Die Zypressen von Cordoba
- Автор: Guiladi Yael
- Год: 2004
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Die Zypressen von Cordoba». Краткое содержание книги:
Eines Nachts, als er gerade einem Soldaten, dem er das Bein abgenommen hatte, den groben Beißkeil zwischen den Zähne herausnahm, kam der König und kniete sich neben ihn. Sein Bart war zerzaust, die Augen blutunterlaufen, die Kleider zerrissen und mit Schlamm bespritzt. Er zog den Arzt in eine Ecke des Behandlungsraumes, packte Demitrios bei der Schulter und begann eindringlich zu sprechen.
»Ich weiß nicht, was in der morgigen Schlacht mit mir und meinen Leuten wird, aber welches Schicksal uns auch immer erwartet, Ihr sollt es nicht teilen müssen. Soeben wird ein kleines Ruderboot mit dem wenigen Proviant, den wir entbehren können, auf dem Fluß zu Wasser gelassen. Ihr müßt unverzüglich im Schutze der mondlosen Nacht darin fliehen. Wenn Euch die Russen gefangennehmen, so wird Euch Euer ärztliches Geschick retten. Ich erbitte nur eine Gegenleistung für diese Chance, Euer Leben zu retten. Wer weiß, vielleicht ist es mein letzter Wunsch.«
Er packte Demitrios' Schulter noch fester, als er mit wild glühenden Augen hastig fortfuhr: »Es ist ungeheuer wichtig, daß das Schicksal meines Königreiches jenseits des Kaspischen und Schwarzen Meeres bekannt wird. Vor vielen Jahren erhielt ich einmal ein Schreiben von einem gewissen Da'ud ibn Yatom, einem großen jüdischen Arzt in Córdoba, der etwas über die Art und die Religion meines Landes zu erfahren suchte. Ich weiß nicht, ob ihn meine Antwort je erreicht hat. Meine Bitte ist nun, daß Ihr nach Córdoba reist, ihn aufsucht und ihm folgendes mitteilt:
Es stimmt, daß vor zwei Jahrhunderten unser großer Herrscher Bulan und seine engsten Gefolgsleute den jüdischen Glauben angenommen haben. Sie entschlossen sich dazu nach einer Debatte zwischen den Vertretern der drei großen Religionen: einem Repräsentanten Eures eigenen orthodoxen Christentums, wie man es im mächtigen byzantinischen Reich praktiziert, das von Südwesten her seine Schatten auf uns wirft; einem Sprecher für den Islam, die Religion der Araber, die uns seit Jahrhunderten an unserer südlichen Grenze zu schaffen machen; und einem Vertreter der jüdischen Religion, deren Rabbis keine weltliche Macht haben, für uns also keine Bedrohung darstellen. Wenige Jahre nach der Bekehrung unserer Anführer gelang uns ein triumphaler Sieg über die Araber in den Ländern südlich des Kaukasus, und mit der Kriegsbeute errichteten wir einen Tempel, der dem in der Bibel erwähnten so ähnlich ist wie nur irgend möglich. Später befahl unser König Obadiah, es sollten Synagogen gebaut werden und man solle Schulen einrichten, in denen die Thora und der Talmud denjenigen unter uns gelehrt wurden, die sich von der Schamanenreligion unserer türkischen Ahnen dem Judentum zugewandt hatten. Ich bin ein Nachfahre dieses Obadiah, und die meisten Mitglieder meines Hofstaates sind auch Juden.
Sagt Da'ud weiterhin, daß unser Königreich Zeiten großen Ruhms und großer Macht gekannt hat, Zeiten, in denen es sich weit nach Westen ausdehnte, weit über das Schwarze Meer hinaus. Erzählt ihm, daß wir uns seit Jahrhunderten der Angriffe der Araber südlich des Kaukasus erwehren. Allerdings muß ich zugeben, daß uns dort auch das Glück hold war, denn sie hatten anderswo wichtigere Kämpfe auszutragen. Inzwischen haben sich jedoch die Zeiten geändert, und gegen die übermächtigen Russen haben wir kaum eine Chance. Erzählt all das dem Da'ud ibn Yatom und erzählt ihm auch, daß ich mit dem Sch'ma Israel auf den Lippen sterben werde.« Judah, dessen Mund vor Furcht ganz ausgetrocknet war, nahm einen Schluck Wasser aus seiner Kürbisflasche, ehe er fortfuhr.
