Die Jüdin von Toledo
- Автор: Фейхтвангер Лион
- Год: 1947
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Die Jüdin von Toledo». Краткое содержание книги:
La Fermosa, die Schöne, wird im mittelalterlichen Spanien Raquel, die Tochter des angesehenen Juden Jehuda Ibn Esra, genannt. In König Alfonso VIII. von Kastilien erwacht bald eine tiefe Leidenschaft für die gebildete, schöne junge Frau, und was für Raquel als politisches Opfer im Interesse der Vernunft und des Friedens begann, wächst auch bei ihr zu einer stürmischen Liebe für den mutigen König.
Der Infant Enrique starb unter Qualen.
Stumm und verhärtet saß Leonor. Aber mitten aus ihrem grenzenlosen Elend wuchs wild und bitter-lustig die Erkenntnis, daß gerade ihr Verlust sie zum Ziele brachte. Jetzt, nach dem Tode des Infanten, war Berengaria wieder die Erbin Kastiliens, jetzt war ihr Verlöbnis mit Don Pedro Verpflichtung vor der ganzen Christenheit. Jetzt konnte kein Jud und Teufel mehr den Krieg verhindern. Jetzt mußte Don Alfonso ins Feld ziehen, seine Trennung von der Jüdin war besiegelt. Noch während sie aber voll grimmigen Selbstspottes den Gewinn bedachte, für den sie den ungeheuren Preis gezahlt hatte, sah sie Alfonso vor sich, gerüstet, um ins Feld zu reiten; er neigte sich vom Pferd zu ihr herunter voll fröhlicher, ritterlicher Zuversicht. Und während sie alle die Monate hindurch nichts gespürt hatte als unbändige Lust, ihn zu strafen, schlug mit einemmal die alte Liebe über ihr zusammen.
Alfonso selber war zerstört. Er hockte da, grauen Gesichtes, das Haar versträhnt, die Augen stier, erloschen. Wüste Reue plagte ihn. Da hatte er sich vorgemacht, er könne Raquel bekehren, und hatte doch von Anfang an gewußt, daß er’s nicht konnte. Die Frau war ihm angeflogen wie eine Krankheit, er hat es gewußt, aber er hat es nicht wissen wollen. Er hat die Augen zugemacht und sich blind gestellt. Jetzt aber hat ihm Gott die Augen in ein furchtbares Licht aufgerissen.
In dieser Nacht, während, umweht von Weihrauch, umleuchtet von Kerzen, umsummt von Gebeten Wache haltender Priester, der tote Infant aufgebahrt in der Kapelle der Burg lag, sprachen Alfonso und Leonor sich aus. Ohne Umschweife fragte er, wie lange sie wohl brauchen werde, um das Verlöbnis Berengarias mit Don Pedro zustande zu bringen. Sie antwortete, die Verträge könnten wohl schon in wenigen Wochen unterzeichnet sein. »Dann werde ich also in zwei Monaten ins Feld ziehen«, erklärte Don Alfonso. »Und das ist gut so«, brach er aus.
Sie saß gefaßt da, sanft, traurig und würdevoll. Sie dachte daran, wieviel Not über sie beide hatte kommen müssen, ehe er sich aus dem Schlamme riß. Ein Wort klang in ihr auf, das ihre Mutter aus ihrem Gefängnis an den Heiligen Vater geschrieben hatte: »Von Gottes Zorne Königin von Engelland«; sie tauschte vernünftige, gleichmütige Worte mit Alfonso, doch in ihr klang es: in ira dei regina Castiliae.
Gelassen mit ihrer hellen Stimme sagte sie, er werde gut tun, sich, bevor er in den Krieg ziehe, von aller Schuld zu lösen. Er verstand sogleich. In ihm brannte die Erinnerung, wie sie ihm vor den andern seinen Schimpf ins Gesicht geworfen hatte und wie noch vor zwei Tagen ihr Haß in Fluch und Schwur ausgebrochen war. Aber jetzt war sie ruhig von Gesicht und Stimme, es war fast, als ob sie Mitleid mit ihm habe, es war keine Zürnende, Strafende, es war eine Liebende, die zu ihm sprach.
»Ich werde sie wegschicken!« gelobte er stürmisch. Als der König auf das Tor der Galiana zuritt, als ihn die Inschrift Alafia, Heil, Segen, begrüßte, noch als er die Mesusa erblickte, deren Glas er zerschlagen hatte, freute er sich trotzig darauf, Raquel zu sagen: »Ich geh in den Krieg, wir trennen uns, Gott will es.« Und nachdem er ihr das gesagt hat, sogleich, wird er nach Toledo zurückkehren.
Aber dann stand sie vor ihm, ihre blaugrauen Augen leuchteten, ihr ganzes Gesicht leuchtete, und seine Entschlossenheit war hin. Wohl trachtete er noch, sein Gelöbnis nicht aus dem Sinn zu verlieren. Er wird es auch halten, er wird ihr von der Trennung sprechen. Aber nicht jetzt, nicht heute.
Er umarmte sie, er aß mit ihr, er schwatzte mit ihr, sie gingen durch den Garten. Sie war ganz anders, diese Frau, als er sie in der Erinnerung hatte, viel schöner, und wie hatte er sich einbilden können, an ihr sei ein Hexenhaftes?
Die Dämmerung kam, vergessen war der Tod des Infanten, vergessen der Heilige Krieg. Die Nacht fiel ein, es war eine selige Nacht.
Sie frühstückten zusammen, wie sie es früher getan hatten. Aber jetzt war er einsilbig. Er mußte sprechen, er durfte es nicht länger hinausschieben, jede Minute Aufschub war töricht, war sündhaft.
