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Azrael: Die Wiederkehr

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Azrael: Die Wiederkehr
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»Lassen Sie ihn noch zehn Minuten schmoren, dann kann er gehen«, sagte Nördlinger.

»Aber...«

»Ich weiß, was Sie sagen wollen«, unterbrach ihn Nördlinger. »Aber der Kerl hat leider recht, wissen Sie? Wir können ihm gar nichts.«

»Wir könnten ihn immerhin gegen Verstoß gegen das Waffengesetz festnehmen«, sagte Meiler. »Er hatte einen Schalldämpfer in der Tasche. Die Dinger sind verboten.« Das würde vermutlich wirklich ausreichen, um Malchow für einen oder zwei Tage schmoren zu lassen, überlegte Nördlinger. Für ein paar Sekunden fand er genug Gefallen an dem Gedanken, um Meiler nachzugeben. Aber dann schüttelte er den Kopf.

»Lassen Sie ihn laufen«, sagte er. »In zehn Minuten. Oder sogar in zwanzig. Und achten Sie darauf, daß ihm der Sanitäter kein Schmerzmittel gibt.«

Er ließ Meiler stehen und eilte mit jetzt sehr schnellen ausgreifenden Schritten auf seinen Wagen zu. Thomas spießte ihn mit Blicken regelrecht auf, als er sich neben ihr auf den Rücksitz fallen ließ, sagte aber nichts.

»Bevor Sie irgend etwas sagen«, begann Nördlinger »Ich will nichts von der Macht Gottes hören. Ich will auch nichts von der ewigen Verdammnis hören, von der Macht des Teufels oder himmlischen Fügungen, nichts von gottgesandten Plagen oder der Erbsünde. Ich will einfach nur wissen, was hier los war.«

»Ich hatte nicht vor, irgend etwas von alledem zu sagen«, sagte Thomas.

Nördlinger war ehrlich überrascht. »Nicht?«

»Das alles hier hat nichts mit Gottes Werk zu tun«, antwortete Thomas. »Und schon gar nicht mit seinem Willen. Für das, was hier passiert ist, sind allein Menschen verantwortlich.« Nördlinger war verwirrt - nicht einmal so sehr über Thomas' Worte, sondern in weit größerem Maße über das, was sie in ihm auslösten.

»Es ... fällt mir nicht ganz leicht, das zu akzeptieren«, sagte er. »Wir haben bisher sechs Tote gefunden, und wir sind noch nicht fertig mit suchen. Da draußen sitzen vier gestandene Polizeibeamte, die Stein und Bein schwören, sie hätten ein Ungeheuer gesehen, und einige der Leichen sehen aus, als wären sie von etwas angefallen worden, das ich mir nicht einmal vorzustellen wage. Und Sie wollen mir erzählen, das wäre alles ganz normal?«

»Ich habe nicht normal gesagt.« Thomas öffnete die Tür und stieg aus. Nördlinger kletterte ebenfalls aus dem Wagen. Thomas hatte sich mittlerweile schon ein paar Meter entfernt und ging auf den zertrümmerten BMW zu, der am Straßenrand stand.

Nördlinger hatte einen Beamten aufgestellt, um das Fahrzeugwrack zu bewachen, damit sich niemand daran zu schaffen machte. Der Mann wollte Thomas den Weg vertreten, aber Nördlinger schüttelte rasch den Kopf und schickte ihn mit einer entsprechenden Geste weg.

Thomas ging um das Fahrzeugwrack herum und blieb vor der zertrümmerten Kühlerhaube stehen. »Sehen Sie«, sagte er. Im ersten Moment sah Nördlinger nicht, was er meinte. Die gesamte Frontpartei des BMW war zermalmt; ein einziger Wust aus geborstenem Metall, aus dem noch immer Öl und Kühlmittel tropfte. Aber dann sah er es: In dem zerbeulten Metall gähnte eine Anzahl gleichmäßiger, dreieckiger Löcher, so regelmäßig angeordnet, als hätte sie eine Maschine hineingestanzt.

»Glauben Sie, daß das ein Mensch war?« fragte Thomas, hob die Hand und deutete auf das Dach des Wagens. »Oder das?« Das Wagendach war regelrecht aufgeschlitzt; ein vierzig Zentimeter langer, drei Finger breiter Riß mit nach außen gebogenen Rändern. Nördlinger versuchte sich vorzustellen, welche Art von Unfall eine solche Beschädigung verursachen konnte, aber es gelang ihm nicht. Dafür spürte er ein eisiges Frösteln wie eine Kolonne winziger Polarameisen sein Rückgrat hinunter laufen.

