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Die Zypressen von Cordoba

Электронная книга - «Die Zypressen von Cordoba». Краткое содержание книги:

Spanien im 10. Jahrhundert: Am Hof von Córdoba herrschen die Mauren. Der Kalif Abd ar-Rahman III. spürt, daß er von seinen Leibärzten verraten wird. Nur Da'ud ibn Yatom, dem Sohn des Vorstehers der jüdischen Gemeinde, vertraut er. Ihn beauftragt er, den großen Theriak wieder zu entdecken, ein Mittel, mit dem sich der Herrscher vor Schlangenbissen schützen will, vor denen er panische Angst hat. Falls Da'ud dies gelingt, wird er mit Gold überschüttet, falls nicht, droht der Kalif Da'ud und seine Familie auszulöschen …
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»Komm herein, mein lieber Junge«, forderte ihn sein Lehrmeister auf und hielt eine Kerze in die Höhe, um ihm den Weg zu leuchten. Tröstend legte er den Arm um Hais bebende Schultern, während sie zusammen ins Haus traten. Er dachte an jenen anderen unerwarteten Besuch vor beinahe zwanzig Jahren.

»Etwas quält deinen Vater. Was ist es?«

»Ich bete zu Gott, daß ich mich irre, Meister, aber ich fürchte, es ist eine Fasergeschwulst.«

»Am linken Knie?« erkundigte sich Ibn Zuhr.

»Ja, Meister. Woher wußtet Ihr das?«

»Das ist jetzt nicht wichtig«, antwortete der Arzt knapp, wollte die Wahrheit genauso ungern glauben wie Hai, vielleicht aus besserem Grund …

»Groß?«

»Nicht größer als eine Murmel.«

»Gut. Ich schaue morgen früh bei ihm vorbei und überprüfe deine Diagnose. Wenn ich deiner Meinung bin, lassen wir die Geschwulst sofort von Abu'l Kasim entfernen, damit sie sich nicht im Körper ausbreiten und dort Schaden anrichten kann. Wenn wir sofort handeln, haben wir gute Aussichten, ihn noch zu retten.«

»Aber Meister, ich muß Euch etwas sagen. Er schlief, als ich die Geschwulst ertastete. Er selbst weiß nichts davon. Wie und was sage ich ihm?«

Ibn Zuhr rieb sich mit der Hand die trüben Augen und die eingesunkenen Wangen, ehe er sich zu sprechen entschloß.

»Es wird nicht notwendig sein, daß du irgend etwas sagst.« Er legte seinem jungen Studenten die blau geäderte Hand auf das Knie und fuhr fort: »Dein Großvater Ya'kub ibn Yatom hatte ein ähnliches Leiden, und dein Vater kam damals zu mir, genau wie du heute.«

»Ihr wißt also, daß es eine bösartige Krebsgeschwulst ist, und er weiß es auch.«

»Höchstwahrscheinlich, mein Sohn. Aber wir haben sie früher entdeckt als bei Ya'kub. Nur Mut, mein lieber Junge, nur Mut. Es besteht noch Hoffnung.«

»Werdet Ihr das auch meinem Vater sagen?«

»Aber natürlich. Unsere sogenannte Gelehrsamkeit gibt uns nicht das Recht, einem Menschen den größten Trost der Schöpfung zu rauben. Hoffnung ist die einzige Hilfe, die wir ihm anbieten können. All unsere auswendig gelernten Regeln und Prinzipien sind nur allgemeine Schlußfolgerungen, die wir aus der Beobachtung vieler Fälle gezogen haben. Vieler, aber nicht aller Fälle. Was für den einen richtig ist, kann für den anderen falsch sein, was den einen heilt, kann dem anderen sogar schaden. Deswegen, mein Sohn, ist die Hoffnung immer gerechtfertigt, bis Gott sein letztes Urteil fällt, die einzige Entscheidung, gegen die es keinen Einspruch gibt.«

27

Ralambo warf sich die ordentlich gefaltete Lamba über die Schulter und bewegte sich mit langen, lockeren Schritten mühelos zwischen den Warensäcken, den laut feilschenden Händlern und den geplagten Lastträgern hindurch, bis er das venezianische Schiff erreichte, das in Kürze in See stechen würde. Als er seinen Fuß auf die Laufplanke setzte, sog er noch einmal tief die warme, duftende Luft ein. Das Strahlen auf seinem Gesicht spiegelte unendliche Zufriedenheit wider: mit sich selbst, seinem Geschick und der großen weiten Welt. Endlich hatte er den Hafen von Alexandria erreicht und machte sich auf den letzten Abschnitt der lang ersehnten Reise. Bald würde er im Westen ankommen, von dem er die Leute seit seinen Kindertagen reden hörte, den aber die wenigen Besucher in der roten Lehmhütte seines Vaters niemals selbst gesehen hatten. Er wußte nur, daß die Bewohner dieser Welt äußerst begierig nach den Kräutern und Gewürzen, den Juwelen und dem blassen und zerbrechlichen Seladonporzellan waren, nach allem, was die orientalischen Händler in die nördlichen Häfen seines Heimatlandes, der Großen Roten Insel Madagaskar, brachten. Dort verkaufte man die kostbaren Waren an die arabischen Händler weiter, die sie an der Ostküste Afrikas entlang in die geschäftigen ägyptischen Häfen verschifften, wo sie wiederum von geschäftstüchtigen venezianischen Händlern verladen wurden, die diese unschätzbaren Herrlichkeiten an allen Küsten des Mittelmeeres verteilten.