»Geht nun, getreuer Sendbote. Rudert vorsichtig zwischen den Sümpfen und Untiefen hindurch, verfolgt einen diagonalen Kurs flußabwärts. Sobald Ihr in sicherer Entfernung vom feindlichen Lager seid, geht an Land. Wenn der letzte Ansturm vorüber ist, nehmen sicherlich die Flößer wieder ihre Reisen flußabwärts auf. Mit einem von ihnen werdet Ihr bestimmt bis zum Schwarzen Meer kommen, wo Ihr eine Überfahrt nach Byzanz finden könnt. Dies hier soll Eure Reise bis Córdoba bezahlen«, fügte er hinzu und reichte Demitrios einen wohlgefüllten Beutel. »Ich denke nicht, daß Eure Reise vergebens sein wird. Ihr könnt gewiß von diesem jüdischen Gelehrten viel lernen, wenn ich nur die Hälfte dessen glauben darf, was er mir über sich geschrieben hat. Geht darum in Frieden, und Gott mit Euch.«
Wie leicht es geklungen hatte, als Judah diese Reise beschrieb, erinnerte sich Demitrios voller Bitterkeit, als er erneut die Bucht von Rhodos umrundete. In der undurchdringlichen Schwärze der Nacht mußte er vor jedem Ruderschlag mit dem Ruder ringsum tasten, damit er nicht mit einer einzigen falschen Bewegung den dünnen Streifen befahrbaren Wassers verließe, über den sein Boot lautlos glitt, und in einem Sumpf endete, aus dem ihn all sein Schreien und Rufen nicht mehr retten würde. Es hatte in jener Nacht nicht die geringste Hoffnung bestanden, das andere Ufer zu erreichen. Er konzentrierte all sein Bemühen nur darauf, in diesem schmalen Wasserband zu bleiben und sich nach Süden zu bewegen. Als einmal eine Sekunde lang seine Aufmerksamkeit nachließ, spürte er schon, wie der Bug des Bootes auf eine Sandbank auflief. Starr vor Schrecken, falls er etwa den einzelnen russischen Wachtposten aufweckte, der ein wenig weiter flußaufwärts schlummerte, stieß er sich mit seinem Ruder wieder ins Fahrwasser zurück.
In kaltem Angstschweiß gebadet, bewegte er sich die ganze Nacht hindurch Zentimeter für Zentimeter vorwärts, doch als im Osten die erste bleiche Morgendämmerung leuchtete, war er nur wenig vorangekommen. Aufmerksam blickte er sich in der nun weniger undurchdringlichen Finsternis um, versuchte seine Position zu bestimmen. Zu seinem großen Schrecken stellte er fest, daß er immer noch die massige Kalksteinfestung Sarkel und am gegenüberliegenden Ufer die russischen Truppen ausmachen konnte, die allmählich aus dem Schlaf erwachten und die schwelende Glut der Abendfeuer wieder anfachten, um sich eine Morgenmahlzeit zuzubereiten. Jeden Augenblick würden nun die Wachtposten am Ufer entlanggeritten kommen, die man weiter flußabwärts aufgestellt hatte, um die Flanken der Truppen zu schützen, die sich zum letzten Ansturm auf Sarkel bereitmachten. Koste es, was es wolle, er mußte Deckung finden.
Durch das heller werdende Grau des Morgens erspähte er eine Sandbank, die nur wenige Ruderschläge entfernt lag und von dichtem Schilf überwachsen war. Rasch ruderte er dorthin, setzte mit äußerster Vorsicht einen Fuß nach dem anderen auf den schlammigen Boden, bis er ganz sicher war, daß er nicht nachgeben würde. Dann zerrte er das Boot hinter sich an Land und duckte sich ins Schilf. So kauerte er den ganzen Tag, von panischer Angst erfüllt, daß selbst die kleinste Bewegung die Aufmerksamkeit der Soldaten erregen könnte. Zwischen den schlanken Schilfrohren hindurch konnte er den weiteren Flußlauf erkennen und ihn sich für die folgende Nacht einprägen.
Den ganzen Tag lang tobte die Schlacht, erschollen die verzweifelten Schreie der Verwundeten, die im Sumpf versanken, vermischten sich mit dem Klirren der Schwerter und dem Zischen von Tausenden von Pfeilen, die über das Tal hin und her schwirrten. Bei Einbruch der Nacht drangen andere Töne an sein Ohr. Aus der einstmals mächtigen Festung der Chasaren erscholl rauhes Siegesgebrüll aus Hunderten von russischen Kehlen …
Während die siegreichen Krieger feierten, war er von der Sandbank zurück ins Wasser geschlichen, nun des Kurses sicher, den er den ganzen Tag über geplant hatte. Im nächsten Morgengrauen befand er sich unweit des rechten Flußufers und außer Reichweite der russischen Truppen. Beim ersten Morgenlicht hielt er nach einer passenden Landestelle Ausschau, wo er die steile Böschung hinaufklettern konnte, die in Abständen immer wieder von tiefen Klüften durchzogen war. Schließlich entdeckte er einen geeigneten Platz, stützte sich auf das Ruder und setzte vorsichtig Fuß um Fuß, bis er unter großen Mühen die Böschung erklommen hatte. Kaum war er oben angekommen, sackte er erschöpft zusammen.