Die Jüdin von Toledo
- Автор: Фейхтвангер Лион
- Год: 1947
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Die Jüdin von Toledo». Краткое содержание книги:
La Fermosa, die Schöne, wird im mittelalterlichen Spanien Raquel, die Tochter des angesehenen Juden Jehuda Ibn Esra, genannt. In König Alfonso VIII. von Kastilien erwacht bald eine tiefe Leidenschaft für die gebildete, schöne junge Frau, und was für Raquel als politisches Opfer im Interesse der Vernunft und des Friedens begann, wächst auch bei ihr zu einer stürmischen Liebe für den mutigen König.
Nun also machte dieser Benjamín von Tudela Unserm Herrn und Lehrer Jehuda Ibn Esra seine Aufwartung; er wollte es nicht versäumen, den Mann kennenzulernen, der in den Jahren seiner Abwesenheit das Gesicht der Halbinsel so segensreich verändert hatte. Jehuda erwies dem berühmten Forscher viel Ehre. Er zeigte ihm die Bibliothek mit ihren kostbaren Büchern und Rollen, er zeigte ihm die Synagoge, die im Bau war, und führte ihn in Fabriken, die er gegründet hatte. Rabbi Benjamín sah und hörte mit kennerischer Teilnahme.
Bei Tische, in Gegenwart Musas, berichtete Rabbi Benjamín von seinen Reisen. Auf Fragen Don Jehudas erzählte er von den Juden des Ostens. Im griechischen Kaiserreich und im Heiligen Land hatten die Juden unter den Kreuzzügen zu leiden, aber in Kairo und in Bagdad lebten sie in Frieden und hohem Wohlstand. Er erzählte von dem Resch-Galuta, dem Exilarchen, dem Fürsten der östlichen Judenheit. Er residierte in Bagdad und war von dem Kalifen anerkannt als Führer der Juden. Er war befugt, seine Glaubensbrüder »mit Stock und Geißel« zu regieren, er hatte Steuerhoheit, Gerichtsbarkeit und jegliche Macht über die Juden von Babel, Persien, Jemen, Armenien, über die Juden des Zwischenstromlandes und des Kaukasus; bis zur Grenze von Tibet und Indien hatte er Macht. Als der Kalif den jetzt regierenden Resch-Galuta, Unsern Herrn und Lehrer Daniel Ben Chasdai, in sein Amt einsetzte, hatte er vor allem Volk mit lauter Stimme erklärt: »Ich bin Nachfolger des Propheten Mohammed, dieser mein großer Freund ist Nachfolger des Königs David.« Der Resch-Galuta genoß höchstes Ansehen auch unter den Moslems. Wenn er ausfuhr, riefen Läufer vor ihm her: »Macht Platz Unserm Herrn, dem Sohne Davids!«, und alles Volk warf sich nieder wie vor dem Kalifen selber.
Die farbige Schilderung machte Jehuda Eindruck. Benjamín aber fuhr fort: »Der Resch-Galuta hat übrigens auch von dir gesprochen, Don Jehuda. Man weiß auch im Osten, daß du deine hohe Stellung in Sevilla aufgegeben hast, um von Toledo aus deinen Brüdern zu helfen.« Und er schloß: »Da reise ich dreizehn Jahre durch die ganze Welt, und zurückgekehrt finde ich ihre beste Sehenswürdigkeit in nächster Nähe.« Und diese Worte Rabbi Benjamíns, der unabhängig war und keine Ursache hatte zu schmeicheln, durchrieselten Jehuda warm, und daß sie in Gegenwart seines Freundes Musa gesprochen wurden, erhöhte seine Freude.
Er fühlte sich jetzt als ein Oker Harim, als ein Mann, der Berge entwurzeln konnte, und scheute sich nicht, seine Macht bedenkenlos zu gebrauchen. Er traf, da der König länger in Burgos blieb, als man erwartet hatte, selbstherrlich gefährliche Verfügungen. Zum Ärger der feindlichen Prälaten und Barone betraute er mehrere der fränkischen Flüchtlinge mit einträglichen Posten; einen gewissen Nathan aus Nemours, der früher schon Kastilien bereist hatte, ernannte er zum Baile, zum Vogt von Zurita.
Das Purimfest kam heran, der Tag, an welchem die Juden die Errettung aus schwerster Not durch die Königin Esther feierten. Es hatte nämlich der Bösewicht Haman, der Günstling des Königs Ahasver, sämtliche Juden der Stadt Susa und des persischen Reiches ausrotten wollen, weil der Jude Mardochai seine Eitelkeit verletzt hatte. Des Mardochai Nichte und Mündel aber, das Mädchen Hadassa, genannt Esther, hatte Gnade gefunden in den Augen des Königs, er hatte sie zu seiner Königin gemacht, und angeleitet von ihrem Oheim Mardochai, unternahm sie es, die Pläne des Haman zu vereiteln. Wiewohl bei Strafe des Todes niemand ungerufen vor das Angesicht des Herrschers treten durfte, trat sie vor Ahasver hin und bat für ihr Volk. Und der König, gerührt von ihrer Schönheit und Klugheit, senkte das Zepter, begnadigte sie und ihr Volk und gab den Bösewicht Haman in die Hand der Juden. Die aber hängten ihn an eben den Galgen, an den er Mardochai hatte hängen wollen, sie hängten auch seine zehn Söhne und erschlugen alle ihre Feinde in den hundertsiebenundzwanzig Ländern, welche dem König Ahasver untertan waren.