Bisher hatte Ralambo noch keine feste Vorstellung von seinem letzten Reiseziel. Er wollte sich so lange bei den westlichen Händlern erkundigen, die er in den Häfen antraf, bis er erfuhr, was er wissen wollte. Er ging mit festen Schritten über die federnde Planke an Bord, bemühte sich, die lose aneinandergeketteten weißen Sklaven zu übersehen, die man gerade von Bord getrieben hatte und deren helle Haut unter der erbarmungslosen ägyptischen Sonne scharlachrot verbrannt war. Diese jämmerliche Menschenkette wurde nun abgeführt und schlurfte bis zum nahe gelegenen Bedestan, wo arabische Händler heftig um sie feilschen und dann die ersteigerte Beute an reiche orientalische Machthaber verschachern würden, die sie für so helles Fleisch fürstlich entlohnen würden. Der kühle, scharfe Geruch von Kampfer stach ihm in die Nase, als ihn ein zerlumpter Träger, der unter seiner Last tief zu Boden gekrümmt ging, unsanft zur Seite schob. Halb schreitend, halb rennend trug der Hammal seine Last über die Planke in den Stauraum des Schiffes, wo bereits unzählige Säcke voller Zimt, Pfeffer und duftendem Moschus standen.

Der Kapitän des Schiffes, von so übler Laune wie beachtlichem Leibesumfang, kam mit schwankendem Seemannsgang zu Ralambo herüber und erkundigte sich nach seinem Bestimmungsort.

Ralambo zögerte einen Augenblick, ehe er antwortete: »So weit westlich wie möglich.«

»Sevilla. Drei Dirham für einen Platz an Deck.«

Empört über einen derartigen Wucherpreis für diese Überfahrt erkundigte sich Ralambo: »Und wenn ich von Bord gehe, ehe wir Sevilla erreichen?«

»Genau der gleiche Preis«, grunzte der Kapitän und streckte ihm seine gierige, schwielige Hand hin.

Widerwillig zählte Ralambo ihm die Silbermünzen auf die schmutzige Handfläche und wandte sich dann ab, um sich eine Ecke des Achterdecks zu reservieren, indem er seine Lamba darauf ausbreitete. Abgesehen von der Habgier des Kapitäns konnte er von Glück sagen, daß ein Schiff mit Fahrtrichtung Westen gleich neben dem Boot vor Anker lag, auf dem er erst heute morgen über das Rote Meer angekommen war. Nun zurrten die flinken, drahtigen Matrosen unter den wachsamen Augen des Kapitäns die Ladung fest und bereiteten alles vor, um den Anker zu lichten. Der Wind war günstig, die See ruhig, und die Sonne schien strahlend, als sich das Schiff immer weiter von den Schreien und der emsigen Betriebsamkeit des großen ägyptischen Hafens entfernte und die Segel für seine Reise nach Westen setzte.

Während er sich über das Heckbord lehnte, beobachtete Ralambo den Schaum, der achtern hinter dem Schiff aufwirbelte, aufstob und wieder mit der dunklen See verschmolz. Dieser Anblick fesselte ihn noch genauso wie am Anfang seiner langen Seereise. Wie schon unzählige Male, seit er die Sicherheit seines Zuhauses verlassen hatte, tastete er nach dem Beutel, der flach vor seinem Bauch hing. Er war an einer langen festen Lederschnur befestigt, die Ralambo um den Hals trug, und war durch eine fest gewickelte Leinenbinde eng am Leib gesichert. So weit, so gut, lächelte er vor sich hin und tätschelte den kostbaren Beutel. Eine ruhige, warme, ereignislose Reise von der Großen Roten Insel nach Norden, keine Piraten, keine Stürme, keine anderen Unglücksfälle, und nun war das Ende seiner Reise abzusehen …

Wenn er zurückdachte, so erinnerte er sich, wie schwierig es gewesen war, seinen Vater davon zu überzeugen, daß die westlichen Händler wahrscheinlich mehr für den Extrakt bezahlen würden als die raffgierigen Inder, die sich jede Unze aneigneten, derer sie habhaft werden konnten, und dafür nach Ralambos Meinung einen Hungerlohn zahlten. Sein Leben lang hatte sein Vater sich als Vermittler zwischen den einzigen Erzeugern des Extraktes, einem Stamm an der Südwestspitze Afrikas, und den indischen Kaufleuten betätigt, die regelmäßig an der Roten Insel anlegten, um den kostbaren Auszug zu kaufen. Auf Ralambos Betreiben hin hatte er ab und zu auf seine schüchterne, naive Weise versucht, eine bessere Bezahlung auszuhandeln, aber die Kaufleute hatten nur ihre schlauen, dunklen Augen zu Schlitzen verengt, sich mit den fetten Händen über die gemütlichen Bäuche gestrichen und ihm unfehlbar immer mit dem gleichen Argument geantwortet.

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