Sie schwatzte unbefangen von kleinen Ereignissen der Zwischenzeit. Da hatte Onkel Musa ein langes und ein breites von den Baulichkeiten in Burgos gesprochen. Er hatte erklärt, er fühle sich in moslemischen Städten und Häusern wohclass="underline" aber Stil habe auch die simple, ragende Kahlheit der christlichen Städte und Burgen. Sie habe Größe.
Was Raquel da und wie sie es sagte, verdroß Alfonso. Wach wurde ihm die Erinnerung an Burgos, an die Krankheit des Kindes und an die Raserei Doña Leonors; auch an sein erstes Gespräch mit Raquel mußte er denken, wie sie ihm sein Schloß in Burgos schlechtgemacht hatte. Es überkam ihn die trotzige Stimmung seiner Ankunft, und rauh und böse sagte er: »Da ist ihm eine Wahrheit aufgegangen, deinem Musa. Man wird der moslemischen Pracht schnell überdrüssig. Auch ich habe die Galiana satt. In ein paar Wochen bin ich im Feld. Die Galiana betrete ich nicht wieder.«
Sie sah ihn an, als habe sie ihn nicht verstanden. Dann fiel sie ohnmächtig hintenüber. Er hockte da, blöde. Er war darauf gefaßt gewesen, ihren Jammer abzuweisen und ihr in derben, kräftigen Worten auseinanderzusetzen, daß es so sein mußte. Jetzt kam er sich wie ein Lümmel vor, nicht wie ein Ritter. Er hatte Freunde sterben sehen und ein Vaterunser gebetet und weitergekämpft; vor dieser Ohnmächtigen stand er hilflos. Er nahm sie in die Arme, streichelte sie, drückte sie sacht, feuchtete ihr die Stirn.
Nach einer Ewigkeit schlug sie die Augen auf. Fand sich nicht zurecht. Fand sich zurecht. »Verzeih, daß ich so schwach bin«, sagte sie. »Ich habe ja gewußt, daß es nicht ewig dauern kann, und man hat mir gesagt, was in Burgos geschehen ist, die Amme Sa’ad hat’s mir gesagt, und ich hätte es wissen sollen, und ich hätte dich nicht an Burgos erinnern sollen. Verzeih, daß es mich umgeworfen hat. Aber ich bin jetzt empfindlich, weil ich schwanger bin.«
Er starrte sie an, den Mund töricht halb offen. Dann lachte er, eine ungeheure, schmetternde, glückliche Lache. »Das ist ja großartig!« jubelte er. »Ich bin wahrhaftig ein Sohn des Glücks.« Er lief herum, stampfte, machte Tanzschritte, nahm sie in die Arme, drückte sie wild. »Nur gut«, sagte er, »daß ich nicht in Rüstung bin. Sonst würde ich deine arme Brust ganz wund reiben.«
Er dachte: Da bin ich dieser holdesten Frau rauh und grob gekommen wie ein Bauer. Und hab doch gewußt, daß ich lüge, noch während ich sprach. Diese verlassen!
Dergleichen sagte er auch. Er hielt sie und redete auf sie ein, er stammelte kastilisch und arabisch durcheinander, er klagte sich stürmisch an, schwatzte Wirres, sinnlos Verliebtes.
Er dachte: Ich bin wahrhaftig ein Lieblingskind Gottes. Er spielt mit mir wie ein Vater mit seinem kleinen Sohn. Er neckt mich mit schalkhafter Bosheit und bereitet mir dann um so größere Freude. Er hat mir damals den dümmsten Krieg auf den Hals geschickt – und dann den alten Onkel Raimundez aufs Herz geschlagen. Er hat mir den kleinen Enrique genommen – und gibt mir jetzt einen Sohn von dieser Frau, der sehr geliebten, der einzig geliebten. Ich hab es für Strafe gehalten, und es war Gnade.
Er mußte sich zurückhalten, Raquel nicht auch das zu sagen. So glücklich stolze Dinge durfte ein König denken, aber sie sagen durfte auch ein König nicht.
Er dachte an das Versprechen, das er Doña Leonor gegeben hatte. Es galt nicht mehr. Unter diesen Umständen galt es nicht. Daß ihm Raquel jetzt einen Sohn gebären wird, bedeutete, daß Gott ihm verziehen hatte und mit ihm einverstanden war. Er dachte: Der König hat die innere Stimme, und nur auf die darf er hören. Gott will nicht, daß ich jetzt schon ins Feld soll, das spür ich deutlich. Ich werde ins Feld ziehen, aber ich muß warten, bis Gott mir die rechte Zeit sagt.
Er dachte: Diese verlassen! Eher sterb ich tausend Tode! Er war ungeheuer beglückt. Und ungeheuer beglückt war sie.
Und das Leben in der Galiana ging weiter wie vorher. Kardinal Gregor von Sant’ Angelo, der Sondergesandte, überbrachte dem König ein Handschreiben des Heiligen Vaters. Der Papst erinnerte seinen lieben Sohn, den König von Kastilien, an jenen Beschluß des Lateranischen Konzils, der es den Fürsten der Christenheit verbot, Juden Macht über Christen anzuvertrauen, und ermahnte ihn mit väterlicher Strenge, den berüchtigten Ibn Esra endlich seines Amtes zu entkleiden. Wenn nicht der Satan die erlauchten Fürsten Hispaniens, schrieb der Papst, durch die Ränke ihrer jüdischen Minister immer neu entzweite, dann hätten sie sich längst geeinigt.