Es gibt im jüdischen Festkalender Tage, die an größere Ereignisse erinnern, aber keinen feiern die rechtgläubigen Juden mit so ausgelassener Freude wie diesen Gedächtnistag. Sie halten üppige Festmähler, schicken einander Geschenke, spenden reichlich den Armen, veranstalten Schaustellungen, Tänze und Glücksspiele. Vor allem aber verlesen sie mit Gesten des Triumphs und mit lustigem Lärm das Buch, in welchem die Ereignisse dieser wunderbaren Errettung aufgezeichnet sind, das Buch Esther.
Auch Don Jehuda, der festfreudige, versammelte in diesen Tagen in seinem Castillo viele Gäste, um mit ihnen die farbige Geschichte des Buches Esther zu hören, mit ihnen zu essen und zu trinken, Spiele anzuschauen und sich an gescheiten und närrischen Reden zu ergötzen.
Stattgefunden haben mochten die märchenhaften Ereignisse, von denen das Buch Esther berichtet, um 3400 nach Erschaffung der Welt, man zählte jetzt das Jahr 4950, und Jahr um Jahr hatten sich Zehntausende, Hunderttausende von Juden an der Geschichte erbaut. Aber in all dieser Zeit hatten wohl nur wenige eine so stolze Freude daran gehabt wie jetzt Don Jehuda. Die Prüfungen und die Siege Mardochais und Esthers waren die seinen und die seiner Raquel. Wer konnte so innig wie er mitspüren den Mut und die Todesnot der Esther, da sie vor den König tritt? Wer wie er mitgenießen den Herzensjubel des Mardochai, da ihn der Feind Haman auf dem Rosse des Königs durch die Stadt führen muß, ausrufend: »So geschieht dem Manne, den der König ehren will!«? Und als man am Ende des Buches angelangt war, da der König den Mardochai zu seinem Siegelbewahrer macht, spürte Jehuda voll von Triumph das Wappensiegel auf seiner Brust und schaute befriedigt auf die drei fränkischen Flüchtlinge, die er zur Feier dieses Tages in sein Haus geladen hatte.
Die Studenten der Jeschiwa, der Bibel- und Talmudschule, unter ihnen Don Benjamín Bar Abba, parodierten jetzt, wie es der Brauch dieses Tages war, ihre Lehrer und fragten einander allerlei spitzfindige Fragen.
Der junge Don Benjamín fand, Mardochai und Esther hätten bei all ihren Verdiensten zwei Sünden auf sich geladen. Zum ersten waren sie ohne Mitleid. »Am Passah-Feste«, sagte er, »nehmen wir aus dem Becher der Freude zehn Tropfen Weines fort, weil wir der Qualen unserer Feinde gedenken. Mardochai und Esther aber hängten mit ungeschmälertem Jubel den Haman und seine Söhne und erschlugen mit ungemischtem Triumph alle ihre Gegner.« Die andern widersprachen heftig. Haman war von so abgründiger Bosheit, daß es auch dem Frömmsten ungeteilte Herzenslust sein mußte, ihn und die Seinen von der Erde zu tilgen. Überliefert war, daß Mardochai ihn vorher einmal aus Todesnot gerettet hatte, Haman aber hatte es ihm mit schwärzestem Undank gelohnt. So höllisch war seine Bosheit, daß die unschuldigen Bäume der Erde vor Gottes Thron wetteiferten um die Auszeichnung, das Holz für seinen Galgen zu liefern. Doch ausersehen wurde das Holz der Arche Noah; es war schon am Tage der Weltschöpfung für diesen Zweck bestimmt worden.
Don Jehuda fragte sich, ob er selber wohl grausam sei. Er war es und war stolz darauf. Er gäbe die zweiundzwanzig Schiffe seiner Flotte um die Lust, den Erzbischof vom Ast eines hohen Baumes hängen zu sehen. Er gäbe seine Anteile an den Unternehmungen in der Provence und in Flandern, wenn er zuschauen könnte, wie man den Castro, der ihn einen schmutzigen Hund genannt hatte, geißelte und vierteilte. Ein Mann mußte so fühlen, es sei denn, er wäre ein Weiser wie Musa oder ein Prophet. Er, Jehuda, war das nicht und wollte es nicht sein. Aus seinem Denken und Wägen rissen ihn Worte des Don Benjamín. Der nämlich sprach jetzt von der zweiten Sünde des Mardochai, von seinem Stolz. »Seht ihn doch«, ereiferte er sich, »wie er prunkend durch die Stadt Susa reitet, von Haman geführt! Und warum, da es nun einmal der Befehl des Königs war, hat er nicht das Knie vor Haman gebeugt? Die Gesetze des Landes sind eure Gesetze, lehren die Doktoren. Es ist diese seine Weigerung, es ist Mardochais Stolz, der das ganze Unheil über die Juden herabgerufen hat. So steht es ausdrücklich im Buche. Mardochai kannte die Menschen, er kannte Haman, er wußte, welche Folgen seine Weigerung haben werde: warum überwand er nicht seinen Stolz und wahrte sein Volk vor der Gefahr?«