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Die geliehene Zeit: Roman (German Edition)

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Die geliehene Zeit: Roman (German Edition)
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Er war ein Fall, der in der Woche zuvor zu uns gekommen war. Sein Unterschenkel hatte sich in einem Rad verfangen, als er leichtsinnig vom Wagen gestiegen war, ehe dieser zum Stillstand gekommen war. Es war ein Schienbeinbruch, der aber nicht kompliziert war. Ich hatte den Knochen wieder gerichtet, und die Verletzung schien gut zu verheilen. Das Gewebe hatte eine gesunde Farbe; die Narbenbildung war gut, nichts roch, es gab keine verdächtigen roten Streifen, keine extreme Empfindlichkeit, nichts, was erklärt hätte, warum der Mann immer noch vom Fieber verzehrt wurde und den dunklen, stark riechenden Urin absonderte, der auf einen entzündlichen Prozess hindeutete.

»Bonjour, Madame«, sagte die tiefe, volle Stimme über mir, und ich blickte an Mutter Hildegardes hünenhafter Gestalt empor. Etwas huschte an meinem Ellbogen vorbei, und Bouton landete so schwungvoll auf der Matratze, dass der Patient leise aufstöhnte.

»Und?«, sagte Mutter Hildegarde. Ich war mir alles andere als sicher, ob sie mich meinte oder Bouton, entschied mich aber im Zweifelsfall für Ersteres und schilderte ihr meine Beobachtungen.

»Es muss also einen zweiten Entzündungsherd geben«, schloss ich, »aber ich kann ihn nicht finden. Nun frage ich mich, ob er vielleicht eine innerliche Entzündung hat, die nichts mit der Beinverletzung zu tun hat. Vielleicht eine schwache Blinddarmentzündung oder eine Blaseninfektion, obwohl ich auch am Bauch keine Empfindlichkeit feststellen kann.«

Mutter Hildegarde nickte. »Eine Möglichkeit, gewiss. Bouton!« Der Hund wandte seiner Herrin den Kopf zu, und diese wies mit ihrem länglichen Kinn auf den Patienten. »À la bouche, Bouton«, befahl sie. Ein zierlicher Schritt, und der Hund schob dem Fuhrmann die runde schwarze Nase, der er vermutlich seinen Namen verdankte, ins Gesicht. Die fieberschweren Augen des Mannes öffneten sich abrupt, doch ein Blick auf Mutter Hildegardes gebieterische Gestalt ließ jede eventuelle Beschwerde verstummen.

»Öffnet den Mund«, wies Mutter Hildegarde ihn an, und er war so eingeschüchtert, dass er es tat, obwohl seine Lippen zuckten, als sich Bouton mit den seinen näherte. Ein Hundekuss stand eindeutig nicht auf seiner Liste dessen, was ein erstrebenswerter Zeitvertreib war.

»Nein«, sagte Mutter Hildegarde nachdenklich, während sie Bouton beobachtete. »Das ist es nicht. Sieh dich anderswo um, Bouton, aber sei vorsichtig. Vergiss nicht, dass der Mann ein gebrochenes Bein hat.«

Als hätte er tatsächlich jedes Wort verstanden, begann der Hund, den Patienten neugierig zu beschnüffeln, schob ihm die Nase in die Achselhöhle, stellte sich mit den Stummelfüßen auf seine Brust, um weitere Nachforschungen anzustellen, und stupste ihn sacht entlang der Lendenfalte an. Als er das verletzte Bein erreichte, stieg er ganz vorsichtig hinüber, ehe er die Nase über die Oberfläche des Verbandes bewegte.

Er kehrte wieder in die Lendengegend zurück – nun, was auch sonst, dachte ich ungeduldig, er ist schließlich ein Hund –, stieß mit der Nase oben auf den Oberschenkel, dann setzte er sich, bellte einmal auf und wackelte triumphierend mit der Rute.

»Da ist es«, sagte Mutter Hildegarde und zeigte auf eine kleine braune Kruste just unterhalb der Lendenfalte.

»Aber das ist doch fast verheilt«, protestierte ich. »Es ist nicht entzündet.«

»Nicht?« Die hochgewachsene Nonne legte dem Mann eine Hand auf den Oberschenkel und drückte fest zu. Ihre muskulösen Finger bohrten sich in seine blasse, klamme Haut, und der Fuhrmann schrie auf.

