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Die geliehene Zeit: Roman (German Edition)

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Die geliehene Zeit: Roman (German Edition)
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»Nun, es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, als sich Eure Philosophie träumen lässt, Schwester«, sagte ich herablassend. Sie nickte ernst, und ich schämte mich meiner scherzhaften Antwort.

»Das ist wahr, Madame. Würdet Ihr einen Blick auf den Herrn im letzten Bett werfen? Wir glauben, dass er an der Leber erkrankt ist.«

Wir gingen weiter von Bett zu Bett und machten die Runde durch die ganze enorme Halle. Wir sahen Erkrankungen, die ich nur aus Lehrbüchern kannte, dazu traumatische Verletzungen aller Art, von Kopfverletzungen nach Kneipenschlägereien bis hin zu einem Fuhrmann, dem ein davonrollendes Weinfass die Brust zerquetscht hatte.

An einigen Betten blieb ich stehen und stellte den Patienten Fragen, wenn sie den Eindruck machten, dass sie antworten konnten. Hinter mir konnte ich Mary durch den Mund atmen hören, doch ich sah nicht nach, ob sie sich tatsächlich die Nase zuhielt.

Am Ende des Rundgangs wandte sich Schwester Angelique mit einem ironischen Lächeln zu mir um.

»Nun, Madame? Wünscht Ihr immer noch, dem Herrn zu dienen, indem Ihr seinen vom Schicksal Gestraften helft?«

Ich krempelte mir bereits die Ärmel hoch.

»Bringt mir eine Schüssel heißes Wasser, Schwester«, sagte ich, »und Seife.«

»Wie war es, Sassenach?«, fragte Jamie.

»Grauenvoll!«, antwortete ich und strahlte über das ganze Gesicht.

Er zog eine Augenbraue hoch und lächelte auf mich hinunter, denn ich lag der Länge nach auf dem Sofa.

»Oh, dann hattest du also deine Freude, ja?«

»Oh, Jamie, es war so schön, wieder zu etwas nutze zu sein! Ich habe Fußböden gewischt und Patienten Suppe eingeflößt, und es ist mir gelungen, hinter Schwester Angeliques Rücken ein paar schmutzige Verbände zu wechseln und einen Abszess aufzustechen.«

»Oh, gut«, sagte er. »Und hast du inmitten all dieser Frivolitäten auch daran gedacht, etwas zu essen?«

»Äh, nein, das habe ich tatsächlich vergessen«, sagte ich schuldbewusst. »Andererseits habe ich auch nicht daran gedacht, mich zu übergeben.« Als ob sie die Vernachlässigung erst jetzt bemerkten, ballten sich meine Magenwände plötzlich zusammen. Ich presste mir die Faust unter das Brustbein. »Vielleicht sollte ich einen Bissen essen.«

»Vielleicht solltest du das«, pflichtete er mir etwas grimmig bei und griff nach der Glocke.

Er sah zu, wie ich gehorsam Fleischpastete und Käse zu mir nahm, und hörte zu, wie ich ihm beim Kauen das Hôpital des Anges und seine Insassen ebenso begeistert wie detailliert beschrieb.

»In einigen Stationen herrscht großes Gedränge – zwei oder drei Personen pro Bett, was zwar furchtbar ist, aber … möchtest du etwas hiervon?«, unterbrach ich mich. »Es ist sehr gut.«

Er beäugte das Stück Pastete, das ich ihm hinhielt.

»Wenn du meinst, du könntest davon absehen, mir von gangränösen Zehennägeln zu erzählen, bis ich den Bissen im Magen habe, ja.«

Erst jetzt fielen mir die leichte Blässe seiner Wangen und seine gekräuselten Nasenlöcher auf. Ich schenkte ihm ein Glas Wein ein und reichte es ihm, ehe ich wieder nach meinem Teller griff.

»Und wie war dein Tag, mein Lieber?«, fragte ich ergeben.

L’Hôpital des Anges wurde meine Zuflucht. Die unverhohlene, ungezierte Direktheit der Nonnen und Patienten war herrlich erfrischend gegenüber dem unablässigen intriganten Geplauder der Damen und Herren bei Hofe. Zudem war ich mir sicher, dass es ohne die Erleichterung, meine Gesichtsmuskeln im Hôpital zu ihrer normalen Miene finden zu lassen, nicht mehr lange gedauert hätte, bis sie zu einem permanenten Ausdruck affektierter Oberflächlichkeit erstarrt wären.

Angesichts der Tatsache, dass ich anscheinend wusste, was ich tat, und dass ich nichts von ihnen brauchte außer Verbandsmaterial, akzeptierten die Nonnen meine Anwesenheit schnell. Dasselbe galt nach dem ersten Schreck über meinen Akzent und meinen Titel auch für die Patienten. Gesellschaftliche Vorurteile haben zwar große Macht, doch gegen schlichte Kompetenz können sie nicht bestehen, wenn Können dringend benötigt und Mangelware ist.

