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Die geliehene Zeit: Roman (German Edition)

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Die geliehene Zeit: Roman (German Edition)
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»Wir wissen Eure Fürsorge und Eure Großzügigkeit sehr zu schätzen, Mesdames.« Während ihre tiefe Glockenstimme mit der Dankesrede fortfuhr, konnte ich sehen, wie ihre kleinen, intelligenten Augen, die tief unter den knochigen Augenbrauen lagen, hin und her huschten und sie überlegte, wie sie sich dieser Störung möglichst schnell entledigen und gleichzeitig den frommen Damen dennoch jeden Centime entlocken konnte, von dem sie sich um ihres Seelenheils willen zu trennen bereit waren.

Als ihre Entscheidung gefallen war, klatschte sie scharf in die Hände. Eine kleine Nonne tauchte in der Tür auf wie ein Schachtelteufel.

»Schwester Angelique, seid doch so gütig und bringt diese Damen in die Apotheke«, befahl sie. »Gebt ihnen passende Kleider und dann zeigt ihnen die Krankenstationen. Sie können bei der Essensausgabe helfen – wenn sie so freundlich wären.« Ein leises Zucken ihres breiten, dünnen Mundes ließ keinen Zweifel daran, dass Mutter Hildegarde davon ausging, dass die Frömmigkeit der Damen den Rundgang durch die Krankenstationen nicht überdauern würde.

Mutter Hildegarde war eine gute Menschenkennerin. Drei der Damen schafften es durch die erste Station mit Fällen von Skrofulose, Krätze, Hautausschlägen, Ausfluss und Abszessen, ehe sie beschlossen, dass sich ihre wohltätigen Bedürfnisse auch wunderbar mit einer Spende an das Hôpital befriedigen ließen, und zurück in die Apotheke flohen, um die Sackleinengewänder abzulegen, mit denen man uns ausgestattet hatte.

In der Mitte der nächsten Station war ein hochgewachsener, hagerer Mann mit einem dunklen Kittel dabei, eine allem Anschein nach kunstvolle Beinamputation durchzuführen; umso kunstvoller, weil der Patient nicht sediert zu sein schien und im Moment durch die Anstrengungen zweier kräftiger Kerle und einer stabil gebauten Nonne stillgehalten wurde, die glücklicherweise so auf der Brust des Patienten saß, dass ihre wallenden Gewänder sein Gesicht verhüllten.

Eine der Damen hinter mir stieß ein leises Würgegeräusch aus; als ich mich umsah, erblickte ich nur noch die breite Rückseite zweier Möchtegern-Samariterinnen, die Hüfte an Hüfte in der schmalen Tür zur Apotheke und damit in die Freiheit klemmten. Mit einem letzten verzweifelten Ruck und dem Geräusch reißender Seide platzten sie hindurch und flüchteten Hals über Kopf durch den dunklen Flur. Fast rannten sie dabei einen Laufburschen um, der mit einem Tablett voller Leinen und chirurgischen Instrumenten angetrabt kam.

Ich blickte zur Seite und stellte belustigt fest, dass Mary Hawkins noch da war. Etwas bleicher zwar als das chirurgische Leinen – welches ehrlich gesagt eher einen schändlichen Grauton hatte – und ein bisschen grün um die Kiemen, doch sie war noch da.

»Vite! Dépêchez-vous!«, rief der Chirurg ungeduldig, vermutlich an den erschrockenen Laufburschen gerichtet, der sein Tablett hastig wieder sortierte und dorthin gelaufen kam, wo der hochgewachsene Dunkelhaarige mit erhobener Knochensäge bereitstand, um einen entblößten Oberschenkelknochen zu durchtrennen. Der Helfer beugte sich darüber, um oberhalb der Operationsstelle einen zweiten Druckverband anzulegen, die Säge senkte sich mit einem unbeschreiblichen Knirschen, und ich hatte Erbarmen mit Mary Hawkins und drehte sie in die andere Richtung. Ihr Arm zitterte unter meiner Hand, und ihre Pfingstrosenlippen waren bleich und verkniffen wie eine erfrorene Blume.

»Würdet Ihr gern gehen?«, fragte ich höflich. »Mutter Hildegarde würde Euch gewiss eine Kutsche rufen lassen.« Ich warf einen blick in die verlassene Dunkelheit des Flurs. »Ich fürchte, die Comtesse und Madame Lambert sind schon fort.«

Mary schluckte hörbar, doch dann biss sie entschlossen die Zähne zusammen.

»N-Nein«, sagte sie. »Wenn Ihr bleibt, bleibe ich auch.«

Ich hatte definitiv vor zu bleiben; meine Neugier und der Wunsch, mich in den Betrieb des Hôpital des Anges einzuschleichen, waren viel zu stark, um durch eventuelles Mitleid mit Marys Feingefühl aufgewogen zu werden.

