Die Jüdin von Toledo
- Автор: Фейхтвангер Лион
- Год: 1947
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Die Jüdin von Toledo». Краткое содержание книги:
La Fermosa, die Schöne, wird im mittelalterlichen Spanien Raquel, die Tochter des angesehenen Juden Jehuda Ibn Esra, genannt. In König Alfonso VIII. von Kastilien erwacht bald eine tiefe Leidenschaft für die gebildete, schöne junge Frau, und was für Raquel als politisches Opfer im Interesse der Vernunft und des Friedens begann, wächst auch bei ihr zu einer stürmischen Liebe für den mutigen König.
Oft ging sie ins Castillo Ibn Esra. Dort setzte sie sich gern in einen Winkel im Arbeitszimmer des Musa, bat ihn, sie nicht zu beachten, und schaute zu, wie er, mit seinen Gedanken beschäftigt, hin und her ging oder an seinem Pulte schrieb oder in seinen Büchern las.
Wenn in diesen letzten Wochen der Domherr die Gegenwart Raquels mied, so stellte sich um so häufiger der junge Don Benjamín ein. Daß die Frau, die ihm teuer war, diese Ibn Esra, Prinzessin aus dem Hause David, dem König von Kastilien ein Kind trug, gab ihm viel zu denken und erregte ihn. Er hatte Angst um sie, er sah die Kämpfe voraus, die um sie und um ihr Kind geführt werden würden, und es trieb ihn, sie für diesen Kampf zu stärken.
Wenn er aber jetzt von der Erhabenheit des jüdischen Glaubens sprach, dann zwang er sich nicht mehr – wie damals in der Gegenwart des Domherrn – zu wissenschaftlicher Gelassenheit; vielmehr durchwärmte er mit eigenem Gefühl die Sätze, mit welchen die jüdischen Gelehrten und Dichter zu erweisen suchten, daß die Weltanschauung Israels der Weisheit der Heiden und der Botschaft des Jesus von Nazareth überlegen sei. Während nämlich die Erkenntnis des großen Heiden Aristoteles nur den Verstand nähre, befriedige die Lehre Israels nicht nur die Bedürfnisse der Vernunft, sondern auch die des Gefühls, sie lenke nicht nur das Denken des Menschen in die rechte Bahn, sondern auch sein Handeln. Und wenn der Stifter des Christentums verkünde, daß Leiden die höchste Tugend und heiligste Bestimmung des Menschen sei, dann habe mehr als jede andere Nation das Volk Israel diese Lehre in Leben und Wirklichkeit umgesetzt; Israel trage die edle Krone des Leidens nun durch so viele Jahrhunderte, ein Vorbild der Menschheit.
Don Benjamín schwärmte Raquel vor von dem Manne, der – es waren noch keine fünfzig Jahre her – diese Lehren in edeln Sätzen verkündet hatte, von dem letzten großen Propheten Israels, Jehuda Halevi. Er erzählte ihr ausführlich von Jehudas Apologie des Judentums, und er sprach ihr vor aus seinen Zions-Liedern: »O Zion, du königliches Heim. Hätte ich Flügel, ich flöge zu dir. Ehrfürchtig und beglückt küßte ich deinen Staub; denn noch dein Staub duftet wie Balsam. Wie kann ich leben, da Hunde deine toten Löwen zerreißen? Du glorreiche Wohnung des Herrn, wie macht sich jetzt sklavisches Gesindel breit auf deinem Prunksessel!« Und er war, Jehuda Halevi, gegen Ende seines Lebens gebrechlich und unter Mühsalen ins Heilige Land gezogen und angesichts der Heiligen Stadt erschlagen worden von einem moslemischen Ritter.
Wenn sich Benjamín von seinem schwärmenden Gefühl hatte hinreißen lassen, dann wurde er wohl verlegen und versuchte, mit einem halben Scherz in den Alltag zurückzukehren. Oder er nahm sein Merkbuch heraus und bat Raquel, ob er sie zeichnen dürfe. Lächelnd meinte sie: »Wie fromm du bist – und wie ketzerisch.« Drei Zeichnungen machte er von ihr. Sie bat ihn, sie ihr zu schenken; sie hatte Angst, es könnte, wer ein Bild von ihr zu eigen habe, Gewalt haben über sie selber.
