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Die Zypressen von Cordoba

Электронная книга - «Die Zypressen von Cordoba». Краткое содержание книги:

Spanien im 10. Jahrhundert: Am Hof von Córdoba herrschen die Mauren. Der Kalif Abd ar-Rahman III. spürt, daß er von seinen Leibärzten verraten wird. Nur Da'ud ibn Yatom, dem Sohn des Vorstehers der jüdischen Gemeinde, vertraut er. Ihn beauftragt er, den großen Theriak wieder zu entdecken, ein Mittel, mit dem sich der Herrscher vor Schlangenbissen schützen will, vor denen er panische Angst hat. Falls Da'ud dies gelingt, wird er mit Gold überschüttet, falls nicht, droht der Kalif Da'ud und seine Familie auszulöschen …
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Er hatte den größten Teil des Tages geschlafen. Aber als er aufwachte, stand er einem neuen Schrecken gegenüber: dem des Verhungerns. Von dem spärlichen Proviant, den ihm Judah mitgegeben hatte, war nichts mehr übrig, und als er sich umschaute, sah er nur die unendliche Weite der Steppe, ohne jegliche menschliche Behausung. Verzweifelt suchte er im Bewuchs des Flußufers nach Beeren, Wurzeln, nach irgend etwas, das ihm die Hungerkrämpfe lindern könnte, die an ihm nagten, das den Schwindel in seinem Kopf zum Stillstand bringen, seine zitternden Knie stärken würde. Nichts. Er wagte nicht, sich zu weit vom Flußlauf zu entfernen, damit er die Flößer nicht verpaßte. Und dann schwebte vor seinen vernebelten Sinnen eine verschwommene Erinnerung. Irgendwo, fiel ihm ein, hatte er gelesen, daß Schilfwurzeln eßbar seien. Er hatte keine Wahl, er mußte die Böschung wieder hinabrutschen und mit letzter Kraft die robusten Pflanzen mitsamt der Wurzel ausreißen.

So hatte er zwei ganze Tage überlebt, ehe er ein Floß erspähte, das langsam den Fluß hinuntergefahren kam. Einige geschickte junge Männer sprangen leichtfüßig von einem Baumstamm zum anderen, lenkten das Floß weg von den trügerischen Sümpfen ins Fahrwasser. Der Kapitän, ein übelriechender Klotz von einem Kosaken erklärte sich schließlich – gegen einen beträchtlichen Teil der Münzen aus Judahs Beutel – widerwillig bereit, ihn auf seinem schmalen Floß mitzunehmen und mit ihm das trockene Brot, das Salzfleisch, den schimmeligen Käse und Knoblauch, ihren einzigen Proviant, zu teilen. »Kein Alkohol«, grunzte er. Der war ihm allein vorbehalten. Nachdem Demitrios den Brocken groben Schwarzbrots heruntergewürgt hatte, den ihm der Kosak zuwarf, war er erschöpft niedergesunken und hatte beinahe die ganze lange und langsame Floßfahrt flußabwärts verschlafen. Zum Glück hatte er das Rütteln und Rucken der Baumstämme nicht mitbekommen, die mit dem Floß zusammenstießen, war taub für die kehligen Flüche und das übellaunige Knurren des Flößers gewesen, der auf seinem Knoblauch kaute und rülpste und furzte, wenn er nicht gerade seinen Mietlingen Befehle zubrüllte.

Erst nachdem er in Taman an Bord eines Schiffes gegangen war, atmete er auf. Es kam natürlich nicht in Frage, daß er ins ferne Córdoba reisen würde, trotz König Judahs letztem Wunsch. Ihn beherrschte nur noch eine einzige Sehnsucht: nach Hause zurückzufahren, stundenlang in einem heißen Dampfbad zu schwitzen und dann behaglich zwischen seidenen Laken zu liegen, die üppig weichen Rundungen seiner Frau unter sich. So malte er sich gerade die Heimkehr aus, als aus heiterem Himmel am Horizont plötzlich bleierne Wolkenbänke aufzogen. Die Sonne verfinsterte sich, große Regentropfen fielen schwer auf das Deck. Die See wurde unruhig, begann zu steigen und zu kabbeln. Das Schiff tanzte wild auf den Wellen, die Mannschaft hielt mit aller Kraft die Segel gegen den Wind, während Blitze die Luft durchschnitten und der Regen wie ein aufgeplusterter Vorhang über die schräg liegenden Decks gepeitscht wurde. Zwei Tage und eine Nacht toste der Sturm. Demitrios tat das einzig Mögliche: Er betete – zu Christus, zu Maria, zu Gottvater selbst, flehte, wie er nie zuvor gefleht hatte. Jetzt wußte er, warum die Türken dieses trügerische Wasser ›schwarz‹ nannten, und während sein Leben an ihm vorüberzog, fragte er sich, welches Verbrechen er wohl begangen hatte, um eine solche Strafe zu verdienen. Als wie durch ein Wunder das Schiff dann doch in den ruhigen Wassern des Bosporus schaukelte und zur Stille des Goldenen Horns vordrang, schwor er feierlich, zum Dank für seine Errettung würde er tun, was er dem Juden versprochen hatte, der ihm das Leben, gerettet hatte.