»Aber gerade haben Sie selbst gesagt...«

»Ich habe gesagt, es war Menschenwerk. Nicht, es war ein Mensch. Und das ist erst der Anfang, Herr Nördlinger. Das ist nichts gegen das, was geschehen wird, wenn wir Braun nicht finden.«

»Wie ... meinen Sie das?« fragte Nördlinger mühsam. Es war lächerlich. Thomas' Worte waren ... grotesk. Noch vor einer Stunde hätte er darüber gelacht. Jetzt erfüllten sie ihn mit einer Furcht, gegen die er einfach hilflos war. »Was soll das heißen?«

»Die Apokalypse«, antwortete Thomas. »Das jüngste Gericht - suchen Sie sich einen Begriff aus. Keiner wird ausreichen, das zu beschreiben, was geschehen wird, wenn wir Ihn nicht rechtzeitig finden. Gott hat sich etwas dabei gedacht, als er den Menschen nicht die Macht gegeben hat, Schicksal zu spielen. Es heißt Auge um Auge, Herr Nördlinger - aber auch nur ein Auge für ein Auge, ein Leben für ein Leben. Nicht mehr! Das geschieht, wenn Menschen die Macht haben, alles zu tun, was sie wollen. Wir müssen Bremer finden, schnell! Er ist vielleicht unsere letzte Chance, eine Katastrophe zu verhindern!«

»Aber ich weiß nicht, wo er ist, verdammt noch mal!« Nördlinger schrie fast. Dann drehte er sich langsam herum, blickte den Krankenwagen an, in dem Meiler noch für gut' zehn Minuten damit beschäftigt sein sollte, Malchow schmoren zu lassen - und schüttelte den Kopf. Es würde nicht funktionieren.

»Was haben Sie?« fragte Thomas. Er schien wirklich ein ausgezeichneter Beobachter zu sein.

»Nichts«, antwortete Nördlinger. »Ich überlege nur, ob ich lachen soll.«

»Lachen?«

»Über einen besonders guten Scherz, den sich das Schicksal gerade mit uns erlaubt.« Er drehte sich wieder zu Thomas herum. »Es gibt jemanden, der wahrscheinlich weiß, wo wir Bremer finden.«

»Dort drüben?« Thomas deutete mit dem Kopf auf den Krankenwagen, sah ihn einen Moment lang an, als zweifele er an seinem Verstand und setzte sich dann mit einem energischen Schritt in Bewegung.

Nördlinger hielt ihn am Arm zurück. »Das hat keinen Sinn«, sagte er.

»Aber gerade sagten Sie doch...«

»Daß es jemanden gibt, der wahrscheinlich weiß, wie wir Bremer finden, ja«, bestätigte Nördlinger. »Aber er wird es uns nicht verraten.« Thomas sah ihn an, und plötzlich erschien etwas Neues in seinen Augen; etwas, das Nördlinger um ein Haar dazu gebracht hätte, einen Schritt vor ihm zurückzuweichen.

»O doch«, sagte er leise. »Das wird er.«

24

Erstaunlicherweise gelang es seinem Körper relativ schnell, das Mittel abzubauen, das Braun ihm gespritzt hatte. Bremer war nie beim Drogendezernat gewesen und hatte sogar - als hätte etwas in ihm mit einer Art erstaunlicher präkognitiver Fähigkeit vorausgeahnt, was geschehen würde - stets einen Bogen um alles gemacht, was mit Drogen zu tun hatte. Trotzdem wußte er, daß diese Art von Vorschlaghammer-Betablockern, mit der Braun ihn behandelt hatte, manchmal viele Stunden brauchte, um seine Wirkung zu verlieren; wenn nicht Tage.

Bremer fühle sich nach kaum einer Stunde wieder topfit. Jedenfalls nahm er an, daß es eine Stunde gewesen war. Mit Ausnahme der Waffe, die er Cremer abgenommen hatte, hatten sie ihm alles gelassen, auch seine Uhr, aber Bremer hatte während ihrer verzweifelten Flucht und auch danach natürlich nicht auf die Uhr gesehen. Als er das erstemal auf die Idee kam, war es nach fünf. Es konnte also nicht allzu viel Zeit verstrichen sein.

Das Mittel schien noch eine andere, höchst erfreuliche Nebenwirkung zu haben: Im gleichen Maße, in dem seine Benommenheit und der dumpfe Druck hinter seiner Stirn verschwanden, löste sich auch seine Müdigkeit auf. Seine Gedanken schienen ganz im Gegenteil mit einer seltenen Schärfe und Präzision zu funktionieren - was nun allerdings wieder eine andere, weniger wünschenswerte Nebenwirkung hatte: Er begann unruhig zu werden und tigerte wie ein gefangenes Raubtier in seiner Zelle auf und ab. Das Zimmer sah nicht aus wie eine Zelle, sondern gab sich ganz im Gegenteil alle Mühe, einen behaglichen Eindruck zu erwecken. Das Mobiliar war zwar spärlich, aber erlesen, wie in einem Hotelzimmer der gehobenen Mittelklasse. Es gab einen Fernseher und eine kleine, allerdings mit ausschließlich nichtalkoholischen Getränken bestückte Minibar. Das Bett war breit genug für zwei, und das Fenster war nicht vergittert.

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Главный герой
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