Angela und der zweite Mann hatten mittlerweile die Tür erreicht und stürzten hindurch. Eine Sekunde später stolperten Bremer und Braun hinterher, und Bremer sah, daß auch hier draußen zwei von Brauns Männern standen. Beide hatten ihre Waffen gezogen und waren schreckensbleich. Neben einem von ihnen lehnte ein großkalibriges Gewehr an der Wand.
Braun warf die Tür hinter sich ins Schloß, versetzte Bremer einen Stoß, der ihn hinter Angela und den zweiten Mann auf die Treppe zustolpern ließ, und raffte das Gewehr auf. Die beiden Posten wollten ihm folgen, aber Braun riß einen von ihnen zurück und herrschte ihn an: »Aufhalten!« Er verurteilte den Mann damit praktisch zum Tode; ganz zu schweigen von demjenigen, den sie in der Wohnung zurückgelassen hatten. Braun rechnete offensichtlich nicht damit, daß die beiden es schaffen würden, das Ungeheuer aufzuhalten. In der Wohnung hinter ihnen peitschten noch immer Schüsse.
Sie hetzten die Treppe hinunter. Bremer stolperte auf halber Strecke, kippte zur Seite und schlitterte schräg gegen die Wand gelehnt vier oder fünf Stufen weit die Treppe hinab, ehe Braun ihn wieder hochriß.
»Losmachen!« schrie Angela. »Um Gottes willen, machen Sie die Handschellen los!«
Als sie das Ende der Treppe erreicht hatten, hörte die Schießerei in der Wohnung über ihnen auf. Einen Augenblick später splitterte Holz, gefolgt von einem einzelnen Schuß und einem so gräßlichen Schrei, daß selbst Bremer erschrocken zusammenfuhr.
»Weiter!« schrie Braun. »Schnell!« Sie rasten den Korridor entlang, und Bremer registrierte mit einer Art heiterem Entsetzen, daß die Lifttüren geschlossen waren. Der Aufzug war nicht da. Sie waren tot. Auf halber Strecke vor ihnen wurde eine Wohnungstür aufgerissen, und ein verschlafenes Gesicht blickte zu ihnen heraus. Als der Mann jedoch die schwerbewaffneten Männer entdeckte, die eine gefesselte Frau und einen offensichtlich Betrunkenen vor sich herstießen, vergaß er seinen Zorn und knallte die Tür hastig wieder zu.
Sie erreichten den Aufzug. Braun hämmerte die flache Hand auf die Taste, wirbelte herum und ließ sich auf die Knie herabfallen. Sein Gewehr zielte auf die Tür am Ende des Flures. Bremer konnte hören, wie sich der Aufzug tief unter ihnen in Bewegung setzte und mit quälender Langsamkeit seinen Aufstieg begann. Er fand es ein bißchen schade, daß niemand da war, mit dem er wetten konnte, wer eher ankam: das Ungeheuer oder der Lift. Das Ungeheuer gewann.
Die Tür am jenseitigen Ende des Ganges wurde aus den Angeln gerissen und flog wie ein Stück zerfetzter Pappe davon. Sie zerbrach, als sie gegen die Wand prallte, und durch den leeren Rahmen quetschte sich eine Kreatur, die aus dem schlimmsten aller Alpträume entsprungen zu sein schien.
Bremer sah den Todesengel jetzt zum erstenmal deutlich, und er war plötzlich sehr froh, daß er noch immer unter dem Einfluß des Tranquilizers stand und gar nicht in der Lage war, wirklichen Schrecken zu empfinden. Angela wimmerte. Die beiden Agenten neben ihm stießen ein erschrockenes Keuchen aus. Nur Braun reagierte gar nicht, sondern hob kaltblütig sein Gewehr und visierte die Kreatur an.