Wenn er Córdoba erreichen und noch vor dem Winter zurückkehren wollte, mußte er beinahe unverzüglich von Konstantinopel aufbrechen. Während der kurzen Ruhepause, die er sich gönnte, fand er heraus, welchem Kloster der Mönch Nicolas angehört hatte. Der dortige Prior schüttelte nur traurig den Kopf. Seine glatte weiße Hand ruhte auf dem silbernen Kruzifix, das er auf der Brust trug, als er erklärte: »Unser geliebter und gelehrter Mitbruder ist im vergangenen Jahr verstorben, aber ich erinnere mich noch an den jüdischen Gelehrten, mit dem er zusammengearbeitet hat. Es war Da'ud ibn Yatom, ein Jude von ungewöhnlicher Bildung, wie ich höre.« Nachdem so Judahs Worte bestätigt waren, machte sich Demitrios mit einer gehörigen Portion Optimismus auf die Reise. Vielleicht ließ sich wirklich etwas von diesem Juden lernen, dessen Ruf so weit verbreitet war. Aber als das griechische Schiff, auf dem er die Reise nach Spanien angetreten hatte, in der Ägäis in heftige Stürme geriet, beschlich ihn das Gefühl, daß das Schicksal mit ihm spielte. Erfüllte er nicht das Versprechen, das er dem König der Chasaren gegeben hatte? Warum dann diese erneute Qual? Wenn so die ganze restliche Reise nach Sevilla aussehen sollte, war es dann überhaupt klug, sie auf sich zu nehmen? Er konnte schließlich alles, was ihm Judah anvertraut hatte, niederschreiben und diesen Brief mit einem vertrauenswürdigen Sendboten nach Córdoba schicken. Immer wieder war er seit seiner unter einem ungünstigen Stern stehenden Ankunft in Itil gerade eben noch mit dem Leben davongekommen. Durfte er es wagen, das Schicksal noch einmal herauszufordern? fragte er sich, als sein Schiff in den geschützten Hafen von Rhodos einlief.

Bei näherem Hinsehen hatte sich herausgestellt, daß das Schiff erst nach gründlichen Reparaturen wieder seetüchtig sein würde, doch jegliche Verzögerung der Abreise stellte seine Rückkehr nach Byzanz vor Ende des Sommers in Frage. An jenem Morgen suchte jedoch ein robustes venezianisches Handelsschiff gleichfalls Zuflucht vor den wilden Wassern der Ägäis und ging im sicheren Hafen von Rhodos vor Anker. Sobald die Elemente sich beruhigt hatten, würde es die Segel erneut setzen und sein Reiseziel Sevilla ansteuern. Sollte er an Bord gehen oder so schnell wie möglich in die Sicherheit von Byzanz zurückkehren? Christus im Himmel, lenke meine bescheidenen Schritte, betete Demitrios und machte am Ende des weiten Hafenrunds kehrt, um seinen Rundgang erneut aufzunehmen.

28

Moslems in ungeheurer Zahl strömten aus der Großen Moschee und verliefen sich in den engen Gäßchen Cordobas, als Ralambo und Demitrios durch die Stadttore kamen. Neugierig wandten die Menschen den Kopf nach dem ungewöhnlichen Paar: Der eine war groß, hatte rauchdunkle Haut, lief barfuß und mit eleganten lockeren Schritten, hatte eine bunte Decke ordentlich über die Schulter gefaltet und nahm mit wachen, mandelförmigen Augen alles ringsum gierig in sich auf. Der andere war blaß, blauäugig, elegant nach byzantinischer Mode gekleidet, trug ein leicht hochmütiges Lächeln auf den dünnen Lippen, blickte mißtrauisch und abschätzig drein. Sie bewegten sich gegen den Menschenstrom, der langsam von der Moschee wegdrängte, blieben hier und da stehen, um sich nach dem Weg zu erkundigen. Beide waren überrascht, welche Ehrfurcht der Name Da'ud ibn Yatom erregte, und staunten, daß jedermann wußte, wo sein Heim zu finden war.

Ralambo strahlte zufrieden. Seine Geduld hatte sich ausgezahlt. Er hatte gewartet, bis die venezianischen Kaufleute in ihrem Heimathafen an Land gegangen waren und außer ihm nur noch Demitrios als Passagier an Bord war. Erst dann hatte er ihn angesprochen. Die Unterhaltung, die sie mit dem wenigen Arabisch führen mußten, das sie beide sprachen, war elementar gewesen, aber sie hatte ausgereicht, ihn den Namen des weisen Mannes erfahren zu lassen, den er suchte.

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