Schwester Angelique war uns schon ein ganzes Stück voraus, ehe sie bemerkte, dass wir stehen geblieben waren. Sie kehrte zurück und verharrte geduldig, ein kleines Lächeln in ihrem rundlichen Gesicht, als erwartete sie, dass auch wir uns umdrehen und das Weite suchen würden. Ich beugte mich über ein Strohlager an der Wand. Eine sehr dünne Frau lag teilnahmslos unter einer Decke, und ihr Blick driftete ohne Interesse über uns hinweg. Es war weniger die Frau, die meine Aufmerksamkeit erregt hatte, sondern vielmehr das seltsam geformte Glasgefäß, das neben ihrem Lager auf dem Boden stand.

Das Gefäß war bis zum Überlaufen mit einer gelben Flüssigkeit gefüllt – zweifellos Urin. Ich war ein wenig überrascht; welchen Nutzen konnte eine Urinprobe ohne chemische Testmethoden oder auch nur Lackmuspapier haben? Während ich überlegte, worauf man Urin überhaupt testete, kam mir eine Idee.

Sorgfältig hob ich das Gefäß auf, ohne Schwester Angeliques alarmierten Protestruf zu beachten. Ich roch vorsichtig daran, und richtig; halb von sauren Ammoniakdämpfen verborgen, roch die Flüssigkeit widerlich süß – wie sauer gewordener Honig. Ich zögerte, doch es gab nur eine Möglichkeit, sicherzugehen. Mit gerümpfter Nase tauchte ich eine Fingerspitze in die Flüssigkeit und hielt sie mir zurückhaltend an die Zunge.

Mary, die mir mit großen Augen zusah, schluckte krampfhaft, doch Schwester Angelique beobachtete mich plötzlich mit Interesse. Ich legte der Frau eine Hand auf die Stirn; sie war kühl – kein Fieber, das den körperlichen Verfall erklärt hätte.

»Seid Ihr durstig, Madame?«, fragte ich die Patientin. Ich kannte die Antwort, ehe sie sie aussprach, denn ich sah die leere Karaffe an ihrem Kopfende stehen.

»Ständig, Madame«, erwiderte sie. »Und ich habe auch ständig Hunger. Und doch setze ich nichts an, ganz gleich, wie viel ich esse.« Sie hob einen Arm, der dünn war wie ein Stöckchen, und zeigte mir ihr knochiges Handgelenk, dann ließ sie es fallen, als hätte diese Anstrengung sie erschöpft.

Ich tätschelte ihr sanft die magere Hand und murmelte etwas zum Abschied. Meine Freude über die korrekte Diagnose wurde beträchtlich durch das Wissen getrübt, dass es in dieser Zeit nicht möglich war, Diabetes mellitus zu behandeln; die Frau vor mir war dem Tode geweiht.

In gedämpfter Stimmung folgte ich Schwester Angelique, die ihre geschäftigen Schritte verlangsamte, um neben mir herzugehen.

»Konntet Ihr sagen, woran sie leidet, Madame?«, fragte die Nonne neugierig. »Nur anhand des Urins?«

»Nicht nur anhand dessen«, antwortete ich. »Doch ja, ich weiß es. Sie hat …« Verflixt. Wie nannten sie es wohl heute? »Sie hat … äh, die Zuckerkrankheit. Das, was sie isst, ernährt sie nicht, und sie hat gewaltigen Durst. Demzufolge produziert sie große Mengen von Urin.«

Schwester Angelique nickte, und ihre rundlichen Gesichtszüge waren voll gebannter Neugier.

»Und könnt Ihr sagen, ob sie sich erholen wird, Madame?«

»Nein, das wird sie nicht«, sagte ich unverblümt. »Es ist schon zu weit fortgeschritten; möglich, dass sie den Monat nicht übersteht.«

»Ah.« Sie zog die blonden Augenbrauen hoch, und an die Stelle der Neugier trat Respekt. »Das hat Monsieur Parnelle auch gesagt.«

»Und was macht er im richtigen Leben?«, fragte ich respektlos.

Die rundliche Nonne runzelte verwirrt die Stirn. »Nun, ich glaube, daheim stellt er, glaube ich, Bruchbänder her, und er ist Juwelier. Doch wenn er hierherkommt, erfüllt er normalerweise das Amt eines Urinoskopisten.«

Ich spürte, wie sich meine Augenbrauen ebenfalls hoben. »Ein Urinoskopist?«, sagte ich ungläubig. »So etwas gibt es tatsächlich?«

»Oui, Madame. Und er hat genau dasselbe gesagt wie Ihr gerade, über diese arme magere Frau. Ich habe noch nie eine Frau gesehen, die sich mit der Wissenschaft der Urinoskopie auskannte«, sagte Schwester Angelique und sah mich mit unverhohlener Faszination an.

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