Einmal, da er sich ihr besonders nahe fühlte, offenbarte er ihr seine letzte, heimliche Erkenntnis. »Wir sehnen uns nach dem Heiligen Land«, sagte er, »wir beten um die Ankunft des Messias: aber« – und er sprach so leise, daß sie ihn kaum verstand – »in Wahrheit wollen wir gar nicht, daß der Messias kommt. Er würde unsere unmittelbare Verknüpfung mit Gott stören, er würde uns einen Teil Gottes wegnehmen. Die andern haben Staat und Land und Gott, und alles das verehren sie, und alles das ist ihnen vermischt, und Gott ist nur ein Teil dessen, was sie verehren. Wir Juden haben nur Gott, und dadurch haben wir ihn rein und ganz. Wir sind nicht arm im Geiste, wir brauchen keinen Mittler zwischen Gott und uns, keinen Christus und keinen Mohammed, wir wagen es, Gott ohne Mittler zu schauen und zu verehren. Auf Zion zu hoffen, ist besser und macht das Leben reicher, als Zion zu haben. Daß der Messias einmal kommen wird, ist uns ein Ansporn, die Erde für ihn bereitzumachen, es ist ein Traum, keine Wirklichkeit, und das ist gut so. Wir wollen nicht träg und faul werden im Besitz des Guten, wir wollen das Streben, wir wollen den Kampf um das Gute.«
So hohe Achtung Raquel vor dem Wissen und dem Geiste Don Benjamíns hatte, das, was er da vom Messias sagte, gefiel ihr nicht. So weit durfte die Ketzerei nicht gehen. Daß es keinen Messias gebe, daß er nicht so bald oder überhaupt nicht kommen werde, das zu glauben sträubte sie sich, das glaubte sie nicht.
Das wußte sie besser.
Es waren viele Voraussagungen gemacht worden über die Zeit, wann der Messias kommen sollte. Tausend Jahre, hatte es geheißen, werde das Leiden Israels dauern, Exil und Zerstreuung. Die tausend Jahre waren lange um. Von neuem zogen die Feinde gegen Jerusalem, die Zeit war da, zu der, wie der Prophet Jesaja es verhieß, das junge Weib den Sohn gebären werde, Immanuel, den Messias. Es wurden denn auch in diesen Jahrzehnten jüdische Frauen während ihrer Schwangerschaft mit besonderer Achtung angesehen; denn es konnte nach den Worten der Doktoren eine jede auserwählt sein, den Immanuel zu gebären.
Raquels höchst merkwürdiges Schicksal machte sie glauben, sie trage den Messias. Aus dem Hause David sollte er kommen, und war nicht sie, die Ibn Esra, eine Prinzessin aus dem Hause David? Und das große, gefährliche Glück, daß der christliche König sie zu seiner Gefährtin erlesen hatte, deutete nicht auch das auf eine außergewöhnliche Bestimmung? Sie betastete ihren Leib, sie horchte in sich hinein, sie lächelte tief, immer mehr festigte sich ihr der Glaube, sie trage den Fürsten des Friedens, den Messias. Doch sprach sie niemand davon.
Die Amme Sa’ad betreute sie und sagte ihr, was sie essen dürfe und was nicht, und wann sie ruhen müsse und wann sich bewegen. Raquel machte ein freundliches Gesicht, aber sie hörte kaum hin. Sie merkte, daß der höchst servile Belardo ihren Rücken mit bösartigen Blicken betrachtete, doch fürchtete sie nicht seinen bösen Blick. Sie war geborgen in der Ruhe ihres Glückes. Sie dachte an ihre Freundin Layla in Sevilla, die gesagt hatte: »Du Arme«, und sie lachte hellauf.
Sie las in den Psalmen. Da war ein Lied, das ihr mehr ans Herz ging als die andern; sie verstand nicht alle die großen, verschollenen Worte, aber sie reimte sich den Sinn zusammen. »Laß den König Lust an deiner Schönheit haben«, hieß es da, »er ist ja dein Herr. Tyrus wird dir Gaben senden, große Völker dir huldigen. Prächtig einher geht des Königs Braut, in Korallen, Edelgestein und Gold. Du Glückliche! Deine Söhne werden Fürsten im Lande sein, deinen Namen kündet Geschlecht auf Geschlecht, Nationen preisen dich in Ewigkeit.«
Und Raquel war stolz wie ihr Vater. Oft, wenn Alfonso Raquel beschaute, überkam ihn eine fast schmerzhafte Zärtlichkeit. Ihr Gesicht war wieder hagerer geworden, es schien ihm kindlicher und dennoch wissender, ihre Bewegungen waren seltsam weich; die weiten Kleider verbargen die Rundung ihres Leibes. Sichtlich war sie frei von jeder Angst; zuweilen schien ihm, es strahle ein wildes Glück von ihr aus.
Es war ihm leid, daß seine Geschäfte ihn immer wieder von ihr fortrissen. Einmal sagte er ihr: daß er sie viel allein lasse, geschehe nicht, weil er sie zuwenig liebe. »Im Gegenteil«, versicherte er.
Auf dem Weg in die Königsburg dachte er nach, was er mit diesem »im Gegenteil« habe sagen wollen. Ganz klar mit einemmal wurde ihm, daß er, um länger seiner Sünde zu frönen, heimlich immer von neuem das heilige Werk zunichte machte, das er geschäftig vor der Welt betrieb. Sehr deutlich sah er das üble Komplott, welches er mit Jehuda zettelte. Der Papst hatte recht. Er hatte ein Bündnis mit dem Satan geschlossen, um den Heiligen Krieg zu verhindern. Er spürte, wie seine Seele verrottete.
Er kannte das Heilmittel. Er wird Raquel zum wahren Glauben bekehren. Wenn es sein muß, mit Gewalt. Jetzt, sogleich, vor ihrer Entbindung. Sie soll Christin sein, wenn sie ihm sein Kind gebiert. Er will es.