Mutter Hildegarde hatte zwar viel zu tun, doch sie ließ sich mehr Zeit damit, sich ein Bild von mir zu machen. Zunächst sprach sie über das schlichte »Bonjour, Madame« kein Wort mit mir, aber oft spürte ich das Gewicht ihrer kleinen, kalkulierenden Augen in meinem Rücken, wenn ich mich über einen älteren Herrn mit Gürtelrose beugte oder einem Kind Aloesalbe auf die Brandblasen schmierte, die es bei einem der Hausbrände erlitten hatte, die in den ärmeren Quartieren der Stadt an der Tagesordnung waren.

Man hatte zwar nie den Eindruck, dass sie sich beeilte, doch sie legte täglich immense Wege zurück und bewegte sich mit meterlangen Schritten über die grauen Steinplatten der Hôpitalstationen, stets dicht gefolgt von ihrem kleinen weißen Hund Bouton, der sich sputen musste, um mitzuhalten.

Völlig anders als die wuscheligen Schoßhunde, die bei den Hofdamen so beliebt waren, sah er vage wie eine Kreuzung zwischen Dackel und Pudel aus, und sein grobes Fell flatterte in Fransen an den Rändern seines breiten Bauchs und seiner krummen Stummelbeinchen entlang. Die gespreizten schwarzen Krallen an seinen Pfoten klickten hektisch über den Steinboden, und seine spitze Schnauze berührte beinahe die Falten ihrer schwarzen Kutte, während er hinter Mutter Hildegarde hertrottete.

»Ist das ein Hund?«, hatte ich einen der Helfer voll Erstaunen gefragt, als mein Blick zum ersten Mal auf Bouton fiel, der seiner Herrin auf dem Fuße durch das Hôpital folgte.

Der Mann, der gerade den Boden wischte, hielt inne, um der lockigen Rute nachzublicken, die gerade in der nächsten Station verschwand.

»Nun ja«, sagte er skeptisch, »Mutter Hildegarde sagt, es ist ein Hund. Ich möchte nicht derjenige sein, der ihr da widerspricht.«

Je mehr ich mich dann mit den Nonnen, Helfern und den Ärzten anfreundete, die das Hôpital besuchten, je mehr Meinungen hörte ich über Bouton – von humorvoller Toleranz bis hin zu finsterem Aberglauben. Niemand wusste genau, woher Mutter Hildegarde ihn hatte oder warum. Er gehörte seit mehreren Jahren zum Personal des Krankenhauses, und sein Rang war – in Mutter Hildegardes Augen, und das war es, was zählte – deutlich oberhalb der Schwestern und auf einer Stufe mit den meisten Ärzten und Apothekern anzusiedeln.

Letztere betrachteten ihn zum Teil mit abergläubischer Abneigung, andere mit scherzhafter Liebenswürdigkeit. Ein Chirurg bezeichnete ihn routinemäßig – außerhalb von Hildegardes Hörweite – als »diese widerliche Ratte«, ein anderer als »das miefende Karnickel« und ein kleiner, rundlicher Bruchbandmacher begrüßte ihn ganz offen als »Monsieur Wischtuch«. Für die Nonnen war er irgendetwas zwischen Maskottchen und Totem, während mir der junge Priester der benachbarten Kathedrale, der ins Bein gebissen worden war, als er den Patienten die Sakramente spenden wollte, seine persönliche Meinung anvertraute, dass Bouton nämlich einer der weniger bedeutenden Dämonen war, der sich für seine eigenen bösen Zwecke als Hund getarnt hatte.

Trotz des wenig schmeichelhaften Tons dieser Worte dachte ich, dass er vielleicht am dichtesten an der Wahrheit war. Denn nachdem ich die beiden einige Wochen beobachtet hatte, war ich zu dem Schluss gekommen, dass Bouton tatsächlich Mutter Hildegardes Adlatus war.

Sie redete häufig mit ihm, nicht in dem Ton, den man normalerweise mit Hunden anschlägt, sondern so, wie man wichtige Dinge mit einem ebenbürtigen Partner bespricht. Wenn sie neben diesem oder jenem Bett stehen blieb, sprang Bouton oft auf die Matratze und beschnüffelte den verblüfften Patienten. Dann setzte er sich, häufig auf die Beine des Patienten, bellte einmal und blickte fragend zu Mutter Hildegarde auf und wackelte mit seiner seidigen Rute, als fragte er sie nach ihrer Meinung über seine Diagnose – welche sie ihm auch stets mitteilte.

Obwohl mich dieses Verhalten sehr neugierig machte, bekam ich erst an einem dunklen, verregneten Morgen im März die Gelegenheit, die beiden aus der Nähe bei der Arbeit zu beobachten. Ich stand am Bett eines Fuhrmanns in den mittleren Jahren und unterhielt mich beiläufig mit ihm, während ich versuchte herauszufinden, was zum Teufel mit dem Mann nicht stimmte.

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