»Ah«, sagte sie voller Genugtuung, als sie sah, dass ihre Berührung tiefe Einkerbungen hinterlassen hatte. »Ein Eiterherd.«

So war es; die Kruste hatte sich an einer Seite gelöst, und darunter quoll dicker gelber Eiter auf. Mutter Hildegarde hielt den Mann an Bein und Schulter fest, und eine weitere Tastuntersuchung brachte das Problem zutage. Ein langer Holzsplitter, der sich von dem beschädigten Wagenrad gelöst hatte, war tief in den Oberschenkel eingedrungen. Da die Eintrittswunde so unbedeutend schien, hatte der Patient, den ohnehin das ganze Bein schmerzte, selbst nichts davon gemerkt. Während die kleine Verletzung sauber verheilt war, hatte sich die tiefere Wunde entzündet und einen Eiterherd um den Fremdkörper gebildet, tief im Muskelgewebe, wo keine oberflächlichen Symptome zu sehen waren – zumindest nicht für menschliche Sinnesorgane.

Ein kleiner Schnitt mit dem Skalpell, um die Eintrittsverletzung zu vergrößern, ein rasches Zupacken mit einer langen Pinzette, einmal kräftig gezogen – und ich hielt ein fast acht Zentimeter langes Stück Holz in der Hand, das mit Blut und Schleim bedeckt war.

»Nicht schlecht, Bouton«, sagte ich mit einem anerkennenden Nicken. Eine lange rosa Zunge hechelte fröhlich, und die schwarzen Nasenlöcher schnupperten in meine Richtung.

»Ja, sie ist wirklich gut«, sagte Mutter Hildegarde, und diesmal gab es keinen Zweifel, mit wem sie sprach, da Bouton ein Rüde war. Bouton beugte sich vor und schnupperte höflich an meiner Hand, dann leckte er mir einmal über die Fingerknöchel, um auch mir seine kollegiale Anerkennung zu zollen. Ich verkniff es mir, die Hand an meinem Kleid abzuwischen.

»Erstaunlich«, sagte ich und meinte es ernst.

»Ja«, sagte Mutter Hildegarde beiläufig, jedoch mit einem unüberhörbar stolzen Unterton. »Er ist auch sehr gut darin, Tumore unter der Haut zu lokalisieren. Ich kann zwar nicht immer interpretieren, was er aus den Gerüchen von Atem und Urin schließt, aber er hat ein gewisses Bellgeräusch, das ohne Zweifel eine Magenerkrankung anzeigt.«

Unter den Umständen sah ich keinen Grund, dies zu bezweifeln. Ich verneigte mich vor Bouton und ergriff ein Gläschen Johanniskrautpulver für eine Wundkompresse.

»Sehr erfreut über deine Unterstützung, Bouton. Du kannst jederzeit mit mir arbeiten.«

»Sehr klug von Euch«, sagte Mutter Hildegarde und ließ ihre kräftigen Zähne aufblitzen. »Viele der Ärzte und chirurgiens, die hier arbeiten, sind nicht bereit, sich sein Können zunutze zu machen.«

»Äh, nun ja …« Ich wollte ja niemanden in Verruf bringen, doch mein Blick, der durch den Saal auf Monsieur Voleru fiel, war anscheinend sehr transparent.

Mutter Hildegarde lachte. »Nun, wir nehmen, wen auch immer Gott uns schickt, doch gelegentlich frage ich mich, ob er sie nur zu uns schickt, um sie anderswo vor größeren Schwierigkeiten zu bewahren. Dennoch, die meisten unserer Ärzte sind besser als nichts – wenn auch nur gerade eben. Ihr«, und wieder blitzten die Zähne auf und erinnerten mich an ein freundliches Kaltblutpferd, »seid um einiges besser als nichts, Madame.«

»Danke.«

»Ich habe mich jedoch schon gefragt«, fuhr Mutter Hildegarde fort, während sie zusah, wie ich den Kräuterverband anlegte, »warum Ihr nur Patienten mit Verletzungen und Knochenbrüchen versorgt? Ihr meidet jene mit Hautausschlägen, Husten und Fieber, obwohl es eher üblich ist, dass sich les maîtresses mit solchen Erkrankungen befassen. Ich glaube nicht, dass ich je zuvor einen weiblichen chirurgien gesehen habe.« Les maîtresses waren die unlizenzierten Heilerinnen, oftmals aus der Provinz, die mit Kräuterarzneien und Talismanen handelten. Les maîtresses sage-femme waren die Hebammen, die Spitzenkräfte unter den volkstümlichen Heilerinnen. Oft wurde ihnen mehr Respekt entgegengebracht als den lizenzierten Ärzten, und die Patienten aus den unteren Klassen zogen sie vor, da sie gewöhnlich sowohl fähiger als auch deutlich billiger waren.

Ich war nicht überrascht, dass sie meine Vorlieben beobachtet hatte; mir war längst klar, dass Mutter Hildegarde kaum etwas entging, was sich in ihrem Hôpital abspielte.

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